Ansgar Brinkmann

„Lauf, wenn du kannst“

In der Ära unter Trainer Christoph Franke verbrachte er als Spieler im Herbst seiner Karriere zwar nur ein Jahr bei der SG Dynamo Dresden und doch fühlt er sich nach 27 Zweitligaeinsätzen und vier Toren nach wie vor besonders mit dem Verein verbunden: Ansgar Brinkmann.

Der Dynamo-KREISEL traf sich mit Ansgar anlässlich der gerade über ihn herausgegebenen Biographie „Ansgar Brinkmann: Der weiße Brasilianer“ und sprach mit ihm über überflüssige Skandale, den Untergang der Arminia, persönliche Zukunftspläne und über das besondere Kapital von Dynamo Dresden.

Ansgar, wieso hast du bereits  mit 41 Jahren deine Biographie veröffentlicht?
Es ist kein Spaß: Seit zehn Jahren hat immer mal wieder ein Verlag bei mir angefragt, ob ich denn nicht ein Buch über mich herausbringen möchte. Irgendwann war ich bereit dazu und nach einem Jahr harter Arbeit, ist es nun endlich fertig.

Worin besteht heute deine Hauptbeschäftigung?
Ich habe bereits die B- und A-Lizenz als Trainer gemacht. Im nächsten Jahr werde ich dann den Fußballlehrer in Köln absolvieren. Ich habe in den vergangenen Jahren bei verschiedenen Projekten mitgearbeitet und war viel für Reiner Calmund in der Welt unterwegs. Habe für verschiedene Vereine und Trainer nach neuen Spielern in der ganzen Welt gescoutet.

In deiner Biographie beschreibst du recht ehrlich, wie schwer es dir in den letzten Jahren deiner Karriere gefallen ist, vom aktiven Fußball loszulassen. Mit ein paar Jahren Abstand, wie ist dir der Sprung ins ‚normale’ Leben gelungen?
Du kannst ja nicht ewig Leistungssport treiben, das ist ja klar. Wenn du eine Sache die du gern machst nach 20 Jahren aufgeben musst, tut das natürlich weh, denn du musst von einer großen Leidenschaft im Leben loslassen. Das schlimme ist, dass es für diese Leidenschaft im Anschluss an die Karriere auch keinen Ersatz gibt. Die große Herausforderung besteht darin, sich ein neues Aufgabenfeld zu suchen. Der Fußball hat diesbezüglich ja einiges zu bieten und ich werde auch in Zukunft etwas mit Fußball zu tun haben. Es ist eigentlich ein ganz guter Übergang, den ich da im Nachhinein hinbekommen habe.  

Christoph Franke hat dich kurze Zeit nach deiner Verpflichtung bei Dynamo im Türkei-Trainingslager 2005 gebeten, vor der Mannschaft eine Ansprache zu halten. Wie kam es dazu?
Das ist im Fußball ja keine große Sache. Das kommt immer mal wieder vor, das Führungsspieler vom Trainer gebeten werden, der Mannschaft mit einer motivierenden Ansprache einen neuen Geist einzuhauchen. Die Mannschaft stand damals im Tabellenkeller der 2. Liga und wurde von allen Seiten abgeschrieben. In jeder Mannschaft gibt es Spieler, die in solch schwierigen Situationen die Richtung vorgeben und das Selbstvertrauen mitbringen, um für das ganze Team Verantwortung zu tragen. Der Trainer Franke war übrigens nicht nur sportlich richtig gut, er hatte auch auf der menschlichen Ebene richtig großen Sachverstand. Die ganze Mannschaft hat den damals gemocht, auch die Spieler, die nicht gespielt haben, das kommt eher selten vor. Am Ende der Saison sind wir noch unglaublicher Achter geworden, das hatte uns keiner zugetraut ...

In deinem Buch schreibst du, dass Christoph Franke im Anschluss an deine Rede sagte: „Ansgar, du verstehst die Jungs!“ Ist das nicht eine gute Basis, um vielleicht selbst einmal Trainer zu werden?
Ich habe ja die A- und B-Lizenz nicht aus Jux und Dallerei gemacht. Ich glaube, dass ich für den Job geradezu prädestiniert bin. Aber auch Personalpolitik für die Vereine zu machen, was ich in den vergangenen zwei, drei Jahren gemacht habe, war sehr lehrreich für mich. Denn ein Verein der keine gute Personalpolitik betreibt, wird langfristig auch keinen Erfolg haben können, egal wie gut der Trainer ist. Mit anderen Worten, wenn du einen Trainer hast, wie vor der Saison in Bielefeld, der 15 Spieler kauft, von denen du 11 nicht gebrauchen kannst, hast du als Verein ein großes Problem! Bielefeld wird am Ende der Saison deshalb aus der 2. Liga absteigen, der Verein darf die Scherben zusammen fegen und wo ist der Trainer? Der ist in Dubai, na herzlichen Glückwunsch. Ein Verein muss im modernen Fußball die Philosophie vorgeben, was haben wir für Möglichkeiten, was können wir investieren und wie können wir spielen. Nach diesen Kriterien musst du dir deinen Trainer und die Spieler raussuchen.

Würdest du sagen, dass Christian Ziege für den Untergang der Arminia allein verantwortlich ist?
Der große Fehler war, dass sie einen Trainer mit einem riesigen Konzept geholt haben. Das Konzept und die Philosophie darf aber nicht der Trainer bestimmen, sondern muss vom Verein vorgegeben werden. In Bielefeld hat doch niemand den Trainer gefragt, warum holst du diesen oder jenen Spieler. Was spricht für, was spricht gegen ihn. Der Verein muss vom Trainer Argumente abverlangen, bevor er einen Spieler verpflichten soll. Damit man die Mannschaft verstärkt und nicht den Kader nur ergänzt.

Wäre es denn möglich, dass Ansgar Brinkmann in der 3. Liga die Arminia als Trainer übernimmt?
Man soll ja niemals etwas im Leben generell ausschließen. Irgendwann werde ich sicherlich auch den Schritt auf die Trainerbank machen, das muss aber nicht zwingend in Bielefeld sein. Im Moment macht mir mein Job als Scout unheimlich viel Spaß.

Da drängt sich natürlich eine Frage auf. Wie würde denn der Trainer Brinkmann mit dem Spieler Ansgar umgehen?
Wenn du Spieler hast, die schwierig sind und auch mal ihr Auto falsch rum parken. Dann ist das ihre Sache. Aber nur, wenn du die Farben des Vereins mit stolz trägst und mit Leistung voran gehst, dann finden dich die Mitspieler gut, der Trainer und die Fans, die Sponsoren und selbstverständlich bist du auch für die Medien der Held. Erst einmal muss man gute Leistung bringen. Wenn die Leistung auf dem Platz stimmt und du ein guter Typ bist, kann man sich sicher auch mal ein bisschen mehr erlauben. Aber jemand der hinterlistig und egoistisch ist, den braucht kein Mensch in einer Mannschaft.

In deinem Buch gibt es ein unterhaltsames Kapitel „Oberkörper frei“. Es befasst sich ziemlich schonungslos und offen mit deinen zahlreichen Skandalen. Sind dir heute einige Eskapaden davon unangenehm?
Die Leute, die das Buch schon gelesen haben, sagen, dass ich nichts schöngeredet habe, sondern auch die andere Seite des Fußballgeschäfts beleuchtet habe. Und jeder kann sich sicher sein, wenn man durch so ein Buch die eigene Vergangenheit aufarbeitet, wie ich das jetzt getan habe. Dann sitzt du wirklich manchmal da und denkst dir ‚man warst du in dieser Situation naiv oder blind’. Sich das selber einzugestehen, tut manchmal echt weh.

Du bist zu deiner Osnabrücker-Zeit mal alkoholisiert vor einer Polizeikontrolle durch die Nacht davon gelaufen und hast deinen Porsche den Beamten überlassen. Im Nachhinein muss man sagen, du hast damals alles richtig gemacht...
Das wird ja im Buch ausführlich beschrieben. Meine Flucht war ja so gar nicht geplant und sollte sicher auch nicht als Vorbild wirken. Aber die Quintessenz war wirklich so: Lauf, wenn du kannst! (lacht herzlich) Aber damals war mir gar nicht zum Lachen zu mute, ich habe gezittert wie Espenlaub. Als ich dann tatsächlich ohne Strafe davongekommen bin, konnte ich das erst gar nicht glauben.

Deine Biographie räumt mit einem weiteren Vorurteil auf: Viele Leute haben aufgrund deiner Skandale bisher gedacht, dass du ganz gerne das ein oder andere Bier zu viel getrunken hast...
Das ist einfach bezeichnend für unser Schubladendenken in Deutschland. Jeder der will kann sich bei meinen Ex-Trainern und Mitspielern erkundigen, die werden es alle bestätigen, dass ich zu den Spielern gehörte, die am wenigsten von allen getrunken haben. Ich habe zwei-, dreimal im Jahr getrunken und richtig gefeiert, dann hat es aber auch gleich jeder mitbekommen! Ich will damit sagen, dass man mit Ferndiagnosen und Schubladendenken besser vorsichtig sein sollte.

Viele Menschen mögen an dir, dass du ein nahbarer und authentischer Mensch bist...
Mir ist es egal, ob jemand Student, Taxifahrer oder Arbeitsloser ist. Bei mir entscheidet nicht der Berufsstand über die Sympathie eines Menschen. Ich halte es für fahrlässig, wenn ein Bundesliga-Spieler glaubt, sich wichtiger nehmen zu müssen, als andere Menschen.

Ein ehemaliger Mitspieler bei Dynamo hat mal über dich gesagt, du seihst ein absoluter Lebenskünstler, der immer auch über den Tellerrand des Profifußballs hinausgeschaut hat, mit dem man aber trotzdem jederzeit hätte Pferde stehlen können. Ist diese Beschreibung zutreffend?
Hört sich auf jeden Fall gut an! (lacht) Aber Fakt ist, dass ich sicher auch Fehler gemacht habe, die mir heute nicht mehr passieren würden. Aber meine Herren, wer ist schon fehlerfrei. Fehler gehören doch zu jedem Leben irgendwie dazu. Wichtig ist, dass man bestimmte Fehler nicht zweimal macht.

In deiner Biographie steht in Bezug auf Dynamo ein ziemlich beeindruckender Satz: „Es gibt Leidenschaft und Begeisterung – und es gibt Dresden!“ Wie würdest du einem Unwissenden erklären, was das Besondere an Dynamo ist?
Es ist nicht die Anzahl der Fans, was ja oft als erstes Argument aufgefahren wird. Bei anderen Traditionsvereinen gibt es ja auch viele Fans und Zuschauer. Der Unterschied ist die Emotion der Menschen hier für den Verein. Was die Emotion der einzelnen Leute hier betrifft, spielt Dresden in der Champions League. Das ist ein ganz großes Kapital des Vereins. Ich habe ja noch im alten Rudolf-Harbig-Stadion gespielt. Wenn du da in der 70. Minute kaputt warst und plötzlich schrien die Leute ‚Dy-na-mo, Dy-na-mo, Dy-na-mo’ entstand plötzlich das Gefühl, als würde sie mit auf dem Platz stehen. So viel Seele war bei dem Geschrei dabei. Das ist hoch motivierend und lässt dich auch dann noch weiterlaufen, wenn du eigentlich schon gar nicht mehr kannst. Wer in Dresden einen Vertrag unterschreibt, sollte sich vorher auf jeden Fall ein Spiel anschauen, damit er weiß, mit wie viel Herzblut hier gespielt werden muss. In Dresden darfst du die Zuschauer nicht enttäuschen, denn sie sind eine große Familie, die will, dass man sich den Arsch für sie aufreißt.

Du hast bei zwölf verschieden Profivereinen gespielt, wo hattest du im Nachhinein die erfolgreichste und glücklichste Zeit?
Das ist eine schwierige Frage. Aber sportlich hatte ich mit Sicherheit bei Eintracht Frankfurt meine beste Zeit. Ich habe den Verein damals 40.000 D-Mark gekostet. Dann bin ich mit Frankfurt in die 1. Bundesliga aufgestiegen, habe die Klasse gehalten und die haben anschließend für mich 1,6 Mio. D-Mark Ablöse kassiert. Die Leute in Frankfurt erinnern sich deshalb sicher gerne an Ansgar Brinkmann. Ich habe aber auch gerne für Osnabrück, Bielefeld und Dresden gespielt. Die Uwe-Seeler-Zeiten sind halt vorbei, wo ein Spieler zehn, fünfzehn Jahre für ein und denselben Club gespielt hat.

Du warst vor kurzem in Dresden bei einem Spiel zu Gast und konntest dir ein Bild von der sportlichen Entwicklung der Mannschaft machen. Wie beurteilst du die aktuelle Situation von Dynamo?
Die Mannschaft ist in meinen Augen nicht so gut besetzt, dass man sagen muss, Dresden muss am Ende der Saison unbedingt einen der ersten drei Plätze belegen. Für mich ist es eigentlich überraschend, dass die Mannschaft noch mal so nah an den Relegationsplatz heran gekommen ist. In der Breite ist der Kader qualitativ einfach zu dünn besetzt.

Also sollte das Projekt Zweitligaaufstieg in der kommenden Saison angegangen werden?
Nein! Wenn du die Möglichkeit hast, in dieser Saison aufzusteigen, dann musst du alles Menschenmögliche dafür investieren, um doch noch irgendwie den dritten Platz zu erreichen. In den letzten sechs Spielen muss die Mannschaft jetzt mit Leidenschaft alles geben, was in ihr steckt. Das muss der Trainer seinen Spielern jetzt auch vermitteln! Es ist tödlich, wenn eine Mannschaft glaubt, dass sie sich in einer Situation befindet, die okay für sie ist. Es ist Leistungssport, der den größten Einsatz erfordert.

Interview: Henry Buschmann