Dani Schahin

„Für mich ist das hier eine Riesenchance“

Er kam 1989 in der ehemaligen UdSSR in Donezk zur Welt. Seine Mutter ist Russin, sein Vater ist Palästinenser mit libanesischer Herkunft. Im Libanon wuchs er vom ersten bis zum siebten Lebensjahr auf, dann flüchteten seine Eltern mit ihm und seinem älteren Bruder aus dem Krisengebiet nach Deutschland. Heute ist er 21 Jahre alt und hat schon einiges in seinem jungen Leben gesehen und vor allem erlebt: Dani Schahin.

Der Dynamo-KREISEL traf sich mit Dani auf dem Neumarkt vor der Frauenkirche zum Gespräch. Wir begegneten einem offenen, sympathischen und freundlichen Menschen, dem das Leben schon früh Bescheidenheit gelehrt hat. Wir unterhielten uns in lockerer Atmosphäre über seine Kindheit im Libanon, über Integration und Aufstiegsträume.

Du bist in Donezk geboren, aber deine Eltern sind schon kurz darauf in den Libanon gezogen. Wie kam es dazu?
Meine Eltern haben sich einst in Donezk kennen gelernt, als mein Vater in der damaligen UdSSR und heutigen Ukraine studierte. Ich habe allerdings nur wenig Zeit in Donezk verbracht, da meine Eltern kurz nach meiner Geburt in den Libanon, die Heimat meines Vaters, gegangen sind. In der Provinzhauptstadt in Baalbek habe ich dann den ersten wichtigen Teil meiner Kindheit verbracht.

Warum haben sich deine Eltern sechs Jahre später entschlossen, aus dem Libanon auszuwandern?
Der Libanon war zu jener Zeit ein Krisengebiet und meine Eltern wollten nicht, dass mein Bruder und ich in solch unsicheren Lebensverhältnissen aufwachsen. So kam es, dass sie sich nach einem sicheren Zuhause für uns umgeschaut haben…

Dein Vater hat mal in einer Zeitschrift gesagt: "Ziel war nicht Deutschland, Ziel war irgendwohin"…
Was er damit sagen wollte, ist, dass es reiner Zufall war, dass wir als Familie nach Deutschland gekommen sind. Das haben mir meine Eltern auch immer so gesagt. Wir hatten hier ja auch überhaupt keine Verwandtschaft, also keinen einzigen Anknüpfungspunkt. Meine Eltern haben damals Asyl gesucht, um den Libanon schnellstmöglich verlassen zu können. In Deutschland hat man es uns eines Tages bewilligt, deshalb sind wir hierher gekommen. Es ging meinen Eltern nicht primär darum, an einen bestimmten Ort zu kommen, sondern darum, den Libanon zu verlassen.

Es muss eine schwierige Zeit für deine Eltern gewesen sein?
Ja, natürlich. Sie mussten auf dem Weg die ganze Verwandtschaft, ihre Eltern, Geschwister und Freunde zurücklassen. Jeder Mensch kann sich bestimmt vorstellen, was das bedeutet. Als mein Opa dann vor etwa vier Jahren im Libanon verstarb, war es für meinen Vater eine wahnsinnig schwere Zeit: Denn er hatte seinen Vater das letzte Mal vor über zehn Jahren gesehen und konnte ihn leider vor seinem Tod nicht mehr in der Heimat besuchen.

Warum nicht?
Weil wir als Familie erst vor etwa vier Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten haben. Als mein Opa verstarb hatten wir sie noch nicht und somit konnten wir Deutschland auch nicht verlassen, da wir kein Visum bekommen hätten.

Warst du, seitdem du als Kind den Libanon verlassen hast, mal wieder vor Ort?
Nein, ich habe es leider bisher einfach nicht geschafft. Meistens kam immer etwas aufgrund des Fußballs dazwischen. Aber ich habe mir einen Besuch bei meiner Oma im Libanon für diesen Sommer ganz fest vorgenommen. Das letzte Mal hat sie mich als Siebenjährigen gesehen, sie wird erstaunt sein, wenn plötzlich ein junger Mann mit starkem Bartwuchs vor ihr steht! (lacht)

Hast du besondere Erinnerungen an die ersten sieben Jahre deines Lebens im Libanon?
Ja, schon. Ich erinnere mich vor allem an das Leben in einer sehr großen Familie. Meine Oma hat nicht weit von uns entfernt gewohnt. Wir mussten als Kinder nur zwei, drei Straßen laufen, dann waren wir schon bei ihr. Mein Vater hat allein neun Geschwister, dementsprechend haben sich die einzelnen Familienmitglieder sehr oft zu verschiedenen Anlässen getroffen. Baalbek ist für deutsche Verhältnisse eher eine kleine Stadt. Die Menschen kannten sich dort einfach untereinander. Ich bin beispielsweise ganz oft in einen kleinen Laden gegangen und habe mich dort wie selbstverständlich bedient, weil ich dachte, es würde nichts kosten. Mein Vater hat mir später mal erzählt, dass der Besitzer sich jeden meiner ‚Einkäufe’ genau aufgeschrieben und sich am Ende des Monats bei meinem Vater dann das Geld dafür abgeholt hat.

Sprichst du noch Arabisch?
Ich habe es über die Jahre leider verlernt. Ein bisschen verstehe ich es aber noch, wenn man langsam mit mir spricht.

Dein Vater ist Palästinenser, deine Mama ist Russin. Wenn du mit deinen Geschwistern bei deinen Eltern in Hamburg zusammen kommst, welche Sprache wird dann am Tisch gesprochen?
Russisch! Mein Vater kann ja seit seinem Studium in der ehemaligen UdSSR perfekt Russisch sprechen. Meine jüngere Schwester, mein älterer Bruder und ich sprechen allerdings deutsch miteinander. Manchmal wollen unsere Eltern cool sein, dann sprechen sie mit uns auch deutsch, aber das ist total ungewohnt. Nicht dass sie schlecht deutsch sprechen würden, ganz im Gegenteil, aber es ist einfach total komisch, wenn man das nicht gewöhnt ist… (lacht herzlich). Wenn wir alle zusammen an einem Tisch sitzen, reden wir aber meistens alle wild deutsch und russisch durcheinander. Diese beiden Sprachen sind fest in uns verankert, damit sind wir einfach aufgewachsen.

In welcher Sprache träumst du?
Ich träume auf Deutsch. Meine Mutter auf Russisch und mein Vater interessanterweise auf Arabisch, das hat sich in seinem Leben nie verändert. 

Apropos Träume: War es für dich von Anfang an ein Traum Fußballprofi zu werden oder hast du erst in Deutschland mit dem Fußball spielen begonnen?
Nein, ich habe schon im Libanon mit meinem älteren Bruder Marsel und anderen Kindern in den Straßen gekickt. Wir haben die Lust am Fußball quasi von unserem Vater in die Wiege gelegt bekommen. Denn er spielte einst selbst als Verteidiger in der zweiten libanesischen Fußballliga. Somit hat er uns schon früh an den Fußball herangeführt. In Deutschland ist mein Bruder dann zuerst in einen richtigen Fußballverein eingetreten. Als er beim FSV 63 Luckenwalde spielte, bekam er eines Tages nagelneue Fußballschuhe, die ich dann auch unbedingt haben wollte. Damit mir meine Eltern auch so schöne Fußballschuhe kaufen mussten, bin ich dann auch zum FSV 63 gegangen.

Du bist also wegen ein paar neuer Fußballschuhe in den Vereins-Fußball eingetreten?
Ja, so kann man das sagen. (lacht)

Würdest du sagen, dass es ein Vorteil für die Integration gewesen ist, dass du beispielsweise nicht in einer Großstadt wie Berlin aufgewachsen bist?
Nein, ich glaube, es wäre völlig egal gewesen. Auch wenn wir in einer Großstadt aufgewachsen wären, hätten meine Eltern genauso großen Wert darauf gelegt, dass mein Bruder und ich kultiviert aufwachsen. Meinen Eltern war es von Anfang an wichtig, dass wir die deutsche Sprache lernen und es auch begreifen, dass wir uns in gewisser Weise gesellschaftlich anpassen müssen. Das haben meine Eltern uns Kindern auch immer vorgelebt.

Du bist ein tolles Beispiel für geglückte Integration in Deutschland. Wie hast du die wilde Integrationsdebatte verfolgt, die Ende des vergangenen Jahres Deutschland beherrschte?
Man kann nicht alle Einwanderer über einen Integrations-Kamm scheren. Aber natürlich gibt es leider auch eine Reihe von integrationsunwilligen Menschen in Deutschland. Das kann ich aber nicht verstehen, weil man sich in einem fremden Land als Einwanderer einfach anpassen und integrieren muss, wenn man ein Teil des normalen gesellschaftlichen Lebens sein will. Meine Eltern haben, wie gesagt, bei der Erziehung ihrer Kinder immer sehr darauf geachtet. Deshalb ist es mir auch nicht schwer gefallen, in der deutschen Gesellschaft anzukommen. Ich habe mich hier nie fremd gefühlt.

Du wirkst als 21-jähriger Fußballer in deiner Persönlichkeit bereits sehr gereift.
Ich habe diesbezüglich bei Greuther Fürth sehr viel dazugelernt. In Fürth wurde wirklich extrem viel Wert auf Disziplin gelegt. Auch zu den jungen Spielern wie mir wurde immer gesagt: Egal ob ein Spieler 18, 25 oder 30 Jahre alt ist, es wird von jedem die gleiche Professionalität im Team erwartet. Am Anfang war ich in Fürth auch ein ganz normaler junger Spieler, dem einfach manches völlig egal war. Ich habe beispielsweise nach dem Training schnellstmöglich meine Sachen genommen und bin abgehauen. Oder habe im Kraftraum Blödsinn gemacht: Wenn die erfahrenen Spieler sich ordentlich gedehnt haben, habe ich ein bisschen lässig den Ball durch die Gegend gekickt. Als ich zu Dynamo gekommen bin, habe ich mir fest vorgenommen, einiges anders und vor allem besser zu machen, was mir in den letzten Monaten in Fürth nicht mehr so gut gelungen war.

Hat es dich zum Umdenken gebracht, als dich Fürths Trainer Mike Büskens in den letzten Spielen vor der Winterpause sogar auf die Tribüne gesetzt hat?
Ja, selbstverständlich! Das ist doch das Traurigste, was dir als Fußballer passieren kann. Ich durfte das, was mir am liebsten ist, nicht mehr machen, nämlich Fußball spielen. Nicht gebraucht zu werden, ist das Schlimmste, was einem Fußballer passieren kann. Als ich die Chance bekommen habe, nach Dresden zu kommen, habe ich mir einfach gesagt: Es ist an der Zeit etwas zu ändern. Ich bin ja auch nicht hergekommen, um ein halbes Jahr meiner Fußball-Karriere zu vergeuden: Für mich ist das hier eine Riesenchance. Ich habe nicht umsonst mit meinem Wechsel zu Dynamo auf viel Geld verzichtet. Ich will die Zeit sportlich bestmöglich nutzen und mich als Profi beweisen.

Du bist auf einem guten Weg. Deine guten Leistungen haben sich inzwischen rumgesprochen…
Cristian Fiel sagt immer: Der Fußball bietet uns riesige Möglichkeiten und es kommt nicht darauf an, dass man vielleicht ein oder zwei Jahre in der Bundesliga spielt. Das Ziel muss es für uns junge Spieler sein, sich langfristig in den beiden höchsten Spielklassen zu etablieren und sich einen Namen zu machen. Das geht nur über harte Arbeit. Ich habe inzwischen verstanden und verinnerlicht, dass er damit absolut Recht hat. Auch wenn ich zu den Jüngsten im Team gehöre, möchte ich auf meine Art und vor allem mit Taten meinen Beitrag zum Erfolg des Teams leisten. Ich möchte im Team nicht einfach nur mitschwimmen. Ich möchte ein Eckpfeiler des Erfolges sein, das hatte ich mir auch so vorgenommen, bevor ich zu Dynamo gewechselt bin.

Deine bisherige Bilanz bei Dynamo kann sich sehen lassen.
Ja, das stimmt. Aber ich muss meine Leistung jetzt bis zum Saisonende bestätigen. Aber, ganz ehrlich, mir wäre es absolut recht, wenn ich nur noch zwei Tore schießen würde und dafür steigt Dynamo am Ende in die 2. Liga auf.

Dann würde sich automatisch auch die Chance erhöhen, dass Dani Schahin auch in der kommenden Saison in Dresden spielt?
Ja, auf jeden Fall, das kann man so sagen. Am Ende liegt es aber nicht in meiner Hand, da ich ja noch vertraglich an Fürth gebunden bin.

Danke für das Gespräch und viel Erfolg.

Interview: Henry Buschmann