Interview mit Steffen Menze

"Es hat sich in der Mannschaft ein Wir-Gefühl entwickelt."

Der gebürtige Plauener ist 42 Jahre alt und seit 9. März 2011 Sportlicher Leiter der SG Dynamo Dresden. Seit seinem Amtsantritt ist er vor allem damit beschäftigt, eine konkurrenzfähige Mannschaft für die kommende Saison zusammenzustellen und diverse auslaufende Verträge der aktuellen Lizenzspieler zu verlängern: Steffen Menze.

Der Dynamo-KREISEL sprach mit Steffen Menze nach dem äußerst aufregenden und verrückten 36. Spieltag über die aktuelle Situation der SGD, über Relegationsplatz 3, den positiven Impuls des Trainerwechsels, über den personellen Erdrutsch in Offenbach und die Kaderplanung für die kommende Saison.

KREISEL: Der vergangene Drittliga-Spieltag hat wieder einmal gezeigt, wie spannend und ausgeglichen es in dieser Liga zugeht. Wie hast Du unse­ren nervenaufreibenden Auftritt in Babelsberg erlebt?
Menze: Wir haben uns nach dem Füh­rungstreffer ja alle bereits auf der Sie­gerstraße gewähnt. Ich muss sa­gen, dass ich die Mannschaft noch nie in solch großer und kollektiver Freu­de erlebt habe wie nach dem Tor von Robert Koch. Vielleicht war die eu­pho­rische Stimmung nach dem Füh­rungstor aber auch ein Grund für die kleineren Unkonzentriertheiten und Nachlässigkeiten danach in unserem Spiel. Ich hätte eigentlich von unserer Mannschaft erwartet, dass sie das Spiel nach der Führung dominanter gestaltet, denn der Gegner hat ja nur noch lange Bälle geschlagen. Dass der Ausgleich kurz vor dem Schluss­pfiff für die Babelsberger sicherlich etwas glücklich nach einer Standard­situation zustande, steht außer Fra­ge. Unsere Mannschaft hätte sich aufgrund ihres Einsatzes und der ge­zeigten Leistung den Sieg verdient ge­habt. Wie bitter der Ausgleich für uns alle war, konnte ja jeder im Stadion sehen und fühlen: Ob Spieler, Fans, Trainer und Verantwortliche. Es war logischerweise bei uns allen ein ge­wisser Grad an Enttäuschung zu spü­ren. Man konnte ja nicht ahnen, was dann am Samstag passierte...

Nach dem Spiel hatte man tatsäch­lich das Gefühl, dass der Dresdner Aufstiegstraum noch im Karl-Lieb­-knecht-Stadion kollektiv begraben wurde. Was dann am Samstag pas­sierte, kann man doch keinem Men­schen mit normalem Fußballsach­verstand erklären, oder?
Es zeigt einfach wieder einmal ganz deutlich, wie ausgeglichen diese Liga ist. Dass jetzt in der Endphase einer Saison auch die Nerven beim Kampf um den Relegationsplatz eine ent­schei­dende Rolle spielen, ist doch völ­lig klar. Wir haben beispielsweise ge­gen eine Babelsberger Mannschaft ge­spielt, die vorher sieben Mal in Fol­ge nicht verloren hatte. In Potsdam konnten außerdem auch die Top­teams Erfurt, Offenbach und Wies­baden nicht gewinnen. Ich muss unse­rer Mannschaft für ihre gebotene Leistung gegen Babelsberg wirklich ein großes Kompliment machen. Denn die Jungs haben ein sehr gutes Spiel gegen einen sehr defensiven Gegner abgeliefert. Der Kritikpunkt ist, dass wir die 1:0-Führung einfach über die Zeit hätten bringen müssen. Aber wer hätte denn noch vor Wo­chen nach dem Rostock-Spiel ernst­haft daran geglaubt, dass wir zwei Spieltage vor Schluss in einer solch guten Ausgangsposition sein könn­ten?

Hat es dich überrascht, dass Erfurt und wir mit Regensburg und Babels­berg  über zwei Mannschaften ge­stol­pert sind, für die es sportlich ja eigentlich um nichts mehr geht?
Ich glaube nicht, dass man überhaupt auch nur eine Mannschaft generell so einstufen kann, dass sie sich hängen lässt, wenn es für sie vermeintlich um nichts mehr geht. Es geht nämlich in Wahrheit für alle bis zum Ende um alles! Für viele Spieler in den meisten Vereinen geht es um neue Verträge. Wenn man sich mit der Materie ein bisschen intensiver beschäftigt, weiß man auch, dass die Regensburger zu den drei besten Auswärtsmannschaf­ten der 3. Liga gehören.

Nach dem 36. Spieltag erschütterte die Offenbacher Kickers ein perso­nel­ler Erdrutsch: Trainer Gerstner wurde gefeuert, Andy Möller trat zu­rück und Geschäftsführer Kalt bot die Aufhe­bung seines Vertrages an. Du hast als Spieler und Trainer lange für die­sen Club gearbeitet – berühren dich die Turbulenzen deines Ex-Clubs?
‚Berührt‘ wäre der falsche Ausdruck. Ich arbeite heute für die SG Dynamo Dresden und verfolge selbstver­ständ­lich von der Regionalliga bis zur 2. Liga alles aufmerksam und mit gro­ßem Interesse, was für meine Arbeit als Sportlicher Leiter bei Dynamo irgendeine Relevanz hat. Wichtig ist, das man dabei alles auf den Verein fokussiert, für den man tätig ist. Und das tue ich.

Glaubst Du, dass das Chaos von Of­fenbach irgendwelche Auswirkungen für unser letztes Saisonspiel auf dem Bieberer Berg hat?
Das ist im Moment wirklich schwer vorauszusagen.  

Deine Hauptbeschäftigung besteht momentan in der Planung und Zu­sammenstellung der Mannschaft für die kommende Saison. Noch ist aber gar nicht klar, in welcher Liga Dynamo spielen wird. Wie schwer gestaltet sich die Planung unter dieser Voraus­setzung?
Im Moment ist es so, dass wir bereits jetzt ein kleineres Gerüst der Mann­schaft stehen haben, mit dem wir in jedem Fall für die neue Saison planen, egal in welcher Liga wir spielen wer­den. Darüber hinaus gibt es in der ak­tuellen Mannschaft noch weitere Spieler, die wir auch aufgrund ihrer Perspektive unbedingt bei uns halten wollen. Andere Spieler wie Alexander Esswein haben sich bereits ent­schlos­sen, den Verein zu verlassen. Das ist aber gegen Ende einer Saison auch nichts Ungewöhnliches. Das Bestreben meiner Kaderplanung für die kommende Saison ist, dass wir möglichst für beide Ligen gut gerüs­tet sein werden, um ligaabhängig eine gute Rolle spielen zu können. Wir wer­den und dürfen dabei aber nie verges­sen, dass wir dies im Rahmen unserer wirtschaftlichen Voraussetzungen tun werden. Deshalb ist es umso wich­tiger, möglichst keine Fehler zu machen.

Wir beurteilst Du die Bilanz nach dem Trainerwechsel? Die Rechnung scheint ja voll aufgegangen: Drei Sie­ge und ein Unentscheiden bei 9:1 Toren. Hast du dir genau diesen Im­puls durch Ralf Loose erhofft?
Ich will nochmals betonen, dass ich nicht allein der Überzeugung war, dass wir den Trainer wechseln sollten. Das war eine Entwicklung auf ver­schiedenen Ebenen im Verein, die schon lange vor meiner Zeit begon­nen hat. Ich hatte von verschiedenen Seiten schon seit längerer Zeit die Empfehlung erhalten, auf der Trainer­position etwas zu verändern. Ich wür­de die Arbeit eines Trainers auch nicht nur an den Ergebnissen fest­machen. Mir ist es wich­ti­ger, dass ich eine gewisse Handschrift des Trai­ners bei der Mannschaft wiederent­decke. Ich will eine Philoso­phie des Trainers erkennen, wie er die Mann­schaft weiter entwickelt, aber eben auch jeden einzelnen Spieler in­di­vidu­ell in seiner Perspektive als Fußballer weiter bringt.

Wo siehst Du in der kurzen Zeit nach dem Trainerwechsel den größten Ent­wicklungssprung der Mannschaft?
Ich konnte nach dem Trainerwechsel ganz klar feststellen, dass erst ein­mal die Mannschaft wieder Schritt für Schritt in sich zusammen gefun­den hat und nun ein gewisses Wir-Gefühl entwickelt hat. Das ist aus meiner Sicht entscheidend! Wir ha­ben jetzt mit Ralf Loose einen Trainer, der eine gewisse Ansprache an die Mannschaft hat und sich dadurch bei den Spielern Gehör verschafft. Ralf sucht den Kontakt zu jedem einzelnen Spieler. Ihm ist das Einzelgespräch wichtig. Natürlich wird es trotz alle­dem nicht immer rund laufen. Wir ha­ben jetzt zumindest eine gute Grund­voraussetzung, dass wieder ein nor­ma­les Arbeitsklima vereinsintern herrscht.

Hat sich für dieses Ergebnis der Ärger innerhalb des Vereins im Zuge des Trainerwechsels gelohnt?
In diesem Zusammenhang muss ich mal eines sagen: Ich bin keiner, der sich irgendwo einer Partei oder ir­gendwelchen Strömungen innerhalb des Vereins zugehörig fühlt und auch niemals fühlen wird! Ich habe vor und bei meinem Amtsantritt gesagt, dass ich im Sinne des Vereins SG Dynamo Dresden frei und unabhängig arbei­ten will. Und das werde ich auch so bei­behalten. Denn wenn irgend­wel­che Unwahrheiten über die Medien nach Außen getragen werden, kann ich damit nur relativ schwer umgehen und dann bin ich auch nicht der richti­ge Mann für solche Spielchen! Ich denke, jeder auf seiner Position in­nerhalb des Vereins sollte immer sein Handeln im Sinne des Clubs ausrich­ten. Denn das würde bedeuten, dass jeder alles für den sportlichen Erfolg des Vereins investiert und genau da­rum geht es mir bei meiner täglichen Arbeit für Dynamo. Für umso wichti­ger halte ich die Einsicht, dass Dyna­mo in der Gegenwart und Zukunft nur als Einheit vorankommen kann und nicht als gegeneinander arbeitende Interessensgemeinschaft. Wir sind nämlich, wie der Name schon sagt, eine Sportgemeinschaft!

Kommen wir zur kurzfristigen sport­lichen Perspektive: Die Mannschaft hat sich durch den Punktgewinn ge­gen Babelsberg einen Punkt Vor­-sprung erarbeitet. Ist Dynamo jetzt auch der Favorit zwei Spieltag vor Schluss auf den Relegationsplatz?
Favorit hin oder her. Wie jeder nach dem vergangenen Wochenende ge­merkt haben sollte, können sich die Voraussetzungen an einem einzigen Spieltag in unglaublicher Weise ver­ändern. Wir sind gut damit beraten, wenn wir jetzt mit allem, was wir ha­ben, auf dem Boden der Tatsachen bleiben. Denn wir haben jetzt zum ersten Mal in der gesamten Saison die Möglichkeit, das hat der Trainer auch so der Mannschaft vor dem Babelsberg-Spiel gesagt, den 3. Platz zu erreichen. Jetzt sind wir Dritter – und trotzdem ist noch nichts ent­schie­den. Jetzt müssen wir hellwach sein! Es kom­men noch zwei Gegner auf uns zu, die uns nichts schen­ken werden. Dazu kommt die Problematik der viel zu häufi­gen leichten Verlet­zun­gen in­nerhalb der Mannschaft. Das führt teilweise zu einem ge­wal­ti­gen Personalnotstand – und das in die­ser Phase der Saison. Deshalb muss man eigentlich den Hut vor der Mann­schaft und dem Trainer ziehen, wie sie bisher damit umgegangen sind. Hervorheben möchte ich die Spieler, die davor kaum eine Rolle gespielt haben und jetzt voll da sind, wo sie dringend gebraucht werden! Auch das ist ein Verdienst des neuen Trainers, denn er hat sie wieder ins Boot geholt und ihnen vermittelt, dass sie ein wich­tiger Teil der Mannschaft sind, um unser Ziel am Ende gemeinsam erreichen zu können.
 
Inwieweit glaubst Du, dass die Säulen im Team auch über die laufende Sai­son hinaus gehalten werden können?
Wir sind mit einigen Spielern ja rela­tiv weit. Es gibt auch Fälle, wo wir be­reits jetzt wissen, dass sich bei ihnen das Thema Vertragsverlängerung be­reits erledigt hat. Mit Thomas Hübe­ner befinden wir uns in der entschei­denden Phase der Verhandlungen. Wir können uns bei den Verhand­lun­gen mit den Spielern aber keinen Träu­mereien hingeben. Es nützt uns nichts, wenn wir jetzt die Wünsche und Vorstellungen von zwei, drei Spie­lern befriedigen und dann hinten raus nichts mehr in der Hand haben, um eine schlagkräftige Mannschaft für die neue Saison zusammenzu­stellen.

Kann man schon verraten, wann der erste Neuzugang für die Saison 2011/12 präsentiert wird?
Ich kann verraten, dass wir mit einer Neuverpflichtung, die vom Trainer und mir favorisiert wurde, bereits so gut wie durch sind. Aber ich möchte zum jetzigen Zeitpunkt mit irgend­welchen Namen nicht von der aktuel­len Mannschaft ablenken. Sie steht im Mittelpunkt und ihr gilt es öffent­lich die volle Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen. Denn die Jungs kämpfen gerade in der entscheiden­den Saisonphase für eine erfolgrei­che Zukunft des Vereins und insbe­sondere darum, den Relegationsplatz 3 am Ende zu erreichen.

Das heißt im Klartext: Dynamo hat bereits den ersten Neuzugang, der aber erst dann der Öffentlichkeit prä­sentiert wird, wenn sportlich alles in trockenen Tüchern ist?
Ja, genau! Wir richten uns aber natür­lich auch nach dem jetzigen Verein, der ebenso noch in Ruhe arbeiten will. Wir dürfen, was weitere Neu­ver­pflichtungen angeht, aber auch nicht in Hektik verfallen. Wir werden beim Bieterverfahren um Spieler nicht im­mer das Höchstgebot abgeben kön­nen. So müssen wir auch sehen, was der Markt hinten heraus noch an Spielern für unsere Möglichkeiten übrig lässt.

Ist es wieder denkbar, dass – wie in der vergangenen Saison mit Esswein und Fiel – noch relativ spät Spieler die­ser Extraklasse dazu stoßen wer­den?
Das ist sicherlich nicht ausgeschlos­sen. Aber damals war dies nur mög­lich, weil diese beiden Spieler extern über Sponsoren finanziert wurden. Das wird es so nach momentanem Stand in der kommenden Saison wohl nicht mehr geben.

Gibt es eigentlich schon einen Mas­ter­plan, wie der Abgang von Alexan­der Esswein kompensiert werden kann?
Ich erhoffe mir einfach, dass sich bei einigen unserer Spieler noch eine grö­ßere Torgefahr entwickelt. Ich denke da unter anderem an Robert Koch, der unheimlich viel für die Mann­schaft arbeitet und ein unglaublich großes Laufpensum jedes Spiel ab­spult. Aber er muss sich einfach noch öfter vor dem Tor für seine starken Leistungen selbst belohnen, denn er hat sich das verdient. Aber wir wer­den uns selbstverständlich gerade im Angriff auch mit weiteren Spielern verstärken müssen, um dann auch ohne Alexander Esswein ähnlich er­folgreich sein zu können.

Letzte Frage: Wacker Burghausen befindet sich mitten im Abstiegs­kampf. Was erwartet Du beim heutigen Spiel?
Ich habe Burghausen auch beobach­tet, sie sind aber keine typische Mann­schaft, die nur hinten drin steht und auf den entscheidenden Konter lauert. Ich denke, dass sie ihre besse­ren Spiele gemacht haben, wenn sie den Gegner früh unter Druck gesetzt haben. Ich kann die Strategie des Geg­ners aber nicht vorherahnen, ich weiß nicht, was der Gegner heute vorhat. Wichtig ist einfach, dass wir uns auf unser eigenes Spiel konzentrieren und unsere Leistung abrufen. Ich glau­be, dass es ein schwieriges Spiel wird und wir alle ein wenig Geduld haben müssen. Am Ende wird ent­schei­dend sein, dass wir den Sieg heute erzwingen müssen!
Danke für das Gespräch
und viel Erfolg!

Interview: Henry Buschmann