Interview mit „Eschi“ und Thomas

Und trinken. Das vergesse ich immer. Trinken ist das Wichtigste.


Thomas Großmann und Andre Escher

Zwei Stunden vor Anpfiff des letzten Heimspiels gegen Greuther Fürth hatten wir uns mit André „Eschi“ Escher und Dynamos Behindertenbeauftragem Thomas Großmann getroffen. Die beiden Kumpels und eingefleischten Dynamo-Fans sind zu Saisonbeginn mit einem Blindenradio an den Start gegangen. Bei den Heimspielen sitzen André (34) und Thomas (31) auf der alten Pressetribüne und kommentieren das Geschehen auf dem Rasen und im Stadion für sehbehinderte Fans. 

Wir wollten von ihnen wissen, wie sie sich in ihr Handwerk eingefuchst haben, das sie mit viel Herzblut betreiben. Uns interessierte, worin die Besonderheit eines Blindenradios liegt. Wir sprachen mit den beiden Dresdnern über Bonbons, Sitzungen vor der Playstation, falsche Frequenzen und einen wütenden Hörer. Außerdem verrieten sie uns, dass es ihnen ursprünglich einmal eigentlich nur  darum gegangen war, irgendwie ins Stadion zu kommen.  

Wer von euch beiden ist auf die Idee mit dem Blindenradio gekommen?
THOMAS: Als ich gehört habe, dass die notwendigen Geräte für ein Blindenradio schon existierten, war für mich klar, dass ich das angehen will. Dass die Nachfrage bei Dynamo da sein würde, wusste ich von Anfang an. Dann habe ich ein bisschen recherchiert und geschaut, wo es so etwas schon gibt. In Sachsen waren wir die ersten. Als nächstes habe ich Eschi gefragt, ob er mitmachen würde. Wir kennen uns schon lange und ich wusste, dass er gut reden kann. Er hat sofort ja gesagt.

Ihr habt zu Beginn dieser Saison angefangen …
ANDRÉ: Mit Zuhörern, genau. Eigentlich gestartet sind wir aber schon zur Rückrunde 2012/13, bloß eben ohne Zuhörer. Wir haben uns in dieser Testphase die nötige Übung geholt, damit später alles gut funktionieren würde. Es ist ja nicht nur eine Frage der Technik, sondern wir hatten beide auch noch keine Erfahrung mit dem Kommentieren an sich. Aber Fußball und Dynamo lagen uns schon immer im Blut, weshalb wir gesagt haben, dass das Reden schon kein Problem sein wird.
THOMAS: (lacht) André hat auf jeden Fall richtig viel Ahnung vom Fach. In der 2. Liga kennt der jeden Spieler.

Seit wann geht ihr beide zu Dynamo?
ANDRÉ: 1989 habe ich die Meisterschaft als kleines Kind miterlebt. Das war ein prägendes Erlebnis, seitdem bin ich Dynamo-Fan.
THOMAS: Meine erste Saison war 1992/93. Leverkusen war mein erstes Spiel.

Seit wann kennt ihr euch?
THOMAS: Wir haben denselben Freundeskreis und kennen uns … seit 1995?
ANDRÉ: Ja, genau. Nach dem Bundesliga-Abstieg waren wir zusammen in Cottbus. Das war der dritte Spieltag damals.

Wie viel Spaß macht die Arbeit am Mikro?
ANDRÉ: Extrem viel! Wenn man einmal am Kommentieren ist, dann kommt man in einen Fluss, dann läuft das wie von alleine. Das macht dann richtig Spaß.
THOMAS: Der, der gerade nicht kommentiert, schaut auch immer mal, wie unsere Hörer mitgehen. Die sitzen ja nicht weit weg von uns. Wenn die ein Lächeln im Gesicht haben und emotional dabei sind ... das zu sehen, macht den meisten Spaß!


Wie teilt ihr euch während der 90 Minuten in die Arbeit?
THOMAS: Eschi ist der Hauptkommentator und ich schalte mich hin und wieder mit ein. Manchmal passiert das spontan, manchmal gebe ich ihm vorher ein Zeichen. Das kommt immer auf die Situation an. Es gibt keine festen Zeiten.

Und wenn einer von euch mal ganz ausfällt?
ANDRÉ: Dann haben wir mit Sylvio vom Rolli-Team noch einen dritten Mann. Ihn wollen wir von dieser Aufgabe eigentlich nicht wegziehen, wenn es nicht unbedingt sein muss. Aber im Notfall wäre er da. Dem Sylvio liegt das Quatschen auch im Blut, er kommentiert gern.

Hattet ihr beide Vorerfahrungen?
THOMAS: Mit dem Kommentieren? Nein.
ANDRÉ: Hatten wir beide nicht.

Wie habt ihr euch reingefuchst?
ANDRÉ: Wir haben zum Beispiel Playstation kommentiert. Das klingt blöd, aber damit kommt man rein. Man spielt und kommentiert nebenbei einfach mit. Das hat den Vorteil, dass erst einmal nicht so viele Emotionen dabei sind wie bei einem Spiel im Stadion. Zum Lernen ist das gut.
THOMAS: Auch auf „Torgeflüster“ haben wir uns viel angehört. Das ist eine Webseite, auf der Audiomitschnitte von Fußballkommentaren ins Netz gestellt werden. Dort gibt’s auch die wichtigsten Infos für Sehbehinderte. Leider ist die Seite nicht mehr besonders aktuell. Hier will die DFL demnächst etwas Neues aufsetzen, zumindest klang das in unserem letzten Treffen mit den Kollegen von den anderen Clubs so durch.

Es gibt also ein Netzwerk mit Kollegen von anderen Vereinen?
THOMAS: Genau. Kennengelernt haben wir die meisten von ihnen auf der letzten Tagung in Kamen. Dort waren die Jungs dabei, die für Wolfsburg und Braunschweig kommentieren, und auch die Kollegin aus Fürth, oder der aus Leverkusen. Wolfsburg und Leverkusen sind die Vorreiter beim Blindenradio. Dort haben wir uns viele Tipps geholt und Adressen getauscht.

Was sind die Besonderheiten des Kommentierens für Blinde und Sehbehinderte?
ANDRÉ: Das Wichtigste ist, dass man den Ball immer genau verortet. Es reicht nicht, nur zu sagen, dass ein Angriff über die rechte Seite läuft. Man muss immer möglichst genau sagen, wo der Ball gerade ist. Also beispielsweise fünf Meter hinter der Mittellinie, in der eigenen Hälfte. Das erfordert eine Menge Konzentration und fällt mir immer noch schwer.
THOMAS: Aber man beschreibt natürlich auch das ganze Drumherum, wenn sich zum Beispiel der Trainer gerade aufregt, oder was sonst noch so passiert. Dazu gibt es ja auch immer wieder Gelegenheiten, wenn der Ball nicht im Spiel ist.

Nehmen die Blinden die Kopfhörer auch manchmal ab, um die Stadionatmosphäre voll aufzusaugen?
THOMAS: Das machen sie hin und wieder. Wir haben Bügelkopfhörer, die lassen sich gut vom Ohr wegklappen. Man hört die Kulisse auch noch, wenn man die Kopfhörer aufhat. Aber man will ja auch mal mit dem Sitznachbarn quatschen. Gleichzeitig achten wir aber auch darauf, dass man von der Atmosphäre so viel wie möglich mitbekommt. Die Aufstellung zum Beispiel kommentieren wir nicht, die kommt direkt vom Stadionsprecher.

Beim Heimspiel gegen Düsseldorf haben wir mal reingehört. Seid ihr in euren Kommentaren immer so objektiv oder sprecht ihr auch mal durch die Dynamo-Brille?
ANDRÉ: Düsseldorf war eine Ausnahme, weil wir dort auch Gästefans dabei hatten. Da waren wir noch mehr um Neutralität bemüht als sonst. Sagen wir mal so – um Objektivität sollte man immer bemüht sein. Unsere Zuhörer interessieren sich ja schließlich nicht für unsere Meinung, sondern sie wollen wissen, was auf dem Platz und im Stadion los ist. Aber am Ende macht es eine gesunde Mischung. Meistens kommentieren wir ja schließlich für Dynamo-Fans. Und da gehören ein paar Emotionen auch dazu und man muss nicht immer alles bierernst nehmen. Aber man darf es damit nicht übertreiben. Das wird auch von den Kollegen bei den anderen Clubs unterschiedlich gehandhabt. Norbert Dickel, der in Dortmund das Net-Radio macht, ist zum Beispiel sehr parteiisch und emotional dabei. Auf der Tagung wurde er als Beispiel gebracht, wie man es nicht unbedingt machen sollte. Man muss immer im Auge behalten, für wen man kommentiert.
THOMAS: (lacht) Neulich hatten wir einen witzigen Fall! Als St. Pauli in Dresden war, hatten die einen Kollegen dabei, der für die Pauli-Fans kommentiert hat. Und einer von unseren Jungs hatte die falsche Frequenz eingestellt und die ganze erste Hälfte das Fan-Radio von Pauli gehört. Der kam in der Halbzeit zu uns und hat uns gefragt, ob wir noch ganz richtig sind. (beide lachen)

Wie viele Plätze habt ihr?
ANDRÉ: Neun.

Habt ihr einen Hörerstamm?
THOMAS: Drei kommen immer, im Schnitt haben wir vier bis fünf Leute da. Und bei den guten Spielen sind wir immer ausverkauft.

Wie viele sind heute gegen Fürth da?
ANDRÉ: Heute hätten wir mit mehr gerechnet, heute sind es nur fünf. Das liegt aber sicher auch daran, dass es ein Freitagabend-Spiel ist.

Bekommt ihr auch Feedback von euren Hörern?
THOMAS: Immer! Wir unterhalten uns vor und nach jedem Spiel mit den Jungs und wollen wissen, was an diesem Tag nicht in Ordnung war. Generell würden wir uns beide glaube ich ein bisschen mehr Kritik wünschen, da sind die Jungs doch sicher oft ein bisschen zu gutmütig mit uns. (schmunzelt)

Wie ölt man seine Stimme?
ANDRÉ: Bonbons! Und trinken. Das vergesse ich immer. Trinken ist das Wichtigste. Eigentlich muss man während eines Spiels anderthalb Liter trinken. Aber man kommt gar nicht dazu. (zieht eine Packung Bonbons aus der Hosentasche und schiebt sich eins in den Mund)
Ihr klingt heute auch beide etwas ange-
schlagen …
THOMAS: Ja, das kann was werden. Ein schönes Gehuste.


Wie lang ist euer Arbeitstag?
ANDRÉ: Wir sind ungefähr zweieinhalb Stunden vor Anpfiff da und bauen als erstes die Technik oben auf der alten Pressetribüne auf ...
THOMAS: ... schauen, dass die Akkus von den Empfängern voll sind …
ANDRÉ: ... genau. Wir gucken, ob alles funktioniert und alles angeschlossen ist. Eine Stunde vorm Spiel kommt die Aufstellung. Dann schauen wir, mit welchem System gespielt wird. Das ist manchmal nicht ganz so einfach, wenn man nur die Namen auf dem Zettel hat. Aber unsere Hörer verstehen ein bisschen was vom Fach und wollen solche Dinge natürlich wissen. Bis zum Spiel bereitet man sich dann mit seinen Aufzeichnungen vor, mit dem Kommentieren fängt man ungefähr fünf Minuten vor Anpfiff an.

Was für Aufzeichnungen habt ihr noch dabei?
ANDRÉ: Wir suchen uns zuhause schon Statistiken heraus, Infos über den Gegner und so was. Man hat in einem Spiel schließlich auch Pausen, die man füllen muss. Da macht sich ein bisschen Hintergrundwissen nicht schlecht. Damit beschäftigt man sich in der Woche vor dem Spiel, das frisst auch nochmal einen halben Tag.

Ihr macht das jetzt eine knappe Saison lang und man hat bei euch das Gefühl, dass es euch Spaß macht, trotz der ganzen Arbeit. Ihr habt es also nicht bereut bisher?
THOMAS: Nein. Man bekommt viel zurück.
ANDRÉ: Den Schritt haben wir nicht bereut. Es war ein Sprung ins kalte Wasser, aber ich hätte auch nicht gedacht, dass es so viel Spaß macht. Das Reportern fetzt einfach.
THOMAS: Wir haben auch viele positive Rückmeldungen von außen bekommen, viele kamen zu uns und haben gesagt, dass sie das gut finden. Zum Beispiel bei mir in der Firma, die Kollegen. Es ist einfach ein weiterer Schritt in dieser Richtung. Früher gab es ja nicht einmal immer einen Ansprechpartner für die Rolli-Fahrer. Da haben wir uns jetzt schon ein ganzes Stück weiterentwickelt. Als nächstes würden wir uns wünschen, dass wir mehr Zuhörer bekommen, zehn, fünfzehn pro Spiel.
ANDRÉ: Ein Gedanke dabei ist auch, dass sich die Blinden selbst organisieren, wie es das Rolli-Team jetzt schon eine ganze Weile macht.
THOMAS: Das Optimale wäre ein Fanclub für Blinde. Bei Hertha und anderen Vereinen gibt es so was schon.

Was war euer Highlight bisher?
THOMAS: Kaiserslautern, definitiv. Das 3:2 hier zuhause, das war das Emotionalste, was wir bisher durchhatten.
ANDRÉ: (lacht) Das stimmt. Viele Siege hast du ja nicht gefeiert in dieser Saison, da muss man ja ehrlich sein.
THOMAS: Aber auch das Freundschaftsspiel gegen den HSV war was Besonderes.

Was war euer erstes Spiel?
ANDRÉ: Das Freundschaftsspiel gegen West Ham United 2012.
THOMAS: Aber da hatten wir noch keinen einzigen Zuhörer.
ANDRÉ: Ist doch egal, ich habe trotzdem 90 Minuten lang gequatscht.
THOMAS: (lacht) Das erste Spiel mit Zuhörern war das Spiel gegen Gladbach, das FDGB-Pokalspiel.

Was war eure Motivation für dieses ehrenamtliche Engagement?
THOMAS: Ich bin ja mittlerweile nicht mehr ehrenamtlich tätig. Los ging es um 2006. Damals war „Wolle“ Meyer noch da. Wir waren zu der Zeit arbeitslos und sind zu „Wolle“ gegangen und haben ihn gefragt, was wir machen müssen, damit wir ins Stadion kommen. Und „Wolle“ hat gesagt, „Jugend in Arbeit“.
ANDRÉ: (lacht) Genau, und wir haben dann gesagt, „Pass auf Wolle, wir gründen ein Rolli-Team!“.
THOMAS: Damals gab es drei, vier Rollstuhlfahrer. Bei denen haben wir dann gesessen, ihnen was zu Trinken geholt, sie über die Aschebahn geschoben, vor allem, wenn es mal wieder richtig schlammig war. Das ist uns ja damals aufgefallen. Wenn es geregnet hat und die Rollifahrer sich durch den Matsch gequält haben.
ANDRÉ: Ja, man wollte diese Aufgabe dann auch nicht mehr abgeben. Einfach, weil es auch eine Möglichkeit war, dem Verein und den Fans etwas zurückzugeben, nachdem man jahrelang mitgefahren war. Und „Wolle“ Meyer hat das unterstützt. Der war begeistert davon und hat das in die Wege geleitet. Und so hat sich das weiterentwickelt. Diese Aufgabe ist einem schnell ans Herz gewachsen.

Wie kommt man an die Karten für das Blindenradio?
THOMAS: Man schreibt uns eine Mail oder ruft an, dann werden die Karten hinterlegt. Ganz einfach. Bis jetzt hat jeder die Plätze gefunden, jeder Blinde hat ja auch eine Begleitperson dabei. Wenn mal einer ohne Begleitperson kommt, dann ist das auch kein Problem, wir müssen das nur vorher wissen. Dann sagen wir einem Fanbetreuer vom Rolli-Team Bescheid, wann er kommt, und der führt ihn rein.

Für euch ist es jetzt langsam an der Zeit, loszulegen…
THOMAS: Wir trinken jetzt noch einen Kaffee, dann kommt die Aufstellung.
ANDRÉ: Auf jeden Fall, ein Kaffee wäre jetzt gut.

André, Thomas, danke für euer Engagement und für dieses Gespräch!

Interview: Jan Franke / Henry Buschmann
Fotos: Frank Dehlis / Steffen Kuttner

Hier findest du mehr Infos zum Dynamo-Blindenradio