Zeitreisen: Die Dynamo-Traditionsabende

Einzutauchen in 60 Jahre Geschichte und Geschichten rund um Dynamo Dresden und das Publikum mitzunehmen auf eine Zeitreise von 1953 bis heute – das war das Anliegen der Veranstaltungsreihe zum Jubiläumsjahr der Sportgemeinschaft. Drei Traditionsabende sind schon über die Bühne der Comödie Dresden gegangen, im März 2013 folgt der vierte und letzte. Ehemalige Protagonisten des grünen Rasens und viele seltene Filmdokumente machten die bisherigen Veranstaltungen zu authentischen und lebendigen Ereignissen. Hier findest du eine Zusammenfassung zu jedem Traditionsabend.

1. Traditionsabend: 1953 - 1968

Unterhaltsame Zeitreise mit Hansi Kreische und Peter Ducke

2. April 2012
Die Zeitreise durch sechs Jahrzehnte Dynamo-Geschichte hat begonnen: Am Montagabend fand der erste von vier Traditionsabenden statt, mit dem sich die Sportgemeinschaft ihrem 60. Geburtstag im kommenden Jahr nähert. Der Einladung des Präsidiums folgten 180 Fans und Mitglieder in die „Comödie Dresden“. Dort führten die Gastgeber des Abends, die beiden Journalisten Gert Zimmermann und Uwe Karte, launig und sehr unterhaltsam durch zwei Stunden Dresdner und schwarz-gelber Fußball-Geschichte. Im Mittelpunkt standen die ersten 15 Jahre der Vereinsgeschichte 1953 bis 1968.

Wertvolle Begleiter auf diesem interessanten Traditionsspaziergang waren die Ehrengäste Hans-Jürgen Kreische und Peter Ducke. Die beiden ehemaligen Weltklassekicker ließen einen lebendigen Eindruck des Fußballs der 50er und 60er Jahre in Dresden und der DDR entstehen und gaben die eine oder andere Anekdote zum Besten. Untermalt wurden die interessanten Gespräche von teilweise noch nie gezeigten, oft höchst originellen, Fernsehaufnahmen.

„Wir durften eine sehr schöne Veranstaltung erleben“, freute sich Dynamo-Präsident Andreas Ritter. „Das hat Lust auf mehr gemacht.“

2. Traditionsabend: 1968-1983

Dörner, Sammer und Geyer humorvoll und nachdenklich im Rückblick

10. September 2012
Der 2. Traditionsabend der SG Dynamo Dresden ist Geschichte. Am Montagabend führten das MDR-Journalisten-Duo Uwe Karte und Gert Zimmermann sowie die Dynamo-Legenden „Dixie“ Dörner, Klaus Sammer und „Ede“ Geyer in der „Comödie Dresden“ 453 Zuschauer mit Witz und Charme durch allerlei illustre Dynamo-Geschichten. Thema waren diesmal die Jahre 1968 bis 1983, in denen sich die Sportgemeinschaft endgültig als Spitzenmannschaft im DDR-Fußball etablieren konnte und ihren Fans zahlreiche unvergessene Europapokalabende bescherte.

Echte Leckerbissen waren auch diesmal wieder historische Fernsehaufnahmen, die seltene Einblicke in die Lebens- und Fußballwirklichkeit der damaligen Zeit und den Protagonisten Anlass zu manchem launigen Kommentar gaben. So schmunzelte Klaus Sammer über sich selbst, als ein Beitrag des „Schwarzen Kanals“ mit dem notorischen Karl-Eduard von Schnitzler zum Thema Polit-Schulungen führte. „Ich wusste da immer nicht so recht, wie ich mich verhalten sollte. Deshalb habe ich einfach alles was ich sagte mit ‚Hauptsache, wir erhalten den Frieden‘ beschlossen“, erinnerte sich der einstige Verteidiger und Nationalspieler.

Von hohem zeitgeschichtlichen Wert waren die Aufnahmen aus der 3-Zimmer-Wohnung (118 Mark Miete) des ehemaligen Topstürmers „Hansi“ Kreische. Durch seine sportliche Ausnahmequalität in seiner Zeit privilegiert, mutet es inzwischen fast schon bizarr an, wie ein Weltklassefußballer ganz unbefangen in der Hochhaus-Platte lebte und Journalisten des ZDF Auskunft über aus heutiger Sicht vergleichsweise bescheidene Einkünfte und „Jahresendprämien“ als „Amateurfußballer“ gab.

Im Mittelpunkt standen natürlich auch die Europapokalspiele gegen Bayern München sowie der Vater des Dresdner „Kreisels“, Trainerlegende Walter Fritzsch. Neben großer Wertschätzung für ihren früheren Übungsleiter brachten Dörner, Sammer und Geyer einhellig zum Ausdruck, dass der strenge Fritzsch „die älteren Spieler wie Sammer und Kreische viel zu früh geköpft hat“ und gerade seinen jungen Spielern mit der einen oder anderen Streicheleinheit auch im Europapokal zu noch größeren Leistungen verholfen hätte.

So gewannen die Gäste des 2. Traditionsabends in gemütlicher Club-Atmosphäre in der „Comödie Dresden“ intime Einblicke in die Mannschaft der 70er Jahre und dürfen sich mit Recht darauf freuen, auch in der „zweiten Halbzeit“ der Veranstaltungsreihe zum 60. Geburtstag der SGD weitere einmalige Anekdoten und interessante Hintergrundgeschichten rund um den Verein serviert zu bekommen.

3. Traditionsabend: 1983 - 1998

Das Podium mit Hansi Pilz, Torsten Gütschow und Ralf Hauptmann

Dederon-Anzüge im Dynamo-Casino

12. November 2012
Am Montag ging der 3. Traditionsabend der SG Dynamo Dresden über die Bühne der Comödie Dresden. Wie gewohnt führte das MDR-Journalisten-Duo Uwe Karte und Gert Zimmermann durch 15 Jahre Dynamo-Geschichte(n). Im Scheinwerferlicht saßen neben ihnen der frühere Sturmtank Torsten Gütschow, „Dixie“ Dörners legitimer Nachfolger Hans-Uwe „Champi“ Pilz und Dauerläufer Ralf Hauptmann. Die Rückschau galt den Jahren 1983 bis 1998, in welche mit der Qualifikation zur Bundesliga und dem Zwangsabstieg 1995 zwei der markantesten Ereignisse der Vereinsgeschichte fielen. Über 500 Gäste auf den prall gefüllten Rängen sorgten am vorletzten Abend der „Zeitreise“ für einen neuen Zuschauerrekord und viel Vorfreude auf den abschließenden Höhepunkt im März 2013.

Der Ausflug in die Vergangenheit war eine Reise der verschiedenen Geschwindigkeiten: In gemächlichem Tempo wurden die letzten Jahre des schwarz-gelben Fußball-Balletts vor der Wiedervereinigung erzählt. Bewegte Bilder vom fulminanten 7:2-Heimsieg gegen HJK Helsinki im Europapokal der Pokalsieger im Herbst 1985 bis zum Schicksalsspiel zur Bundesliga-Qualifikation bei Lok Leipzig im Mai 1991 und der anschließenden Sause im Dynamo-Casino brachten diese aus heutiger Sicht so unbeschwert erscheinende Epoche der Vereinsgeschichte noch einmal in greifbare Nähe. Plastisch wurden die Unterschiede zwischen Gestern und Heute wie so oft an Äußerlichkeiten: Zur Erheiterung des Publikums zeigten komplett farbige Fernsehaufnahmen Reinhard Häfner als Trainer im Leipziger Bruno-Plache-Stadion im grellen Dederon-Trainingsanzug der frühen 90er-Jahre.

Etwas höher wurde das Erzähltempo bei der Rückschau auf die vier Bundesliga-Jahre. Die nach dem Vernehmen der auf dem Podium versammelten Zeitzeugen durch den damaligen Präsidenten eingefädelte Entlassung von Reinhard Häfner und die Verpflichtung von Helmut Schulte waren ein Schwerpunktthema. „Champi“ Pilz ließ vor den 534 Gästen in der Comödie mit gelassener Diskretion durchblicken, dass die Mannschaft den sehr jungen Trainer aus dem Fußball-Westen ganz gut im Griff hatte. Nicht zuletzt lag dies wohl auch daran, dass Schulte nach eigenem Bekunden in Dresden Fußballer vorfand, die ein weit höheres Niveau hatten, als die Spieler auf St. Pauli, welche er zuvor trainiert hatte. Der Zeitenwandel dokumentiert sich allenthalben.

Und noch einmal zeigte sich, dass man dem notorischen Nachfolger Ziegenbalgs, Dynamos schwergewichtigem Ex-Präsidenten Rolf-Jürgen Otto, vieles absprechen konnte, nicht jedoch eine erdrückende Präsenz. Bitter-komisch wirkte der Auftritt des schwitzenden Bauunternehmers auf einer Pressekonferenz, bei der er großspurig verkündete, nur von sich selbst entlassen werden zu können. Immerhin hat ihn sein monumentaler Leib womöglich vor einem dramatischen Fenstersturz bewahrt: Der Anfang 1995 hinterrücks entlassene Horst Hrubesch – über dessen Vorgänger Sigfried Held leider viel zu wenig gesprochen wurde – soll Otto einen Besuch in dessen Suite im Hotel Bellevue abgestattet haben, der wohl nicht mit den allerbesten Absichten verbunden war...

Neben solchen Anekdoten, welche in erster Linie unterhaltsamen und illustrativen Charakter hatten, mangelte es von Seiten der Moderatoren auch nicht an manch schwarzhumorigem Seitenhieb auf Kosten des derzeitigen sportlichen Tiefs. Gleichwohl: Mit der Erinnerung an den verbissenen Abstiegskampf der vier Bundesliga-Jahre verbanden Pilz und Co. den innigen Wunsch, dass die aktuelle Mannschaft sich ihrer großen Verantwortung rasch bewusst werden möge, um den Verein mit Leidenschaft aus dem Schlamassel zu ziehen.

Im Zeitraffer wurden schließlich die Jahre nach dem Zwangsabstieg zusammengefasst. Bilder vom Heimspiel gegen Erzgebirge Aue am zweiten Spieltag der Regionalligasaison 1995/96 beschworen nachträglich noch einmal eine Ahnung davon, was heute natürlich jedem bekannt ist: Mit einem Auftaktsieg beim Eisenhüttenstädter FC Stahl im Rücken ließ der Führungstreffer gegen die Veilchen damals viele der 13.000 Zuschauer im Rudolf-Harbig-Stadion schon wieder vom Aufstieg träumen. Am Ende setzte es eine 1:3-Niederlage – und die Talsohle war für Dynamo Dresden noch lange nicht erreicht.

4. Traditionsabend: 1998 - 2013

Als Aufstiegstrainer Christoph Franke aus dem Nähkästchen plauderte, lauschten auch seine ehemaligen Spieler Rene Beuchel und Volker Oppitz gespannt den Geschichten zu.

Alles klar in Christoph Frankes Hasenstall

11. März 2013
Am Montagabend fand in der Comödie Dresden der 4. und letzte Traditionsabend der SG Dynamo Dresden statt. Unter der beredten Moderation des MDR-Duos Gert Zimmermann und Uwe Karte führte die Zeitreise anlässlich des Jubiläumsjahres der Sportgemeinschaft durch das letzte Viertel der Vereinsgeschichte. Auf den Kanapees vor dem mit über 500 Zuschauern fast ausverkauften Saal nahmen diesmal drei Akteure Platz, die an der Renaissance von Fußball-Dresden vor etwa einem Jahrzehnt einen großen Anteil hatten. Allerdings begann die Veranstaltung mit einem taktischen Wechsel: Anstelle des Mittelfeldspielers Maik Wagefeld, der seine Teilnahme krankheitsbedingt kurzfristig absagen musste, wurde Abwehrrecke Volker Oppitz aufs Parkett geschickt. Neben ihm nahm mit Christoph Franke der Vater der beiden Aufstiege 2002 (von der Oberliga in die Regionalliga) und 2004 (von der Regionalliga in die 2. Bundesliga) Platz. Das Podium komplettierte René Beuchel, der bereits von 1992 bis 1995 für die Schwarz-Gelben in der Bundesliga gespielt und nach seiner Rückkehr an die Lennéstraße ebenfalls großen Anteil am Aufstieg in die 2. Liga hatte.

Schon kurz nach 19 Uhr waren die meisten Gäste einer ihrer drängendsten Fragen ledig: Christoph Frankes Hasen geht es gut. Was sich bei den Herren Wagefeld (Zwillinge) und Oppitz (drei Kinder) zuhause ereigne, das finde bei Frankes im Hasenstall statt, so der gebürtige Mülsener süffisant. Franke freute sich sichtlich über den warmen Empfang, den ihm das Publikum bereitet hatte, und bedankte sich mit zahlreichen Anekdoten. Zu einem guten Teil handelte diese von den orientalischen Verhandlungskünsten des ehemaligen Dynamo-Managers Siegmar Menz. „Der hat es geschafft, dich in deinen Gehaltsvorstellungen zu drücken und dich trotzdem mit einem guten Gefühl nach Hause gehen zu lassen“, berichtete Franke zum Vergnügen des Publikums. Etwas geradliniger war da wohl der ehemalige Hauptgeschäftsführer Volkmar Köster, der bei dem Treffen vor Frankes Verpflichtung im „Schwarzen Ross“ zu Siebenlehn dem designierten Cheftrainer direkt ins Gesicht sagte, ,Herr Franke, wir sind pleite‘. „Vorher hat er mich aber schon noch begrüßt“, schmunzelte Franke.

Dass Köster womöglich noch untertrieben hatte, zeigte sich nicht nur in Spielergrundgehältern, die Franke dazu veranlassten, dem einen oder anderen (Daniel Ziebig) mal spontan mit 20 Euro aus der Privatschatulle auszuhelfen. Die chronisch klammen Kassen brachten auf kuriose Art und Weise auch den Aufstieg in die Regionalliga 2002 in Gefahr. „Vor dem entscheidenden Relegationsspiel gegen die Hertha-Bubis waren wir im Sportzentrum Kienbaum. Als wir dann nach Berlin fahren wollten, blieb der Schlagbaum unten. Die Rechnung vom letzten Winter war noch nicht bezahlt“, erinnert sich Franke. Zum Glück saß damals ein Sponsor mit im Bus, der die Ausstände umgehend begleichen und so die Tür in die 3. Liga sprichwörtlich wieder öffnen konnte.

Froh darüber, dass sich die Tür wieder öffnete, dürften auch Volker Oppitz, René Beuchel und ihre Mannschaftskameraden gewesen sein, als Teamarzt Dr. Sigurd Hegner sie aus der Kältekammer herausließ. Nur in Badehose, Schuhwerk, Mütze und Handschuhen bekleidet schickte Franke die Spieler seinerzeit in die minus 110 Grad Celsius kalte Kühlbox. In einem der zur Illustration des Abends abermals hervorragend beitragenden Filmausschnitte erklärte Dr. Hegner die Maßnahme aus der Sicht des Mediziners und hielt dabei die Tür der Kammer von außen zu.

Ohne die seltenen Fernsehaufnahmen hätte man wohl auch kaum jemandem anschaulich erklären können, was sich am 29. August 2004 im Rudolf-Harbig-Stadion zugetragen hat: Ein tiefenentspannter Günter Lacher, seines Zeichens Platzwart kurz vor dem Ruhestand, schob in aller Seelenruhe eine halbkaputte Abkreide-Maschine über den Rasen und übertünchte mit grüner Kreide die Linien, welche von einem vorher ausgetragenen Football-Spiel noch „übrig“ waren. Mit dezenter Fassungslosigkeit spornte ihn dazu Manfred Amerell an, der den Hut von Seiten des DFB auf hatte. Dynamo war wieder mal in aller Munde.

Der Reigen von Anekdoten ließe sich beliebig fortsetzen. Für Lacher sorgten auch Frankes Erinnerungen an Publikumsliebling Daniel Jules Wansi: „Der hat im Training die Bälle am Tor vorbei gesemmelt, dass es eine wahre Freude war. Aber geärgert hat er sich kein einziges Mal.“ Manche Dinge bleiben eben auch solchen alten Hasen wie Christoph Franke unerklärlich.

Um halb elf war klar, dass auch der letzte Teil der Zeitreise durch 60 Jahre Dynamo-Historie einmal zu Ende gehen muss. Nicht alle Geschichten konnten erzählt, nicht alle Bilder gezeigt werden. Dennoch hoffen wir, dass alle Besucher der Dynamo-Traditionsabende auf ihre Kosten gekommen sind und es schlicht und einfach mit Peter Kotte halten. Die Moderatoren hatten den ehemaligen Dynamo-Sturmtank auf die Bühne gebeten, erzählt, wie man ihn auf dem Fußballplatz mutwillig zum Invaliden getreten hatte und ihn gefragt, welches Fazit er für sich selbst ziehe: Auch wenn dieser Moment ein wenig konstruiert war – die Antwort des alten Haudegens packte wohl jeden im Saal beim Herzen: „Ich bin zufrieden.“