KREISEL-Interview mit Ingrid Beier

Neulich sprach mich ein Mann an, ein ganz seriöser Herr.

Ingrid Beier

Vor dem Sachsenpokal-Halbfinale trafen wir uns mit Ingrid Beier zum Interview. Die 85-Jährige ist in der Sportgemeinschaft besser bekannt als „Dynamo-Omi“.

Bei Kaffee und Kuchen sprachen wir mit ihr über Gerrit Müller, Ziehharmonikas und seriöse Herren in Kaufhallen. Außerdem verriet sie uns, warum ihr der Umzug ins betreute Wohnen Ende 2015 besonders schwer gefallen ist.

Omi, sind Spiele wie letzte Woche gegen Rostock in deiner reifen Jugend eigentlich ein Gesundheitsrisiko, oder bist du inzwischen einfach zu abgebrüht?
Ich kann nicht abgebrüht sein. Das Herz schlägt jedes Mal höher, wenn es in den letzten Minuten 2:1 steht. Wenn man dann noch eins reinbekommt, regt mich das natürlich auf.

Hat dein Hausarzt schon Bedenken angemeldet?
Nein, überhaupt nicht. Dr. Juschten sagt immer, dass ich weiter hingehen soll, weil es mich jung hält. (lacht)

Wie wird man zum Maskottchen eines Vereins, der eigentlich kein Maskottchen hat?
Das kann ich auch nicht sagen. Wahrscheinlich, weil ich schon so lange dabei bin. Aber am Samstag gegen Rostock hat wirklich jemand gesagt: „Ach, jetzt ist das Maskottchen da, wir können anfangen“.

Seit wie vielen Jahren gehst du zu Dynamo?

Seit 1954.

Kannst du dich an dein erstes Spiel erinnern?

Das weiß ich nicht mehr. Das, was zählt, ist jetzt. Alles andere muss ich im Alter ausschalten. (lacht)

Hat dich am Anfang jemand mitgenommen?
Nein, ich bin immer alleine gegangen. Wir hatten damals ja nicht viel. Sagen wir mal so: Auf der Straße konnte man nicht singen, was man wollte. (lacht) Und andere Veranstaltungen gab es auch nicht so viele. Der Fußball war das Einzige, was mich gefesselt hat.

Bist du damals schon Straßenbahn gefahren?

Am 8. Juni 1954 habe ich angefangen, Straßenbahn zu fahren. Das ging bis 1977, dann bin ich in die Kantine auf der Waltherstraße gegangen.

Die Kantine der Verkehrsbetriebe?

Genau. Dort habe ich bis zur Rente gearbeitet.

Welche Linien bist du gefahren?

Durch ganz Dresden. Den großen Hecht, den kleinen Hecht, die Ziehharmonika, alles, was es gab …

So hießen seinerzeit die verschiedenen Wagen?

Richtig.

Heute bist du nur noch Fahrgast. Reizt es dich manchmal, noch mal selbst in der Kabine zu sitzen?

Ja, auf jeden Fall. Es juckt häufiger in den Beinen. Manchmal zum Beispiel, wenn die Bahn ruckartig bremst, dann tut das schon in der Seele weh. (lacht)

Wärst du lieber mit den heutigen modernen Bahnen gefahren, bei denen das meiste automatisch funktioniert?

Ich glaube, gerade weil vieles automatisch läuft, kommt zu viel Routine rein. Die Aufmerksamkeit ist dann in bestimmten Situationen vielleicht nicht mehr so hoch. Auf der anderen Seite ist es heute natürlich angenehmer, gerade im Winter oder im Hochsommer, wenn die Temperaturen extrem sind. Da ist die geschlossene Fahrerkabine natürlich besser. Aber ich bin für mein Leben gern Straßenbahn gefahren.

Es gibt zwei Menschen, die dich in deiner Leidenschaft für die SGD besonders unterstützen …
Ja, das sind der Handy-Jens und der Hansetrans-Jörg …


Das Telefon klingelt. „Ja, hier ist Beier!“ Eine Frauenstimme am anderen Ende. Dann wieder die Omi (resolut): „Nein, ich habe jetzt keine Zeit. Entschuldigen Sie, aber ich bin jetzt beschäftigt. Rufen Sie später noch mal an.“ Legt auf.

Wo waren wir stehen geblieben?

Beim Handy-Jens und beim Hansetrans-Jörg.  Wie hast du die beiden kennengelernt?

Durch den Fußball! Den Jens kenne ich schon etliche Jahre, Jörg habe ich erst später kennengelernt. Beide haben ein Herz für alte Frauen, trotz dessen sie noch so jung sind. (lacht) Richtige Kavaliere eben.

Du hast über all die Jahre sehr viele Spieler und Trainer kennengelernt. Welcher ist dir als besonders sympathisch in Erinnerung geblieben?
Bei den Trainern Ralf Loose, und bei den Spielern Gerrit Müller. Mit dem bin ich heute noch in Verbindung.

Schreibt ihr euch ab und zu SMS?

Ja, und jetzt, als er in Dresden war, haben wir uns auf einen Kaffee getroffen.

Wo?

In der Altmarkt Galerie. Dort haben wir uns auch früher schon getroffen, wenn es mal geklappt hat.

Und worüber habt ihr gesprochen?

Über Gott und alle Welt. Über Fußball, und auch über die Familie. Er und seine Frau haben ja jetzt einen kleinen Jungen, ein sehr niedliches Kind. Es gibt immer Gesprächsstoff. Mein jetziger Lieblingsspieler ist Marco Hartmann. Ich habe ihn mal im Krankenhaus besucht, als er verletzt war. Seitdem finde ich den Marco am sympathischsten.

Man munkelt, ein Trainer hätte dich auch mal aus dem Mannschaftsbus geworfen …
Das wüsste ich nicht.

Abfahrt zum Auswärtsspiel, die Omi in den Bus rein, um eine Ansprache zu halten …

Nein, das ist nicht wahr. Wenn ich reingegangen bin, habe ich bloß gesagt: „Macht‘s gut Jungs, gute Fahrt und kommt gesund wieder“. Dann bin ich immer von alleine wieder raus, weil ich doch wusste, dass sie niemanden mitnehmen.

Also nie angeeckt?

Was ich nicht wüsste … Oder es ist mir entfallen, weil es nicht der Rede wert war.

2015 hast du deine Wohnung in Dresden-Friedrichstadt aufgegeben und bist ins betreute Wohnen nach Striesen gezogen. Wie schwer ist dir dieser Schritt gefallen?

Sehr schwer. Ich habe 26 Jahre dort gewohnt, in Friedrichstadt. In meinem Alter fällt es schwerer, sich einzugewöhnen. Die neue Umgebung, neue Leute. Auf der Waltherstraße bin ich aus dem Haus gegangen, da waren die Werkstatt und der Betriebshof von den Verkehrsbetrieben, da habe ich immer Kollegen getroffen, mit denen ich reden konnte. Das fehlt hier ein bisschen.

Hast du dich inzwischen etwas eingelebt?

Doch, eigentlich schon. Die Leute hier sind sehr nett. Und ich habe eine schöne Aussicht. Darum beneiden mich alle. (lacht)

Hast du in deinem neuen Zuhause auch den einen oder anderen Dynamo-Fan gefunden?

Ja, die gibt‘s hier auch. Zwei von den Schwestern gehen immer zum Spiel. Und die Frau von der Wohnungsverwaltung, die nimmt auch ihre Tochter mit.

Und von den älteren Menschen?
Das wäre mir nicht bekannt. Aber als ich letzten Dezember eingezogen bin und gerade aus dem Fahrstuhl kam, da haben sie gesagt: „Ach, die Dynamo-Oma ist da!“.

Ist dir deine Bekanntheit manchmal auch ein bisschen unangenehm?

Manchmal ja. Es kommt vor, dass mich Leute ansprechen, die dann schlecht über Dynamo reden. Da haue ich dann meistens direkt ab. Auf Dynamo lasse ich nichts kommen.

Aber das ist doch sicher die Ausnahme?

Ja, schon. Neulich sprach mich ein Mann hier unten in der Kaufhalle an, der sagte: „Du bist doch die Dynamo-Oma, soll ich dich nach Hause bringen?“. Da hatte ich nichts dagegen. Das war ein ganz seriöser Herr, der geht auch immer zu Dynamo.

Sollte es mit dem Aufstieg in diesem Jahr klappen, wie wirst du ihn feiern?

Wir hoffen doch stark, dass es klappt! Schön wäre, wenn ich es so ähnlich handhaben könnte, wie 2011. Damals war ich mit auf dem Flughafen. An der Absperrung sagte jemand: „Das ist die Dynamo-Oma, die muss mit rein“. Dann habe ich mich zu den Spielerfrauen gestellt und wir haben die Mannschaft empfangen. Vorneweg mein guter Gerrit mit dem verletzten Knie. Dann ging es mit dem Bus in die Stadt, drei Stunden vom Flughafen bis zur Schauburg.

Was hättest du am Ostersonntag gemacht, wenn kein Fußball gewesen wäre?

Die Kinder hätten mich abgeholt, und wir wären zusammen ein bisschen rausgefahren. Was man zu Ostern eben so macht.

Omi, danke dir sehr für das Gespräch!

Interview: Jan Franke
Fotos: Frank Dehlis