Florian Ballas im KREISEL-Interview

Zwischen Fans und Mannschaft darf nichts dazwischen passen.

Florian Ballas

Vor dem Heimspiel gegen den SV Darmstadt 98 haben wir uns mit Dynamos neuem Kapitän zum KREISEL-Interview zusammengesetzt. Florian Ballas ist seit nunmehr dreieinhalb Jahren ein Schwarz-Gelber mit Leib und Seele.

Wir sprachen mit dem Verteidiger über seine neue Rolle mit der Binde am Arm, die prekäre sportliche Situation der SGD und wie die Mannschaft gemeinsam mit den Fans das große Ziel Klassenerhalt erreichen will.

Flo, wie fühlt sich die Kapitänsbinde von Dynamo Dresden an?
Es ist für mich natürlich etwas ganz Besonderes, dass mir Mannschaft und Trainer das Vertrauen in der Winterpause geschenkt haben. Es erfüllt mich auch mit Stolz, bei so einem großartigen Traditionsverein die Binde tragen und die Mannschaft aufs Feld führen zu dürfen.

Du spielst seit 2016 für die SGD. Wie wirst du das neue Amt ausfüllen?
Gerade in der jetzigen Situation versuche ich voranzugehen. Erst einmal natürlich mit guter Leistung. Zudem will ich aber auch den nächsten Schritt machen, was meine Persönlichkeit und meinen Führungsstil auf dem Platz betrifft.

Du hast bei der Wahl zum Mannschaftsrat die meisten Stimmen deiner Mannschaftskollegen erhalten. Wie sehr freut dich der damit direkt zum Ausdruck gebrachte Rückhalt deiner Teamkollegen?
Es ist für mich eine absolute Auszeichnung, dass die Jungs mich in dieser Rolle sehen. Das zeigt mir, dass ich in den vergangenen Jahren vor allem auch auf menschlicher Ebene in diesem Verein einiges richtig gemacht haben muss.

Du bist 27 Jahre alt. Kommt der Schritt, jetzt mehr Verantwortung innerhalb des Kollektivs zu übernehmen, für dich zur richtigen Zeit?
Wir sind gerade in einer äußerst prekären Situation, in der wir alle mehr Verantwortung übernehmen müssen. Da schließe ich mich als Teil der Mannschaft selbstverständlich mit ein. Ich habe den Anspruch, möglichst jedes Spiel zu machen und man sagt ja, dass man zwischen 27 und 30 im besten Fußballalter ist. Deshalb kommt dieser Schritt jetzt vielleicht genau zum richtigen Zeitpunkt.

Du hast die Kapitänsbinde von Marco Hartmann übernommen. Holst du dir bei ihm den einen oder anderen Tipp?
Erst mal ist es sehr schade, dass „Harti“ in letzter Zeit so viele Probleme mit seinen Verletzungen hatte. Er ist eine absolute Identifikationsfigur im Verein und wir wissen alle, was wir an ihm haben. Er hat weiterhin in der Kabine seinen Einfluss und da tauschen wir uns auch über gewisse Sachen aus. Er ist nach wie vor ein wichtiger Ansprechpartner – nicht nur für mich.

Es gibt einen komplett neuen Mannschaftsrat, ist dadurch auch direkt eine neue Hierarchie innerhalb des Teams spürbar?
Wir haben in der Winterpause als Mannschaft klar besprochen, dass es gewisse Regeln gibt, die jeder von uns im Alltag mit Leben füllen muss. Das heißt nicht, dass irgendjemand über dem anderen steht, aber ich bin auch mit einer klaren Hierarchie in meinen ersten Profijahren großgeworden. Es gab gewisse Ansprechpartner, die zusammen mit dem Trainer die Marschrichtung vorgegeben haben und die anderen mitzogen. Genauso wollen wir das hier jetzt auch angehen.

Du hast selbst schon mit vielen Leitwölfen zusammengespielt. Was macht deiner Meinung nach einen guten Kapitän aus?
Der Fußball hat sich diesbezüglich ein bisschen verändert. Die klassischen Lautsprecher, die auch mal jemandem am Kragen packen oder richtig mit der Faust auf den Tisch hauen, gibt es nicht mehr so häufig. Stattdessen wird die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt und ich denke, dass das einigen die Möglichkeit gibt, über sich hinaus zu wachsen. Außerdem bin ich der Meinung, dass man negative Dinge, die einem als Kapitän auffallen, besser intern besprechen sollte, als sie auf dem Feld nach außen zu kehren.

Das Jahr 2019 war für dich persönlich, aber auch für die Mannschaft, aus sportlicher Sicht eher bescheiden. Wie hast du dich aus deinem Formtief befreit?

Wir haben gesagt, dass wir die Hinrunde abhaken und einen Neustart vollziehen müssen. Das ging durch den gesamten Verein durch – auch bei den Fans und Verantwortlichen. Jeder wusste vom ersten Tag der Vorbereitung an, um was es geht und man hat gemerkt, dass keiner dabei ist, der sich nicht mit unserem Ziel identifiziert. Auch ich persönlich habe mir vorgenommen, positiv nach vorne zu schauen und nicht zurückzublicken.

Ihr habt gegen Karlsruhe und Heidenheim sehr diszipliniert als gesamtes Team verteidigt. Ist das schon das erste Verdienst der Arbeit des neuen Cheftrainers Markus Kauczinski?

Auf jeden Fall. Man sieht, dass der Trainer sehr viel Wert darauflegt, dass das Verteidigen vorne schon losgeht. Die Stürmer und Offensivkräfte arbeiten schon unheimlich viel weg und alles was durchkommt, versuchen wir dann hinten zu lösen. Das hat in den ersten beiden Spielen super geklappt. Es war mit Sicherheit noch nicht alles perfekt, aber es geht jetzt darum, Punkte einzufahren.

Wie hat Markus Kauczinski die Liebe zum Verteidigen innerhalb der Mannschaft geweckt?
Er hat uns unmissverständlich klar gemacht, dass wir, nur wenn wir leidenschaftlich und mit hohem Einsatz verteidigen, auch zu unseren Ballbesitzphasen kommen werden und so unsere fußballerische Qualität auf den Platz bringen können. Außerdem ist logischerweise der Weg zum gegnerischen Tor viel kürzer, wenn man den Ball früh und hoch erobert. Es macht zudem großen Spaß, wenn man als echte Einheit auf dem Platz steht.

Ihr habt enorme Leidenschaft in den ersten beiden Restrundenspielen auf den Platz gebracht. Das zeigen auch die Statistiken. Wie könnt ihr dieses Feuer auf die letzten 14 Endspiele übertragen?
Es ist wichtig, die Spannung zu halten und weiter hart zu trainieren. Wir müssen uns Tag für Tag unser Ziel vor Augen halten und alles reinhauen, damit wir am Ende der Saison über dem Strich stehen.

„Wir. Zusammen. Jetzt.“ Im Trainingslager ist auch ein neuer Geist zwischen Mannschaft und Fans gewachsen. Wie hast du den Schwur von Mijas erlebt?

Dort gab es viele offene Gespräche, die sich gut und richtig angefühlt haben. Man hat gemerkt, dass nicht nur wir diese enttäuschende Hinrunde vergessen machen wollen. Jede Partei ist dort aufeinander zugegangen, hat eigene Fehler eingeräumt und die Bereitschaft signalisiert, gemeinsam aus diesem Loch wieder herauskommen zu wollen. Zwischen Fans und Mannschaft darf nichts dazwischen passen. Wenn das gegeben ist, ist es sehr schwer, gegen uns zu bestehen.

Wie groß ist der Faktor Motivation, wenn man als Tabellenletzter mit einer erfolgreichen Restrückrunde plötzlich noch richtig was in einer Saison gewinnen kann, die im Winter fast schon gelaufen schien?
Es gibt erst mal nichts Geileres als täglich auf den Platz gehen und das machen zu dürfen, was man liebt. Natürlich wäre es etwas ganz Besonderes, als Totgeglaubte des Winters im Sommer dazustehen und den Klassenerhalt zu feiern. Das kann von den Gefühlen her mit Sicherheit so geil wie ein Aufstieg sein. Aber das sehen wir dann, wenn es soweit ist. Wir haben in dieser Saison jedenfalls noch etwas zusammen vor und werden hart für das Erreichen unseres Ziels kämpfen.

Nun kommt es zum Aufeinandertreffen mit einem alten Weggefährten. Es ist kein Geheimnis, dass dich mit „Erik“ Berko eine enge Freundschaft verbindet. Wie trennt man Abstiegskampf von Freundschaft?
Ich glaube, dafür sind wir beide lange genug dabei. Wenn er spielen sollte, was ich ihm wirklich wünschen würde, wird es bestimmt ein paar Frotzeleien auf dem Platz geben (lacht). Das gehört einfach dazu und so haben „Erik“ und ich uns auch kennengelernt. Ich freue mich auf jeden Fall ihn wiederzusehen.

Danke dir für das Gespräch und viel Erfolg weiterhin, Flo.

Interview: Henry Buschmann und Marcel Devantier
Fotos: Dennis Hetzschold (1&5), Steffen Kuttner (2,3,4)