KREISEL-Interview mit Jan Seifert

In der Nachwuchs Akademie arbeiten wir am Erbgut des Vereins.

Jan Seifert

Vor dem Heimspiel gegen Unterhaching sprachen wir mit Jan Seifert. Dynamos Nachwuchsleiter war als knallharter und kopfballstarker Defensivspieler sechs Jahre für die Spielvereinigung aktiv und erzielte für die Oberbayern in 186 Pflichtspielen 23 Tore.

Wir sprachen mit dem 46-Jährigen über ein historisches Herzschlagfinale in der Bundesliga. Wir wollten wissen, warum es den gebürtigen Brand-Erbisdorfer am Ende der Karriere ausgerechnet zu Dynamo verschlug. Wir fragten den Mann mit drei Europapokal-Einsätzen, was er zur Nominierung von Markus Schubert für die U17-Europameisterschaft sagt. Außerdem verriet er uns, was junge Talente mitbringen müssen, um für die Nachwuchs Akademie der SGD interessant zu sein.

Jan, du warst von 1998 bis 2004 für Unterhaching aktiv, deine längste Station im Profifußball. Hast du noch Verbindungen zu deinem Ex-Verein?
Zum Verein selber nicht mehr. Von den ehemaligen Mitspielern und auch von den Verantwortlichen ist inzwischen keiner mehr in Unterhaching. Aber der Kontakt zu einigen früheren Weggefährten ist noch da.

2000/01 warst du mit Haching mittendrin in einem legendären Meisterschaftsfinale. Schalke schlug euch 5:3 und feierte im Gelsenkirchener Parkstadion für vier Minuten den vermeintlichen Titelgewinn. Du hast den zwischenzeitlichen 3:2-Führungstreffer gemacht, am Ende seid ihr abgestiegen. Wirst du noch oft auf diesen Tag angesprochen?
Inzwischen nicht mehr so oft, schließlich ist das Ganze 14 Jahre her. Wir hatten mit Unterhaching ja schon ein Jahr zuvor am letzten Spieltag ein kleines Stück Geschichte geschrieben, als wir gegen Leverkusen gewannen. Bayer hätte nur noch einen Punkt für den Titel gebraucht, so wurden die Bayern am Ende doch noch Meister. Ein Jahr später hat der FC Bayern es dann auch ohne unsere Hilfe geschafft. Es war das letzte Spiel im alten Parkstadion, die Atmosphäre war gigantisch. Jeder dort hat darauf gehofft, dass Schalke an diesem Tag nach langer Zeit wieder Deutscher Meister werden würde. Wir haben 2:0 und 3:2 geführt, waren aber darauf angewiesen, dass Cottbus bei 1860 München nicht gewinnt. Da Cottbus sich mit 1:0 durchsetzte, wären wir auch mit einem Sieg abgestiegen. Nach dem Schlusspfiff war der Rasen voll mit Fans und Spielern, wir sind in dem ganzen Trubel mehr oder weniger untergegangen. Ich glaube, dass am Ende auf beiden Seiten Tränen geflossen sind.

Mit Dynamo hattest du bis 2004 kaum Berührungspunkte. Wie kam dein Wechsel zur SGD nach dem Zweitliga-Aufstieg zustande?
Für mich war immer klar, dass ich nach der Karriere zurück in den Osten gehen wollte. Ich hatte sechs Jahre in München gelebt, deshalb kamen für mich nicht so viele Städte in Frage, eigentlich nur Leipzig und Dresden. In Leipzig lag der Fußball damals am Boden, Dynamo war im Aufschwung. Hinzu kam, dass ich das Trainergespann in Dresden ganz gut kannte. Christoph Franke ist in Karl-Marx-Stadt über Jahre mein Jugendtrainer gewesen, und später Co-Trainer zu Zeiten von Hans Meyer. Und mit Sven Köhler [2002-2005 Co-Trainer von Christoph Franke bei Dynamo; d. Red.] war ich seinerzeit schon verschwägert. Für den Kampf um den Klassenerhalt suchten die beiden noch einen erfahrenen Spieler für die Abwehrreihe um Volker Opitz und Levente Csik, da passte ich sportlich ganz gut rein.

Mit Sven Köhler hast du beim FC Karl-Marx-Stadt noch zusammen Europapokal gespielt ...
Sven und ich, wir kennen uns von Kindesbeinen auf. Wir kommen aus demselben Ort, waren zusammen auf der Sportschule, irgendwann hat er dann meine Schwester kennengelernt. (lacht) Als wir Boavista Porto mit Karl-Marx-Stadt 1989 zuhause 1:0 geschlagen haben, hat er das Tor gemacht.

Ihr seid damals ins Achtelfinale eingezogen und dort gegen Juventus Turin ausgeschieden …
Ich war in Turin dabei, gehörte aber nicht zum Kader. Das Spiel war ein paar Tage nach Öffnung der Grenze, deshalb konnten wir alle mit nach Italien reisen. Im Jahr darauf bin ich noch zweimal als Spieler im Europapokal zum Einsatz gekommen. Damals hieß der Verein dann schon Chemnitzer FC. Wir sind in der ersten Runde gegen Borussia Dortmund ausgeschieden.

Zurück zu Dynamo: Obwohl du nur ein Jahr hier gespielt hast, bist du danach direkt in den Trainerstab gewechselt. Wie kam es dazu?
In den Gesprächen mit dem Verein war von Anfang an Thema, dass ich gern bei Dynamo bleiben wollte. Dynamo war ein schlafender Riese, hatte viel Potenzial, eine lange Tradition, große Emotionen, positiv wie negativ. Außerdem bin ich in Brand-Erbisdorf aufgewachsen, da war man schon als Kind Dynamo-Fan. Die Gespräche mit dem damaligen Geschäftsführer Volkmar Köster waren gut, er hat mir seinerzeit mehr oder weniger den Weg geebnet. Nach dem Ende der aktiven Zeit habe ich eine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann gemacht und im Verein erst mal alle Abteilungen durchlaufen.

Seit 2005 warst du bei Dynamo Co-Trainer der Profis, Trainer der Reserve, bist nun seit einem Jahr Nachwuchsleiter. In welcher Aufgabe hast du dich am wohlsten gefühlt?
Schon die Anfangszeit war sehr intensiv. Neben der Ausbildung war ich Spielertrainer der zweiten Mannschaft und bin vom Bürostuhl auf den Rasen hin und her gewechselt. 2007 bin ich Co-Trainer geworden, erst unter Eduard Geyer, dann unter Ruud Kaiser. Das war natürlich eine super Zeit, in der man eine Menge erlebt, aber auch viele Erfahrungen gesammelt hat. Die Aufgabe als Nachwuchsleiter ist bisher vielleicht die größte Herausforderung. Diese Tätigkeit füllt mich sicher am meisten aus.

Du hast elf Nachwuchsmannschaften unter deinen Fittichen. Wie behältst du den Überblick?
Es gibt eine Aufgabenverteilung, ein Team von unheimlich engagierten und fleißigen Mitarbeitern, das den Laden hier zusammenhält. Natürlich mussten wir nach dem Abstieg der ersten Männermannschaft im letzten Jahr Einschnitte machen, die Umstände sind etwas schwieriger geworden. Wichtig ist einfach, dass es immer wieder Tage gibt, an denen man nach Hause fährt und denkt: „Mensch, heute haben wir was erreicht.“

Wie sieht bei dir eine typische Arbeitswoche aus?
Die Arbeitswoche beginnt am Montag in der Regel mit einer Mitarbeitersitzung und einer Trainersitzung. Dort sprechen wir über alle Probleme, die am Wochenende aufgetreten sind, und über das, was für die kommende Woche ansteht, wie wir die Aufgaben verteilen. Für mich besteht die Woche aus vielen Terminen, sei es in Schulen, bei Sponsoren oder bei Kooperationspartnern. Hinzu kommen Gespräche mit Eltern, aber auch mit Trainern und Spielern. Dann versuche ich, bei vielen Spielen dabei zu sein und auch bei den Trainingseinheiten regelmäßig vorbeizuschauen. Die meisten Tage kann man nicht planen, einen geregelten Ablauf gibt es als Nachwuchsleiter nicht. Letzten Endes sind das aber alles Bausteine der umfassenden Aufgabe, der meine Mitarbeiter und ich uns Woche für Woche widmen: Es geht um die Erarbeitung und Weiterführung sowie die anschließende Umsetzung und Kontrolle einer konzeptionellen und strategischen Nachwuchsförderung. Es geht um die Formulierung einer vereinseigenen Vision, die so gelebt wird, dass sie irgendwann allen Mitarbeitern und Spielern in Fleisch und Blut übergeht. In der Nachwuchs Akademie arbeiten wir gewissermaßen am Erbgut des Vereins.

Dynamo pflegt im Nachwuchs zahlreiche Kooperationen mit anderen Vereinen. Wie groß sind die Synergieeffekte?
Die Zusammenarbeit mit den Kooperationspartnern ist für Dynamo Dresden unheimlich wichtig. Ohne Kooperationen mit anderen Vereinen könnte ein Leistungszentrum gar nicht funktionieren. Zugleich ist es wichtig, dass wir selbst uns konzeptionell und strukturell weiterentwickeln, damit die Zusammenarbeit mit den Kooperationspartnern noch effektiver wird und mehr Früchte tragen kann. Hier haben wir noch eigene Hausaufgaben zu erledigen. Ich habe mir auf die Fahnen geschrieben, dass wir uns weiterentwickeln und damit die Voraussetzungen verbessern, um mit den Partnern und Stützpunkten in der Stadt und in der Region noch enger zusammenzuarbeiten. Nur so werden wir uns langfristig gegen den immer weiter steigenden Konkurrenzdruck behaupten können.

Mit Marvin Stefaniak, Tobias Müller, Toni Leistner, um nur einige zu nennen, hat in den letzten Jahren eine Reihe von Talenten aus dem Jägerpark den Sprung bei Dynamo in den Profi-Fußball geschafft. Wie ist es um die Kooperation mit Borea bestellt?
Die Borea-Talente lernen an denselben Sportschulen wie unsere Jungs, schon von daher sind beide Vereine in der Nachwuchsarbeit eng verzahnt. Ich denke, dass die Kooperation für beide Vereine enorm wichtig ist – für Borea genauso wie für uns. Das Verhältnis zwischen beiden Vereinen war über Jahre angespannt, da müssen wir nicht drum herum diskutieren. Aber ich glaube, dass wir mit Frank Krummrey [Geschäftsführer SC Borea Dresden; d. Red.] einen Ansprechpartner haben, mit dem wir uns gut und offen austauschen. Letztlich muss die Partnerschaft ein Geben und Nehmen sein, von dem beide Vereine partizipieren. Der Anspruch sollte sein, dass die besten Talente eines Jahrgangs bei Dynamo spielen. Umgekehrt können die Kooperationspartner davon profitieren, wenn Spieler den umgekehrten Weg gehen, um mehr Spielpraxis zu bekommen und in ihrer Weiterentwicklung optimal gefördert zu werden.

Mit FK Teplice und FK Ústí nad Labem kommen zwei Partner aus dem Nachbarland. Werden wir irgendwann tschechische Talente sehen, die für Dynamos Nachwuchs kicken?
Ziel ist das auf jeden Fall. Wir freuen uns zunächst einmal, dass wir die Kooperation mit beiden Vereinen pflegen und mit Leben erfüllen. Derzeit kommen im D- und C-Juniorenbereich regelmäßig Talente aus Ústí nad Labem zum Training nach Dresden. Die Jungs können sich hier auf einem höheren Level beweisen, während wir die Möglichkeit haben, sie kontinuierlich zu beobachten. Grundsätzlich halte ich die Spieler aus Tschechien für charakterlich sehr stark. Sie bringen eine ausgeprägt positive Mentalität mit. Im Rahmen eines von der EU geförderten Projekts wollen wir das Stück für Stück weiter ausbauen. Wir reden dabei über Trainerhospitationen, Testspiele untereinander, gemeinsame Trainingslager. Natürlich ist es unser Wunsch, dass perspektivisch auch einmal Nachwuchstalente aus dem Nachbarland für uns spielen, um uns zu verstärken, aber bis dahin ist es noch ein Stückchen des Weges.

Du hast gerade das Stichwort Charakter genannt. Würdest du sagen, dass Charakter, Wille und Fleiß heute eine größere Rolle spielen als noch vor 20 Jahren?
Charakter allein reicht ab einem gewissen Level nicht mehr aus. Generell bin ich aber von dem Spruch überzeugt, „Charakter schlägt Talent“. Das war früher schon so, und das bestätigt sich immer wieder. Für uns als Nachwuchs Akademie ist das ein wichtiges Thema. Wir müssen es schaffen, den Spielern in der Ausbildung von der U11 bis zur U17 einen charakterlichen Stempel aufzudrücken. Wir sind in der Verantwortung, die Jungs so zu formen, dass wir sagen können: „Das ist ein Dynamo-Spieler.“ Im Hinblick auf die fußballerische Ausbildung, aber auch im Hinblick auf Mentalität und Charakter. Das ist es, was ich mit der Arbeit am Erbgut meinte. Doch das ist ein langjähriger Prozess, in dem es sehr auf kontinuierliche und geduldige Arbeit ankommt – von Seiten des Vereins, aber auch von Seiten der Spieler.

Im April hat der DFB Markus Schubert für die U17-EM nominiert. Wie ist das bei euch angekommen?
Es gibt nichts Besseres. Schon dass Markus sich letztes Jahr für Dynamo entschieden hat, obwohl er von RB Leipzig umworben worden ist, war für uns als Verein ein toller Erfolg. Seine Berufung in den DFB-Kader für die Europameisterschaft ist für alle Jungs ein Zeichen: Auch als Spieler von Dynamo Dresden kannst du Nationalspieler werden. Marvin Stefaniak möchte ich hier auch nennen. Solche Beispiele sind Motivation für unsere Arbeit und für jeden unserer Nachwuchsspieler, der seinen Weg machen möchte.

Mit Niklas Hauptmann und Niklas Landgraf haben zwei Nachwuchstalente Profi-Verträge ab der kommenden Saison erhalten. Traust du den beiden den Sprung zu?
Der Wechsel vom Nachwuchs in den Männerbereich ist immer ein Quantensprung. Ob ein junger Spieler gut Fuß fassen kann, wird zum einen von ihm selber abhängen, aber auch von der Mannschaft, in die er hineinstößt. Es ist entscheidend, Spielpraxis zu sammeln, das müssen sich die Jungs selbst erarbeiten. Genauso wichtig ist es aber auch, dass es in der Mannschaft ein intaktes Gerüst gibt und ältere Spieler da sind, die dir sagen, wo es lang geht. Als ich bei den Männern angekommen bin, gab es einen erfahrenen Nebenmann, der mir auf dem Platz gesagt hat, was ich zu machen habe. Diesen Rückhalt und diese Orientierung brauchst du am Anfang.

Die U19 hat dieses Jahr den Klassenerhalt nicht geschafft, obwohl sie in vielen Spielen auf Augenhöhe war. Woran hat es gelegen?
In den vorangegangenen zwei Spielzeiten hatten wir einfach einen sehr guten Jahrgang mit Spielern wie Stefaniak, Milde, Baumann, Pfanne, Heppner, wie sie alle heißen. Dieser Jahrgang hat den Aufstieg geschafft und die Klasse letztes Jahr souverän gehalten. In diesem Jahr war die Qualität im Prinzip auch wieder da, um die Bundesliga zu halten. Aber uns hat einfach ein Knipser gefehlt, der die Dinger vorne reinmacht.

Seit März habt ihr das neue Funktionsgebäude neben dem Steyer-Stadion in Beschlag genommen. Ein echter Fortschritt für das alltägliche Arbeiten?
Mit dem Funktionsgebäude hat unsere Ausstattung, die ganze Infrastruktur noch einmal ein deutlich höheres Niveau erreicht. Die Qualität der Ausbildung hat sich dadurch weiter erhöht. Wir sind sehr froh, dass wir diese Räumlichkeiten beziehen konnten. Den nächsten wichtigen Schritt werden wir machen, wenn im Sportpark Ostra ein dritter Rasenplatz hinzukommt. Mit dieser zusätzlichen Fläche werden wir alle Nachwuchsmannschaften, auch den Kleinfeldbereich, im Ostragehege vereinen können. Darauf arbeitet der Verein derzeit hin.

Im Juni finden die nächsten Talentetage für die Jahrgänge 2003 bis 2006 statt. Was muss ein junger Kicker mitbringen, um für Dynamos Nachwuchs Akademie in Frage zu kommen?
Natürlich werden wir uns die Jungs genauer anschauen, die schon eine überragende Technik am Ball besitzen. Aber in erster Linie werden wir auf Dinge wie Koordination, Motorik, Beweglichkeit und Schnelligkeit achten. Das sind essenzielle Voraussetzungen, die man nur schwer trainieren kann. Technik, Ballverarbeitung, Taktik etc. – das kann man alles erlernen, das müssen wir als Trainer den Jungs dann mitgeben.

Jan, vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Jan Franke
Fotos: Frank Dehlis