Es ist unfassbar, was hier abgeht!

Jim-Patrick Müller

Vor dem Heimspiel gegen Energie Cottbus trafen wir uns mit Jim-Patrick Müller zum Interview. Obwohl der offensive Mittelfeldspieler in dieser Saison erst fünf Drittliga-Einsätze als Einwechsler bestritt, strahlt er beim Blick auf den bisherigen Saisonverlauf große Gelassenheit aus – selbst nach seinem starken Startelf-Debüt im Pokalspiel gegen Chemnitz, das er mit einem Treffer krönte.

Nach einer Trainingseinheit sprachen wir mit dem 25-Jährigen im Großen Garten über den Konkurrenzkampf in der Mannschaft, den starken Saisonstart der SGD und mögliche Gefahren des Erfolgs. Außerdem verriet uns „Jimi“, warum er, der geborene Münchener, sich nicht zur „bayerischen Fraktion“ in der Mannschaft zählt.

Welche Bedeutung hatte für dich dein Treffer im Sachsenpokal gegen Chemnitz?
Eine große Bedeutung, da mir seit langer Zeit endlich mal wieder ein Treffer in einem Pflichtspiel gelungen ist.

Es war dein erster Pflichtspieltreffer im 13. Einsatz für Dynamo. Ist mit diesem Tor auch eine kleine Last von deinen Schultern gefallen?
Ich habe ein Foto von mir gesehen, das entstanden ist, als der Ball gerade über die Linie gegangen ist. An meinem Gesichtsausdruck in diesem Moment kann man gut erkennen, dass tatsächlich eine Last von mir abgefallen ist. Für mich persönlich war dieses Tor ein kleiner Befreiungsschlag und ein wichtiges Erfolgserlebnis.

Trotz zahlreicher Ausfälle von Stammspielern gegen Chemnitz hatte man nicht das Gefühl, dass es einen spürbaren Leistungsabfall auf dem Platz gab. Wie erklärst du dir das?
Wir haben einfach einen sehr starken Kader. Wenn man die Trainingsspiele bei uns verfolgt, dann sieht man, dass es auch dort zwischen A- und B-Team immer Spitz auf Knopf zugeht. Das macht unsere Stärke in dieser Saison aus. Wenn ein Spieler ausfällt, egal auf welcher Position, dann ist schon jemand da, der gleichwertig einspringt und den Job genauso gut macht.

Du bist im vergangenen Winter aus Sandhausen zur SGD gestoßen. Warum hast du einen so langen Anlauf benötigt, um richtig in Dresden anzukommen?
Ich denke, dass das vergangene Fußball-Jahr insgesamt ein sehr schweres für mich war. Mit meinem Wechsel von Regensburg nach Sandhausen ging alles los. Ich passte als Spieler plötzlich überhaupt nicht ins System der Sandhäuser und spielte dann ein halbes Jahr sportlich überhaupt keine Rolle. Das war das erste Mal in meiner Karriere, dass ich völlig außen vor war. Es war keine einfache Situation. Ich habe dann länger als gedacht gebraucht, um mich davon zu erholen. Ich bin ein Spieler, der eine gewisse Leichtigkeit für sein Spiel braucht. Es hat einfach gedauert, bis ich die Sicherheit wieder zurückbekommen habe.

Bei dem hohen Leistungsniveau des Kaders – wie schwer ist es derzeit, in die erste Elf zu kommen?
Sehr schwer. Wir haben viele Spieler auf der Bank, die bei jedem anderen Drittligisten mit Sicherheit absolute Stammspieler wären. Hier bei uns geht es im Kampf um die Stammplätze sehr eng zu. Die Jungs, die auf dem Platz stehen, machen es richtig gut und zahlen das Vertrauen des Trainers zu einhundert Prozent zurück. Ich glaube nicht, dass es noch eine andere Mannschaft in der 3. Liga gibt, die so viel Qualität wie wir hinten dran hat. Aber der Trainer kann nun mal nur elf Mann auf den Platz stellen und 18 Spieler in den Kader berufen.

Wie erlebst du den Konkurrenzkampf innerhalb der Mannschaft?
Wir haben einen sehr positiven Konkurrenzkampf. Hier versucht niemand, den anderen hinten herum auszustechen. Das Mannschaftsgefüge ist sehr gut. Der Trainer hat von Anfang an gesagt, dass jeder gebraucht wird, genau das bewahrheitet sich gerade. Wir haben in den vergangenen Spielen gesehen, wie schnell ein Spieler ausfällt und ein anderer gebraucht wird, der bis dahin auf der Bank saß. Bisher haben alle Spieler ihre Einsatzzeiten bekommen, das schweißt uns alle zusammen, weil jeder das Gefühl hat, seinen Teil zum Erfolg der Mannschaft aktiv beitragen zu können. Die Jungs, die beispielsweise auf meiner Position spielen, haben es in dieser Saison bisher super gemacht. Da freut man sich als Mitspieler mit, denn das Große und Ganze stimmt.

Sind Teamgeist und Zusammenhalt momentan das Geheimnis eures Erfolges?
Auf jeden Fall. Es sind Kleinigkeiten, an denen man so etwas sieht. Man braucht ja nur mal beobachten, wie sich die Jungs auf der Bank mitfreuen, wenn wir ein Tor machen. Es stimmt einfach in der Mannschaft, jeder versucht den anderen zu pushen und zu unterstützen.

Von 24 Feldspielern im Profi-Kader kamen bisher 22 Mann in einem Pflichtspiel in dieser Saison zum Einsatz. Ist es vielleicht die wichtigste Aufgabe von Uwe Neuhaus, alle Spieler im Kader bei Laune zu halten?
Ich glaube, dass das für jeden Trainer die größte Herausforderung ist, denn er muss alle bei Laune halten. Egal wie es in einer Mannschaft läuft, jeder der auf der Bank sitzt, will in die Mannschaft. Ich glaube, dass unser Trainer das bisher sehr gut hinbekommen hat. Ich selbst habe bisher ja nicht übertrieben viel gespielt, aber dadurch, dass ich immer mal wieder in die Mannschaft gekommen bin, habe ich das Gefühl, dass ich mitten in der Saison bin. Ich habe im Moment einen guten Rhythmus. Das ist enorm wichtig für einen Sportler, denn das gibt dir Sicherheit und die Selbstverständlichkeit, die du brauchst, wenn du auf dem Platz stehst.

Die Leistungsdiagnostik zeigt, dass du das Laufwunder der Mannschaft bist. Wie viel Genetik, wie viel Arbeit steckt darin?
Ich glaube, dass es eine gute Mischung aus beidem ist. Ich habe sicher eine gute Veranlagung, denn ich konnte schon als Kind sehr viel und weit laufen. Schon durch den Jugendbereich bin ich immer mit den besten Werten gegangen. Aber es gehört im Leistungssport natürlich auch dazu, dass man eine solche Veranlagung trainiert, um das Potential voll auszuschöpfen.

Kam für dich mal eine Laufbahn als Leichtathlet in Frage?
Nein, überhaupt nicht. Die pure Leichtathletik hat mir als Kind und Jugendlicher nie so richtig Spaß gemacht. Ich liebe den Ball und habe schon alle möglichen Ballsportarten ausprobiert. Die einzige Sportart im Ausdauerbereich, die mich interessiert, ist Triathlon. Das liegt aber vor allem daran, dass ich aus Roth komme, wo jedes Jahr ein großer Triathlon veranstaltet wird.

Hast du schon mal einen Triathlon absolviert?
Als Kind habe ich mal einen Kinder-Triathlon absolviert. Für mehr hat die Begeisterung bei mir bisher nicht gereicht, vielleicht auch deshalb, weil durch meinen Opa und meinen Vater schon immer Fußball das beherrschende Thema in unserer Familie war.

Wäre das eine Herausforderung für die Zeit nach deiner aktiven Karriere?
(lacht) Eine Herausforderung auf jeden Fall. Aber es ist für mich schwer vorstellbar, 42 Kilometer am Stück zu laufen, vor allem dann, wenn man vorher schon 180 Kilometer mit dem Rad gefahren und 3,8 Kilometer geschwommen ist. Es ist ein besonderes Feeling, wenn man in Roth dabei ist und den Teilnehmern bei dieser Schinderei zuschaut. Da kommt mir manchmal schon der Gedanke, dass es cool wäre, einmal im Leben einen Triathlon zu absolvieren. Es muss ein tolles Gefühl sein, wenn man nach stundenlanger Quälerei über die Ziellinie läuft. Im Moment kann ich es mir wirklich nur schwer vorstellen. Aber wer weiß – vielleicht packt mich irgendwann noch mal der Ehrgeiz.

Die Mannschaft steht nach dem 12. Spieltag unangefochten auf Platz 1 in der Tabelle. Hast du eine solche Serie als Fußball-Profi schon einmal zuvor erlebt?
Nein, so etwas habe ich noch nicht erlebt. Ich hatte mit anderen Vereinen auch schon mal einen guten Lauf, aber so etwas, in dieser dominanten Art und Weise, das erlebe ich gerade zum ersten Mal. Es ist im Moment wie eine Droge. Jeder ist absolut fokussiert auf die nächste Aufgabe. Wenn wir am Wochenende gewonnen haben, dann geht spätestens ab Mittwoch die volle Konzentration der Mannschaft auf das nächste Spiel. Keiner will sich auf den bisherigen Siegen ausruhen, jeder ist absolut motiviert, den nächsten Erfolg einzufahren. Es hat in dieser Saison einfach bei sehr vielen von uns Klick gemacht. Hoffen wir, dass diese Erfolgswelle noch eine Weile anhält.

Wieso lauft ihr nicht Gefahr, die Bodenhaftung zu verlieren?
Es wäre fatal, wenn jetzt irgendjemand abhebt. Wir wissen doch genau, dass im Oktober oder November noch nie jemand etwas in einer Saison erreicht hat. Ich glaube, dass auch die Erfahrung aus der vergangenen Saison ein bisschen über der Mannschaft schwebt. Der Einbruch im Frühjahr dieses Jahres ist Warnung für uns alle, niemand von uns will diese Phase noch einmal erleben. Wir haben damals viel gesprochen und alles Mögliche unternommen, aber nichts hat geholfen. Jetzt blicken wir immer von Aufgabe zu Aufgabe, von Spiel zu Spiel. Jedes gewonnene Spiel bringt uns ein Stück näher zu unserem Ziel. Das ist unsere Motivation, konzentriert zu arbeiten.

Mit Uwe Neuhaus hat Ralf Minge einen sehr erfahrenen Trainer verpflichten können, sein ruhiger und autoritärer Führungsstil scheint die Mannschaft zu beflügeln. Wie erlebst du die tagtägliche Arbeit des Trainers?
Der Trainer vermittelt einem immer das Gefühl, dass man zu ihm kommen kann, wenn es irgendetwas gibt. Außerdem vermittelt er der ganzen Mannschaft, dass jeder im Team wichtig ist. Das wird vorgelebt. Zudem legt er bei aller Konzentration, Anspannung und Druck Wert darauf, dass es im Training immer auch eine gewisse Lockerheit gibt und wir Spaß daran haben, was wir auf dem Trainingsplatz machen. Oder wie man bei uns in Bayern sagt: „a Gaudi ham“. Der Spaß an diesem Sport ist wichtig, um erfolgreich zu sein.

Du bist innerhalb des Teams mit deinem ansteckenden Lachen ein echter Sonnenschein. Woher kommt deine Lebensfreude?
Das ist eine schöne Formulierung. (lacht)  Ich bin generell ein positiv denkender und extrovertierter Mensch. Ich spreche und kommuniziere gern, auch wenn ich schon gehört habe, dass ich manchmal vielleicht auch zu viel rede. Auf jeden Fall ich bin sehr glücklich, dass ich mein Hobby zum Beruf machen durfte.

Innerhalb der Mannschaft bildest du zusammen mit Michael Hefele, Patrick Wiegers, Fabian Müller und Quirin Moll die Bayern-Fraktion. Wie viel Bayerisch wird in der Kabine gesprochen?
Bei mir wird eigentlich gar nicht bayerisch gesprochen, da ich ein Franke bin! (lacht) Da fühlt man sich mit Bayern nicht so eng verbunden. Aber zu meiner Zeit in Regensburg habe ich ein bisschen bayerische Luft geschnappt und auch viele Freunde dort unten in Bayern gefunden. Somit zähle ich mich also doch irgendwie zur Bayern-Fraktion dazu. In der Kabine wird eigentlich nie bayerisch gesprochen. Nur wenn wir mal unter uns sind, dann fangen wir irgendwann an, in unserem Dialekt zu sprechen.

Mit Tobias Schweinsteiger, dem großen Bruder des Nationalmannschaftskapitäns, hast du einst in Regensburg zusammen gespielt. Euch verbindet auch heute noch eine sehr enge Freundschaft. Wie pflegt man private Beziehungen in diesem schnelllebigen Geschäft, wo sich durch Vereinswechsel die Wege doch immer wieder rasch trennen?
Das ist nicht einfach. Am Ende ist es so wie mit Schulfreunden: Die, mit denen man sich wirklich gut verstanden hat, zu denen hält man auch später noch einen engen Kontakt. Aber zu den allermeisten ehemaligen Mitspielern gelingt das leider nicht. Mit Tobias verbinden mich viele gemeinsame Interessen, deshalb treffen wir uns gern, um auch mal Freizeit miteinander zu verbringen.

Schaut er mit einem Auge nach Dresden, wie es bei dir gerade läuft?
Ja, klar macht er das. Das ist doch bei einem guten Freund auch normal. Außerdem kennt Tobias die 3. Liga aus eigener Erfahrung sehr gut und weiß, was hier in Dresden abgeht. Er ist jetzt U17-Trainer bei den Bayern, da schaue ich auch regelmäßig, wie er sich mit seinen Jungs schlägt.

Mit Cottbus kommt ein angeschlagener Gegner nach Dresden. Was müsst ihr tun, damit die saisonübergreifende Serie von 16 ungeschlagenen Drittliga-Spielen in Folge weiter anhält?
Wir müssen in die kommenden Spiele genauso reingehen wie wir es in den zurückliegenden gemacht haben. Wir müssen jeden Gegner ernstnehmen und dürfen niemals glauben, dass 80 Prozent reichen werden. Wenn wir es schaffen, unser Leistungsvermögen auf den Platz zu bringen, dann werden wir als Gewinner vom Platz gehen und unsere Serie fortsetzen. Unsere Führungsspieler werden sicher auch vor dem Spiel gegen Cottbus wieder dafür sorgen, dass es in der Kabine brennt, bevor wir ins Stadion einlaufen. Unser Ziel ist es, am Samstag den nächsten Dreier einzufahren.

Könnt ihr euch in dieser Saison nur selber schlagen?
Wenn wir unser Können abrufen, dann sind wir nur sehr schwer zu schlagen. Hier in Dresden, in unserer Festung sowieso! Aber im Fußball können viele Dinge dazu führen, dass man auch mal ein Spiel verliert. Außerdem werden die Gegner natürlich immer mehr Motivation daraus ziehen, uns die erste Niederlage in dieser Saison zu bescheren.

Die Stadionatmosphäre bei Dynamo-Heimspielen hat sich inzwischen schon in Europa herumgesprochen. Wie erlebst du die Unterstützung der Fans hier in Dresden?
Es ist unfassbar, was hier abgeht! Ich sage zu meinen Freunden in der Heimat immer wieder, dass sie mal vorbeikommen sollen, weil sie so was noch nicht erlebt haben. Ich bin mir sicher, dass über die Hälfte der Erstligisten blind mit uns tauschen würden, die anderen würden es sich zumindest überlegen. So eine Stimmung und so eine Fußballverrücktheit habe ich persönlich wirklich noch nie zuvor erlebt.

Jimi, vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Henry Buschmann
Fotos: Henry Buschmann, Frank Dehlis