Interview mit Mickaël Poté

Wenn das keine Liebe ist, dann weiß ich nicht, was Liebe bedeutet.

Mickaël Poté

Er wechselte vom OGC Nizza aus der französischen Ligue 1 im August 2011 kurz vor Transferschluss nach Dresden und hat sich in den vergangenen acht Monaten sowohl durch seine starken sportlichen Auftritte im Dynamo-Trikot als auch durch seine bescheidene wie freundliche Art neben dem Fußballplatz in die Herzen des Dresdner Anhanges gespielt: Mickaël Poté.

Der Dynamo-KREISEL traf sich mit dem gebürtigen Franzosen vor dem letzten Heimspiel der Saison im Tagescafé Sankt Pauli und zog mit Mickaël durch die Straßen im Dresdner Hechtviertel. Der 27-Jährige nahm sich viel Zeit für uns und sprach in seiner gewohnt sympathischen Art über seinen Traum vom Gewinn des Afrika-Cups, sein Ziel, einmal in der 1. Bundesliga oder der Premier League zu spielen – und er verriet uns, warum er die Dynamo-Fans auch über das Ende seiner Karriere hinaus nicht mehr vergessen wird.

Du hast eine ziemlich ungewöhnliche Angewohnheit: In der Nacht vor einem Heimspiel checkst Du immer in einem Dresdner Hotel ein. Was ist der Grund für diese ungewöhnliche Vorbereitung?
Ich mache das seit ungefähr zweieinhalb, drei Jahren vor jedem Heimspiel. Wenn man wie ich Vater von drei Kindern ist, dann ist es nicht so einfach, die Konzentration und Ruhe in Vorbereitung auf ein Spiel zu Hause in der eigenen Wohnung zu finden. Am Wochenende wollen meine Kinder auch mal etwas länger aufbleiben. Dass das dann nicht immer ganz so leise abläuft, ist normal. Deswegen ist es einfach besser für mich, wenn ich einen Tag vor dem Spiel allein im Hotelzimmer bin und meine Konzentration aufbauen kann. Das gibt mir Kraft.

Deine Torausbeute in deiner ersten Saison für Dynamo ist bisher beeindruckend: Statistisch triffst Du nahezu in jedem zweiten Spiel. Mit zwölf Toren in 25 Spielen bist Du in den vergangenen Monaten ein sehr wertvoller Spieler für die Sportgemeinschaft geworden. Wie zufrieden bist Du mit deiner persönlichen Bilanz?
Ganz ehrlich gesagt: Ich bin sehr stolz darauf und danke in erster Linie Gott, dass er mir die Möglichkeit dazu gegeben hat. Die aktuelle Saison für Dynamo ist für mich persönlich vielleicht die beste, seitdem ich Fußball spiele. Ich habe hier bei Dynamo Spaß, Freude und Erfolg gefunden. Das macht mich glücklich.

Du bist vor der Saison aus Nizza gekommen. Die Côte d‘Azur ist fast 1.500 Kilometer entfernt von Dresden. Mit deiner Frau und euren drei Kindern bist Du in ein neues Land gezogen, dessen Sprache und Mentalität ihr nicht kanntet. Ihr habt eure Freundschaften und sozialen Kontakte vorübergehend aufgegeben. Wie erklärst Du dir, dass Du dein fußballerisches Glück ausgerechnet in Dresden gefunden hast?
Das hängt mit unterschiedlichen Faktoren zusammen. Der Trainer hier in Dresden baut auf mich und ich bin endlich über einen längeren Zeitraum verletzungsfrei. Wer weiß, wie es woanders gelaufen wäre. Ich glaube, dass ich eine gute Form habe, die für mich die Grundlage für Topleistungen ist. Ich bin jetzt drin in meinem Spiel und in dieser Liga angekommen. Wenn ich fit bleibe, weiß ich, dass ich in meinem Leistungsvermögen noch explodieren kann. Ich kenne meine Fähigkeiten und habe jetzt das Gefühl, dass ich mich noch weiter kontinuierlich nach oben verbessern werde. Wenn ich gesund bleibe, bin ich in der Zukunft bereit, für größere Ziele. Es soll nicht arrogant klingen, aber ich kann noch mehr, als ich bisher gezeigt habe.

Was sind für dich konkret höhere Ziele?
Ich will mich und meine Fähigkeiten stets weiterentwickeln, um möglichst ein noch kompletterer Stürmer zu werden, um das höchste Niveau anzustreben, welches in mir steckt. Dem ordne ich alles in meinem Leben als Profi unter – denn ewig Zeit hat man nicht als Fußballer.

Träumst Du von einer weiteren Qualifikation mit dem Benin für den Afrika-Cup oder eher von der 1. Bundesliga?
Die Nationalmannschaft hat für mich nicht die absolute Priorität. Für mich ist es eine Ehre, für das Heimatland meiner Mutter zu spielen, dem ich selbstverständlich etwas zurückgebe, indem ich zur Nationalmannschaft reise und mein Möglichstes tue. Im Club sieht die Sache etwas anders aus: Hier bei Dynamo muss ich meine Leistung bringen – und darauf liegt meine ganze Konzentration. Wenn man von Träumen spricht, dann wäre es für mich ein Traum, wenn ich mit dem Benin den Afrika-Cup gewinnen könnte. Mein Ziel ist es aber, irgendwann in der 1. Bundesliga oder der Premier League zu spielen.

In der Premier League spielt Didier Drogba beim FC Chelsea. Was nicht viele wissen: Ihr seid einen vergleichbaren Weg gegangen und erst sehr spät zum Profifußball gekommen. Wie alt warst Du genau, als Du deinen ersten Vertrag unterschrieben hast?
Ich war 23 alt, als ich meinen ersten Profivertrag  2008 bei Clermont Foot unterschrieb. Davor war ich Halbprofi beim AS Cannes.

In diesem Alter haben andere längst den ganz großen Durchbruch geschafft. Hast Du mit 23 selbst noch daran geglaubt, Profi zu werden?
Nein, eigentlich nicht. Ich habe in meiner Kindheit zuerst viel lieber Basketball gespielt. Dann bin ich irgendwann zum Straßenfußball gekommen. Ich komme aus einem armen Elternhaus und zum Fußball auf der Straße brauchte ich kein Geld. Für meine Eltern kam es außerdem überhaupt nicht in Frage, dass ich irgendwo in einem professionalen Nachwuchsteam spielen durfte. Ich sollte mich ganz und gar auf die Schule konzentrieren, sollte lernen, lernen und nochmals lernen. Um eine bestmögliche schulische Ausbildung zu genießen, um später einen richtigen Beruf erlernen zu können. Mein Vater hat mir einmal gesagt, dass die Wahrscheinlichkeit viel zu klein sei, mit Fußball irgendwann Geld verdienen zu können. Also verbat er mir es sogar manchmal, auf die Straße zum Spielen zu gehen. So habe ich es halt so oft es ging heimlich gemacht – auch gegen den Willen meiner Eltern. Einer meiner Brüder hat mich früher manchmal verpetzt, dafür hab ich dann von meinem Vater Ärger bekommen. Heute lache ich mit meinem Bruder darüber, wenn wir uns gemeinsam daran erinnern. Entdeckt wurde ich dann letztlich von einem sogenannten Straßenscout, der in den Straßen von Lyon zwischen Graffiti-Wänden nach talentierten Jungs gesucht hat und mich ansprach, ob ich nicht im Nachwuchs-team von Grenoble spielen möchte – da war ich schon 16 Jahre alt.

Der offensivere und weniger taktisch geprägte Fußball als in Frankreich hat dich über Clermont, Nizza und Le Mans nach Deutschland geführt. Dynamo Dresden kanntest du vorher überhaupt nicht. Was hat dich trotzdem überzeugt, hierher zu wechseln?
Ich konnte mir zuerst gar nicht vorstellen, nach Dresden zu wechseln. Aber Steffen Menze hat sich dann wirklich sehr, sehr intensiv über einen längeren Zeitraum um mich bemüht. Als ich mir Dynamo mit ein bisschen Abstand noch mal durch den Kopf gehen ließ, klappte ich meinen Laptop auf, informierte mich im Internet und schaute mir ein paar Videos über den Verein an. Da fand ich einiges zur erfolgreichen Europacup-Geschichte und stieß plötzlich auf ein Video, wo vor einem Spiel ein Mann im Mittelkreis des Stadions stand und mit allen Zuschauern zusammen „Dy-na-mo, Dy-na-mo“ eingeklatscht hat. Es hat mich irgendwie beeindruckt und berührt, dass das ganze Stadion mit den vielen tausend Menschen mitgemacht hat. Danach habe ich mir weitere Videos über die Atmosphäre im Stadion angeschaut und konnte erst gar nicht glauben, was ich da sah. Letztlich hat mich meine Recherche im Internet umdenken lassen und ich habe mir gesagt, dass es mich reizt, für diesen Verein mit diesen unglaublichen Fans zu spielen und nahm das Angebot von Dynamo an.

… sprichst Du mit deiner Frau auch über den Fußball?
Meine Frau ist auch mein Fan und meine Kritikerin. Sie hat eine gute Analyse. Ich diskutiere zu Hause auch schon mal mit ihr über die Spiele. Sie ist eine sehr wichtige Person für mich! Durch sie kann ich mich voll auf den Sport konzentrieren. Ich habe in Dresden ja im Grunde nur meine Frau und meine Kinder. Sonst kenne ich nicht viele Menschen. Unser Freundeskreis ist in Frankreich. Wenn es sportlich mal nicht so läuft, dann ist es meine Frau, die für mich da ist.

Deine Frau ist für dich mit nach Deutschland gekommen und hat ihr Leben in Frankreich für deine Fußballkarriere zurückgelassen. Ist es vielleicht die größte Liebeserklärung, die man als Fußball-Profi von einer Frau bekommen kann?

Wenn das keine Liebe ist, dann weiß ich nicht, was Liebe bedeutet. Wir haben vor zehn Jahren alle Karten auf den Tisch gelegt. Sie weiß, dass ich professioneller Fußballer bin und dass das gewisse Dinge mit sich bringt. Das bedeutet eben auch, dass ich gestern in Frankreich, heute in Deutschland und morgen vielleicht in Indien oder Japan sein könnte. Sie hat das akzeptiert, auch wenn sie es im Alltag nicht immer leicht hat. Meine Frau spricht kein Deutsch, sie kümmert sich rund um die Uhr um die Kinder, sie hat wenige Freunde. Wir sind Moslems und meine Frau trägt ein Kopftuch. Nicht jede Verkäuferin oder Verkäufer in der Stadt scheint damit klarzukommen, so wird sie dann schon mal etwas herablassend behandelt. Auch wenn das nur einmal in hundert Situationen vorkommt, gibt es doch Frauen, die dann aufgeben und sagen: ‚Hier möchte ich nicht bleiben.‘ Sie ist stark. Aber wenn sie eines Tages nach Hause nach Frankreich möchte, würde ich dies akzeptieren.

Hast Du noch andere Ressentiments der Menschen gespürt, seitdem ihr in Deutschland lebt?
Als wir unsere Koffer in Nizza gepackt haben, war uns als Familie klar, dass es eine Veränderung geben wird. Wir waren auf ein fremdes Land vorbereitet. Ich möchte aber auch sagen, dass es auch in Frankreich Gegenden gibt, wo ich einer unter vielen bin, der anders ist. Wenn ich in Südfrankreich am Strand liege, bin ich auch der einzige Schwarze (lacht). Ich will damit sagen: Rassismus ist kein deutsches oder französisches Problem, Diskriminierung gibt es leider in allen Gesellschaften – auch in Afrika. Wenn jeder seinen Teil zur Aufklärung und zum offenen und friedlichen Miteinander beiträgt. So werden zwangsläufig immer mehr Menschen verstehen, dass jede Person, egal welcher Hautfarbe oder Religion, wertvoll und einmalig auf unserer Erde ist.

Cheikh Guèye und Du – ihr seid die ersten beiden Spieler mit afrikanischen Wurzeln, die sich in Dresden als absolute Leistungsträger etablieren konnten. In gewisser Weise seid ihr so für einen Teil der Fans auch Botschafter…
Das ist eine Ehre für mich, wenn die Botschaft lautet: Es ist egal, wo ein Mensch herkommt, egal ob jemand weiß oder schwarz ist. Es zählen ausschließlich die Leistung und der Einsatz, die derjenige bringt, der im Dynamo-Trikot alles auf dem Rasen für diesen Verein gibt. Dabei möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass unsere Fans uns sehr viel von den Rängen für unsere Leistungen zurückgeben. Dafür bin ich sehr dankbar, denn ich liebe die lautstarke Unterstützung unserer Anhänger und brauche sie auch für mein Spiel.

Wenn die Fans bei Heimspielen deinen Namen rufen, versehen sie diesen mit einem kleinen Zusatz. Weißt Du inzwischen, was „Fußballgott“ auf Deutsch bedeutet?
(lacht) Ja, das weiß ich mittlerweile! Ich bin kein Fußballgott – aber wenn die Fans es so wollen, dann ist es okay für mich! (lacht). Doch eines ist klar: Auch ein ‚Fußballgott‘ ist ohne seine Mitspieler nichts. Aber die Sympathie der Dynamo-Fans macht mich glücklich, das möchte ich nicht verschweigen.

Interview: Henry Buschmann
Übersetzung: Karim Retimi
Fotos: Frank Dehlis