Interview mit Nils Teixeira

Ich habe auf mein eigenes Tor geschossen!

Nils Teixeira

Vor dem Spiel gegen Fortuna Köln besuchten wir mit Nils Teixeira die Hochschule für bildende Künste auf der Brühlschen Terrasse. Auf einem Rundgang zwischen Künstler-Ateliers  und dem Oktogon unter der berühmten „Zitronenpresse“ erfuhren wir von Dynamos Defensiv-Routinier, dass bei ihm zu Hause ein selbstgemaltes Bild an der Wand hängt.
 
Der 24-Jährige erzählte von einem improvisierten Auftritt als Leiter einer Kunstgalerie und von seiner Leidenschaft für Bretter unter den Füßen. Wir sprachen über seine Familie in Deutschland und Portugal, über gewonnene Selbstsicherheit und eine positive Lebenseinstellung. Außerdem verriet er uns, wann er seine Karriere schon einmal an den Nagel hängen wollte.

Nils, als wir dir gesagt haben, wo wir das Interview führen wollen, hast du sofort gesagt, dass das gut passt. Warum?
(lacht) Da muss ich etwas weiter ausholen. Wenn man mich fragt, was ich beruflich mache, dann denke ich mir manchmal etwas aus, weil man als Fußballer gern in eine Schublade gesteckt wird. In Frankfurt waren wir mal mit der Mannschaft unterwegs und eine Frau fragte mich, was ich mache. Ich habe ihr gesagt, ich sei der Leiter einer Kunstgalerie. Das ist aber ein bisschen nach hinten losgegangen … (lacht)

Wieso?
Sie antwortete, das sei ja toll, denn sie studiere Kunstgeschichte. In dem Moment war ich völlig schockiert. (lacht) Dann wollte sie wissen, wie die Galerie heißt, und ich habe gesagt, Westend Arts. Westend ist ein Stadtteil von Frankfurt. Als sie mich fragte, was ich so ausstelle, habe ich ihr erzählt, dass ich jungen Künstlern eine Chance gebe. Bis dahin habe ich die ganze Geschichte gut verkauft. Aber dann fragte sie mich ganz konkret, welchen Künstler ich gerade ausstelle. Nun konnte ich ihr ja schlecht mit van Gogh kommen. Aber ich habe mich erinnert, dass ich in Bonn in der Mackestraße gewohnt habe. August Macke ist ein Künstler, den man in der Szene kennt. Also sagte ich ihr diesen Namen. Aber darauf sagte sie, ‚Wie geil, das ist mein Lieblingskünstler!‘. Dann habe ich angefangen zu lachen und habe ihr erzählt, dass das alles absoluter Nonsens war. (lacht)

Wie ging die Sache aus?
Als ich mit der Wahrheit rausgekommen bin, musste sie auch lachen. Es war eine witzige Situation. Ein Riesenzufall einfach.

Wir sind mit dir hierher gegangen, weil du als Mode-Designer ja nun selbst unter die Künstler gegangen bist. Wie kamst du auf die Idee mit dem T-Shirt?
Ursprünglich sollte das nur ein Spaß sein. Ich hatte das Bild von David und seiner Frau bei Instagram gesehen und fand das Motiv vor dem Hintergrund an der Elbe toll. Die Assoziation mit den Beckhams war schon viel eher da. Als ich das Foto entdeckt habe, schoss mir der Gedanke mit dem Shirt direkt durch den Kopf.

Und dann hast du es angezogen, als du zum Training in die Kabine kamst. Wie hat David reagiert?
Man weiß vorher ja nie, wie so was ankommt, ob man den Humor von den Leuten trifft. Man bewegt sich da schnell auf einem ziemlich schmalen Grat. Aber David ist echt ein cooler Typ und ich dachte schon, dass es gut ankommen würde. So war es am Ende auch – die Jungs fanden es witzig, und David und seine Frau fanden es auch gut.

Und woher kam dann der Gedanke, eine Kollektion aufzulegen?
Der Verein hat bei Facebook einen Post mit einem Bild abgesetzt, auf dem ich in dem Shirt zu sehen bin. Danach kamen relativ viele Anfragen, wo man das Teil kaufen kann. So hat sich das dann entwickelt.

Welches Motiv kommt als nächstes?
Das wird nicht verraten. (lacht)

Das Ganze soll aber nicht nur lustig, sondern auch noch für einen guten Zweck sein…
Das war von Anfang an klar. Inzwischen betrifft die Aktion ja nicht mehr nur David und seine Frau. Es kann jeden aus der Mannschaft oder aus dem Team um das Team treffen. Es ist uns allen wichtig, dass der Spaß mit einem guten Zweck verbunden wird.

Du bist im Sternzeichen Krebs geboren. Kannst du mit Astrologie etwas anfangen?
Eine Zeit lang fand ich es witzig, mir mein Horoskop durchzulesen. Aber ich persönlich kann nicht so viel damit anfangen. Trotzdem respektiere ich, dass es für manche Menschen eine größere Rolle spielt.

Krebsen wird ein ausgeprägter Familiensinn nachgesagt. Trifft das auf dich zu?
Ja, ich denke schon. Mich hat es ganz gut getroffen mit meiner Familie. Die Familie ist mir sehr wichtig. Es ist das erste Mal, dass ich ziemlich weit weg bin und wir uns nicht mehr so oft sehen können. Ich merke, dass mir das fehlt. Ich kann nicht spontan einfach mal rüber rasen, um meine Cousins oder mein Patenkind in den Arm zu schließen.

Ein Teil deiner Familie lebt in Deutschland, der andere in Portugal…
Meine Großeltern sind wieder zurück nach Portugal gegangen. Ich habe auch ein paar Tanten und Cousins dort. Es ist sehr gesplittet. Ich würde sagen, dass etwa die Hälfte meiner Familie in Portugal lebt, die andere Hälfte in Deutschland.

Deine Eltern und dein älterer Bruder leben in Bonn?
In der Nähe von Bonn, in Siegburg.

Fahrt ihr zusammen nach Portugal, wenn ihr eure Familie dort besucht?
In letzter Zeit bin ich öfters alleine geflogen. Das habe ich mir lange Zeit nicht getraut, weil ich in der portugiesischen Sprache nicht so sicher war. Mit 16, 18 Jahren bin ich dann das erste Mal ohne meine Eltern runtergeflogen. Einmal mit meiner damaligen Freundin, einmal mit meinem Bruder. Ich habe die Sprache dann ein bisschen besser gelernt und bin auch meinen Großeltern etwas näher gekommen. Ich musste erst mal ein bisschen Vertrauen gewinnen. Jetzt reise ich auch ganz gern allein für ein paar Tage.

Wie oft bist du da?
Wenigstens einmal im Jahr. Ich finde es wichtig, dass man ab und vorbei schaut und zeigt, dass man füreinander da ist.

Wo genau lebt deine Familie in Portugal?
Der Teil von meinem Vater lebt in Nazaré. Das ist ein bekannter Surfspot, weil es dort sehr hohe Wellen gibt. Aber es ist nicht sehr touristisch, ziemlich ruhig, schön anzusehen, nicht so viel Party. Der andere Teil meiner Familie lebt in der Nähe von Coimbra, in Anadia. Das ist ein kleines Dörfchen, ein bisschen weiter nördlich. Der Ort ist ein bisschen weiter weg vom Strand, ungefähr 50 Kilometer von der Küste entfernt. Deshalb verbringe ich dort auch nicht ganz so viele Tage, aber das verstehen meine Großeltern auch.

Hast du schon mal auf einem Brett gestanden?
Nein, leider noch nicht! Im Sommer hatte ich eigentlich vor, eine Surfschule zu besuchen. Durch den Vereinswechsel hatte ich dann aber nicht so viel Zeit wie gedacht, so dass ich nur für ein paar Tage bei meinen Großeltern war und mich am Strand fit gehalten habe. Aber Surfen ist auf jeden Fall auf meiner To-Do-Liste, ich glaube, das würde mir Riesenspaß machen. Ansonsten fahre ich ab und an ein bisschen Longboard, das ist relativ ähnlich.

Bist du auch in Dresden schon gefahren?
Ja, ich habe ein Longboard zuhause und meine Route zum Training ist prädestiniert dafür, weil ich durch den Großen Garten fahren kann, das ist echt top.

Kommst du manchmal auf dem Brett zum Training?
Wenn es vom Wetter und der Zeit her passt, dann ja.

Wie sieht’s mit der Verletzungsgefahr aus?
(lacht) Inzwischen bin ich ziemlich sicher unterwegs. Aber man muss schon aufpassen, einmal hat es mich schon zerrissen. Das war noch in der Anfangszeit, da hat es mich derb hingelegt. Aber ich war auch selber schuld, ich wollte auf dem Longboard noch eine SMS schreiben, ich Vollidiot. (lacht)

In Portugal kann man ja nicht nur surfen. Hast du als Fußballer auch den Wunsch oder das Ziel, irgendwann noch einmal im Ausland zu spielen, in Portugal oder woanders?
Abgeneigt bin ich auf gar keinen Fall. Ein Vorteil an meinem Beruf ist, dass man die Chance hat, etwas von der Welt zu sehen, wenn man daran interessiert ist. Es ist nie so, dass man irgendwo hin geht und total bei Null anfangen muss. Man hat immer eine Mannschaft um sich herum. Ich fand den Film über Thomas Broich sehr spannend …

…ein Porträtfilm über Broich, der in Australien nach einigem Auf und Ab noch einmal ein Star wurde. Wäre Australien ein Ziel für dich?
Ja, ich habe australische Freunde, und die haben mir nur Gutes berichtet. Deswegen wäre das gar nicht so unwahrscheinlich. Surfen kann man dort schließlich auch. (lacht)

Und Portugal, deine zweite Heimat?
Portugal fände ich auch sehr interessant. Es gäbe mir die Möglichkeit, die Sprache wieder aufzufrischen, die ich leider nicht so perfekt beherrsche.

Du bist in Bonn auf die Welt gekommen und hast bis zu deinem 14. Lebensjahr beim Bonner SC gespielt…
Was in meiner Geschichte immer ein bisschen vergessen wird, das sind ein oder zwei Monate bei TV Rheindorf, diese Zeit wurde anscheinend ausradiert. Mein Bruder hatte dort gespielt. Ich war dort keine zwei Monate, habe dann aufgehört und gesagt, dass ich nie wieder spielen werde. Ich glaube, ich war fünf Jahre alt, vielleicht auch jünger. Jedenfalls war ich da so dermaßen schlecht – ich habe auf mein eigenes Tor geschossen! Daran kann ich mich noch erinnern, alle haben geschrien: ‚Andere Richtung, andere Richtung!‘ ...

Aber war der Schuss selbst gut, ist er reingegangen?
Nein, der ist am Pfosten vorbeigegangen. (lacht) Damals habe ich zu meinem Vater gesagt, dass es mir reicht und ich nie wieder Fußball spielen würde. Dann war ich ein Jahr zuhause, die Schuhe hingen an der Wand. Als mein Bruder zum Bonner SC gegangen ist, wollte ich auch irgendwann wieder anfangen. Mein Vater ist dann mein Trainer geworden.

Mit 14 bist du von Bonn in die Jugend von Bayer Leverkusen gewechselt, deine Entwicklung hat Fahrt aufgenommen. Von der U15 bis zur U20 hast du alle Nachwuchsauswahlmannschaften durchlaufen und über 50 Länderspiele gemacht. Mit wem hast du in der Zeit gekickt?
Mit Toni Kroos habe ich in der Jugend ein paar Jahre zusammen gespielt. Der war damals schon ein enormes Talent und den anderen um Längen voraus. Toni hatte eine ganz andere Fähigkeit, den Raum und das Spielfeld wahrzunehmen. Konstantin Rausch war einer der ersten, die es geschafft haben. Der ist relativ spät dazu gekommen und niemand hätte gedacht, dass der Chaot es mal in den Profi-Fußball schaffen würde. (lacht) Aber er hat es absolut verdient, weil er viel Herz hat. Mit Tony Jantschke, der ja hier in Dresden war, habe ich auch zusammengespielt.

Aktuell hat Dynamo mit Marvin Stefaniak auch wieder einen U20-Nationalspieler. Kann man von solchen Berufungen profitieren?
Man kann davon profitieren, wenn man sich nicht darauf ausruht. Man kann enorme Erfahrungen mitnehmen, fußballerisch und menschlich. Ich habe als junger Spieler schon viel von der Welt gesehen, das war für mich eine persönliche Bereicherung.

Was war die einprägsamste Reise?
Südkorea ist auf jeden Fall hängen geblieben, die U17-Weltmeisterschaft.

Dort seid ihr Dritter geworden. Warst du Stammspieler?
Ja, ich hatte die meisten Spielminuten.

Auf welcher Position?
Ich war in der gesamten Jugend Innenverteidiger. Auf die Außenbahn bin ich erst gerutscht, als ich meinen ersten Profivertrag unterschrieben habe.

Hier in Dresden stehst du mit deinen Leistungen für eine sehr große Konstanz. Auch in Bielefeld warst du einer der wenigen Spieler, die ihr Level weitestgehend erreicht haben. Wie zufrieden bist du persönlich mit dem ersten Saisondrittel bei Dynamo?
Ziemlich zufrieden. Es war nicht alles Gold, was glänzt. Ich habe einen Platzverweis kassiert, der sicherlich unnötig war. Es gab immer wieder mal Dinge, die nicht so gut waren. Aber insgesamt bin ich ganz glücklich. Meine Eltern und mein Bruder haben mir gesagt, dass in meinem Spiel wieder viel mehr Freude zu sehen ist.

Woran liegt das?
Am Team. Es ist ein Riesenzusammenhalt auf dem Platz zu sehen. Das pusht mich selber und gibt mir Selbstvertrauen.

Vom Alter befindest du dich in der Mannschaft mitten drin, als Fußballer bist du mit 84 Zweitliga-Einsätzen aber nach Cristian Fiel der erfahrenste Spieler. Welche Rolle nimmst du im Team ein?
Es ist schwer, so was selbst zu beantworten. Das sind eher Dinge, die der Trainer oder Teamkollegen beurteilen können. Ich urteile relativ ungern über mich selbst oder über meine Rolle in gewissen Lebenssituationen. Ich bin einfach da, versuche mein Bestes zu geben und Teil einer großen Geschichte zu sein. Ich versuche, Spaß und Freude mitzubringen, das ist für mich wichtig.

Luca Dürholtz hat den Ball am Fuß, du läufst von hinten ein, nimmst den Blickkontakt auf, der Ball kommt perfekt, du nimmst ihn volles Risiko – beschreibe uns noch einmal, was in diesen drei, vier Sekunden durch deinen Kopf gegangen ist, als du das 2:0 gegen Schalke gemacht hast!
Ich dachte mir, das ist die einmalige Chance – du bist am Sechzehner, der Ball kommt gut, im Training hast du das öfter mal probiert. In dem Moment denkt man gar nicht so viel darüber nach. Man sieht, der Ball kommt ideal für einen direkten Abschluss, dann probierst du es, ich habe den Torwart auf dem falschen Fuß erwischt und er ging rein. In dem Moment schwappt alles über, gerade wenn man nicht so erfahren ist im Toreschießen. In diesem Moment ging mir als erstes durch den Kopf, dass mein Bruder im Stadion ist, was seit dem Wechsel nach Dresden ja seltener vorkommt.

Die Fans lieben dich auch, weil du durch dein sonniges Gemüt ein absoluter Sympathieträger bist. Bist du immer so, oder liegt das auch daran, dass du dich in Dresden privat und sportlich bisher sehr wohl fühlst?
Das ist einfach schauspielerisches Talent. (grinst) In Wahrheit bin ich ein Riesenspießer mit Garten und Gartenzwergen. (lacht) Mit einem Rasenmäher, aber einem zum Draufsitzen. Spaß beiseite – ich versuche, mir das zu bewahren. Ich glaube einfach, dass es wichtig ist, mit einem Lächeln durchs Leben zu gehen. Wenn eine Sache in deiner Hand liegt, dann kannst du einfach nur dein Bestes geben und schauen, was passiert.

Nils, vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Jan Franke
Fotos: Frank Dehlis