KREISEL-Interview mit Aias Aosman

„Ich habe zu beiden Ländern eine tiefe Verbindung.”

Aias Aosman

Vor dem Heimspiel gegen den FC Erzgebirge trafen wir uns mit einem, der ausgerechnet diese Begegnung in der vergangenen Saison zweimal verpasst hat. Siebenmal gab es das Sachsenderby, seit Aias Aosman 2015 zur SGD gewechselt ist. Fünfmal stand der Kreativkopf auf dem Feld, kennt die besondere Bedeutung des Duells inzwischen also bestens.

Wir sprachen mit Aias über seine wiedergewonnene Spielfreude und den neuen Trainer Maik Walpurgis. Wir fragten nach seinen Erlebnissen bei der syrischen Nationalmannschaft und wollten wissen, ob es schwierig für ihn ist, zwei Länder zu haben. Gleich zu Beginn verriet Aias uns, wie sein Körper nach dem Training am besten Erholung findet. 

Aias, wie geht’s dir grad?
Ich bin ein bisschen kaputt vom Training. Aber sonst geht’s mir gut. 

Was tust du, wenn du kaputt bist? Was machst du, um dich zu erholen?
Schlafen. Ich bin gerade erst aufgestanden.

Es ist 19 Uhr – machst du häufiger einen Nachmittagsschlaf?
Ja, ziemlich oft, wenn die Zeit dafür da ist. Es ist die beste Art, sich zu erholen. Ich lege mich auf die Couch, schaue ein bisschen Fernsehen und schlafe ein.

Und nachts kannst du trotzdem schlafen?
(lacht) Ohne Probleme.

Man merkt dir an, dass du im Moment viel Freude hast auf dem Platz.
Spaß auf dem Platz habe ich immer. Ich liebe Fußball. Aber vor allem spüre ich im Moment viel Vertrauen. Und das merkt man mir glaube ich auch an.

Maik Walpurgis hat in den wenigen Wochen, die er hier ist, viele Gespräche geführt. Auch mit dir?
Ja, er hat mit mir gesprochen. Er hat mir gesagt, dass ich der Mannschaft weiterhelfen kann, wenn ich fit bin. Das war ein Ansporn, es vom neuen Trainer direkt so zu hören.

Du konntest es in den letzten Wochen mit guten Leistungen und zwei Toren zurückzahlen.
Natürlich habe ich mich über die beiden Tore gefreut. Richtig glücklich war ich, als wir das Spiel in Regensburg gewonnen haben. Es war für uns alle sehr wichtig, dass wir dort erfolgreich waren. Die Wochen vorher waren nicht gut von uns.

Wie ging es dir nach dem Spiel in Magdeburg?
Wir haben uns alle sehr geärgert. Am allermeisten Moussa. Er war sehr traurig. Aber wir haben mit ihm gesprochen. Wir haben den Sieg zusammen hergeschenkt, weil wir in der zweiten Halbzeit nicht mehr das gespielt haben, was der Trainer uns auf den Weg gegeben hatte und was wir uns auch vorgenommen hatten. Wir wollten aufs dritte Tor gehen. Dass Moussa den Elfmeter verschießt, passiert eben. Trotzdem müssen wir es als Mannschaft über die Zeit bringen. Es tut mir leid für die Fans, weil es für sie ein wichtiges Spiel war. Aber wir werden es wieder besser machen.

Was ist Maik Walpurgis als Trainer für ein Typ?
Er ist sehr konkret in dem, was er uns vorgibt. Er geht vor jedem Spiel sehr genau auf alle Details ein, die für uns wichtig sind. Ihm liegt viel daran, dass wir verstehen, was er taktisch von uns erwartet. Welche Aufgabe jeder einzelne hat, wie wir uns als Mannschaft auf dem Platz verhalten, all diese Dinge. Er will eine Gemeinschaft auf dem Platz sehen, das verlangt er von uns.

Im Test gegen Großaspach hat das gut funktioniert ...
Ja, das war ordentlich. Alle haben sich gut präsentiert. Ich glaube, man hat gesehen, dass jeder Spieler im Kader Qualität hat und wichtig ist. Aber wir haben es auch eingeordnet. Es war ein Testspiel, es gab keine Punkte.

Der K-Block hat zum Heimspiel gegen den HSV ein Spruchband gezeigt, „Erich Berko – einer von uns“. Erich war vorher beim Spiel in Regensburg aus dem eigenen Block rassistisch beleidigt worden. Wie geht ihr als Mannschaft damit um?
Wir haben in der Kabine darüber gesprochen. Wir haben es ja erstmal gar nicht mitbekommen. Sonst wären wir nach dem Spiel nicht in die Kurve gegangen und hätten nicht applaudiert. Was da passiert ist, ist nicht korrekt. Ich kann der Person, von der die Beleidigung kam, nur sagen, dass sie den Kopf einschalten soll. Die Aktion vom K-Block war ein super Zeichen.

Du hast dieses Jahr dein Debüt für die syrische Nationalmannschaft gefeiert. Was hat dir das bedeutet?
Das war ein Gänsehautmoment. Ich bin in Syrien geboren, es ist mein Heimatland. Ich glaube, für jeden Fußballer ist es etwas ganz Besonderes, für sein eigenes Land zu spielen. Darauf bin ich stolz. Ich hatte vor einigen Jahren schon mal eine Einladung, aber ich bin nicht hingefahren, weil Krieg ist. Jetzt ist mit Bernd Stange ein deutscher Trainer da. Er ist hierher nach Dresden gekommen, um mich zu treffen und mit mir zu sprechen. Er hat mir ein gutes Gefühl gegeben, dafür bin ich ihm dankbar.

Vor deinem Debüt am 6. September in Usbekistan hast du im Juni schon ein zehntägiges Trainingslager mit der syrischen Auswahl in Österreich absolviert. Kanntest du da bereits einige von den Jungs?
Nein, als ich im Sommer in Österreich dabei war, kannte ich noch keinen einzigen. Aber das war kein Problem. Sie haben mich alle sehr herzlich aufgenommen. Die meisten wussten, wo ich spiele, was ich für ein Typ Fußballer bin. Es hat riesig Spaß gemacht.

Nach dem Spiel in Usbekistan hattest du auch in Kirgistan deinen Einsatz. War es ein Abenteuer, in fernen Ländern zu spielen?
Abenteuer würde ich nicht sagen, aber es war natürlich etwas sehr Besonderes, dort zu sein und etwas Neues kennenzulernen. Es waren auch bei beiden Spielen syrische Fans dabei, die uns unterstützt haben. Natürlich nicht so viele, aber ein paar waren dabei. Nach den Spielen sind wir zu ihnen in die Kurve gegangen. Das waren besondere und schöne Erlebnisse, die man nicht vergisst.

Kurdisch ist die erste Sprache, die du gelernt hat – ist das auch die Sprache, die in der Nationalmannschaft gesprochen wird?
Einige von den Jungs sprechen zwar Kurdisch, aber in der Mannschaft wird vor allem Arabisch gesprochen. Das verstehe ich ein bisschen, aber ich spreche es kaum. Aber es gibt viele Wege, um sich zu verständigen. Manche sprechen auch ein bisschen Englisch. Das war kein Problem.

Wo spielen die Jungs?
Manche spielen in Saudi Arabien, einer in Amerika, ein anderer in Holland, einige in Katar, in Kuwait oder in Jordanien.

Sind Kontakte entstanden, die du aufrecht erhältst?
Auf jeden Fall! Ich habe zu einigen sehr guten Kontakt, wir schreiben uns öfter. Als die Mannschaft in Bahrain gewonnen hat, habe ich ihnen gratuliert. (Anm. d. Red.: Syrien setzte sich in einem Testspiel in Bahrain am 11. Oktober 1:0 durch, der Test in China am 16. Oktober war erst nach Redaktionsschluss beendet.) Es ist schön, mit den Jungs in Verbindung zu sein.

„Sprache als Schlüssel“ – unter diesem Motto steht die diesjährige Sondertrikot-Aktion. Welche Rolle spielen für dich deine beiden Sprachen, Deutsch und Kurdisch?
Eine wichtige Rolle. Kurdisch verbindet mich mit meiner Heimat Syrien, Deutsch verbindet mich mit dem Land, in dem ich aufgewachsen bin und in dem ich mich zuhause fühle. Ich hatte den Vorteil, dass ich sehr jung war, als meine Eltern mit mir nach Deutschland gegangen sind. Es war für mich nicht schwer, die Sprache zu lernen. Meine Eltern und der Teil meiner Familie, der in Deutschland lebt, hat die Sprache auch gelernt. Aber wenn du als Erwachsener hierher kommst, ist es natürlich viel schwieriger. Ich denke, dass die Sprache wichtig ist, um sich zuhause fühlen zu können. 

Ist es für dich manchmal schwierig, dass du zwei Länder hast – also die Frage, wo du hingehörst?
Überhaupt nicht. Ich komme aus Syrien und bin in Deutschland aufgewachsen. Ich bin hier zuhause, aber Syrien wird immer das Land sein, in dem ich geboren bin, aus dem meine Familie kommt. Ich habe zu beiden Ländern eine tiefe Verbindung, eben auf unterschiedliche Art und Weise.

Es wurde und wird viel darüber diskutiert, ob man sich mit Deutschland identifizieren kann, wenn man aus einem anderen Land stammt. Wie siehst du das?
Ich kann nur sagen, dass es für mich kein Problem ist. Ich habe zwei Länder und bin genauso stolz auf Syrien wie auf Deutschland. Ich glaube, viele haben eine Meinung dazu, ohne selbst jemanden zu kennen, auf den das zutrifft.

Du standst mittlerweile in fünf Sachsenderbys auf dem Feld. Was macht diese Begegnung aus?
Die Spiele sind jedes Mal ausverkauft, die Stimmung ist immer überragend. Ich glaube, das zeigt schon, wie wichtig das Spiel für die Fans ist.

Aias, danke dir für das Gespräch!

Interview: Jan Franke
Fotos: Steffen Kuttner