KREISEL-Interview mit Alexander Schmidt

Wir müssen extrem aufpassen

Alexander Schmidt

Seit rund dreieinhalb Monaten betreut Cheftrainer Alexander Schmidt die SGD-Profis. Nach dem Aufstieg und der Drittliga-Meisterschaft ist auch der Start in die neue Spielzeit geglückt: Sieben Punkte aus den ersten drei Spielen in der Liga, die 2. Pokal-Runde erreicht und saisonübergreifend weiter ungeschlagen. Kann sich sehen lassen, oder?

Im KREISEL-Interview vor dem Hannover-Heimspiel erklärt Schmidt, warum die gesamte Sportgemeinschaft gerade deswegen „extrem aufpassen“ müsse, wie er seine Arbeit und die damit zusammenhängenden Ergebnisse einordne und warum es unter ihm keine Freibriefe gibt.

Außerdem erzählt der 52-Jährige, wie ihn die Zuschauerrückkehr ins Rudolf-Harbig-Stadion emotional gepackt und welchen Anteil am derzeitigen Aufschwung sein Trainerteam hat.

110 Tage sind zum Hannover-Spiel seit deinem Dienstantritt als Dynamo-Trainer vergangen. Wo ordnest du die Dresdner Zeit in deiner bisherigen Trainerkarriere ein?
Also vom Gefühl her kann es die bisher schönste Zeit meiner Trainerkarriere werden, wenn ich allein den Moment bewerte. Es ist einfach überragend, was bisher in Verbindung mit der Mannschaft geschehen ist. Super Fans, schöne Stadt. Es gibt bisher wirklich nichts Negatives.

Zwei mitreißende Siege und ein leidenschaftlich erkämpftes Unentschieden beim HSV. Viel besser geht der Start für einen Aufsteiger nicht, oder?
Ja, ich bin natürlich zufrieden. Aber ich sehe auch eine Gefahr, weil alles sehr eng beieinander ist. Zwischen Erfolg und Misserfolg passt in der Liga maximal ein Blatt Papier. Ich kann die Momentaufnahme ganz gut einordnen und weiß, dass wir in dieser Saison noch gar nichts erreicht haben. Wir müssen extrem aufpassen, dass wir uns nicht in Selbstzufriedenheit gegenseitig auf die Schulter klopfen. Niemand darf bei uns denken, dass gerade alles so gut ist. Wir müssen Woche für Woche weiter sehr fokussiert, konzentriert und ehrgeizig arbeiten.
 
Der Fußball überhöht so schnell, wie er vergisst. Wie steuerst du dagegen, um jetzt keine ungesunde Selbstzufriedenheit im Dynamoland aufkommen zu lassen?
Ich habe mir vor der Trainingswoche auf das Heimspiel gegen Hannover ganz bewusst vorgenommen, den Blick nicht auf das bisher Geleistete zu richten. Ich habe intern den gelungenen Saisonstart deshalb auch nicht groß thematisiert, sondern den kompletten Fokus auf den kommenden Gegner gesetzt.

Der Kader ist aktuell mit 31 Spielern relativ üppig besetzt. Droht die gute Stimmung bei der hohen Konkurrenzsituation im Team zu kippen?
Das glaube ich nicht. Ja, es kommen jetzt einige Spieler aus einer längeren Verletzungspause zurück und wollen über kurz oder lang in die Mannschaft. Aber Patrick Weihrauch braucht beispielsweise noch einige Zeit, bis er wieder auf Einsatzzeiten kommen kann. Er kämpft noch immer mit den Auswirkungen seiner alten Verletzung. So könnten wir jeden Fall einzeln durchgehen. Auch Sebastian Mai muss als Kapitän erkennen, dass die Innenverteidigung in der aktuellen Besetzung gut funktioniert. Und ich werde in einem gut funktionierenden System nicht einfach so fünf Spieler austauschen.
 
Das heißt, dass auch der Kapitän um seine Position in der Mannschaft kämpfen muss?
Ja, genau so ist es. Und das betrifft jeden in unserem Team – egal ob alt oder jung. Jeder Spieler muss Woche für Woche das Maximale abrufen und seine Ambitionen mit Leistung untermauern.

Wie viel Arbeit kommt bei den Einsatzzeiten und der Moderation dieses Prozesses nun auf dich als Cheftrainer zu?
Die Kommunikation ist bei der Arbeit eines Cheftrainers ein enorm wichtiges Puzzleteil. Ich glaube, dass die Jungs ein sehr gutes Gespür für die aktuelle Situation haben und genau wissen, dass jeder von ihnen in dieser Saison wichtig für den Erfolg der Mannschat sein wird.

Selbst die Paderborner-Spieler gerieten nach Abpfiff des DFB-Pokalspiels vor 12.702 Zuschauern ins Schwärmen. Wie viel Balsam war die Fan-Rückkehr für die Seele eines Fußballers?
Es war ein tolles Gefühl. Die Stimmung der fast 13.000 Zuschauer war überragend. Ich glaube, dass wir zusammen mit den Paderbornern allen im Stadion und an den TV-Bildschirmen ein attraktives Spiel geboten haben, weil beide Mannschaften immer wieder aggressiv vorwärts verteidigt haben. Auch wenn nicht alles geklappt hat und einige technisch eher unsaubere Aktionen dabei waren. In Verbindung mit den Fans war es ein überwältigendes Erlebnis.
 
Hast du aus den ersten Pflichtspielen, die allesamt gegen Zweitligisten stattgefunden haben, neue Erkenntnisse sammeln können, was fußballerisch im Laufe der Saison auf dein Team zukommen wird?
Es war in den ersten Spielen schon die volle Bandbreite dabei. Ingolstadt mit gutem Pressing. Dann hatten wir beim HSV spielerisch eine besondere Klasse gegen uns. Paderborn ist gegen uns mit ganz viel Power und Intensität aufgetreten. Es waren also drei verschiedene Ansätze dabei, für die wir auch im weiteren Saisonverlauf gerüstet sein müssen. Es wird super interessant – jede Woche!
 
Mit Paderborn-Trainer Lukas Kwasniok hast du dir im DFB-Pokal ein Duell mit offenem Visier geliefert. Freut es dich, dass es noch Trainer gibt, die mit Risiko konsequent offensiv spielen lassen?
Ich finde, dass Lukas Kwasniok ein sehr guter Trainer ist, der immer eine Überraschung parat hat. Wenn man gegen seine Mannschaften spielt, dann weiß man nie zu 100 Prozent, was er sich für ein Spiel einfallen lässt. Es wird sicher auch Ende August ein interessantes Duell, wenn wir uns in der 2. Bundesliga schon wieder sehen. Schauen wir mal, was Lukas sich für diese Partie einfallen lassen wird.

Welchen Anteil am Erfolg hat dein Trainerteam?
Es ist für mein Trainerteam nicht immer einfach, weil wir sehr ehrgeizig sind und uns in der Zusammenarbeit gegenseitig viel abverlangen. Wir sprechen Dinge, die nicht optimal laufen, immer direkt und offen an. Es geht dabei um die Sache und den gemeinsamen Erfolg. Privat verstehen wir uns alle miteinander sehr gut. Es gehört im Profi-Fußball aber immer auch dazu, dass wir die Dinge permanent gemeinsam reflektieren und überlegen, wo wir uns noch verbessern können. Es wäre ein Rückschritt, wenn wir glauben, dass wir so toll sind und jeden Tag alles richtig machen.

In deinem Kader steckt noch viel Aufstiegseuphorie und eine Menge Qualität. Welche Schulnote gibst du deinem Chef Ralf Becker für die Zusammenstellung deines aktuellen Teams?
Eine Schulnote möchte ich ihm nur ungern geben, aber in dieser Mannschaft steckt das Potential, die Stadt zu begeistern. Sportgeschäftsführer Ralf Becker und Kristian Walter als Kaderplaner, den wir an dieser Stelle nicht vergessen dürfen, leisten hervorragende Arbeit für den Verein. Sie haben einen spannenden Kader zusammengestellt, der sehr viel Talent, Qualität und Zukunft beinhaltet. Ich arbeite mit einem Kader, der die Power und alle anderen Anforderungen mitbringt, die den modernen Fußball ausmachen. Wir wollen die Menschen, die für den Verein leben, mit der Art und Weise wie wir Fußball spielen wollen, begeistern.

Danke dir für das Gespräch, Alex, und weiterhin viel Erfolg.

Interview: Henry Buschmann
Fotos: Dennis Hetzschold (1, 2, 3, 4), Steffen Kuttner (5)