KREISEL-Interview mit Andreas Mühe

„Mehr geht nicht.“

Andreas Mühe

ULTRAS DYNAMO in der Semperoper. Die ganze Gruppe. Und einige Hundert Dynamo-Fans mehr. Vom Parkett über die Loge bis in den vierten Rang. Mit Zaunfahne, Trikot und Sturmhaube. Mit Megaphon statt Taktstock. Capo statt Dirigent. Sprechchor statt Tenor. Und Schal statt Fliege.

Entstanden ist ein einzigartiges Foto. Aufgenommen am 18. Dezember 2017, veröffentlicht am 22. Februar 2018 im Jahresheft 2018/19 der Semperoper. Wie es dazu kam, das fragten wir den Fotografen selbst, Andreas Mühe.

Andreas, wie kommt man auf die Idee, eines der renommiertesten Opernhäuser des Kontinents für ein Fotoshooting mit 1.000 Fußball-Fans zu füllen?
Es war eine reizvolle Anfrage, zum Neustart der Semperoper unter der Intendanz von Peter Theiler mit einer eigenen Auswahl von bereits vorhandenen Arbeiten die sich in Vorbereitung befindlichen Premieren der Spielzeit 2018/19 zu visualisieren und zu kommentieren. Es war dann aber auch schnell klar, dass ich aus zeitlichen Gründen nur wenige Arbeiten dafür herstellen konnte. Ich kannte die Vorstellungen der neuen Intendanz noch nicht, habe mich aber entschlossen, einige der Aufnahmen in starker Beziehung zu aktuellen Auseinandersetzungen in Dresden zu konzipieren und den jeweiligen Opern zuzuordnen.

Wie kamst du auf ein Foto mit Ultras Dynamo?
Die Überlegung zu einem Foto mit den Ultras von Dynamo Dresden in der Semperoper war schon länger in meinem Kopf, aber die Chance für dieses Foto schien gering. Durch die Anfrage der Semperoper eröffnete sich die Möglichkeit, über dieses Motiv ernsthaft nachdenken zu können. Dafür mussten Ängste und Bedenken auf allen Seiten erst einmal aus dem Weg geräumt, oder besser gesagt etwas verschoben werden. In dem Projekt stießen zwei Welten aufeinander, Hochkultur und Fußballkultur. Und am Ende findet doch ein Kulturaustausch statt. Ich glaube, dass nicht nur das Foto gelungen ist. Ich hoffe, es ist auch eine konstruktive Auseinandersetzung mit den Reibungen, die es in dieser Stadt gibt. Und möglicherweise ein Ausblick auf eine Utopie der Verständigung.

Der aktiven Fanszene von Dynamo Dresden eilt bundesweit ein schlechter Ruf voraus. Hattest du überhaupt keine Berührungsängste, als du Ultras Dynamo für dieses Projekt kontaktiert hast?

Ich hatte überhaupt keine Berührungsängste, und denke, dass für den schlechten Ruf der Dynamo-Fans auch eine bestimmte Form der Berichterstattung in den Medien verantwortlich ist. Ich schätze es außerordentlich an den Ultras, wie und mit welcher Überzeugung sie ihre Kultur ausleben. Ihre Choreografien und Fangesänge sind für mich auch eine Form von Inszenierung und Kunst.

Wie hast du die Gruppe für dein Anliegen begeistert?
Ich wurde von den Ultras nicht gleich von Anfang an mit offenen Armen empfangen, als ich mit meiner Idee auf sie zugegangen bin. Sie haben es sich angehört und erst einmal in ihrer Gruppe diskutiert. Letztlich haben sie sich für die Idee aber doch begeistern lassen, mich bei den Vorbereitungen unterstützt und sich der Sache mit ganzem Herzen angenommen. Es war für mich eine Ehre, dass sie mir ihr Vertrauen geschenkt und sich einhundertprozentig auf die Arbeit mit mir eingelassen haben.

Du bist ein vielfach ausgezeichneter Fotograf. Hattest du nie die Befürchtung, deinen Ruf mit dieser Arbeit zu beschädigen?
Im Gegenteil. Ich habe erst vor ein paar Tagen in einer Tageszeitung einen Satz gelesen, der es gut trifft: „Wenn Sie etwas Neues schaffen wollen, eine kleine Revolution anzetteln, dann müssen Sie gegen Normen verstoßen. Das erreichen Sie nicht, indem Sie normale Dinge tun.“ Das stammt von einem bekannten Staubsaugerhersteller, der gerade Elektroautos entwickelt. Der Nonkonformismus, der darin zum Ausdruck kommt, ist mir auch in meiner Arbeit sehr wichtig. Ich inszeniere meine Fotos. Ich stelle Menschen in einen neuen Zeit- und Raumzusammenhang. Ich versuche, die Wirkung zu kalkulieren, indem ich Licht, Ausstattung und Bildausschnitt ausprobiere und festlege. Das Ergebnis ist im besten Fall eine Intervention im öffentlichen Raum, nämlich mein Bild. Das ist meine Arbeitsweise, die nicht von Konventionen und Erwartungen beeinflusst werden darf.

Das Projekt stand aufgrund von Hausdurchsuchungen Mitte Dezember im Umfeld von Anhängern aus der aktiven Fanszene kurzzeitig auf der Kippe. Warum wolltest du es trotzdem unbedingt umsetzen?
Ich bekam damals nachts einen Anruf von einer unbekannten Nummer, weil nach den Hausdurchsuchungen keiner meiner Ansprechpartner mehr ein Handy hatte. In dem Telefonat wurde das gesamte Projekt von Ultras Dynamo abgesagt und mir die Situation geschildert, die sich an diesem Tag in Dresden zugetragen hat. Im ersten Moment hatte ich totales Verständnis. Aber im nächsten Moment dachte ich: Jetzt erst recht, Jungs, lasst euch nicht unterkriegen! Auch wenn ich die große Verunsicherung absolut nachvollziehen konnte, weil ich es selbst erlebt habe, wie es ist, wenn die Staatsgewalt in deine privaten Räume eindringt, alles durchsucht und auf den Kopf stellt.

Was war bei dir passiert?
Ich habe es in meiner Jugend selbst erlebt. Damals wurden im Umfeld der Berliner Sprayer-Szene, in der ich zwar selbst nicht aktiv, aber mit vielen befreundet war, umfangreiche Razzien durchgeführt. Das betraf auch die Wohnung meiner Mutter, und mir war aufgrund dieser Erfahrung völlig klar, was ein solcher extremer Eingriff ins Privatleben bedeutet. So etwas hinterlässt bei jedem einzelnen Spuren über den Tag der Hausdurchsuchungen hinaus. Umso mehr habe ich mich letztlich gefreut, dass das Fotoshooting trotz der angespannten Situation gemeinsam realisiert wurde. Ohne Ultras Dynamo wäre das Projekt nicht zustande gekommen.

Die Karten für den 18. Dezember waren innerhalb von wenigen Stunden komplett vergriffen. Wie sehr hat es dich als Mensch berührt, dass so viele Menschen an einem Montagabend um 23 Uhr dabei sein wollten?
Ich denke, dass das Interesse an diesem besonderen Opernhaus in Verbindung mit dieser einmaligen Choreografie einfach sehr groß war. Dass dort ein Foto entstanden ist, war für die meisten Menschen sicher zweitrangig. Die Jungs von den Ultras, die das im Vorfeld zusammen mit dem Verein unterstützt haben, haben das übrigens richtig gut gemacht, weil sie eine hohe Glaubwürdigkeit mitbringen und dadurch Menschen mitreißen und begeistern können. Es war für alle, die dabei waren, etwas ganz Besonderes.

Wie ist das Fotoshooting abgelaufen?
Ich fand es schlicht beeindruckend, wie alle mitgezogen haben und wie konzertiert und selbstregulierend eine so große Fanmasse agieren kann. Außerdem finde ich es in der heutigen Zeit ziemlich beeindruckend, dass während der Aktion oder anschließend kein einziges Foto aus der Oper im Internet veröffentlicht wurde. Obwohl mehr als 1.000 Menschen an der Umsetzung des Bildes beteiligt waren. Auch dafür möchte ich noch einmal allen von Herzen danken, die daran mitgewirkt haben.

Wie zufrieden bist du mit dem Ergebnis?
Ich bin sehr zufrieden mit den zahlreichen Motiven, die entstanden sind. Ich konnte am Ende mit erreichen, dass man sich bei der Semperoper für das sehr kraftvolle Bild entschieden hat, bei dem „Supp“ als Capo, Dirigent und Vorsänger ganz zentral im Bild steht und die Fahne von Ultras Dynamo zu sehen ist. In diesem Bild steckt viel Energie, es transportiert die Stimmung, die ich auf der Bühne als Beobachter empfunden habe. Vielleicht trifft es auch das Gefühl, wenn ich sage, dass wir die Semperoper an diesem Abend für ein paar Minuten alle zusammen geentert haben. Ohne dabei einen einzigen Kratzer zu hinterlassen.

Was ist für dich als Fotograf und Künstler das Besondere an den Motiven?

Wir haben für das Motiv alles in der Oper getauscht. Die Bühne war der Zuschauerraum und der Zuschauerraum die Bühne. Die Menschen im Publikum waren die Darsteller und ich als Foto-graf auf der Bühne der Beobachter. Mehr geht nicht. So etwas erlebt man nicht so oft.

Was bleibt für dich von diesem Projekt hängen?
Mich hat der Abend in der Oper auch im Nachhinein noch sehr bewegt. Es ist für mich eine neue Verbindung nach Dresden entstanden. Ich hatte für die Arbeit an den Motiven für die Semperoper insgesamt eine sehr schöne Zeit in der Stadt.

Du bist 1979 in Karl-Marx-Stadt zur Welt gekommen und in Ost-Berlin aufgewachsen. Welche Berührungspunkte hattest du bis zur Arbeit für die Semperoper mit Fußball und Dynamo Dresden?

Ich hatte weder zum Fußball noch zu Dynamo Dresden eine große Verbindung. Ich habe in meinem Leben selbst noch nie eine Mannschaftssportart ausgeübt und bin auch von zuhause aus in meiner Kindheit nicht an den Fußball herangeführt worden. Ich habe in meinem ganzen Leben vielleicht zehn Fußballspiele in einem Stadion verfolgt. Aber von der Kraft, die von so einem Stadion, der Atmosphäre und den Fans ausgehen kann, war ich immer schon schwer beeindruckt.

Du lebst zusammen mit deiner Familie in Berlin. Wirst du für einen Gegenbesuch bei einem Heimspiel im K-Block vorbeischauen?
Ja, das habe ich mir ganz fest vorgenommen. Ich hoffe sehr, dass ich demnächst bei einem Spiel im K-Block dabei sein kann.

Viele Kinder träumen früh in ihrer Kindheit davon, einmal Fußball-Profi werden zu wollen. Du bist in einer Familie aufgewachsen, in der Theater, Schauspielerei und Kunst allgegenwärtig waren. An welchem Punkt in deinem Leben wusstest du, dass du gern Fotograf werden möchtest?
Ich hatte das Glück, dass ich das schon sehr früh wusste. Die Leidenschaft für Fotografie und Kameras hat sich entwickelt, als ich in der sechsten, siebten Klasse war. Meine Eltern haben das erkannt und mich von Anfang an selbstverständlich gefördert und mich auf meinem Weg unterstützt. Wenn du wie ich in einem Zuhause aufwächst, in dem Kunst allgegenwärtig ist, dann besteht da kein Kampf. Ich musste meinen Eltern nie erklären, warum ich das will. Verrückt wäre es vielleicht dann geworden, wenn ich gesagt hätte, dass ich Fußballer werden will. Da hätten sie mich wahrscheinlich eher komisch angeguckt. (lacht)

Andreas, vielen Dank für das Gespräch. Wir sehen dich hoffentlich bald zu deinem Gastbesuch im K-Block!

Interview: Henry Buschmann
Fotos: Lars-Eric Schuldt (1, 2, 3, 5), Andreas Mühe (4)