KREISEL-Interview mit Andreas Trautmann

Das waren quasi Religionskämpfe.


Andreas Trautmann

Dörner, Häfner, Kreische, Kirsten – die Genies und die Torjäger stellen seinen Namen in den Schatten. Doch die Zahlen sprechen Bände: Andreas „Trautl“ Trautmann gehört zu den Großen der Vereinshistorie.

Zum KREISEL-Interview lernten wir einen lockeren, humorvollen Typen kennen. Einen Meister seines Fachs, der Erfahrung und Können seit mehr als zehn Jahren an die Junioren der Sportgemeinschaft weitergibt.

Andreas, im August ging’s auch bei der U19 wieder los, einer war nicht dabei – Kevin Ehlers. Überrascht es dich, wie gut er sich bei den Profis schon akklimatisiert hat?
Es überrascht mich nicht, aber ganz so schnell hätte ich es nicht erwartet. „Ehle“ hat ja letztes Jahr schon häufig bei den Profis mittrainiert, er bringt alles mit, fußballerisch und charakterlich. „Fielo“ kennt den Jungen schon aus der U17 und weiß, was er an ihm hat. Sicher wird Kevin auch mal den einen oder anderen Rückschlag wegstecken müssen. Aber dass er seinen Weg gehen kann, steht für mich außer Frage.

Du bist seit über zehn Jahren im Nachwuchs als Co-Trainer unterwegs, erst bei der U17, seit mehr als fünf Jahren bei der U19 – was motiviert dich?
Ich bin im Fußball unterwegs, seit ich denken kann. Es macht mir einfach Spaß, den Jungs heute etwas weiterzugeben. Auch wenn meine Frau nicht immer begeistert ist, vor allem, wenn wir in der Bundesliga auswärts spielen und ich das halbe Wochenende unterwegs bin. (lacht)

Gesund scheint es zu sein, deine 60 Lenze sieht man dir nicht an.
Man ist täglich mit 17-, 18-Jährigen unterwegs, hört die Musik der Jungs, ihren Jargon, und bleibt so ganz anders am Ball als auf Kaffeefahrten. Das hält jung.

Wie unterscheidet sich Jugendarbeit heute von deiner eigenen Ausbildung in den 70er Jahren?

Der Fußball hat sich weiterentwickelt, die Ausbildung ist komplexer geworden. Heute werden im Nachwuchs Bereiche bedient, die damals in der ersten Mannschaft keine Rolle spielten. Zu meiner Jugendzeit sind wir für die Grundlagenausdauer regelmäßig in den Wald gegangen, heute wird überwiegend mit dem Ball gearbeitet. Die Eltern sind heute viel präsenter, auch Berater spielen schon früh eine Rolle. Es ist in jeder Hinsicht eine andere Zeit und lässt sich schwer vergleichen.

Hattest du als Nachwuchsspieler einen prägenden Trainer?

Den gab es, und der hat mich auch zeitlebens verfolgt – „Ede“ Geyer. Der Name ist ja Programm. (lacht) Damals sind wir montags früh sieben Uhr in die Heide gefahren und drei Stunden gelaufen, da würden sich heute alle abmelden. Es sei dahingestellt, ob das seinerzeit immer alles so richtig war, aber wir kannten es nicht anders, und fit waren wir.

Mit 13 Jahren wurdest du vom FSV Lok Dresden zur SGD delegiert…

Ich wollte anfangs gar nicht zu Dynamo. Bei der FSV Lok Dresden hatte ich meine Freunde, Dynamo schien sehr weit weg. Mein Vater, der Trainer bei Lok war, hat das dann durchgedrückt. Dynamo war eine ganz andere Welt, alles viel größer. Wir haben uns im Steinhaus umgezogen, waren nah dran an der ersten Mannschaft und am Stadion. Irgendwann hat man dann auch den Gedanken entwickelt, Samstag, 15 Uhr, dort aufzulaufen.

Heute wird viel von Durchlässigkeit gesprochen – kannst du noch sagen, wie viele deiner Mitspieler aus der A-Jugend den Sprung geschafft haben?
Andreas Schmidt, der auch Jahrgang 1959 ist, kam bis Mitte der 80er Jahre in der Oberliga und auch im Europapokal zum Einsatz, aber eher unregelmäßig. Er machte später für Stahl Riesa noch einige Oberliga-Spiele. Aber das ist auch der einzige Name, den ich auf dem Schirm habe. Wirklich Fuß fassen konnte keiner der Jungs, mit denen ich mein letztes A-Jugend-Jahr bestritten habe.

Nebenbei hast du noch deine Ausbildung zum Maschinenanlagenmonteur absolviert.

Das konnten wir uns nicht wirklich aussuchen. Es gab eine Kooperation mit dem „VEB Strömungsmaschinen“ oben im Industriegelände. Ab und zu waren wir auch dort und haben ein bisschen gefeilt oder irgendetwas anderes gemacht. Aber es war in erster Linie eine Ausbildung fürs Papier.

Welchen Weg hättest du eingeschlagen, wenn es mit dem Fußball nichts geworden wäre?

Gute Frage. Einen echten Plan B gab es nicht. Was mich interessiert hat, war das Thema Film und Video. Bekannt ist ja, dass Walter Fritzsch mit der Videokamera auf der Bank saß. Aber Dynamo hatte damals auch schon einen Videoverantwortlichen. Dem habe ich hin und wieder über die Schulter geschaut und im Trainingslager auch mal ein bisschen gefilmt. Spielbeobachtung, Videoanalyse, das fand ich spannend. Vielleicht wäre es etwas in dieser Richtung geworden.

Kannst du dich an dein erstes Punktspiel erinnern?

Sehr gut sogar. Das war hier zuhause gegen den BFC, wir haben 1:2 verloren. Ich habe Linksaußen gespielt und war gefühlt fünfmal am Ball. Da hat’s ordentlich gerasselt, es ging richtig zur Sache. Ich habe mich gefragt, wo ich gelandet bin. Das war eine vollkommen andere Welt als im Nachwuchs.

Welche Erinnerungen hast du an die Olympischen Spiele 1980 in Moskau?
Die Wochen im Olympischen Dorf waren ein wahnsinniges Erlebnis. Auch wenn wir alle lieber vier Jahre später nach Los Angeles geflogen wären als nach Moskau. [Olympia 1984 in L.A. wurde von den meisten „Ostblock“-Staaten boykottiert, nachdem die USA und über 40 weitere westliche Staaten 1980 die Spiele in Moskau ebenfalls boykottiert hatten; A. d. Red.] Bei den Spielen bist du Athleten begegnet, die du sonst nur aus dem Fernsehen kanntest.

Habt ihr euch auch andere Wettkämpfe angeschaut?
Wir waren beim Boxen, da hat am Ende auch ein DDR-Sportler Gold geholt. Den Olympiasieg unserer Handballer gegen die Gastgeber haben wir in der Halle verfolgt, ein wahnsinnig enges, spannendes Spiel. Wir haben uns viel Sport angeschaut, diese beiden Erlebnisse sind besonders hängengeblieben.

Du hattest einen Einsatz im Turnier.
Ich hätte nie damit gerechnet, überhaupt mitzufahren. Die Konkurrenz in der Mannschaft war enorm, durch die Bank gestandene Oberliga-Spieler. Es war riesig, dass Rudolf Krause mich im Viertelfinale zur Halbzeit gebracht hat und ich mir so nach dem Finale meine Silbermedaille abholen durfte.

Hast du die Medaille noch zuhause?
Sie liegt bei meinen Eltern. Meine Mutter hat sie sicher aufbewahrt.

Matthias Müller gehörte 1980 zur Stammelf. Ihn siehst du jetzt wieder häufiger...
„Lotte“ Müller und ich, wir haben uns wiedergefunden. (lacht) Aber Spaß beiseite – wir haben uns die ganzen Jahre gesehen, oft ja auch bei den Heimspielen hier im Stadion. Aber es ist schön, dass wir jetzt wieder gemeinsam auf dem Platz stehen und Willi Weiße dabei unterstützen können, unseren Jungs in der U19 etwas beizubringen.

Wissen die Jungs, die du trainierst, welche Erfolge du als Aktiver gefeiert hast?
Hausieren gehe ich damit nicht, irgendwann bekommen sie es mit. Dann kommt auch mal ein flachsiger Spruch. „Die Legende kommt“, sowas in der Art. Aber das ist okay, damit kann ich umgehen. (lacht)

14 Einsätze für die DDR-Auswahl stehen in deiner Bilanz, den Durchbruch hast du dort nie wirklich geschafft.

Ich kann mich nur noch an wenige Länderspiele erinnern, besonders gut aber an mein letztes. Das war einen Tag vor meinem 30. Geburtstag, am 20. Mai 1989. WM-Quali in Leipzig gegen Österreich. Die Nacht vorm Spiel hatte ich Fieber, wollte aber unbedingt dabei sein und habe dem Trainer nichts gesagt. Ich habe gespielt wie eine Pflaume, Toni Polster macht direkt nach Anpfiff das 1:0. Zur Halbzeit wurde ich ausgewechselt. Das war irgendwie bezeichnend für meine gesamte Laufbahn in der Auswahl, es hat nie wirklich gepasst.

In der Sommervorbereitung 1986 hast du dir das hintere Kreuzband im linken Knie gerissen, was bis heute nicht geflickt wurde.
Die Ärzte sagten mir damals, dass sie mich operieren können, die Wahrscheinlichkeit, dass ich wieder Fußball spiele, dann aber bei 20 Prozent liegt. Die Alternative war, dass ich es in den USA machen lasse, aber alles selbst zahle. Ich habe dann nach ein paar Monaten Pause ohne Kreuzband weitergespielt. Bevor ich auf den Platz bin, habe ich das Knie seither bandagiert, quasi eingegipst. Die Muskulatur hat ihr übriges getan. Es hält bis heute.

Dein Sahnejahr hast du erst danach gespielt, 1989 wurdest du zum „Fußballer des Jahres der DDR“ gekürt. Kam die Auszeichnung überraschend?
Das kann man sagen. Ich wusste, dass ich ein gutes Jahr gespielt hatte, und hatte ein wenig damit geliebäugelt. Wirklich gerechnet hatte ich aber nicht damit.

Dynamo hat in diesem Jahr den BFC als Dauermeister abgelöst, im Europapokal hast du Rudi Völler und Jürgen Klinsmann jeweils in Hin- und Rückspiel auf Eis gelegt.
Es kamen zwei Dinge zusammen: Wir hatten eine überragende Mannschaft, in der ich meine Leistungen bringen konnte. Und natürlich hatten Namen wie Völler und Klinsmann eine Strahlkraft, wovon ich bei der Wahl zum Fußballer des Jahres schließlich auch profitiert habe.

Wie bist du in die Duelle mit diesen Topstürmern gegangen?
Ich habe mich darauf gefreut! Es war reizvoll, weil diese Spieler medial natürlich ganz anders im Fokus standen als wir. Zerstören konnte ich ganz gut. In der Luft sowieso, aber auch unten rum. (lacht) Damals war die Spielphilosophie noch eine andere, Manndeckung, du hast deinen Gegenspieler an die Leine gelegt. Wäre Rudi Völler auf Toilette gegangen, hätte ich vor der Tür gewartet. Wir sind damals als Mannschaft auch von Spiel zu Spiel gewachsen, hatten alle eine breite Brust. Das war ein wichtiger Faktor.

Und mit welchen Gefühlen schaut man dann ein Jahr später nach Rom, wo Völler und Klinsmann von Beginn an spielten und Weltmeister wurden?

Ich dachte mir, es wäre nicht das Verkehrteste, dort jetzt auch aufzulaufen. (lacht) Nein, im Ernst, das war schon ein gutes Gefühl, zu wissen, dass man gegen solche Spieler auch bestehen konnte.

Welcher Gegenspieler war der unangenehmste, mit dem du es zu tun hattest?
(überlegt kurz) Joachim Streich von Magdeburg. Da konntest du dein Trikot nach dem Spiel ungewaschen zurück in den Spind legen, weil du keinen Tropfen geschwitzt hast. Der stand 90 Minuten nur rum, hat in der Halbzeitpause auf der Toilette noch eine geraucht – und trotzdem stand sein Name zweimal oben auf der Anzeigetafel. Das konnte einen schon wahnsinnig machen. (lacht)

77 Pflichtspieltore auf deiner Seite lesen sich aber auch nicht schlecht. Hast du die meisten mit dem Kopf gemacht?

Nein, da war von allem was dabei. Es hat mir Spaß gemacht, vorne mitzumischen. Ich habe ja auch als Offensiver angefangen. Außerdem hatte ich eine ganze Reihe Mitspieler, die es gut verstanden, ihren Nebenmann einzusetzen. Vorneweg natürlich „Dixie“ Dörner. Der hatte ein klasse Auge dafür. Ich kann mich an die eine oder andere Situation erinnern, als ich über den Flügel gegangen bin und den Ball so bekommen habe, dass ich frei auf den Torhüter zugehen konnte.

Ein wichtiges Tor hast du 1982 im FDGB-Pokalfinale gemacht.

(lacht) Das war eine Mistmöhre, ein Schweinetor. Nach einer Ecke, abgefälscht, ein Aufsetzer. So gar nicht gewollt, aber nur deshalb ist der Ball über Rudwaleit drüber gegangen. Die Pokalfinals gegen den BFC waren Wahnsinn. Das waren quasi Religionskämpfe. Sachsen gegen Preußen, gefühlt der Rest der Republik gegen Berlin. Diese Spiele und natürlich die Europapokalspiele sind am meisten hängengeblieben.

Andreas, danke dir für das Gespräch und viel Erfolg und Freude in dieser Saison mit unserer U19!

Interview: Jan Franke
Fotos: Steffen Kuttner (1/2/4/6/7), Dresdner Fußballmuseum (3), imago images/Kicker/Eissner (5)