KREISEL-Interview mit Baris Atik

„Es ging ums Taschengeld.”

Baris Atik

Vor dem Pflichtspielauftakt 2019 gegen Arminia Bielefeld trafen wir uns mit Baris Atik zum KREISEL-Interview. Dynamos Sommerneuzugang scheint mehr und mehr angekommen bei der SGD. Seit dem Sachsenderby im Oktober stand er in jedem Pflichtspiel auf dem Feld, am 18. Spieltag in Duisburg war er mit Tor und Assist bester Mann auf dem Platz.

Natürlich sprachen wir mit dem 24-Jährigen über seine Ziele für die Rückrunde. Vorher aber ging es um Transferschlagzeilen, ein großes Vorbild und einen unvergesslichen Tag in Niedersachsen. Außerdem verriet Baris uns, was in seiner Kindheit für einen pfälzischen Straßenfußballer auf dem Spiel stand.

Baris, welcher Transfer war für dich der spektakulärste in diesem Winter?
(überlegt kurz) Ich würde sagen, der Wechsel von Kevin-Prince Boateng zum FC Barcelona. Das war schon überraschend.

Weil?
(lacht) Er war ja offenbar selbst ziemlich überrascht, dass Barca ihn wollte. Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie er dort einschlägt.

Er ist erstmal für ein halbes Jahr ausgeliehen. Was traust du ihm zu?
Barcelona hat sicher den Anspruch, die Meisterschaft zu gewinnen und auch in der Champions League bis zum Ende dabei zu bleiben. Er ist ein sehr erfahrener Spieler, der jedem Verein weiterhelfen kann, wenn er fit ist. Vor allem ist er ein Gewinnertyp. Solche Spieler sind wertvoll, wenn du Titel holen willst.

Also kein reiner Marketingcoup?
Klar bringt Kevin-Prince Boateng viele Fans mit, viel Aufmerksamkeit. Aber der Verein wird ihn ganz sicher auch geholt haben, weil die Verantwortlichen davon überzeugt sind, dass er auf dem Feld etwas bewirken kann.

Kevin-Prince ist ein guter Freund von „Ebi“. Bist du ihm schon mal begegnet?
Nein, ich habe ihn noch nicht getroffen.

Ist er als offensiver Mittelfeldspieler ein Vorbild für dich?
Nein, da gab es andere, die für mich eine große Rolle gespielt haben. Vorneweg Ronaldinho, der fußballerisch mein absolutes Vorbild ist. Die Art und Weise, wie er Fußball gespielt hat, hat mich sehr inspiriert. Videos von seinen Tricks und Toren schaue ich mir heute noch auf YouTube an.

Wann hast du ihn zum ersten Mal spielen sehen?
Bei der Weltmeisterschaft 2002. Das war das erste Turnier, das ich mir im Fernsehen angeschaut habe. Ronaldinho war bei den Brasilianern damals schon herausragend. Von da an habe ich ihn verfolgt, vor allem natürlich in seiner Zeit beim FC Barcelona und beim AC Mailand.

Wie lange hast du geübt, bis du seine Tricks draufhattest?
(lacht) Ich konnte immer schon ganz gut mit dem Ball umgehen. Nach ein paar Tagen hatte ich die Tricks eigentlich immer drin.

Zu „Ebi“ hast du einen engen Draht. Wie ist das gewachsen?
Den ersten intensiven Kontakt hatten wir letzten Sommer, als wir in Cannes mit ein paar anderen Spielern eine Woche lang trainiert und uns für die Saisonvorbereitung fit gemacht haben. „Ebi“ und ich hatten auf Anhieb einen super Draht zueinander. Dann hat es sich so gefügt, dass wir beide zu Dynamo gegangen sind. „Ebi“ hat mir grad am Anfang hier sehr geholfen. Wir verstehen uns inzwischen eigentlich blind.

War es dein erstes Trainingslager in der Türkei?
Nein, ich war mit der zweiten Mannschaft von Hoffenheim auch schon mal dort.

Du bist mit der Sprache aufgewachsen und konntest oft helfen – zum Beispiel, als ihr die mitgereisten Fans besucht habt …
Unsere Fans waren nicht im selben Hotel wie wir. Als wir dort ankamen, fragte uns das Personal natürlich erst einmal, wer wir sind und zu wem wir wollen. Ich habe dann erklärt, dass wir unsere Fans besuchen wollen, die den weiten Weg mit uns gereist sind.

War es dann noch problematisch?
Normalerweise hätten wir alle unsere Pässe hinterlegen müssen. Aber nur Ralf Minge hatte seinen dabei. Wir hätten akzeptieren müssen, wenn sie uns nicht reinlassen, sie haben ihren Job gemacht. Aber die Verantwortlichen haben dann ein Auge zugedrückt. Es hat in der Situation sicher geholfen, dass ich mich verständigen konnte.

Die Dynamo-Fans begleiten die SGD seit vielen Jahren ins Trainingslager – im Sommer und im Winter. Wie hast du das erlebt?
Ich habe alle unsere Fans, die im Trainingslager dabei waren, als sehr offen und ehrlich erlebt. Das war sehr sympathisch und hat viel Spaß gemacht. Wir hatten ja nicht nur an dem gemeinsamen Abend im Hotel Kontakt, sondern auch bei den Trainingseinheiten und Testspielen. Es ist für uns als Mannschaft ein gutes Gefühl, dass uns die Fans auch im Trainingslager unterstützen und zeigen, wie sehr sie für Dynamo brennen.

Deine Eltern sind beide in der Türkei geboren. Woher stammen sie?
Meine Mutter ist in Afyon zur Welt gekommen, das wird dir sicher nichts sagen. Die Stadt liegt ungefähr 300 Kilometer nördlich von Belek. Mein Vater stammt aus Bursa, einer der größten Städte der Türkei, der Erstligist Bursaspor spielt dort. Kennengelernt haben sich meine Eltern aber in Deutschland.

Du hast mehrere Geschwister, wo ordnest du dich altersmäßig ein?
Wir sind drei Brüder und eine Schwester. Einer meiner Brüder ist jünger, die anderen beiden Geschwister sind älter als ich.

Wo leben die drei?
Sie leben alle in der Heimat. Dadurch sehen wir uns natürlich seltener, seit ich in Dresden bin. Aber wir haben fast täglich Kontakt.

Wenn dein älterer Bruder zum Fußballspielen auf die Straße gegangen ist, hat er dich schon sehr früh mitgenommen …
Er ist sieben Jahre älter, so dass ich eigentlich immer der Jüngste im Team war, wenn wir draußen gekickt haben. Das hat sicher dazu geführt, dass ich mir schon früh eine gute Technik angeeignet habe, um mich durchsetzen zu können.

Ihr hattet als Kinder ein Team, die „Scorpions“.
Das stimmt. Wir hatten eine Straßenmannschaft, der wir diesen Namen gegeben haben.

Woher kam der Name? Sicher nicht von der Band?
Nein, das nicht. Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, wie wir darauf gekommen sind. Ich denke mal, dass ich bei der Namensgebung auch nicht unbedingt involviert war. (lacht)

Wie viele Jungs gehörten zum Team?
Lass mich nicht lügen – vielleicht zwölf, dreizehn.

Und dann gab es andere Teams?
Ja, klar, es gab viele Mannschaften. Wir haben Straßenturniere gespielt. Ein Torwart, fünf Feldspieler. Es ging ums Taschengeld. Es gab Gruppen, Halbfinale und Finale. Die Gewinnermannschaft hat den gesamten Pott gewonnen.

Hast du heute noch Kontakt zu den Jungs von damals, auch wenn du mit Abstand der Jüngste warst?
Auf jeden Fall. Ich sehe noch viele von den Jungs, wenn ich zuhause bin. Es drehte sich damals zwar sehr viel um Fußball, aber wir waren ja auch darüber hinaus ein Freundeskreis. Es gibt viele Geschichten, an die wir uns gern zurückerinnern.

Was fällt dir zum 22. Juni 2014 ein?
Hannover?

Genau.
Ein unvergesslicher Tag. Wir haben mit der U19 von Hoffenheim im Bundesliga-Stadion von Hannover gegen „96“ gespielt. Das Spiel ging 5:0 aus, wir sind Deutscher A-Jugend-Meister geworden.

Und du hast ein Tor gemacht.
Das war ein sensationelles Erlebnis. In der A-Jugend haben wir sonst vor ein paar hundert Zuschauern gespielt. An dem Tag waren um die 15.000 im Stadion. Es hat einfach alles gepasst in dieser Saison, für uns als Mannschaft und auch für mich persönlich.

Du warst 2013/14 mannschaftsinterner Torschützenkönig für die U19 der TSG ...
Es lief super, ich habe in dem Jahr auch die meisten Assists beigesteuert. Umso schöner war es, dass wir diese Saison am Ende mit der Deutschen Meisterschaft krönen konnten. Das sind geile Erinnerungen.

Im Halbfinale hattet ihr zuvor Schalke 04 ausgeschaltet, gefühlt der noch größere Brocken …
Das stimmt. Schalke hatte damals eine sehr starke Jugendmannschaft. Wenn man sich anschaut, wo die Jungs zum Teil heute spielen, ein Leroy Sané oder ein Thilo Kehrer. Das war schon ein Kaliber. Die beiden Halbfinalspiele waren auch eng. Wir haben auf Schalke 1:0 gewonnen, ich habe das Tor per Ecke aufgelegt. Das Rückspiel ging dann 0:0 aus.

Sané und Kehrer stehen im Achtelfinale der Champions League. Was ist dein Ziel als Fußballer?
Ich tue gut daran, Schritt für Schritt zu gehen. Mein nächstes Ziel ist es, in der Rückrunde dort anzuknüpfen, wo ich letztes Jahr aufgehört habe. Der Trend war positiv, das will ich fortsetzen. Perspektivisch möchte ich mich in der Bundesliga zu etablieren. Ich durfte dort mit Hoffenheim schon reinschnuppern, dort will ich irgendwann wieder hin. Sehr gern mit Dynamo. Der Verein hat das Potenzial, ich habe hier nicht ohne Grund einen Vierjahresvertrag unterschrieben.

Wie sieht es mit Träumen aus?
Natürlich habe ich als Fußballer Träume. Ich glaube, dass man das Beste nur aus sich rausholen kann, wenn man Träume hat. An meinen Träumen werde ich immer festhalten, aber ich muss nicht unbedingt so viel darüber sprechen.

Wie würdest du dein erstes halbes Jahr bei Dynamo zusammenfassen?
Am Anfang lief es nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe. Aber ich wusste, dass ich meine Leistung bringen werde, wenn ich mich nicht hängen lasse. In den letzten Wochen des zurückliegenden Jahres durfte ich dann ran und konnte zeigen, dass ich mehr drauf habe. Wie gesagt – ich will mich weiter steigern und der Mannschaft helfen. Am besten mit Toren und Vorlagen. Dafür werde ich arbeiten.

Baris, dafür wünschen wir dir viel Erfolg! Danke für das Gespräch.

Interview: Jan Franke
Fotos: imago/Hübner/Ulrich (1), Steffen Kuttner (2, 3, 5, 6), imago/Heuberger (4)