KREISEL-Interview mit Dani Schahin

„Ägyptischer Meister zu werden, wäre schon cool!”

Dani Schahin

Vor dem ersten Punktspiel seit über 23 Jahren gegen den Hamburger SV im Stadion an der Lennéstraße 12 in Dresden haben wir mit einem gesprochen, der in seiner Karriere sowohl für den HSV als auch für die SGD die Fußballschuhe geschnürt hat: Dani Schahin. Er wurde 1989 in Donezk in der heutigen Ukraine geboren. Seit 1996 lebt die Familie in Deutschland. Seine Mutter stammt aus Russland und sein Vater ist ein Palästinenser mit libanesischer Herkunft.

2011 spielte Dani Schahin ein knappes halbes Jahr für die SGD und trug mit zehn Toren entscheidend zum Aufstieg in die 2. Bundesliga bei. Wir sprachen mit dem 29-Jährigen über sein Leben in Kairo – zwischen Pyramiden, Millionen von Menschen und leeren Fußballstadien. Wir redeten über Dankbarkeit, den Heimathafen seiner Familie und sein nicht enden wollendes Verletzungspech. Außerdem verriet er uns, was er mit Thomas Tuchel, Cristian Fiel und der Liebe der Dynamo-Fans verbindet.

Dani, wo erreichen wir dich gerade am Telefon?
Ich bin mit meiner Frau und unserer gemeinsamen neun Monate alten Tochter in Kairo. Im Sommer bin ich nach Ägypten gewechselt. Ich bin jetzt in einem Fußballer-Alter, wo ich einfach noch mal etwas ganz anderes erleben wollte. Das ist mit diesem Wechsel definitiv in Erfüllung gegangen.

Warum der Schritt nach Ägypten?
Es war immer mein Traum, im Alter von 29, 30 Jahren ins Ausland zu gehen. Die letzten beiden Jahre habe ich in den Niederlanden bei Roda Kerkrade verbracht. Das war zwar auch schon international, aber in vielerlei Hinsicht eben recht nah dran an Deutschland. Jetzt wurde es Zeit, dass ich mir den Traum erfülle und noch mal eine ganz andere Kultur kennenlerne. Es hätte auch Asien oder die USA werden können. Mein Berater und ich haben uns vieles angehört. Es ging darum, noch mal etwas komplett Neues zu sehen, Lebenserfahrung zu sammeln und natürlich auch Geld zu verdienen.

Kairo ist die Hauptstadt von Ägypten. Wie muss man sich dein Leben dort zwischen den knapp 20 Millionen Einwohnern vorstellen?
Ich glaube, man stellt es sich etwas chaotischer vor, als es für uns eigentlich ist. Im Endeffekt ist Kairo eine Megacity, eine überdimensionierte Weltmetropole, wo es vor allem im Verkehr sehr, sehr hektisch zugeht. Die Zustände auf den Straßen sind wirklich völlig verrückt, der Größere und Schnellere hat grundsätzlich erst einmal Vorfahrt. Das ist sicher die größte Umstellung im Leben eines ordnungsliebenden Europäers. (lacht) Aber zusammen mit meiner Frau und unserer Tochter leben wir behütet am Stadtrand in einer geschützten Wohnanlage und bekommen von all der Hektik und dem Lärm in Kairo bisher nicht so viel mit. 

Und wie sieht dein Alltag als Profi bei deinem neuen Verein Pyramids FC aus?
Ich wohne ungefähr 15 Minuten vom Vereinsgelände entfernt. Die Brasilianer in unserer Mannschaft und ich werden als Ausländer etwas umfangreicher betreut. So holt uns zum Beispiel immer ein eigener Fahrer ab und bringt uns zu den Trainingseinheiten. In Sachen Organisation brauchen wir mit Deutschland oder den Niederlanden keine Vergleiche anstellen. (lacht) Da treffen Welten aufeinander. Hier wird alles mehr Pi mal Daumen gemacht, dafür aber mit viel Liebe und Herzlichkeit. Auch das Thema Pünktlichkeit ist eher gewöhnungsbedürftig.

Der Klub gehört dem saudischen Multimillionär Turki Al-Sheikh. Musstest du dich bei ihm zunächst persönlich vorstellen?
Persönlich vorstellen musste ich mich nicht, aber er hat mich ausgesucht und über einen Mittelsmann den Auftrag erteilt, mich für seine Mannschaft zu verpflichten. Er ist der Boss des Vereins und entscheidet, was hier passiert. Er ist aber niemand, mit dem man täglich telefoniert oder den man permanent auf dem Vereinsgelände sieht. Er hat seine Leute hier vor Ort, die die Geschicke des Vereins in seinem Sinne leiten. Er selbst ist ein vielbeschäftigter Mann und beruflich ständig in der Welt unterwegs.

Ist er bei den Spielen im Stadion?
Nicht immer. Aber wenn er nicht im Stadion sein kann, ruft er die gesamte Mannschaft via Facetime an und wünscht uns viel Glück und Erfolg.

Ist der Besitzer des Clubs bisher zufrieden mit dir?
Das kann ich im Moment noch nicht sagen. Bisher habe ich noch nicht sehr viel gespielt. Ich wurde in den vergangenen vier Partien dreimal eingewechselt. Mal schauen, wie es weitergeht. Wenn ich mich komplett eingewöhnt habe, möchte ich natürlich mehr Einsatzzeiten bekommen. 

Dein Berater Ersin Akan bezeichnet dich auf der Plattform transfermarkt.de als bestbezahlten internationalen Spieler des Landes. Ist das ein Thema in der ägyptischen Öffentlichkeit?
Auch das weiß ich nicht, weil ich die Sprache nicht verstehe und bisher auch keinen Kontakt zu Journalisten oder Fans hatte. Hier wird es uns von den Verantwortlichen strikt untersagt, mit Journalisten zu sprechen. Die einzigen Interviews geben wir dem Club-TV und den vereinseigenen Medien. In der Hinsicht agiert der Verein sehr restriktiv. In der Mannschaft war es bisher kein Thema, aber ich denke, dass alle Spieler ordentlich bezahlt werden. Hier kann sich keiner beschweren. 

Wo siehst du Gemeinsamkeiten, wenn du den Profi-Fußball in Ägypten und Deutschland vergleichst?
Die Qualität im technischen Bereich ist gut, wie ich finde. Auch die Bereitschaft in puncto körperlichem Einsatz kommt dem Standard in Deutschland nahe. Grundsätzlich kann man sagen, dass in Ägypten sehr körperbetont gespielt wird. Dafür gehen die Mitspieler und der gesamte Stab innerhalb einer Mannschaft um einiges herzlicher und freundlicher miteinander um. Das bringt die Kultur der Menschen hier einfach mit sich. 

Und die Unterschiede?
Der gesamte Fußballbetrieb ist hier in Ägypten sicher noch nicht so professionell durchorganisiert wie in Deutschland. Für mich war es am Anfang wirklich sehr gewöhnungsbedürftig, auf diesen trockenen Plätzen zu spielen. Der Ball springt hier auf den harten Böden mehr als dass er rollt. Und da ist es egal, ob man einen Rasen wässert oder nicht. Durch die extreme Hitze ist der Platz nach fünf Minuten wieder komplett getrocknet und hart. Ein Riesenunterschied sind auch die Trainingszeiten. Wir trainieren immer erst 20 Uhr, weil die Temperaturen über den Tag viel zu hoch sind. Dadurch findet das Leben hier auch eher in geschlossenen Räumen statt, als auf der Straße.

Ist Ägypten eine Empfehlung für Groundhopper?
Das muss jeder mit sich selbst ausmachen. In jedem Fall sollte man sich über die Gegebenheiten im Vorfeld gründlich informieren. Vieles ist anders und auch etwas komplizierter. Ob ein Groundhopper hier überhaupt ohne weiteres ins Stadion darf, weiß ich gar nicht. Im Februar 2012 gab es bei einem Spiel in Port Said schwere Ausschreitungen mit einer anschließenden Massenpanik. Dabei sind mehr als 70 Menschen gestorben, rund 1.000 wurden verletzt. Seit diesem Tag herrscht im ägyptischen Fußball der Ausnahmezustand. 

Was bedeutet das konkret?
Wir tragen unsere Begegnungen fast ohne Zuschauer aus, zusätzlich werden die Spiele durch die Armee abgesichert. Es sind alles in allem vielleicht 500 Leute im Stadion, die Atmosphäre ist wie bei einem Trainingsspiel. Früher waren die Stadien richtig voll, es muss eine leidenschaftliche Stimmung geherrscht haben. Davon ist im Moment nichts mehr zu spüren.

Also Geisterspiele Woche für Woche ...
Ja, so fühlt es sich an. Es ist schon krass und mit einem Spiel in der 2. Bundesliga natürlich überhaupt nicht zu vergleichen. Aber der Staat hält streng die Hand über den Fußball, das Militär riegelt die Stadien ab und die Fans sitzen vor dem Fernseher und verfolgen dort zusammen die Spiele. Ich glaube, vielen ist es auch lieber so, weil der Vorfall von 2012 wie ein Trauma ist. Andere würden es aber sicher vorziehen, wieder ins Stadion zu gehen. Es bleibt abzuwarten, wie lange die gegenwärtige Situation anhält.

Stichwort Militär: Fühlst du dich sicher in Ägypten?
Ich fühle mich mit meiner Familie sicher. Man spürt an jeder Ecke, dass die Menschen hier Wert darauf legen, dass man in Sicherheit und Ruhe leben kann. 

Es ist sieben Jahre her, dass du mit Dynamo Dresden in die 2. Bundesliga aufgestiegen bist. Welche Dinge fallen dir sofort ein, wenn du dich zurückerinnerst?
Unsere Aufholjagd in der Rückrunde! Ich erinnere mich an eine super Mannschaft, tolle Mitspieler und natürlich die Aufstiegsfeier einen Tag nach unserem Erfolg in der Relegation in Osnabrück in der Dresdner Innenstadt, als uns Tausende Menschen in Empfang genommen haben. Das war unglaublich schön! 

Wann warst du das letzte Mal in Dresden?
Der letzte Besuch liegt drei, vier Jahre zurück. 

Was verbindest du mit deiner Zeit bei Dynamo?
Es war für mich persönlich und als Fußballer eine sehr wertvolle Zeit. Ich habe viele Spiele und Tore gemacht, konnte unglaubliche Erfahrungen sammeln. Letztlich war Dresden ein Mega-Sprungbrett für mich.

Du hast 2011 ein halbes Jahr mit „Fielo“ zusammengespielt. Wie hast du ihn in Erinnerung?
In erster Linie ist „Fielo“ ein Supertyp und sehr angenehmer Mensch, der damals schon versucht hat, den jüngeren Spielern wie mir viel von seiner Erfahrung weiterzugeben. Er war auf und neben dem Platz eine absolute Führungspersönlichkeit, der andere mit seiner Leidenschaft und Professionalität mitgerissen hat. Ich glaube, dass er mit seiner Art auch ein guter Trainer werden kann. 

Du hast als Profi bisher bei acht verschiedenen Verein gespielt. Warum bist du nirgendwo richtig angekommen?
Im Rückblick ist das relativ leicht zu erklären. Ich habe in Düsseldorf mit ansprechenden Leistungen den Sprung in die Bundesliga geschafft. Nach dem Abstieg der Fortuna wollte ich unbedingt erstklassig bleiben und den Traum von der Bundesliga weiterleben. Ich habe mich deshalb für Mainz entschieden. Und dann kam das, was mich durch meine komplette Karriere begleiten sollte – eine schwere Verletzung. Ich bin sieben Monate ausgefallen, dann hat Thomas Tuchel den Verein verlassen und der neue Trainer konnte nichts mehr mit mir anfangen. Dann habe ich es in Freiburg probiert, danach wieder in Mainz und so weiter. 

Du wurdest auch in der Folge immer wieder von Verletzungen zurückgeworfen. Hast du das Gefühl, dass in deiner Karriere mehr möglich gewesen wäre?
Durch die Verletzungen musste ich mich auf all meinen Stationen immer wieder rankämpfen. Mein Körper stand mir letztlich vielleicht zu oft im Weg. Trainer mögen es nicht, wenn sie sich auf einen Spieler nicht verlassen können, weil er immer wieder ausfällt. Es wäre sicher mehr drin gewesen als 50 Bundesliga- und 60 Zweitliga-Spiele. Aber ich bin trotzdem zufrieden und dankbar dafür, wie es bis jetzt gelaufen ist. Es ist ein Privileg, Fußball-Profi sein zu dürfen. Ich genieße deshalb auch die jetzige Phase in meiner Karriere. 

Beim Relegationsrückspiel 2011 in Osnabrück bist du mit einem bandagierten Knie aus der Halbzeitpause gekommen. Du hast dich damals in den Dienst der Mannschaft gestellt.
Für so ein Finale zerreißt du dich, da will jeder Fußballer dabei sein. Damals hatte ich ja auch keine Ahnung, dass ich danach mehrere Monate ausfallen würde. Ich habe drei Spritzen bekommen und über den Schmerz hinweggespielt. Mir war einfach nicht bewusst, dass ich eine ernste Verletzung habe. Aber was soll’s! Wir sind aufgestiegen, und ich konnte mit einem Tor und einer Vorlage in der Verlängerung dazu beitragen. Es war also die richtige Entscheidung. Die Liebe der Menschen, die mir in Dresden danach entgegengebracht wurde, war Entschädigung genug.

Eine Rückkehr nach Dresden war zwischendurch mehrmals Thema. Warum ist es nie dazu kommen?
Das kann man so pauschal nicht beantworten. Es stimmt, dass es immer mal wieder Kontakt gab. Aber wirklich konkret geworden ist es letztlich nie, weil es zu keinem Zeitpunkt für beide Seiten zu 100 Prozent gepasst hat.

Du bist jetzt 29 Jahre alt. Welche Ziele hast du dir für die letzte Phase deine Karriere gesetzt?
Wer weiß, wo meine Reise in den kommenden Jahren noch hingeht. Ägyptischer Meister zu werden, wäre schon cool. (lacht) Aber Ägypten muss nicht die letzte Station sein. Ich kann mir auch vorstellen, noch mehr von der Welt zu sehen, anderswo schöne Dinge erleben. Die Jahre, die mir noch als Fußball-Profi bleiben, will ich auf jeden Fall genießen. Meine Frau und ich wollen möglichst viele Eindrücke aufsaugen, gern an den verschiedensten Orten auf dieser Welt. Unsere Tochter ist noch so klein, dass wir sie ganz unkompliziert überall mit hinnehmen können. (lacht)

Du hast in deiner Jugend drei Jahre beim HSV gespielt – was hat dir diese Zeit für deine spätere Karriere mitgegeben?
Letztlich nimmst du auf jeder Station etwas mit für dich, wenn du dazu bereit bist. Ich bin als 15-Jähriger von Cottbus nach Hamburg gewechselt. Ein Jahr später ist meine gesamte Familie nachgekommen. Hamburg ist für meine Eltern, meine Schwester und meinen Bruder über die Jahre zu unserem Heimathafen und Zuhause geworden.

Welche deiner damaligen Mitspieler haben es später zum Profi geschafft?
Es haben wirklich einige Jungs geschafft, die ich nicht alle aufzählen kann, weil ich sicher jemanden vergessen würde. (lacht) Spontan fallen mir Raphael Wolf, Eric Maxim Choupo-Moting, Sidney Sam, Änis Ben-Hatira und Shkodran Mustafi ein.

Der Fußball wird immer schneller, die Talente verlassen in immer jüngeren Jahren ihre Heimatvereine, um bei einem großen Club ihre Chance zu suchen. Du hast genau die gleiche Erfahrung gemacht – was würdest du einem jungen Spieler heute raten?
Für mich persönlich war es damals die absolut richtige Entscheidung, ich würde es genauso wieder machen. Aber das muss jeder für sich entscheiden. Ich hatte das Glück, dass meine ganze Familie mitgegangen ist und ich nicht allein in Hamburg war. Eltern, Geschwister und Familie sind einfach verdammt wichtig für die Entwicklung eines jungen Menschen. Inzwischen ist alles noch mal schneller geworden. Wenn ich mir anschaue, wie viele gestandene Spieler um die 30 Jahre heute in Deutschland keinen Verein mehr finden – das mag man gar nicht glauben.

Talente müssen immer früher liefern.
Der Jugendwahn im deutschen Fußball ist mir persönlich etwas zu krass geworden. Ich glaube, dass diese Entwicklung nicht nur positive Seiten hat. Es fehlt ganz sicher nicht an Talenten, aber vielleicht fehlt mancher Mannschaft ein Stück Erfahrung. Nicht zuletzt, wenn man sich das internationale Abschneiden der deutschen Vereine in den zurückliegenden Jahren anschaut. Aber diese Entwicklung wird man so schnell nicht mehr zurückdrehen. 

Der HSV ist erstmals ins seiner Vereinsgeschichte Zweitligist. Schafft der Dino den direkten Wiederaufstieg?
Im Normalfall sollten der HSV und der 1. FC Köln den direkten Wiederaufstieg schaffen, weil sie die besten Voraussetzungen in der Liga haben. Aber genau diese Ausgangsposition und die Erwartungshaltung bedeuten auch eine Menge Druck. Ich denke, dass es für den HSV kein Spaziergang wird. Aber sie werden es am Ende schaffen, weil sie genauso wie Köln ein tolles Stadion, klasse Fans, eine hervorragend besetzte Mannschaft und einen guten Trainer haben. Aber in jedem Spiel ist alles möglich. Das hat Kiel bereits am ersten Spieltag gezeigt. 

Fieberst du mit deinem Jugendverein mit?
Ich drücke dem HSV für die Saison die Daumen. Beim Spiel gegen Dynamo bin ich aber neutraler Beobachter, weil ich ein Herz für beide Vereine habe.

Dani, danke dir für das Gespräch und viel Erfolg in Ägypten!


Interview: Henry Buschmann
Fotos: Frank Dehlis (1, 2), imago/Martin Hoffmann (3), imago/MIS (4), imago/Streiflicht (5)