KREISEL-Interview mit DKMS-Spender Sebastian Franz

Gusche auf, Stäbchen rein und Spender sein

Sebastian Franz

Vor einigen Wochen erreichte uns die frohe Nachricht, dass aus einer gemeinsamen Typisierungsaktion der SGD mit der DKMS (Deutsche Knochenmarkspenderdatei) ein dynamischer Lebensretter hervorging, der durch seine Stammzellenspende einem Blutkrebspatienten in höchster Not helfen konnte.

Über die DKMS haben wir nun Kontakt zu dem schwarz-gelben Helden aufgenommen und mit ihm am Telefon über sein selbstloses Engagement gesprochen. Der Spender heißt Sebastian Franz, ist 40 Jahre alt und kommt aus dem schönen Dreiländereck bei Zittau.

Im Interview erklärt der Bauingenieur, der seit seiner Kindheit Dynamo-Fan ist, wie er dazu kam, sich 2015 typisieren zu lassen, was in ihm vorging, als er erfuhr, dass er tatsächlich als Spender infrage kommt und wie die Stammzellenspende letzten Endes genau ablief.

Falls auch ihr euch registrieren lassen und dadurch zum potenziellen Lebensretter werden möchtet, geht es hier zur Website der DKMS.     

Die Nachricht, dass du als Stammzellenspender aus einer gemeinsamen Typisierungsaktion der SGD mit der DKMS hervorgegangen bist, sorgte für große Freude in den Reihen der Sportgemeinschaft. Wie fühlt man sich denn so als „Lebensretter“, Sebastian?
Mittlerweile richtig gut. Im ersten Moment, nachdem ich erfahren hatte, dass ich als Spender infrage komme, war ich schon erst mal etwas perplex und fühlte mich auch ein bisschen komisch. Aber dann überwog relativ schnell die Freude und das gute Gefühl, jemandem helfen zu können.

Besagte Typisierungsaktion fand am 27. September 2015 im Rudolf-Harbig-Stadion am Rande des Drittliga-Heimspiels der SGD gegen den VfR Ahlen statt. Wie bist du damals darauf gekommen, dich bei der DKMS registrieren zu lassen?
Im Vorfeld gab es damals einen Aufruf von einigen unserer Spieler – hauptsächlich von ‚Tex‘ (Nils Teixeira, Anm. d. Red.), der Werbung für diese Aktion gemacht hatte. Ich war mit ein paar Freunden im Stadion und wir haben uns dann kurzerhand einfach typisieren lassen, ohne dass es dazu noch einen besonderen Anlass gebraucht hätte. Wenn man jemandem nur durch so ein Stäbchen in die Gusche und der Registrierung helfen kann, macht man das für die gute Sache doch gerne. Tut ja schließlich keinem weh.  

Wie lief das ganze Prozedere dann im Stadion ab?
Die DKMS hatte im Stadionumlauf ein Zelt aufgebaut. Dort wurde man erst einmal gefragt, wie alt man ist und ob es irgendwelche Vorerkrankungen gibt, um abzuklären, ob man als Spender überhaupt geeignet wäre. Es gibt dabei Altersgrenzen und diverse Krankheiten als Ausschlusskriterien. Nach der Befragung wurde dann mit dem Stäbchen der Abstrich in der Wangentasche gemacht und fertig. Danach habe ich einen Zettel und ein paar Wochen später meine Spenderkarte bekommen.  

Dynamo gewann damals mit 4:0. Erinnerst du dich noch gut an das Spiel?
Ganz ehrlich? Nicht wirklich. (lacht) Das ist schon sehr lange her. Ich hatte danach auch lange Zeit gar nicht mehr so wirklich auf dem Schirm, dass ich mich registrieren lassen habe. Das ist mir dann nur immer mal wieder bewusst geworden, als ich Post von der DKMS bekommen habe oder meine Spenderkarte auf dem Schrank liegen sah.

Seit wann bist du Dynamo-Fan?
Ungefähr seit ich elf oder zwölf Jahre alt war. Richtig aktiv und regelmäßig ins Stadion gehe ich aber erst seit 2009. Seit 2011 bin ich außerdem Mitglied im Verein.
 
Wann hast du davon erfahren, dass du als Spender für einen Blutkrebs-Patienten infrage kommst?

Das war Ende Februar, Anfang März vergangenen Jahres. Ich saß zu diesem Zeitpunkt auf der Arbeit und bekam einen Anruf von der DKMS aus Tübingen. Die Dame, mit der ich telefonierte, hat mir dann erklärt, dass ich als Spender infrage kommen würde und gefragt, ob ich prinzipiell noch bereit wäre, entsprechend zu spenden. Nachdem ich das bejaht hatte, ging alles relativ fix.

Was passierte dann?
Ich bekam wenige Tage später ein Päckchen zugeschickt, mit dem ich dann zu meinem Hausarzt gegangen bin, um Blutproben zu entnehmen. Dadurch wird sichergestellt, dass die Übereinstimmung der Stammzellen mit dem Patienten auch wirklich gegeben ist.  

Was ist dir durch den Kopf gegangen, als du die Nachricht erhalten hast?
Erstmal war ich total baff und hatte ein komisches Gefühl im Magen. Aber schon nach zwei bis drei Stunden verwandelte sich das in ein großes Gefühl der Freude darüber, jemandem möglicherweise helfen zu können. Denn noch fehlten zu diesem Zeitpunkt ja weitere Testergebnisse, um 100 Prozent sicher sein zu können, dass meine Stammzellen wirklich passen. Mit dieser Voruntersuchung wird auch der eigene Gesundheitszustand untersucht und geprüft, ob man Krankheiten hat, die mit einer Spende übertragen werden könnten, wie zum Beispiel Hepatitis oder HIV.

Wie haben deine Familie und Freunde reagiert, als du ihnen von deinem Entschluss erzählt hast, durch eine Stammzellenspende einem völlig fremden Menschen in größter Not zu helfen?
Am Anfang habe ich es erst mal nicht so vielen Leuten erzählt, weil ich es merkwürdig gefunden hätte, mich deswegen auf irgendeine Art und Weise wichtig zu machen. Meine Familie wusste es. Mit meiner Mutter und meinem Bruder habe ich darüber geredet und die fanden das natürlich toll und haben mich unterstützt.   

Es gibt zwei Entnahmeverfahren bei der Stammzellenspende. Für welches hast du dich entschieden und wie ist die Spende abgelaufen?
Entscheiden kann man sich dabei nicht wirklich. Welches Entnahmeverfahren angewendet wird, hängt davon ab, wie der Patient die Stammzellen benötigt. Bei mir war es die ambulante Entnahme, bei der die Stammzellen aus dem Blut mittels Zentrifuge gewonnen werden. Dabei ist man mit beiden Armen über zwei Schläuche an ein Gerät angeschlossen. Über die eine Seite wird das Blut entnommen, in der Zentrifuge von den Stammzellen getrennt und anschließend auf der anderen Seite wieder in den Körper zurückgeleitet.

Wie lange dauert die Entnahme?

Das kommt ganz darauf an, wie viele Stammzellen im Knochenmark gebildet und ins Blut ausgeschwemmt wurden. Und natürlich auch darauf, wie viele am Ende benötigt werden. Im Vorfeld muss man sich zweimal täglich ein Medikament spritzen, das die Stammzellenbildung anregt. Darüber hinaus braucht beispielsweise ein Kind weniger Stammzellen als ein Erwachsener. Bei mir hat das Ganze zwischen drei und dreieinhalb Stunden gedauert. Es kann aber auch mal sein, dass es bis zu sechs Stunden in Anspruch nimmt.

War es ein schmerzhafter Eingriff?
Nein, überhaupt nicht. Im Endeffekt ist das nicht anders als beim Blutspenden. Nur dass man eben jeweils eine Nadel in beiden Armen hat.

Hast du lange gebraucht, um dich davon körperlich wieder zu erholen?

Da ja nicht im eigentlichen Sinne Blut entnommen wird, sondern es nach der Trennung der Stammzellen direkt wieder zurück in den Körper gelangt, waren keine Nachwirkungen davon zu spüren. Ich war am nächsten Tag ganz normal arbeiten und hatte absolut keine Probleme.  

Weißt du mittlerweile, wem du geholfen hast und ob es der Person gutgeht?
Ich habe kurz danach erfahren, dass die Spende an eine Frau mittleren Alters in den USA gegangen ist und dass es ihr den Umständen entsprechend soweit gut geht. Mehr weiß ich momentan auch nicht. Nach zwei Jahren könnte, falls das von beiden Seiten gewünscht ist, eine Kontaktaufnahme stattfinden.

Was würdest du jemandem sagen, der sich gerade mit der Thematik Stammzellenspende beschäftigt, sich aber noch nicht so recht traut, sich typisieren zu lassen?
Da dieses ganze Verfahren nicht wehtut und man möglicherweise jemandem aus einer richtig ernsten Lage helfen kann, rate ich jedem seinen Mut zusammenzunehmen. Gusche auf, Stäbchen rein und Spender sein.

Du bist gerade in Thailand. Was machst du in diesen verrückten Zeiten so weit weg von der Heimat?
Meine Familie besuchen. Meine Freundin, mit der ich schon viele Jahre zusammen bin, ist laotische Staatsbürgerin und lebt mit ihrem Kind in Thailand. Mit dem Reisen ist es im Moment ja alles andere als einfach. Das ist gerade das erste Mal seit fast einem Jahr, dass ich es geschafft habe, die Familie wiederzusehen.
   
Wie groß sind die Auswirkungen der Corona-Pandemie vor Ort?

Hier sind die Einschränkungen momentan relativ gering, weil Thailand das Virus entsprechend gut in den Griff bekommen hat. Natürlich aber auch nur auf Kosten extremer wirtschaftlicher Einbußen. Der Tourismus als Haupt- oder zumindest sehr große Einnahmequelle ist nahezu komplett zum Erliegen bekommen. Ich bin gerade auf Phuket und ungefähr 80 Prozent der Geschäfte, die hier zuvor vom Tourismus gelebt haben, gibt es nicht mehr.   

Verfolgst du die Spiele der SGD aus der Ferne?
So gut es geht, auf jeden Fall. Und natürlich nur, wenn nicht gerade der Schnee in der Heimat dazwischenkommt. (lacht)  

Was war dein schönster Moment in deinem Dasein als Fan der Sportgemeinschaft?
Das war eine Auswärtsfahrt nach München zu einem Spiel gegen 1860. Ich kann zwar leider nicht genau sagen, wann das war – die SGD war ja schon einige Male da –, aber das ist auf jeden Fall schon ein Weilchen her. Ich weiß noch, dass wir gewonnen haben und die Stimmung einfach bombastisch war.

Vielen Dank, dass du dir die Zeit für das Gespräch genommen hast, Sebastian und nochmals
allergrößten Respekt für dein selbstloses Handeln.


Interview: Marcel Devantier
Fotos: Privat (1,3,4,6), Steffen Kuttner (2,5)