KREISEL-Interview mit Hans-Uwe Pilz

„Ganz weg von der Droge bin ich nicht.“

Hans-Uwe Pilz

Vor der Generalprobe gegen Aston Villa haben wir mit einem gesprochen, bei dessen Namen ältere Dynamo-Fans noch heute mit der Zunge schnalzen: Hans-Uwe Pilz. „Champi“ oder „Pilzer“, wie ihn die Leute gerne rufen, hat dem Spiel der Schwarz-Gelben von 1982 bis 1995 seinen Stempel aufgedrückt. Dass dieser geniale Mittelfeldspieler im November seinen 60. Geburtstag feiert, zeigt einmal mehr, wie die Jahre dahinfliegen.

Wir hatten viele Fragen an den früheren DDR-Nationalspieler. Diese Dynamo-Legende, die niemals viel gesprochen hat. Und wir bekamen spannende, offene und reflektierte Antworten eines Mannes, der sich ein angenehm bodenständiges und zurückhaltendes Wesen bewahrt hat. Und dabei auf beeindruckende Weise prinzipientreu und konsequent durchs Leben geht.

Herr Pilz, Sie waren im Sommer 1992 beim Vorbereitungsspiel gegen Aston Villa dabei. Erinnern Sie sich noch an die Begegnung?Das Spiel war in Pirna, richtig?
Genau. Damals zwei Wochen vor Saisonbeginn.Viel dürfen Sie mich dazu jetzt nicht mehr fragen. Ich weiß auf jeden Fall noch, dass Aston Villa zu der Zeit in der ersten englischen Liga eine sehr gute Rolle gespielt hat. Ich glaube, sie hatten eine ganze Reihe Nationalspieler dabei. Es war ein ordentlicher Test. Aber fragen Sie mich jetzt nicht, wie wir gespielt haben.

1:3 verloren. Ein bekanntes Boulevardblatt schrieb damals: „Nur Zander und Pilz in Bundesliga-Form“.
Vielleicht haben die anderen noch eine Woche gebraucht, um in Form zu kommen. Das ist ja bei allen ein bisschen unterschiedlich. Ich erinnere mich, dass wir damals trotzdem ganz gut in die Saison gestartet sind.

Als wir Sie fragten, ob wir Sie für den KREISEL interviewen dürfen, sagten Sie, dass Sie sich das erst einmal durch den Kopf gehen lassen wollen. Warum die Bedenkzeit?
Das hat nichts mit Dynamo Dresden zu tun, sondern damit, dass ich mich vom Fußball weitgehend zurückgezogen habe. Seit 1999 bin ich nicht mehr groß in Erscheinung getreten, habe keine Tätigkeit mehr im Fußball ausgeübt. Deshalb habe ich für mich entschieden, dass ich mich auch mit Interviews zurückhalte. Schlau reden kann schließlich jeder. 

1999 endete Ihre zweite Amtszeit als Trainer beim FSV Zwickau. Wieso damals der kategorische Rückzug?
Diese Entscheidung habe ich innerhalb von fünf Minuten getroffen. Als der FSV Zwickau damals in die Insolvenz gegangen ist, hat man mich und meinen damaligen Teammanager Matthias Krauß kurzerhand entlassen. Ohne uns das in irgendeiner Form persönlich zu begründen. Ich habe damals zu meiner Frau gesagt: Wenn ich weiter im Fußball bleibe, muss ich mich immer wieder mit solchen Situationen auseinandersetzen. Darauf hatte ich keine Lust. Deshalb damals die Entscheidung, nie wieder etwas im Bereich Fußball zu machen. Das habe ich bis heute auch so gehalten. (lacht)

Gab es in diesen knapp 20 Jahren Anfragen?
Anfangs ja, aber die Betreffenden haben dann schnell realisiert, dass es keinen Zweck hat.

Wie viele Interviews haben Sie seitdem gegeben?
Nicht viele. Sicher fragt ab und an mal jemand nach meiner Meinung, wie zuletzt zur Weltmeisterschaft. Dann gebe ich mein Statement ab. Aber es waren ein, zwei Sachen im Jahr, mehr nicht. 

Nicht nur für Dynamo-Fans sind Sie bis heute der Inbegriff des Edeltechnikers, Fußballästheten und Spielverstehers. Wer hat Ihnen das Talent in die Wiege gelegt?
(lacht) Das ist immer so eine Sache. Mein Vater war ein begeisterter Fußballer und hat mich sehr unterstützt. Und sicher steckte auch Trainingsfleiß dahinter. In Hohenstein-Ernstthal wurde im fußballtechnischen Bereich akribisch gearbeitet. Wenn du die Vorgaben nicht erfüllt hast, dann musstest du eben Sonderschichten schieben. Das hat uns damals manchmal angekotzt. Aber im Nachhinein habe ich davon sehr profitiert. Ohne diese Ausbildung hätte ich den Sprung zu Dynamo vielleicht nicht geschafft.

Die BSG Motor Hohenstein-Ernstthal gehörte nicht zu Top-Adressen im DDR-Fußball.
Aber es war eine kleine Hochburg. Bedingt durch die Lage zwischen Zwickau, Chemnitz und Aue gab es dort ein Talente-Zentrum. Die besten Spieler sind dann zu den drei großen Vereinen gegangen. Die Ausbildung in Hohenstein-Ernstthal genügte höchsten Ansprüchen.

Heute stellt der Verein den amtierenden Deutschen Futsal-Meister.
Einen direkten Zusammenhang kann man sicher nicht herstellen, dafür liegen einfach zu viele Jahre dazwischen. Aber ich weiß, dass beim VfL Hohenstein-Ernstthal auch heute viel Wert auf technisch guten Fußball gelegt wird.

Sie sind als Nachwuchsspieler zu Sachsenring Zwickau gegangen.
Ich durfte nicht an die Sportschule in Karl-Marx-Stadt, weil ich West-Verwandtschaft zweiten Grades hatte. Also wurde es Zwickau. In der achten Klasse bin ich zweimal in der Woche nach der Schule mit dem Zug zum Training gefahren. Ab der 9. Klasse war ich dann in Zwickau im Internat.

In Zwickau wurden Sie DDR-Oberliga-Spieler, haben 1976 in der 1. Mannschaft debütiert. Trotzdem mussten Sie ab 1978 einen 18-monatigen Wehrdienst absolvieren.
Als ich gute Spiele gemacht hatte, wollte man mich dann doch nach Karl-Marx-Stadt schicken. Da habe ich gesagt: „Nee, ihr könnt mich mal. Ihr wolltet mich nicht, jetzt will ich nicht mehr.“ Aus dem Grund bin ich einberufen worden.

Lieber 18 Monate Nationale Volksarmee, als Oberliga-Fußball in Karl-Marx-Stadt?
Ich habe nicht gesagt, dass ich gern zur Armee gegangen bin. Aber ich hatte auch keine Lust, dass man mit mir umspringt, wie man lustig ist. Da war ich letztlich konsequent.

Wurde bei der NVA auch Fußball gespielt?
Die Vorwärts-Mannschaften (Vereine der „Armeesportvereinigung Vorwärts“; Anm. d. Red.) hatten natürlich ein Auge darauf, wenn jemand schon mal irgendwo gekickt hat. Nach der Grundausbildung habe ich dann bei Vorwärts Plauen gespielt. Aber nur in der 2. Mannschaft, mit zweimal Training in der Woche. Weil ich nur anderthalb Jahre gedient habe, durfte ich nicht in der 1. Mannschaft spielen.

Welcher Einheit gehörten Sie an?
Wir waren in Plauen bei den Grenztruppen. Dort gab es Tanklager, die wir bewacht haben. Direkt an der Grenze wurden wir nicht eingesetzt.

Welche Erfahrungen haben Sie als junger Mensch in der Uniform gesammelt, mitten im Kalten Krieg?
Vom Kalten Krieg haben wir nichts mitbekommen. Aber es war eine lehrreiche Zeit, mal für einen längeren Zeitraum von zuhause weg zu sein. Ich glaube, dass das auch heute für junge Menschen eine wertvolle Erfahrung sein kann, für eine Zeit aus dem gewohnten Umfeld herauszugehen, sich auch mal unterordnen zu müssen. Für meinen Weg war es nicht das Verkehrteste. 

Im Winter 1982 wurden Sie zu Dynamo delegiert. Wie ging das vonstatten?
Auch dazu gab es eine Vorgeschichte. Ich war schon 1981 zur Sommervorbereitung in Dresden. Damals war ich schon verheiratet, wir hatten eine kleine Tochter. Dynamo steckte uns ins Spielerinternat am Lennéplatz. Nicht die besten Voraussetzungen für eine Familie mit Kind. Ich habe den Verantwortlichen gesagt, dass sie gern wiederkommen können – wenn sie eine Wohnung für uns haben. Wir sind schon nach einer Woche zurück nach Zwickau gefahren. Im Januar 1982 hatte Dynamo dann auf der Räcknitzhöhe eine Wohnung für uns.

Dynamo-Trainer Gerhard Prautzsch wollte Sie also unbedingt?
Anfang 1981 hatte Dynamo mit Gerd Weber, Peter Kotte und Matthias Müller aus politischen Gründen drei Spieler verloren, die nicht ohne weiteres zu ersetzen waren. Ich glaube, dass man auch deshalb auf mich aufmerksam geworden ist.

Ihr Dynamo-Debüt feierten Sie am 20. Februar 1982 bei Vorwärts Frankfurt/Oder.
Ich habe ein Tor gemacht, daran erinnere ich mich, weil es mein erstes Spiel war. Haben wir gewonnen?

1:2 verloren …
Das hätte ich nicht mehr gewusst.

Zehn Wochen später, am 1. Mai, folgte der erste Titel. FDGB-Pokalfinale gegen den BFC, Sie verwandeln den entscheidenden Elfmeter. Waren Sie als letzter Schütze eingeteilt?
So viele Schützen kamen nicht in Frage. Ich war dann eben der letzte. Bernd Jakubowski hatte vorher einmal gehalten. Ich habe den Moment noch genau vor Augen. Ich wusste – wenn ich treffe, werde ich auf Schultern getragen. Wenn ich verschieße, dann geht es halt weiter. Deshalb war ich relativ ruhig. Auch wenn sich das im Nachhinein natürlich leicht sagen lässt. (lacht)

Wie haben Sie ihn geschossen?
Ich habe mir eine Ecke ausgesucht und beim Anlaufen gar nicht mehr überlegt. Ich habe ihn flach rechts unten platziert. Nicht genau ins Eck, aber scharf genug. Bodo Rudwaleit war ein langer Kerl, und mit den Fingerspitzen noch dran. Ein klein wenig Glück war dabei. (lacht)

Was passierte dann?
Ich bin links am Tor vorbei in die Kurve zu unseren Fans gelaufen. Und die ganze Mannschaft mir hinterher. Es war einer dieser Momente, die du nicht vergisst.

Stimmt es, dass die Dynamo-Fans bei den Pokal-Endspielen gegen den BFC in Berlin immer in der Oberhand waren?
Das stimmt. Nicht bloß im Stadion, auch außerhalb hat man immer viel Schwarz-Gelb gesehen. Ich glaube, dass uns bei diesen Spielen auch viele neutrale Zuschauer die Daumen gedrückt haben. Es waren ja immer auch Fußballfans aus anderen Städten da. Der BFC hatte sein Meister-Abo, und dieses eine Spiel war die Chance, den Berlinern mal die Butter vom Brot zu nehmen.

Sind Sie in den 80ern in Dresden heimisch geworden?
Auf jeden Fall. Wir sind nicht mehr so häufig nach Zwickau oder Hohenstein-Ernstthal gefahren. Eher haben unsere Eltern uns in Dresden besucht. Die Stadt hatte ja auch ein bisschen mehr vorzuweisen, wir konnten unsere Eltern ganz gut beschäftigen. Unser zweites Kind wurde in Dresden geboren, so dass wir schon recht fest verwachsen waren.

Was hat sich Ihnen aus sportlicher Sicht bis zur Wende am meisten eingeprägt?
Die Erfolge mit Dynamo sind natürlich in Erinnerung geblieben. Aber auch die Europapokal-Spiele waren immer etwas Besonderes. Wenn wir mittags ins Stadion gekommen sind, und dort schon 25-, 30.000 Fans da waren. Obwohl das Spiel erst Stunden später angepfiffen wurde. Das war einmalig. In Dresden bin ich dann auch Nationalspieler geworden, worauf ich natürlich stolz war. Das sind die Dinge, die aus der Zeit in erster Linie hängen geblieben sind.

Was haben Sie in den 80ern für ein Auto gefahren?
Erst einen Trabant, nach ein paar Jahren dann einen Lada Samara. Natürlich waren wir als Fußballer privilegiert. Trotzdem musstest du erst mal Leistung bringen, um die maßgeblichen Leute dazu zu bewegen, so ein Fahrzeug auch mal etwas früher rauszugeben.

Und Ihr erstes Westauto?
Ein Dreier-BMW, den hat man uns bei Fortuna Köln zur Verfügung gestellt. Mit einer Leasing-Rate, die nicht so hoch war.

Dynamo hat Matthias Döschner, Andreas Trautmann und Sie im Sommer 1990 für eine halbe Million DM zu Fortuna Köln transferiert. Was hat Sie zu dem Schritt bewegt?
Wir waren damals alle Anfang 30 und haben bei Dynamo keine Vertragsverlängerung bekommen. Der Manager von Ulf Kirsten hat uns dann geholfen und den Kontakt nach Köln vermittelt.

Andreas Trautmann und Sie sind nach wenigen Monaten wieder nach Dresden zurückgegangen. Warum war das Intermezzo Köln so kurz?
Trainer Reinhard Häfner und sein Assistent Hartmut Schade haben festgestellt, dass eine Lücke entstanden war, die durch die Neuzugänge nicht wirklich geschlossen werden konnten. Im Spielaufbau fehlte jemand, der die Sache mit einer gewissen Erfahrung in die Hand nimmt. Peter Lux und Sergio Allievi hatten nicht so eingeschlagen, wie erhofft. Reinhard Häfner und Hartmut Schade haben den Kontakt zu mir gesucht. Ich habe gesagt, wenn ihr das mit Fortuna Köln klärt, komme ich zurück. Wir waren ja in Dresden verwurzelt, hatten unsere Wohnung noch. 

Böses Blut hatte es beim Abschied nach Köln also nicht gegeben?
Eine Enttäuschung war es schon, weil ich mir zugetraut habe, noch drei, vier Jahre auf hohem Niveau zu spielen. Reinhard Häfner, der nicht nur ein begnadeter Spieler war, sondern auch ein sehr guter Trainer, konnte das auch gut einschätzen. Aber die Entscheidungsträger waren letztlich andere. 

Beim letzten Bundesliga-Spiel der SGD am 17. Juni 1995 in Leverkusen standen Sie auf dem Feld – im zarten Alter von 36 Jahren. Haben da nicht schon langsam die Knochen gekracht?
Viel Trainingsfleiß hat mir dabei geholfen, dass ich relativ lange Fußball spielen konnte. Und sicherlich haben die Erfahrung und die technische Ausbildung auch eine Rolle gespielt. Wenn dir der Ball bei der Annahme drei Meter wegspringt, kannst du das mit den Jahren natürlich immer schwerer kompensieren. Aber ich hatte auch das Glück, dass ich nie eine größere Verletzung hatte.

Ralf Minge hat mal gesagt, dass er der fußballerische Gegenentwurf zu Ihnen war.
(lacht) Jeder muss das Beste aus seinen Möglichkeiten machen. Von daher kann ich das Kompliment nur zurückgeben. Ich hätte gern mehr Tore gemacht, vor allem mehr Kopfballtore. Aber Ralf war nicht nur ein Strafraumspieler. Er hat sich in Dresden im Laufe der Zeit auch technisch unheimlich verbessert. Sonst wäre er sicher kein Nationalspieler geworden.

Wie haben Sie Ihren Körper gepflegt? Kein Alkohol, gute Ernährung?
Das würde ich nicht unbedingt unterschreiben. Wir haben auch mal ein, zwei Bier mehr getrunken. Und auch eine Zigarette hat man mal geraucht. Aber in den zwei Tagen vorm Spiel gab es das nicht. Da wusstest du, dass das deinem Körper nicht guttut.

Hätten Sie noch ein Jahr drangehängt, wenn der Lizenzentzug nicht passiert wäre?
Wir hatten 1993 angefangen, in Zwickau ein Haus zu bauen. Es stand fest, dass ich 1995 zurückgehe. Aber natürlich hätte ich mir den Abschied von Dynamo anders gewünscht.

Wie viel hat die Mannschaft damals von der Misswirtschaft der Führungsetage mitbekommen?
Dass manches drunter und drüber ging, war uns natürlich bekannt. Vieles hat man ja auch über die Presse mitbekommen. Aber wir hatten genügend gestandene Profis in der Mannschaft, um uns davon nicht groß beeinflussen zu lassen. Wir haben diese Themen weitgehend ausgeblendet und uns damit beschäftigt, was in unserer Hand lag – das, was auf dem Platz passierte.

Wie sehr sind Sie emotional involviert, wenn Sie die Geschicke ihrer beiden ehemaligen Vereine beobachten?
Ganz weg von der Droge bin ich nicht. Ich verfolge natürlich, was passiert. Für Zwickau habe ich mich gefreut, dass sie die Klasse gehalten haben. Riesig habe ich mich auch gefreut, dass Dresden die Entschuldung auf die Reihe gebracht hat. Das ist wichtig für die Weiterentwicklung. Abgeschlossen mit dem Fußball habe ich nicht, aber ich werde in keine Funktion mehr gehen.

Beruflich sind Sie Lehrer?
Ich arbeite seit über 18 Jahren als Sportlehrer an einem Berufsschulzentrum in Plauen. Das ist ungefähr eine halbe Stunde von meiner Haustür entfernt.

Gehört Fußball zum Unterricht dazu?
Es wird auch Fußball gespielt. Aber ich stelle das nicht in den Vordergrund. Im Lehrplan stehen auch viele andere Dinge, der Fußball bekommt da keine Sonderrolle.Wann können wir Sie mal wieder in Dresden begrüßen?Das fragt mich Ralf Minge auch immer. (lacht) Ich will mich nicht festlegen. Aber ich werde mich bemühen, dieses Jahr noch mindestens einmal nach Dresden zu kommen.

Herr Pilz, darauf freuen wir uns. Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Jan Franke
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