KREISEL-Interview mit Heiko Scholz

Ich sehe zwar aus wie 55, fühle mich aber wie 30.


Heiko Scholz

Ohne Zuschauer ist seine Stimme vom Seitenrand bei den Spielen der SGD meist laut und deutlich zu hören – Dynamos Co-Trainer Heiko Scholz trägt sein riesengroßes Herz bekanntermaßen auf der Zunge. Seit über einem Jahr steht „Scholle“, wie er von allen gerufen wird, nun wieder in Diensten der Sportgemeinschaft, für die er zwischen 1990 und 1992 als Spieler die Schuhe schnürte.
 
Wir haben uns mit dem Anfang Januar 55 gewordenen Übungsleiter zum Interview verabredet, in dem er zahlreiche Anekdoten aus seinem ereignisreichen Leben erzählt. Unter anderem redet „Scholle“ über seine gute Freundschaft mit SGD-Ehrenspielführer Ulf Kirsten, seine Arbeit bei Dynamo und verrät, warum im Büro von Kaderplaner Kristian Walter ein handgemaltes Ölgemälde mit dem Porträt des jungen Heiko Scholz hängt.

„Scholle“, wie viel Rock’n’Roll steckt eigentlich in Heiko Scholz?
Also Rock’n’Roll als Musikrichtung eher nicht, aber ich denke, dass ich als Mensch sehr viel Temperament und Leidenschaft mitbringe in dem, was ich tue. Und wenn ich was tue, mache ich es richtig. Das habe ich schon mein ganzes Leben so gemacht.

In welchem Alter hast du dir deine lässige Frisur zugelegt?
Weiß ich nicht genau. Wahrscheinlich hatten wir in Görlitz keinen Friseur. (lacht) Ich glaube, irgendwann so mit 18, als ich dann von der Sportschule weg war, habe ich meine eigene Frisur gefunden und die hat mich, bis auf wenige Ausnahmen, bis heute begleitet.

Du bist Auto-, Motorrad- und Fahrradfahrer. Was ist dein Lieblingsfortbewegungsmittel?
Das liebste ist das Motorrad, aber das meistbenutzte das Auto. Motorradfahren tue ich bloß zum Spaß und Fahrrad fahre ich im Sommer auch mal gerne.

Wann hattest du die letzte Motorradausfahrt mit deinen Freunden?
Voriges Jahr konnte ich leider nicht daran teilnehmen, weil die Saison verlängert wurde. Ich hoffe, dass ich es dieses Jahr wieder hinkriege, mit meinen Kumpels zusammen eine Woche lang eine Motorradtour zu machen. Das letzte Mal war ich vor zwei Jahren dabei.

Wie viele Bikes sind normalerweise dabei, wenn du mit deinen Kumpels durchs Land fährst und wie läuft so ein Urlaub ab?
Normalerweise sind wir sieben bis acht Motorradfahrer. Wir sind meistens in der Fränkischen Schweiz unterwegs und haben dort einen festen Standort, von dem aus wir dann Tagestouren fahren. Da kann man prima ein bisschen abschalten. Abends sitzen wir zusammen und quatschen ein wenig. Das ist und war über die ganzen Jahre immer ein guter Moment, um runterzufahren und sich von dem ganzen Stress der zurückliegenden Monate zu erholen. Mal nicht groß am Handy sein. Entspannung und Spaß sind da immer an der Tagesordnung.

Mit Ulf Kirsten gehört auch einer der bekanntesten Ex-Dynamos zu deiner Motorradgang. Wer ist eigentlich der bessere Motorradfahrer – Ulf oder du?
Erstens hat Ulf die besseren Maschinen und zweitens fährt er natürlich öfter als ich. Von daher geht dieser Punkt ganz klar an Ulf Kirsten. (lacht)

Dass es echte Freunde im Profi-Fußball tatsächlich gibt, beweisen Ulf Kirsten und du seit nunmehr über 40 Jahren. Was macht eure Freundschaft aus?

Die ist natürlich davon geprägt, dass wir uns schon mit 12 Jahren kennengelernt haben und danach regelmäßig diesen Kontakt hatten. Darüber hinaus sind unsere Familien schon immer sehr eng miteinander und wohnen seit 15, 20 Jahren nahe beieinander. Da hat es häufig geklappt, dass wir uns beispielsweise zu Weihnachten oder Silvester gesehen haben. Ich finde bei unserer Freundschaft wichtig, dass wir uns nicht nur aufeinander verlassen, sondern sich auch mal ohne großes Drumherum die Meinung geigen können, wenn wir unterschiedliche Ansichten haben.

„Herrlich“ – gehört zu deiner Alltagssprache, denn so hallt es langgezogen im breiten Sächsisch regelmäßig von dir über den Trainingsplatz. Aber wie lautet deine Maxime im Leben?
Hab an allem Spaß – auch mit einer gewissen Ernsthaftigkeit. Ohne Spaß hat man im Leben keinen Erfolg.

Der Trainerjob im Profi-Fußball hat etwas von einem modernen Wanderzirkus. Wie bekommst du Beruf und Familie unter einen Hut?
Als Fußballer ist das alles sehr entspannt gewesen, weil meine Frau und Kinder immer wieder mitgekommen sind. Aber wenn man dann in ein entsprechendes Alter kommt und die Kinder immer größer werden, muss man sich irgendwo einen Lebensmittelpunkt suchen. Und das ist nicht so einfach, weil das Trainergeschäft sehr schnelllebig ist und man nie über Jahre planen kann. Deswegen waren die letzten zehn Jahre auch sehr anstrengend für die Familie. Das ist aber nun einmal für jeden Fußballtrainer so. Der Fußball ist und bleibt mein Leben.

Wo ist heute Heimat für dich? In Leichlingen, wo deine Frau und eure Kinder leben? Oder in Leipzig, wo du lange als Spieler und Trainer gearbeitet hast? Oder doch in deiner Geburtsstadt Görlitz, wo du aufgewachsen bist?
Überall, wo ich war, ist für mich ein Stück Heimat. Ich habe mich überall – egal, ob im Osten oder Westen – wohl gefühlt und Freundschaften geschlossen, die geblieben sind. Wer mit mir nicht auskommt, ist selbst schuld, sag‘ ich mal. (lacht)

Was verbindest du mit Dresden?
Kindheitstraum, Sportschule, Enttäuschung, dann Rückkehr, Bundesliga-Aufstieg, Bundesliga gehalten und jetzt ist noch mal ein kleiner Traum in Erfüllung gegangen, hier als Trainer arbeiten zu dürfen. Ich bin jetzt zusammengenommen mittlerweile im achten Jahr bei Dynamo. Acht Jahre für einen Klub zu spielen und zu arbeiten ist nicht ohne. Ich bin momentan sehr glücklich hier.

Warum ist es für dich ein Traum, für Dynamo Dresden arbeiten zu dürfen?
Wenn du in Görlitz aufgewachsen bist, jeden Tag trainiert hast und dann auf die Sportschule gekommen bist, war es einfach ein Kindheitstraum, einmal im alten Rudolf-Harbig-Stadion auflaufen zu können. Das wurde mir leider zunächst verwehrt. Ich musste einen Umweg nehmen. Nachdem Dynamo mich 1990 von Lok Leipzig zurückgekauft hat, hatte ich noch mal zwei herrliche Jahre in Dresden, die allerdings wegen der Wende auch sehr kompliziert waren. Jetzt noch mal als Trainer bei so einem großartigen Verein zu arbeiten, macht mich unglaublich stolz und bereitet mir eine riesige Freude.

Benny Kirsten sagte erst kürzlich in einem Interview, dass du aus menschlicher Sicht sein bester Trainer gewesen bist. Wie würdest du deine Arbeitsweise selbst beschreiben?
Ich denke, dass ich sehr herzlich und auf gewisse Weise auch ein Kumpeltyp bin. Das darf man allerdings nicht verwechseln – wenn es auf den Platz geht, bin ich sehr ehrgeizig. Ich würde sagen: ‚Hart, aber herzlich‘. Als Co-Trainer ist das jetzt natürlich noch einmal etwas anders, wie wenn man Cheftrainer ist. Ich glaube, dass diese Rolle, die ich ja auch schon in Duisburg bekleidet habe, sehr gut zu mir passt, weil man sich neben dem Platz viel mehr um die Jungs kümmern kann. Aber egal, ob als Chef- oder Co-Trainer war für mich immer wichtig, jeden mit Respekt zu behandeln. Leistung gehört immer dazu, aber der Charakter eines Menschen hat nichts mit Fehlern auf dem Platz zu tun. Deshalb sage ich immer: Mit Freude an der Arbeit hart arbeiten – dann hat man den größten Erfolg.

Bei Chefscout und Kaderplaner Kristian Walter steht seit neuestem ein großes handgemaltes Gemälde von dir im Büro. Was hat es mit dem jungen Heiko Scholz, der so liebevoll in Öl auf Leinwand gebracht wurde, auf sich?
(lacht) Das war, wenn ich mich richtig erinnere, 1992 das Saisonabschluss-Geschenk der SGD – dafür, dass wir die Klasse in der Bundesliga gehalten haben. Das Gemälde hing bei mir in Leichlingen bei einem Bekannten in der Garage, dem ich das geborgt hatte. Da Kristian Walter in seinem Büro ein paar Trikots von Spielern an der Wand hängen hat, habe ich mir gedacht, bringe ich ihm mal das herrliche alte Gemälde mit. Er hat sich darüber sehr gefreut. Aber eins ist Fakt: Wenn Schluss ist, nehme ich das wieder mit! (lacht)

Du bist eines der Gesichter des Profi-Fußballs der 1990er Jahre in Deutschland. Was vermisst du aus dieser Zeit am meisten?
Nichts. Ich muss sagen, dass ich mit meiner Karriere überglücklich bin. Ich war nicht überall der Beste, aber ich habe, abgesehen von WM oder EM, nahezu alles erleben dürfen, was man als Fußballspieler erreichen möchte. Ich habe in der Bundesliga, 2. Bundesliga und 30 Mal im Europapokal gespielt und dazu noch Länderspiele im Nachwuchs bestritten, war bei Olympia und lief siebenmal für die Nationalmannschaft der DDR und einmal für die der BRD auf. Ich habe meine Ziele, ohne dass ich jetzt der große Macher war, durch Leidenschaft, Verbissenheit und eine gewisse Lockerheit in manchen Situationen erreicht. Ich bin froh und gleichzeitig auch dankbar dafür, dass es damals so war, wie es war. Aber das war nun mal eine andere Zeit. Die Jungs heute geben auch ihr Bestes und haben es nicht immer leicht, auch wenn vielleicht die äußeren Bedingungen besser sind, als wir sie damals hatten.

Du hast über 300 Spiele als Cheftrainer in der Regionalliga begleitet und dabei einen äußerst respektablen Schnitt von fast 2 Punkten pro Partie. Wurdest du aufgrund deiner herzlichen und kumpelhaften Art im Leben schon oft unterschätzt?
Fast immer. Weil man meine Lockerheit oftmals ins Läppische rübergezogen hat. Aber ich denke, wenn man sich meine Statistiken als Trainer anschaut, hatte ich auf allen meinen Stationen Erfolg.

Pöbelinterviews vor laufender Kamera, Alkoholexzesse vor Pflichtspielen und Superstars mit ungeschönten Ecken und Kanten. Das hat den Fußball in den 1990er Jahre auch geprägt. Wie sehr unterscheidet sich der Fußball-Profi heute von dem zu deiner aktiven Zeit?
Naja, ich glaube, dass es damals wie heute Spieler gibt, die sich nicht immer an die Regeln halten. Was meiner Meinung nach dabei heutzutage eher ein Problem ist, ist, dass die Jungs durch die ganzen Handys im Prinzip gar nichts mehr machen können, ohne dass es an die Öffentlichkeit dringt. Zu meiner Zeit gab es zwar auch überall irgendwelche Spitzel, aber wenn wir mal einen Kegelabend hatten, stand das am nächsten Tag nicht unbedingt in der Presse.

Gibt es noch die viel zitierten „echten Typen“?
Solche Typen wie Mario Basler oder Stefan Effenberg, ob man sie mag oder nicht, haben immer geradeheraus öffentlich ihre Meinung gesagt. Das ist heute sehr viel weniger geworden, auch weil die Jungs ganz anders erzogen werden. Ich sehe das ja jetzt auch an den Spielern, die bei uns aus der Nachwuchs Akademie hochkommen. Die sind alle grundehrlich und anständig. Und das ist auch gut so, denn wir leben heute eben in einer anderen Zeit.

Zu welcher Musik hast du als junger Mann am liebsten getanzt?
Ich war kein Tänzer, bin aber ein Verfechter des ‚Ost-Rocks‘, den ich heute noch gerne höre. Außerdem gefällt mir Rammstein sehr gut. Da war ich regelmäßig auf Konzerten.

Es liegt eine Achterbahn der Gefühle hinter dir und dem Verein. Was nimmst du aus den vergangenen 13 Monaten Dynamo Dresden mit?
Ich habe in diesen 13 Monaten mal wieder alles erlebt, was Dynamo zu bieten hat. Wir hatten am Anfang eine ganz schwere Zeit, waren aber über den Winter mit den Neuverpflichtungen auf einem guten Weg. Wir haben die Fans mit ins Boot genommen und andersherum. Es fand ein toller Austausch statt. Dann hat uns das Virus nach den Siegen gegen Regensburg und Aue leider ein bisschen aus der Spur geworfen. Trotzdem bin ich sehr stolz darauf, wie die Mannschaft das alles angenommen und weitergemacht hat. Dafür gab es deutschland- oder sogar europaweit sehr viel Zuspruch. Trotzdem sind wir am Ende abgestiegen. Jetzt sind wir gerade vielversprechend unterwegs, haben aber noch ganz viel Arbeit vor uns.

Du bist fester Bestandteil des Trainerteams rund um Chefcoach Markus Kauczinski. Wie würdest du eure Zusammenarbeit beschreiben?

Ich muss erst einmal generell sagen, dass es im Moment vom Sportdirektor über Kaderplaner, mit den Physios, dem Trainerteam, der Presseabteilung oder allen anderen Mitarbeitern ein harmonisches Arbeiten ohne große Störfaktoren gibt. Das ist enorm wichtig für die Mannschaft. Wir haben eine geile Truppe, die wirklich will und die 3. Liga fußballerisch und kämpferisch angenommen hat. Ich hoffe, dass das genauso bleibt. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir, wenn wir alle zusammenhalten, nächste Saison wieder in der 2. Liga spielen werden.

Was kannst du von Markus Kauczinski lernen?
Mit Markus haben wir einen sehr guten Chef, von dem man sehr viel lernen kann. Er weiß genau, wie alle im Team arbeiten. Das ist auch ein Grund dafür, warum es gerade so harmonisch und erfolgreich bei uns läuft.

Eine unverkennbare Lebensfreude steckt in dir. Wann wirst du im Alltag mal richtig sauer?
Ich bin meistens sauer, wenn wir unnötig verlieren oder nicht alles rausgehauen haben und ich das Gefühl habe, dass ein paar Prozent liegen geblieben sind. Aber ich bin jetzt auch schon 40 Jahre dabei und habe über 1.000 Pflichtspiele erlebt. Da kann man nicht lange rumheulen, wenn man mal verliert. Deshalb schaue ich auch nach einer Niederlage meistens sehr schnell wieder nach vorne.

Du bist am 7. Januar 55 Jahre jung geworden. Welche Rolle spielt das Alter für dich?
Gar keine. Ich sehe zwar aus wie 55, aber ich fühle mich wie 30. (lacht) Das kommt von der Lebensfreude und dem vielen Lachen – davon bekommt man dann auch Falten. Ich bin aber auch so ein Mensch – toi, toi, toi – der nie wirklich krank war. In den letzten 25 Jahren war ich außer beim Zahnarzt bei keinem Arzt. Mir tun zwar ein bisschen die Knie weh, aber ich kann jetzt immerhin wieder ein paar Runden auf dem Laufband drehen und mich fit halten. Ansonsten lebe ich relativ anständig.

Wann hast du die letzte „Scholle“ gegessen?
Ich bin eigentlich kein Fischesser. Scholle habe ich, glaube ich, noch nie gegessen. Das ist mir mit den Gräten und dem ganzen Quark zu viel. Wenn ich Fisch esse, muss der schon komplett filetiert sein. (lacht)

Danke dir für das Gespräch, „Scholle“, und auch in Zukunft viel Erfolg mit der SGD.

Interview: Henry Buschmann & Marcel Devantier
Fotos: Steffen Kuttner (1,3,6), Frank Dehlis (2), IMAGO/Werek (4), Dennis Hetzschold (5,7)