KREISEL-Interview mit Holger Scholze

„Wir gehen den Dynamo-Weg.”

Holger Scholze

Vor dem Heimspiel gegen Paderborn, mit dem die SGD sich aus der Zweitliga-Saison 2018/19 verabschiedet, verabredeten wir uns zum KREISEL-Interview mit Dynamos Präsident Holger Scholze. 

Der 47-Jährige bekleidete das Ehrenamt im vergangenen Herbst übergangsweise, bevor er im Dezember durch die Mitgliederversammlung ins repräsentative Gremium gewählt wurde.  
Am Telefon sprachen wir über distanzierte Emotionalität und rhetorische Gratwanderungen, über Schlagzeilen und Tabus. Außerdem verriet Holger Scholze uns, welche Ziele das Präsidium bis zur nächsten Wahl in anderthalb Jahren auf der Agenda hat.  

Holger, wo bist du grad unterwegs?

Ich bin heute Morgen mit dem Auto in Dresden gestartet und auf dem Weg nach Freiburg im Breisgau. Dort werde ich am Abend an der Uni einen Vortrag halten.
 
Also keine Stippvisite beim SC?

Diesmal nicht, denn mein Zeitplan ist recht straff. Aber es wäre sicher sehr interessant. Der SC Freiburg ist in vielerlei Hinsicht ein Club, bei dem sich andere Vereine einiges abschauen könnten. Diesen Blick über den Tellerrand gibt’s bei Dynamo ja auch längst in vielen Bereichen. Heute bin ich aber beruflich in Sachen Börse unterwegs. Diese Tour führt mich aktuell mal wieder durch die ganze Republik. Morgen geht’s aber erstmal zurück nach Dresden zur Aufsichtsratssitzung der SGD.
 
Wenn du auf Achse bist, ist Dynamo immer an Bord?

(lacht) Das kann man so sagen. Im Auto habe ich Zeit für Telefonate, sei es mit Gremienvertretern, Mitarbeitern, Verantwortlichen, Mitgliedern, Fans oder Partnern. Die Sportgemeinschaft begleitet mich jeden Tag, auch wenn ich beruflich eingebunden bin.

Wenn die SGD gegen Paderborn ihr letztes Saisonspiel bestreitet, bist du mit deinen beiden Mitstreitern im Präsidium exakt fünf Monate im Amt. Wie schnell und wie emotional ist diese Zeit vergangen?

Diese Wochen sind rasant verflogen. Das fällt mir so richtig auf, wenn ich in den Kalender schaue. Die Welt ist schnelllebiger geworden, das gilt insbesondere auch für den Fußball. Um das Tempo mitgehen zu können, brauchen wir stabile Strukturen. Auch wir bei Dynamo müssen die Balance halten zwischen den vielen Hausaufgaben im Tagesgeschäft und den strategischen Zielen, um unseren Verein weiter nach oben zu führen.

Hast du die SGD in diesem knappen halben Jahr noch mal ganz neu kennengelernt?

An sich nicht. Ich kannte den Verein vor allem aus meiner Interimszeit als Pressesprecher von 2011 bis 2012 schon recht gut und habe Dynamo auch in den Jahren danach sehr intensiv begleitet. Insofern konnte ich recht gut einschätzen, welche Aufgaben den einzelnen Gremien zukommen, was die Geschäftsstelle und die Nachwuchs Akademie zu leisten haben und wie das Zusammenspiel zwischen den verschiedenen Bereichen und Abteilungen bis hin zur Lizenzspielerabteilung funktioniert.
 
Im Osten nichts Neues?

Doch, natürlich! Spürbar ist überall, dass unser Verein heute deutlich professioneller agiert und aufgestellt ist als vor knapp zehn Jahren. Diese sehr positive Entwicklung ist unübersehbar. Gleichwohl wollen wir uns kontinuierlich weiterentwickeln, die großen Potenziale unserer Sportgemeinschaft herausarbeiten und möglichst gut ausschöpfen.

Wie oft kommst du mit deinen Gremienkollegen Michael Bürger und Ronny Rehn zusammen?

Wir drei stehen fast täglich in Kontakt. Wir haben unmittelbar nach der Wahl eine WhatsApp-Gruppe gegründet, über die wir uns ständig auf dem Laufenden halten. Zudem telefonieren wir oft mehrmals in der Woche, um bestimmte Themen zu vertiefen. Und natürlich sehen wir uns regelmäßig zu den Präsidiums- und Gremiensitzungen sowie zu unseren Heimspielen. Ich kann wohl für Michael und Ronny mitsprechen, wenn ich sage, dass unser Miteinander von sehr großem Vertrauen und gegenseitiger Sympathie geprägt ist. Und das ist eine wunderbare Grundlage für eine fruchtbare Zusammenarbeit.
 
Bis zum 32. Spieltag steckte die SGD im Abstiegskampf – hat sich an der Intensität des Leids durch dein Ehrenamt etwas geändert?


Sagen wir so - die emotionale Intensität ist die gleiche, aber der Blick ist ein anderer. Ich schaue die Spiele inzwischen mit etwas anderen Augen. Das hängt vermutlich auch damit zusammen, dass ich die Beteiligten durch das Ehrenamt besser kennengelernt habe und mich mit den Menschen, die hinter den Kulissen oder auf dem Platz für Dynamo einstehen, noch stärker identifiziere. Zugleich habe ich nun die übergeordneten Ziele des Vereins - das große Ganze - mehr im Blick als vorher. Die leidenschaftliche Nähe ist geblieben, aber eine gesunde Distanz zum Tagesgeschäft ist neu hinzugekommen.
 
Das klingt widersprüchlich.

Das ist es wohl auch. Letztlich empfinden dies aber wahrscheinlich auch andere so, die für Dynamo arbeiten oder in einem Ehrenamt aktiv sind. Wir sind Fans und fiebern mit, das ist die eine Seite. Gleichzeitig ist es unsere Aufgabe, eine gewisse Nüchternheit zu bewahren, um unsere Verantwortung besonnen und professionell wahrnehmen zu können.

Wie gehst du damit um, wenn man dich als Präsident um eine Einschätzung zur sportlichen Leistung bittet?

Das ist häufig eine Gratwanderung, hier lerne ich auch ständig neue Dinge hinzu. Mir ist sehr bewusst, welche Aufgaben die Satzung dem Präsidium vorgibt. Sportliche Analysen gehören nicht dazu. Andererseits ist es unsere Aufgabe, den Verein nach außen zu repräsentieren und damit auch auf Anfragen zu reagieren. Mein Credo ist, mich grundsätzlich sehr eng mit den anderen Verantwortlichen abzustimmen. Somit entwickeln wir gemeinsam, welche Form der Kommunikation im jeweiligen Fall sinnvoll ist und wo klare Grenzen gezogen werden.
 
Die größte Herausforderung war sicher das Spiel in Köln.


An diesem Tag habe ich mich in der Pflicht gesehen, die erste Druckwelle ein wenig mit abzufangen und die Beteiligten etwas zu schützen. Trotz aller Enttäuschung habe ich mich deshalb nach Abpfiff noch im Stadion darum bemüht, das soeben Erlebte atmosphärisch ein wenig einzuordnen. Auch wenn es in einer solchen Situation nicht leicht ist, die richtigen Worte zu finden, um die Gemüter zu beruhigen.
 
Zu den Aufgaben des Präsidiums gehört die Kommunikation mit den Vereinsmitgliedern. Bei über 22.000 Menschen kein ganz leichtes Unterfangen…


(lacht) Das stimmt. Wir als Präsidium verstehen es als eine unserer wichtigsten Aufgaben, den Gesprächsfaden in unserem Verein aufrecht zu erhalten. Dazu gehört auch die Beantwortung tausender E-Mails, die wir erhalten. Unser Anspruch ist es, jedem Mitglied und jedem Fan zu antworten. Ich bitte dabei jedoch höflich um Verständnis dafür, dass die Bearbeitung der vielschichtigen Anfragen und Kommentare hin und wieder etwas mehr Zeit in Anspruch nimmt, als uns lieb ist. Gleichzeitig findet der Austausch mit unseren Mitgliedern sehr häufig auch auf persönlicher Ebene statt.
 
Zum 3. Dresdner Traditionstag ging es auch darum, ob der mitgliedergeführte Verein ein zukunftsfähiges Modell ist. Welchen Blick hast du darauf?

Es ist auch in anderen Bereichen des Lebens unheimlich wichtig, ein paar Fixpunkte zu haben, die Orientierung bieten. Bei Dynamo Dresden ist ein solcher Fixpunkt, dass wir ein mitgliedergeführter Verein sind. Dieser breite Konsens ist sehr wertvoll. Er bildet die gemeinsame Basis für die Bewältigung alle Herausforderungen, denen wir als Sportgemeinschaft entgegensehen.

Wie kann dieser Weg aussehen?

Es ist unser aller Aufgabe, fleißig, kreativ und innovativ daran zu arbeiten, wettbewerbsfähiger zu werden und damit zukunftsfähig zu bleiben. Ein jeder in seinem Aufgabenbereich und immer im Einklang mit der Idee des mitgliedergeführten Vereins. Wir haben viele PS, die es auf die Straße zu bringen gilt. Wir gehen einen eigenen, nämlich den Dynamo-Weg. Damit setzen wir uns gremienübergreifend und im Austausch mit der Geschäftsführung gegenwärtig auch sehr intensiv auseinander.
 
Worüber sprecht ihr genau?

Ich hatte eingangs gesagt, dass gerade in schnelllebigen Zeiten stabile Strukturen benötigt werden, um Alltagsaufgaben und längerfristige Ziele in Einklang zu bringen. Bei Dynamo sind in den vergangenen Jahren bereits hervorragende Strukturen gewachsen. Diese sinnvoll und behutsam weiterzuentwickeln, ist unser gemeinsames Anliegen. Dann werden wir uns nicht nur behaupten, sondern auch ambitionierte Ziele erreichen können. Dabei wollen wir aber unsere Identität bewahren.
 
Dynamo Dresden heißt auch, dass die Menschen, die Choreografien basteln und Stimmung erzeugen, sich aktiv ins Vereinsleben einbringen.

Das kann ich nur unterstreichen. Es ist ein großes Verdienst der aktiven Fanszene, dass der Verein sich seiner reichhaltigen Historie seit vielen Jahren wieder liebevoll zuwendet. Der Dresdner Traditionstag ist ein sehr gutes Beispiel für gelebte Mitgliedschaft. Aber das Engagement der Dynamo-Fans geht über die Traditionspflege und die Beschäftigung mit dem eigenen Verein hinaus. So setzt sich die Faninitiative „1953international“ seit fast 15 Jahren sehr leidenschaftlich gegen Rassismus und Diskriminierung ein, ULTRAS DYNAMO und viele andere schwarz-gelbe Fans engagieren sich regelmäßig für schwächere oder kranke Menschen.

Wird dieser Aspekt in der öffentlichen Wahrnehmung aus deiner Sicht ausreichend gewürdigt?

Ich bin stolz darauf, wie viele Menschen aus den Reihen der Sportgemeinschaft unsere Werte vertreten, auch über das Stadion und den Fußballkontext hinaus. Wir sollten dies weiter pflegen, auch wenn damit nur selten große Schlagzeilen produziert werden. Denn es geht ja um die gute Sache!

Du hast als Dynamo-Präsident die Schirmherrschaft für den diesjährigen „Christopher Street Day“ in Dresden mit übernommen. Wie kam es dazu?

Die Veranstalter haben mich konkret darum gebeten. Ich habe dies sofort wohlwollend betrachtet und mit anderen Vereinsvertretern abgestimmt. Denn das halte ich grundsätzlich so. Alle haben die Idee unterstützt und ebenfalls positiv bewertet. Anliegen des „Christopher Street Day“ ist es ja nicht nur, Akzeptanz für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender einzuwerben. Im Grunde genommen geht es doch darum, tolerant zu sein. Jeder Mensch sollte sich selbst verwirklichen können, solange er andere nicht daran hindert, dasselbe zu tun.
 
Eine Parallele auch zu Dynamo?

Unbedingt. Einerseits eröffnet unser Verein grundsätzlich jedem Mitglied die Möglichkeit, sich einzubringen. Vor allem aber kommen in unserem Stadion die unterschiedlichsten Menschen zusammen, ganz verschiedene Lebensentwürfe und Biografien. 30.000 Individuen, die alle aus demselben Grund dort sind – um die Sportgemeinschaft zu unterstützen. Im Block geht es nicht darum, wer du bist, sondern dass dein Herz für Dynamo schlägt. Es wäre wünschenswert, auch in anderen Bereichen eher darauf zu schauen, was uns Menschen verbindet. Nicht zuletzt liegt in der Schirmherrschaft eine gewisse Symbolik, weil Homosexualität gerade im Herrenfußball noch stark stigmatisiert ist. Durch persönliche Begegnungen und Gespräche können solche Vorurteile abgebaut werden.
 
Wie bekommst du Beruf, Ehrenamt und Familie unter einen Hut?

Ja, es ist ambitioniert, geht aber trotzdem recht gut. Meine Frau und ich halten es so, dass wir unsere jeweiligen Verpflichtungen möglichst gut aufeinander abstimmen, um dann auch Zeit füreinander sowie für unsere Familien und Freunde zu haben. Besondere Herausforderungen bilden sich nur dann, wenn spontan unerwartete Anfragen oder Termine entstehen. Aber auch dafür haben wir bisher immer gute Lösungen gefunden.
 
Ihr als Präsidium seid zunächst bis zur MV 2020 im Amt. Was sind eure Ziele für die kommenden anderthalb Jahre?

Wir werden weiter daran mitwirken, dass alle im Verein miteinander im Gespräch bleiben – Mitglieder, Fans, Gremien, Mitarbeiter, Verantwortliche, Freunde und Partner. Ich denke, die Erfahrungen der vergangenen Monate haben schon gezeigt, dass sich viel Positives erreichen lässt, wenn wir konstruktiv, offen und fair miteinander umgehen. Unsere Funktion als Ansprechpartner für die Vereinsmitglieder wollen wir nach besten Kräften ausfüllen, sei es auf Mitgliederstammtischen, per E-Mail oder bei anderen Gelegenheiten in persönlichen Gesprächen. Und natürlich werden wir uns im Rahmen unserer satzungsgemäßen Befugnisse in den angesprochenen gremienübergreifenden Arbeitsprozess konstruktiv einbringen.
 
Holger, danke für das Gespräch und weiter viel Schaffenskraft für dein Ehrenamt!

Interview: Jan Franke