KREISEL-Interview mit Jannis Nikolaou

„Ein Moment, der bleiben wird.”

Jannis Nikolaou

Er kam im Sommer aus der 3. Liga von den Würzburger Kickers zur SGD und entwickelte sich mit bisher elf Einsätzen direkt in seiner ersten Zweitliga-Saison zum Stammspieler im Dynamo-Trikot: Jannis Nikolaou. Wir trafen uns mit dem 25-Jährigen während der Länderspielpause im Waldpark in Dresden-Blasewitz zum Kreisel-Interview.  

Bei einem Herbstspaziergang sprachen wir über die Heimat seines Vaters und den Traum, einmal für Griechenland spielen zu dürfen. Wir sprachen mit Jannis über Lukas Podolski und Zinédine Zidane. Außerdem wollten wir von dem defensiven Mittelfeldspieler wissen, wie für ihn der Bewältigungsprozess nach dem historischen 1:8-Debakel in Köln verlaufen ist.

Jannis, wie verarbeitet man als Fußball-Profi eine 1:8-Niederlage?
Dafür gibt es kein Patentrezept. Allzu oft kommt das ja Gott sei Dank auch nicht vor. Fakt ist aber: So ein Spiel muss möglichst schnell raus aus den Köpfen, auch wenn das vielleicht schwer fällt. Der Blick muss nach vorne gerichtet werden. Wir müssen und werden wieder zeigen, dass wir es als Mannschaft deutlich besser können.

Wie verläuft der Bewältigungsprozess?
Natürlich kann man nach so einem Spiel nicht einfach auf Knopfdruck zur Tagesordnung übergehen. Keinem, dessen Herz an Dynamo hängt, fällt das leicht. Aber nochmal: Es muss raus aus den Köpfen! Mir hat zum Beispiel der Test gegen Union gut getan. Warum? Weil wir schnellstmöglich die Chance hatten, gegen einen starken Gegner ein ganz anderes Gesicht zu zeigen und zu dokumentieren, dass das Spiel in Köln ein Ausrutscher war. Das ist uns als Mannschaft auch durchaus gelungen.

Es war eine historische Niederlage ...
... und ich war dabei und hätte sehr gern darauf verzichtet, zumal es gegen meinen Heimatverein ging, gegen den gerade ich mir sehr viel vorgenommen hatte. Alles andere als selbstverständlich war allerdings die Reaktion unserer Fans, als wir nach dieser utopisch hohen Niederlage in die Kurve gegangen sind und von den Leuten gefeiert wurden. Das war etwas ganz Besonderes. Ein Moment, der bleiben wird. Ganz großer Dank nochmal an jeden Einzelnen, der in Köln mit dabei war. 

Wie habt ihr dieses Debakel analysiert?
Viel analysieren konnten wir da nicht, weil an diesem Tag einfach alles schiefgelaufen ist, was in einem Fußballspiel schieflaufen kann. Wir müssen natürlich die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Das haben wir getan und somit können wir als Mannschaft an dieser bitteren Erfahrung auch wachsen. Man merkt förmlich im Training, dass jeder im nächsten Spiel eine Reaktion zeigen will – und ich bin guter Dinge, dass das auch deutlich sichtbar werden wird.

Was hilft dir grundsätzlich, um über Misserfolge hinwegzukommen oder nach Niederlagen abzuschalten?
Ich bin schon eher der Typ, der die Dinge gern analysiert und sich die kritischen Szenen im Nachgang eines Spiels noch mal genau anschaut. Ich bin davon überzeugt, dass vor allem konstruktive Kritik hilft, wenn man sich weiterentwickeln möchte. Es ist nicht immer angenehm mit den eigenen Fehlern konfrontiert zu werden. Wenn man sich dem aber stellt, dann wird man ein besserer Fußballer und am Ende auch ein besserer Mensch.

Wie wichtig sind Familie, Lebensgefährtin und Freunde in schwierigen Situationen?
Sie sind mir allgemein sehr wichtig, weil sie mich bedingungslos unterstützen und mir immer auch noch mal einen anderen Blickwinkel auf die Dinge geben können.

Du bist in der Nähe von Bonn aufgewachsen. Wie muss man sich deine Kindheit vorstellen?
Es war so, wie man sich das wünscht. Ich hatte eine sehr schöne Kindheit, bin in einem Vorort von Bonn behütet aufgewachsen. Ich bin Nachzügler und habe zwei ältere Schwestern. Die jüngere der beiden ist fünf Jahre älter als ich. Ich bin immer viel nach der Schule draußen gewesen und habe natürlich auch sehr viel Zeit mit Freunden auf dem Fußballplatz verbracht. 

Dich kann man also mit einem kleinen Herbstspaziergang begeistern?
Ja, auf jeden Fall! Ich gehe hier in Dresden auch gerne mit meiner Verlobten an der Elbe spazieren. Überhaupt hat Dresden als Stadt viel zu bieten. Es gibt eine wunderschöne Altstadt, aber auch total idyllische Landschaften. 

Du heiratest Laura im Dezember, Kinder sollen irgendwann dazukommen. Hunde sind bei deinen Mannschaftskollegen auch sehr beliebt. Gehört ein kleiner Welpe auch bei euch bald zur Familie?
Ehrlich gesagt ist es immer mal wieder Thema, dass wir uns einen Hund anschaffen wollen. Aber bisher konnten wir uns noch nicht dazu durchringen. Für mich steht aber fest, dass wir irgendwann auch einen haben werden, wenn es passt. 

Wie seid ihr in Dresden angekommen?
Sehr gut. Ich fühle mich wirklich total wohl. Wir haben eine tolle Wohnung gefunden und meine Verlobte hat als Kindergärtnerin auch direkt einen Job gefunden. Somit sind wir beide richtig angekommen. Das ist wichtig, um sich in einer neuen Stadt wohlzufühlen. 

Ab wann hat Fußball in deinem Leben eine wichtige Rolle gespielt?
Ich spiele seit meinem vierten Lebensjahr Fußball. Erst war es natürlich nur kindlicher Spaß. Über die Jahre und mit meinem Wechsel zum 1. FC Köln als Dreizehnjähriger ist aus meinem Hobby mehr und mehr der Traum und Wunsch entstanden, einmal Profi zu werden.

Du hast in der Jugend neun Jahre für den 1. FC Köln gespielt. War Lukas Podolski das große Vorbild deiner Jugend?
Wenn du aus Köln oder der Umgebung im Rheinland kommst, dann ist Lukas Podolski natürlich überall präsent. Jedes Kind kennt ihn, und für jeden jungen Fußballer ist er ein Vorbild, weil er unglaublich viel erreicht hat. Aber er hat auf einer anderen Position als ich gespielt, daher habe ich mich eher auf andere Spielertypen als Vorbilder konzentriert. 

Als Kind träumt man sich ja auf dem Bolzplatz in seine Idole hinein. Welcher Spieler hat dich fasziniert?
Damals spielten bei Real Madrid die ,Galaktischen‘, und ich habe mir deren Spiel zu gern angeschaut. Zinédine Zidane war mit Abstand der Spieler, der mich am meisten fasziniert hat. Er war ein unglaublich talentierter Fußballer. Wenn er auf dem Platz stand, dann hatte man immer das Gefühl, dass er alles dirigiert und den gesamten Platz samt seinen Mit- und Gegenspielern beherrscht. Das war beeindruckend. 

Was kann man sich von so einer überragenden Persönlichkeit, einem der besten Spieler aller Zeiten abschauen?
Von so einem Spieler kannst du dir alles abschauen, weil er alles mitbrachte, in Perfektion. Persönlichkeit, Präsenz, Spielerführung, Zweikampfverhalten, Technik, Passspiel, Ballan- und mitnahme, Torabschluss. Einfach alles. Er war ein kompletter Spieler auf allerhöchstem Niveau. Man darf nur nicht daran verzweifeln, wenn man sein Niveau letztlich nie erreichen wird. (lacht) Er war ein absolutes Ausnahmetalent, ein echtes Ereignis. 

Zinédine Zidane wurde während seiner Karriere auch als „stiller Zauberer“ bezeichnet. Wie würdest du dich einem Menschen beschreiben, der dich zum ersten Mal trifft?
Ich bin eigentlich immer gut drauf, es steckt eben eine rheinländische Frohnatur in mir. Am Anfang bin ich aber eher der abwartende und zurückhaltende Typ, der andere Menschen erst einmal beobachtet, bevor er sich öffnet. Wenn man mich besser kennt und ich ein bisschen aufgetaut bin, dann bin ich schon ein lustiger Typ, mit dem man viel unternehmen kann. Menschen, die ich in mein Herz geschlossen habe, bin ich sehr loyal gegenüber. Das ist mir persönlich auch sehr wichtig. 

Wie viel griechisches Temperament schlummert in dir?
Man merkt es mir vielleicht auf den ersten Blick nicht an, aber von dem griechischen Temperament habe ich schon etwas abbekommen. Es kommt in meiner Mentalität als Fußballer auch auf dem Platz zum Ausdruck, wenn es drauf ankommt.

Welche griechischen Traditionen sind im Hause Nikolaou heute noch zu finden?
Definitiv die griechische Küche. Ich bin so aufgewachsen, dass mein Vater immer mal ein Gericht aus seinem Heimatland für die Familie kocht. 

Wird zu Hause auch Griechisch gesprochen?
Nein, mein Vater hat es irgendwann aufgegeben. Zuhause sprechen wir nur noch Deutsch. In meiner Kindheit hat mein Vater mit uns Kindern Griechisch gesprochen, aber ich habe dann immer auf Deutsch geantwortet. 

Verstehst du die Sprache heute noch?
Ja, ich verstehe Griechisch deutlich besser als ich es spreche.

Würde mit einer Einladung zur griechischen Nationalmannschaft ein Traum für dich in Erfüllung gehen?Ja, na klar! Dann müsste ich wohl auch zur Freude meines Vaters noch mal etwas intensiver Griechisch lernen. (lacht)

Mit Lucas Röser und Jannik Müller scheint dich auch mehr als nur der Fußball zu verbinden, wenn man euch in der Kabine beobachtet ...
Jannik kenne ich schon seit meiner Jugend und gemeinsamen Tagen im Internat beim 1. FC Köln. Wenn man wie wir über die Jahre so viel Zeit gemeinsam verbringt, dann schweißt das auch menschlich zusammen. Er hat mir hier vom ersten Tag an sehr geholfen, damit ich gut in der Mannschaft und in der Stadt ankomme. Auch mit Lucas bin ich absolut auf einer Wellenlänge. Ich möchte aber ganz bewusst nicht nur die beiden Jungs hier hervorheben. Allgemein haben wir eine charakterlich tolle Truppe, die mir den Einstieg sehr leicht gemacht hat.

Welche Rolle spielt der Fußball in deinem Privatleben?
Ich muss sagen, dass ich wirklich Glück habe, dass meine Verlobte alles so mitmacht und in den letzten acht Jahren selbst eine Leidenschaft für Fußball entwickelt hat. Am Anfang konnte sie mit diesem Sport fast gar nichts anfangen, weil sie keine Berührungspunkte hatte. Jetzt kommt es schon mal vor, dass Laura mich fragt, ob wir uns nicht ein Spiel im Fernsehen anschauen sollten. Sie ist da sehr gut reingewachsen und kennt sich gut im Fußball aus. Ihr muss niemand mehr die Abseitsregel erklären. (lacht)

Wie zufrieden war sie im Sommer mit deiner Vereinswahl?
Sehr zufrieden natürlich. Was die Professionalität, das gesamte Umfeld, das Stadion und die Fans angeht, ist Dynamo bereits erstklassig. Laura war auch direkt von der Stadt begeistert.

Deine ersten beiden Profistationen nach deiner Zeit beim 1. FC Köln waren Erfurt und Würzburg in der 3. Liga. Was hast du aus dieser Zeit für dich mitgenommen?
Ich habe an beide Stationen nur gute Erinnerungen. Ich bin in Erfurt zum ersten Mal mit Fans in Kontakt gekommen und habe erlebt, wie eine Mannschaft bei den Spielen stimmungsvoll unterstützt wird. Das kannte ich so aus meiner Jugend und von der zweiten Mannschaft beim FC nicht, weil da bei den Spielen immer nur vergleichsweise wenige Zuschauer dabei waren. Erstmals habe ich in Erfurt das Gefühl und auch die Verantwortung gespürt, für eine ganze Stadt zu spielen. Zudem war ich zum ersten Mal weg von zuhause. All das hat mich natürlich geprägt, und für diese Zeit bin ich auch unheimlich dankbar. 

Und was hast du aus Würzburg mitgenommen?
Würzburg ist auch eine schöne Stadt und war in meiner Entwicklung als Fußballer ganz klar der nächste Schritt. Dem Verein habe ich auch viel zu verdanken, weil ich dort mit meinen Leistungen auf mich aufmerksam machen konnte. So, dass letztlich Dynamo Dresden auf mich aufmerksam geworden ist und ich hierhin wechseln durfte. 

Wie hast du den Absturz von Erfurt in die Regionalliga verfolgt?
Ich bin natürlich schon länger nicht mehr so nah dran, aber für den Verein und die Menschen tut es mir sehr leid. Generell ist es schade, wenn ein Verein mit Tradition und Fankultur so mit seiner Existenz zu kämpfen hat. Das finde ich sehr schade für den Fußball.

Ein Drittel der Saison ist rum. Wie fällt deine Zwischenbilanz als Zweitliga-Spieler der SGD aus?
Die erste Zweitliga-Saison in einer Karriere als Fußballprofi ist immer etwas Besonderes. Ich bin froh, dass ich bisher so viele Spiele machen konnte. Das war mein Wunsch, als ich mich für einen Wechsel zu Dynamo entschieden habe. Ich genieße jedes Spiel, das ich für diesen Verein machen darf. Und ich hoffe, dass in den kommenden Jahren noch viele Erfolgserlebnisse hinzukommen.

Jannis, danke dir für das Gespräch.

Interview: Henry Buschmann
Fotos: Steffen Kuttner