KREISEL-Interview mit Kevin Broll

Auch mal kleinere Brötchen backen.


Kevin Broll

Als einer der besten Drittliga-Torhüter in der Sommerpause aus Großaspach verpflichtet, hütet Kevin Broll seit dieser Saison das Tor der Sportgemeinschaft. Das Dynamo-Trikot trägt der gebürtige Mannheimer trotzdem schon seit einigen Jahren.

Im KREISEL-Interview vorm Heimspiel gegen St. Pauli erzählt der „Mannemer Bub“, was es damit auf sich hat und warum es ihm die Ostvereine und vor allem die SGD angetan haben. Außerdem präsentiert ‚Brollo‘ seine ersten Sächsisch-Kenntnisse und erklärt, warum ein bisschen „schwätze“ trotzdem nicht schaden kann.

Kevin, wie sieht aus deiner Sicht das perfekte Outfit für einen Sommerurlaub auf Mallorca aus?
Badeschlappen, ein Hut oder ein Basecap, eine Sonnenbrille und Sonnencreme. Und natürlich ein Dynamo-Trikot – wenn du darauf anspielst (lacht).

Du sagst es! Während sich andere im Hawaii-Hemd oder mit lustigen Sprüchen auf dem Shirt auf den Weg ins „17. Bundesland“ machen, bist du in diesem Sommer im Dynamo-Trikot nach Mallorca geflogen – bevor du auch nur ein Training, geschweige denn ein Spiel für die SGD gemacht hast.
Das war eine spontane Geschichte, der Wechsel nach Dresden war auch noch gar nicht fix. Florian Ballas und ich haben uns zufällig auf der Insel getroffen und Ralf Minge dann ein Bild geschickt.

Und wo hattest du das Dynamo-Trikot her?
Ich bin in den letzten Jahren immer mit einigen Freunden in der Sommerpause nach Mallorca geflogen. Das ist dann immer auch eine kleine Mottofahrt: Alle im Trikot nach ‚Malle‘. Ich habe mir in den letzten Jahren immer ein Dynamo-Trikot geschnappt. Mir war der Verein schon immer sympathisch und hat auf mich eine gewisse Faszination ausgestrahlt. Ich habe mir das Shirt von einem Freund geliehen und meinte zu ihm, dass ich es ihm nach dem Urlaub natürlich wiedergebe. Seitdem habe ich es. So ein schönes Stück kann man schließlich nicht wieder hergeben (lacht).

Dir ist Identifikation bzw. Loyalität gegenüber deinem Verein sehr wichtig. Nicht nur gegenüber Dynamo, sondern auch schon bei der SG Sonnenhof Großaspach. Nimm uns einmal mit in die Endphase der letzten Saison. Dynamo wollte dich verpflichten, du wolltest kommen. Und doch war dir eines ganz wichtig …
Ich wollte unbedingt erstmal den Klassenerhalt mit Großaspach fix machen, bevor ich mich zu einem möglichen Wechsel äußere. Diese Identifikation mit und vor allem die Verpflichtung gegenüber Aspach war für mich eine Selbstverständlichkeit. Mein Fokus lag zu der Zeit ganz klar auf den letzten Saisonspielen. Wir wollten den Klassenerhalt unbedingt schaffen. Da habe ich alles andere ausgeblendet.

Nachdem ihr den Ligaverbleib gesichert habt, fiel deine Entscheidung für die SGD. Was hat am Ende den Ausschlag gegeben?
Als ich von Dynamos Interesse erfahren habe, war ich gleich Feuer und Flamme. Die Stadt, der Verein, die Fans, die Stimmung im Stadion – das ist schon unfassbar geil und hat Erstliga-Niveau. Ich habe im Rudolf-Harbig-Stadion ja schonmal mit Großaspach gespielt. Daher wusste ich, was hier bei den Spielen los ist. Die Gespräche mit den Verantwortlichen liefen zudem nicht nur sehr professionell, sondern auch sehr herzlich ab. Darüber hinaus kannte ich den ein oder anderen Spieler schon. Allen voran natürlich Baris Atik, mit dem ich seit vielen Jahren befreundet bin.

Du sprichst Baris an: Ihr kennt euch aus eurer gemeinsamen Zeit bei Waldhof Mannheim. Hast du dich bei ihm über Dynamo im Vorweg erkundigt?
Er war einer der ersten, denen ich vom Interesse, dem möglichen Wechsel und später dann von der Unterschrift erzählt habe. Wir sind seit Jahren eng befreundet, sprechen und schreiben regelmäßig. Das war aber auch schon so, als er in Graz, Darmstadt, Kaiserslautern oder Hoffenheim gespielt hat. Ich hatte also nicht nur wegen dem Transfer mit ihm Kontakt. Trotzdem war es natürlich einer der schnellsten Wege, über ihn an Infos über Dynamo zu kommen (lacht).

Inwiefern hat dir Baris bei der Eingewöhnung in Dresden geholfen?
Wir waren besonders am Anfang relativ viel zusammen unterwegs. Er hat mir einige schöne Ecken in der Stadt gezeigt. Ich habe mich hier aber auch so schon relativ schnell heimisch gefühlt und mir einiges selbst angeschaut, als ich in den ersten Tagen durch die Stadt geschlendert bin.

Neben Baris hast du mit Lucas Röser einen zweiten dicken Kumpel in der Mannschaft. Ihr habt in der Saison 2016/17 zusammen für Großaspach gespielt und duelliert euch regelmäßig beim Dart. Wer von euch beiden ist für die „180“ und den „Neundarter“ zuständig?*
(lacht) Wir hatten in Aspach immer eine kleine Dartgruppe und im Kabinentrakt zwei Scheiben hängen. Ab und an haben wir uns auch mit ein paar Freunden abends getroffen haben, zusammen etwas gekocht und das ein oder andere Turnier gespielt. Teilweise waren wir bis zu acht Leute, das macht dann echt Laune. Den Neundarter hat aber ehrlich gesagt noch keiner geschafft, so gut sind wir dann doch nicht. Die „180“ ist aber schon ab und an mal gefallen.

Warst du schon mal bei den Darts-Weltmeisterschaften im Londoner „Ally Pally“?
Da hat mir bisher in der eigenen Saisonvorbereitung leider immer die Zeit für gefehlt. Teilweise waren wir sogar schon mitten im Spielbetrieb. Aber vielleicht passt es ja irgendwann mal. Einmal möchte ich das auf jeden Fall erleben.

Kommen wir zurück zum Fußball: Bei dir persönlich hat man den Eindruck gewonnen, dass du voll und ganz bei Dynamo angekommen bist. Deine Leistungen in den letzten Spielen gegen Darmstadt, Heidenheim und Dassendorf sprechen für sich.

Mir hat in den ersten Spielen das Matchglück etwas gefehlt. Ich habe daraufhin zusammen mit unserem Torwarttrainer Brano Arsenovic mein Torwartspiel etwas angepasst. Das hat gut funktioniert. Und der Rest kommt von allein, wenn du die ersten Paraden im Spiel hast. Da wird die Brust dann breiter, man spielt sich in einen kleinen Rausch und wird auch mental noch stärker. So greifen jetzt alle Rädchen ineinander und die Maschine läuft.

Wenn du die 2. Bundesliga mit der 3. Liga, wo du mit Aspach ja mehrere Jahre gespielt hast, vergleichst: Wo sind die größten Unterschiede, die du in den ersten zwei Monaten ausmachen konntest?
Das fußballerische Niveau ist qualitativ höher, während in der 3. Liga viel körperlicher gespielt wird. In der 2. Bundesliga spielen Technik und Taktik eine größere Rolle. Das Spiel ist geradliniger.

Großaspach hatte in der letzten Saison bei Heimspielen einen Zuschauerschnitt von knapp 3.000. Im Rudolf-Harbig-Stadion stehen Spiel für Spiel allein 9.000 Dynamos im K-Block und damit immer eine Halbzeit direkt hinter dir. Was macht das mit dir?
Es ist nicht nur laut, es ist sehr laut! Die Fankultur hier in Dresden ist einfach krass und die Stimmung unfassbar. Das führt zugleich aber dazu, dass ich während des Spiels auch etwas lauter mit meinen Mitspielern kommunizieren muss. Da kommt man um die Heiserkeit nach dem Spiel oftmals nicht herum. Und wir geben uns Handzeichen. Sonst hätte ich nach dem Spiel gar keine Stimme mehr.

Gibt es auch etwas, was sich ähnelt?
Es wird sowohl in der 2. als auch in der 3. Liga Fußball gespielt (lacht). Im Ernst: Die Unterschiede zwischen den beiden Ligen sind wie gesagt schon spürbar. Trotzdem ist das Niveau in der 3. Liga in den letzten Jahren immer besser geworden. Ganz zu schweigen von den klangvollen Vereinsnamen. In der letzten Saison waren es zum Beispiel Karlsruhe, Kaiserslautern, Rostock, 1860 München oder Eintracht Braunschweig. In diesem Jahr sind außerdem noch einmal Clubs mit großem Potenzial dazu gekommen: Ingolstadt, Duisburg, Magdeburg oder auch mein Jugendverein Waldhof Mannheim. Das ist schon eine spannende Liga – mit immerhin fünf Ostvereinen.

Die scheinen es dir angetan haben.
Mir gefällt es einfach, wie hier das Fandasein und die Fankultur gelebt wird. Es ist laut, die Mannschaft wird bedingungslos unterstützt. Mannschaft und Anhänger werden zu einer Einheit. Das ist geil.

Was zeichnet euch als Team aus?
Uns Neuzugängen wurde es sehr leicht gemacht, sich hier einzufinden. Das ist ja schonmal das Fundament für alles Weitere. Wir sind in eine Mannschaft mit einem funktionierenden Grundgerüst gekommen. Das ist wichtig. Außerdem unternehmen wir auch neben dem Platz mal etwas miteinander. Das stärkt dann ganz automatisch das Teamgefühl und das Mannschaftsgefüge. Hier würde jeder für den anderen durchs Feuer gehen.

Du selbst kommst nicht aus einem der modernen Nachwuchsleistungszentren eines Bundesligisten, sondern hast dich Schritt für Schritt hochgearbeitet. Inwiefern hat dich das geprägt?
Ich habe gelernt, dass es sich lohnt, auch mal kleinere Brötchen zu backen und demütig zu sein. Auch wenn wir mit Waldhof mal in der Junioren-Bundesliga gespielt haben, sind die Voraussetzungen dafür im Vergleich zu den großen Klubs einfach andere. Die Herrenmannschaft von Mannheim hat in den letzten Jahren immer in der Ober- oder Regionalliga gespielt. Das prägt. Und macht mich zugleich auch stolz. Ich habe nichts geschenkt bekommen und mir alles selbst erarbeitet.

Trotzdem hast du deinen Heimatverein nach deinem ersten Herrenjahr verlassen. Warum?
Mein zwei Jahre älterer Bruder Dennis (heute VfB Gartenstadt, Verbandsliga Nordbaden, Anm. d. Red.) war bzw. ist auch Torhüter. Als ich aus der U19 in die 1. Mannschaft kam, war er bereits da. Wir sollten uns dann um den Platz im Tor duellieren. Also: Einer spielt, der andere sitzt auf der Bank. Das ist aus meiner Sicht unter Brüdern aber einfach doof und eine komische Situation, auf die ich keine Lust hatte.

Du bist dann zum FC Homburg 08 gewechselt, nach einem Jahr gen Großaspach weitergezogen und hast dich dort rasch zum unumstrittenen Stammkeeper entwickelt.
Und jetzt bin ich bei Dynamo Dresden und darf in der 2. Bundesliga spielen. Dafür bin ich sehr dankbar. Diese Demut sollte man nie verlieren. Wir haben ein unglaubliches Privileg, mit dem Fußballspielen Geld verdienen zu können. Wenn ich daran zurückdenke, mit wem ich in den letzten Jahren zusammengespielt habe, auch in einigen Auswahlmannschaften, dann ist es sehr überschaubar, wer von denen den Sprung in den bezahlten Fußball geschafft hat. Das darf man nicht vergessen.

Du hast nicht nur beim SV Waldhof gespielt, sondern bist auch in Mannheim geboren und hast dort beinahe alle Jugendmannschaften durchlaufen. Inwiefern verfolgst du den Club noch?
Waldhof hat mich 13 Jahre lang geprägt, ich habe den Verein gelebt. Waldhof wird immer einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen haben. Ich habe mich sehr über den Aufstieg in die 3. Liga im Sommer gefreut. Der gesamte Verein hat sich das absolut verdient. Ich habe zuletzt versucht, es zum DFB-Pokal-Spiel gegen Eintracht Frankfurt ins Stadion zu schaffen. Aufgrund unglücklicher Umstände war ich aber erst ‚pünktlich‘ zum Abpfiff da. Das war ärgerlich. Ich werde aber, wenn es mit unserem Spielplan vereinbar ist, demnächst einen neuen Versuch unternehmen.

Was bedeutet dir deine baden-württembergische Heimat?
Meine Familie und viele meiner Freunde leben dort, ich bin dort aufgewachsen. Ich habe in Mannheim und Umgebung unglaublich viel erlebt. Es ist für mich immer etwas Besonderes, wenn ich in der Heimat bin und die vielen altbekannten Gesichter wiedersehe.

Den „mannemerischen“ Dialekt scheinst du aber abgelegt zu haben…
(lacht) Wenn ich will, dann kann ich auch aber auch richtig „babbeln“. Im Ernst: Ich gebe mir schon Mühe, damit man mich auch versteht. Mit Dialekten ist es ja immer auch so eine Sache. Da kann das Gegenüber einen – dialektunabhängig – auch schon mal missverstehen und fasst etwas ganz anders auf, als man eigentlich meint. Ein bisschen „schwätze“ schadet aber nie (schmunzelt).

Kannst du denn schon was auf Sächsisch?
Nu gloar! (lacht). Das ein oder andere habe ich natürlich schon aufgeschnappt.

‚Brollo‘, vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg im Tor unserer SGD!

Interview: Lennart Westphal
Fotos: Steffen Kuttner

* Das Interview ist vorm Transfer von Lucas Röser zum 1. FC Kaiserslautern entstanden.