KREISEL-Interview mit Leo Löwe

Nicht nur Spieler, auch Fan von Dynamo.


Leo Löwe

Als „Leo“ Löwe als Kind das erste Mal das Rudolf-Harbig-Stadion besuchte, war es um ihn geschehen. Infiziert vom Dynamo-Virus, lebt der Youngster seinen Traum in Schwarz-Gelb und ist mit 20 Jahren eine der Identifikationsfiguren der Sportgemeinschaft.

Wir haben vor dem Saisonauftakt gegen den 1. FC Nürnberg mit dem SGD-Eigengewächs darüber gesprochen, was er mit Eiskunstlauf am Hut hat und wie ihn die Zeit in Dynamos Nachwuchs Akademie prägte. Außerdem verrät Leo sein besonderes Ritual vor den Spielen, spricht über seine besondere Beziehung zur Sportgemeinschaft und lässt noch einmal sein ersten Profi-Tor in der letzten Saison beim Auswärtssieg im Schacht Revue passieren – den Treffer, den die Dynamo-Fans schließlich zum Tor des Jahres wählten.  

Leo, was sagen dir der „Rittberger“, „Kombi-pirouetten“ oder der „Salchow“?
Das sind Figuren im Eiskunstlauf. Ich ahne, worauf du hinaus willst… (lacht)

Deine Freundin war bis vor kurzem Leistungssportlerin, hat Eiskunstlauf auf einem hohen Niveau betrieben. Kann man sich da als Fußballer was abschauen?
Ich habe immer gerne zugeschaut, wenn sie auf dem Eis unterwegs war. Ein sehr ästhetischer Sport, der in der Ausführung wirklich schön aussieht. Da hört es mit meiner Eislaufkompetenz dann aber auch schon auf, um ehrlich zu sein. Die Sprünge habe ich nicht drauf (lacht). Vielleicht muss ich mit ihr im nächsten Winter mal ein bisschen trainieren – dann aber just for fun. Eiskunstlauf und Fußball sind wirklich weit voneinander entfernt und beinhalten vollkommen verschiedene Bewegungsabläufe.

Apropos Bewegung: Du und die Mannschaft habt eine lange und intensive Vorbereitung hinter euch. Wie groß ist die Vorfreude, dass es jetzt gegen Nürnberg endlich wieder los geht?
Sehr groß. Man investiert in der Vorbereitung immer sehr viel. Du willst in der Saison und direkt am ersten Spieltag zeigen, was du dir erarbeitet hast. Ich bin auf die neue Saison sehr gespannt. Natürlich in erster Linie darauf, wie wir uns präsentieren, aber auch auf die Liga im Gesamten.

Stichwort ‚Vorbereitung‘: Warum sind die Wochen vor dem Saisonstart so wichtig?
Sowohl konditionell als auch vom Teamspirit her legt man den Grundstein für die gesamte Saison. Da zahlt sich die harte Arbeit aus. Die Vorbereitung ist insgesamt zwar eine anstrengende, zugleich aber auch schöne Zeit. Es hat immer auch ein bisschen was von einer Klassenfahrt.

Dein ehemaliger Mitspieler Rico Benatelli hat über dich mal gesagt, du würdest in jedem Training „schuften wie ein Bekloppter“. Was kannst du mit Begriffen wie dem oft zitierten „Mentalitätsspieler“ anfangen?
Ich sehe das als Kompliment und freue mich darüber. Wir haben das absolute Privileg, Berufsfußballer zu sein. Da mache ich gerne ein bisschen mehr, investiere viel und gebe immer 100 Prozent. Das ist für mich selbstverständlich.

Apropos „bekloppt“: Hast du eigentlich ein besonderes Ritual vor den Spielen?
Ich halte vom Aberglauben eigentlich nicht viel, manchmal erwische ich mich aber doch bei einigen Dingen. Ich höre zum Beispiel immer ein ganz bestimmtes Lied, wenn wir mit dem Mannschaftsbus ins Stadion fahren.

Welches?
„Alles wird gut“ von Bushido. Das pusht und fokussiert mich voll auf die kommende Aufgabe.

Bevor die Pflichtspiele wieder auf dem Programm stehen, hielt die Vorbereitung mit dem Spiel gegen Paris Saint-Germain ein ganz besonderes Highlight bereit. Du standst in der Partie auch auf dem Platz. Was war das für eine Erfahrung?
Das war für uns ein Riesending. Das ist schon Wahnsinn, wenn man gegen solche Weltklassespieler antreten darf. Das muss man erstmal verarbeiten. Am Ende sind die Jungs von Paris aber auch nur Menschen. Trotzdem hat jeder den Klassenunterschied auf dem Platz gesehen. Die spielen in einer anderen Welt, so ehrlich muss man sein. Und doch kann ich meinen Kindern später von diesem Highlight erzählen – etwas wirklich Besonderes.

Auch wenn die Ansprüche bei Paris und der SGD andere sind: Was könnt ihr euch von solchen Spielern noch abschauen?
Von den Besten gilt es immer zu lernen. Die Ruhe am Ball, das Finden der fast immer richtigen Lösungen in bestimmten Situationen – das ist schon beeindruckend. Schnelligkeit und Dynamik kann man natürlich nur bis zu einem gewissen Punkt trainieren. Das wird einem auch in die Wiege gelegt. Es hat aber natürlich schon seinen Grund, warum PSG in der Champions League und wir in der 2. Liga spielen.

Über 30.000 Zuschauer waren bei diesem Spektakel im RHS mit dabei. Darüber hinaus hat Dynamo auch in diesem Jahr wieder über 18.000 Dauerkarten verkauft. In der letzten Saison hatte die SGD den vierthöchsten Zuschauerschnitt der Liga und bei der schwarz-gelben Saisoneröffnung waren einige tausend Fans mit dabei. Was bedeutet dir und euch diese riesengroße Unterstützung?
Jeder Spieler, der hier unter Vertrag steht, sollte sich glücklich schätzen, das erleben zu dürfen. Was in diesem Hexenkessel möglich ist, wenn alle an einem Strang ziehen, haben wir in der letzten Saison gegen Paderborn (3:1) und Köln (3:0) oder auch vor drei Jahren gegen Stuttgart (5:0) gesehen.

Welches Ziel habt ihr euch als Mannschaft für die neue Saison gesetzt?

Wir als Mannschaft wollen den Fans und dem Verein etwas zurückgeben, eine gute und konstante Saison spielen – mit Leidenschaft auftreten. So, dass am Ende Fans, Mitarbeiter und Mannschaft zufrieden auf die Spielzeit zurückschauen können.

Und du persönlich?

Ich möchte an meine guten Ansätze aus der Vorsaison anknüpfen, mich stetig weiterentwickeln und mir über gute Trainingsleitungen einige Einsätze verdienen, den Moment genießen und dem Team helfen, wo ich kann.

Trainer Cristian Fiel hat dir in der letzten Saison in einer sportlich schwierigen Situation das Vertrauen geschenkt und dich im Sachsen-Derby beim FC Erzgebirge gebracht. Du hast dieses Vertrauen sofort zurückgezahlt und kurz nach der Einwechslung mit deinem Treffer zum 2:1 den 3:1-Auswärtssieg eingeleitet. Ein ganz besonderer Tag. Denkst du daran noch oft zurück?
Jeden Tag. Meine Schwiegereltern haben mir eine Collage mit verschiedenen Bildern und Zeitungsartikeln von dem Spiel gebastelt, die bei meiner Freundin und mir im Wohnzimmer hängt. Da laufe ich jeden Tag dran vorbei, so bleibt dieser für mich ganz besondere Moment stets präsent.

Du hast damals kurz nach dem Spiel gesagt, dass sich selbst ein Film-Regisseur den Tag nicht hätte kitschiger ausdenken können.

Ein Sieg im Schacht ist immer schön, egal wie er zustande kommt. Dass der Spielverlauf dann ausgerechnet so war, ist doch der Wahnsinn. Ein Riesen-Erlebnis – nicht nur für mich, sondern für das gesamte Team und alle Dynamo-Fans. Ich hätte nichts dagegen, wenn wir das in der kommenden Saison wiederholen würden (grinst).

Du deutest es an – dein erstes Zweitliga- und Profi-Tor. Der Treffer wurde von den Dynamo-Fans nicht nur zum Tor des Frühjahrs, sondern nach der Saison zum Dynamo-Tor des Jahres gewählt. Was bedeutet dir das?

Ich stand als Kind und Jugendlicher im Rudolf-Harbig-Stadion in der Kurve und bin seitdem großer Dynamo-Fan. Mein erstes Profi-Tor schieße ich ausgerechnet im Schacht bei dem so wichtigen ersten Sieg im Jahr 2019. Ganz ehrlich? Ich war unglaublich stolz und zugleich sehr dankbar für diese Auszeichnung.

Dein kleiner Bruder Joe spielt bei Dynamo im Nachwuchs. Welche Tipps kannst du ihm als großer Bruder auf und neben dem Platz geben?

Wenn es möglich ist, schaue ich mir jedes Spiel von ihm an. Er ist auf einem guten Weg, entwickelt sich stetig weiter. Ich wage sogar zu behaupten, dass er besser ist, als ich in seinem Alter. Er weiß, dass er immer mit mir reden kann. Nicht nur, wenn es um den Sport geht. Trotzdem ist es auch wichtig, dass er sein eigenes Ding macht, nicht versucht etwas zu kopieren. Er findet da für sich einen guten Weg.

Deine Schwester spielt auch Fußball, ist auf der Sportschule in Potsdam und spielt bei Turbine. Welche Rolle spielt der Fußball bei euch in der Familie?
Fußball ist unser Leben (lacht). Das ist für unsere Eltern aber auch nicht immer leicht. Die müssen schließlich Woche für Woche drei verschiedene Mannschaften im Auge behalten. Auch als Kinder haben wir jede freie Minute auf dem Bolzplatz verbracht. Das war schön! Und ich kann mir weiterhin nichts Schöneres vorstellen.

Du hast große Teile deiner Jugend in der Nachwuchs Akademie verbracht, dort viele Leute kennen gelernt. Unter anderem einen deiner besten Freunde – Markus Schubert. ‚Schubi‘ hat Dynamo im Sommer verlassen und ist zum FC Schalke 04 gewechselt. Wie sehr vermisst du ihn in der Kabine?

Wir kennen uns schon so viele Jahre und sind eng befreundet. Natürlich fehlt er mir – auf und neben dem Platz. Wir telefonieren und schreiben nahezu täglich miteinander. Ich fiebere da voll mit. Rein sportlich betrachtet muss man aber leider sagen, dass Wechsel im Fußball-Geschäft dazugehören. Zumal er sich mit Schalke einem der größten deutschen Vereine angeschlossen hat.

Du bist selbst früh ins Internat von Dynamo gekommen. Wie hast du die Zeit in der Nachwuchs Akademie in Erinnerung?

Da schaue ich mit viel Freude drauf zurück. Die Internatszeit war eine richtig schöne Zeit! Etwas, das ich nicht missen möchte. Ich habe früh gelernt, selbstständig zu werden, mit tollen Trainern zusammengearbeitet und ganz viel gelernt. Diese Erfahrungen möchte ich gerne weitergeben.

War das auch der Grund, warum du als Co-Trainer bei der U11 angefangen hast?

Ich weiß ja selber, wie spannend es für mich als kleiner Stöpsel war, wenn man den ‚Großen‘ aus dem Profi-Team begegnet ist und sich einige Tipps von denen holen konnte. Das möchte ich gerne weitertragen. Außerdem macht mir der Co-Trainer-Job bei den Kleinen einfach großen Spaß.

Du bist trotz deines jungen Alters als Dynamo-Eigengewächs schon so etwas wie eine Identifikationsfigur für die Fans. Was bedeutet es dir, das Logo der Sportgemeinschaft auf der Brust zu tragen?

Das ist für mich eine große Ehre. Als ich vor vielen Jahren das erste Mal ein Spiel im Rudolf-Harbig-Stadion geschaut habe, hat es mich sofort gepackt. Ich bin ja nicht nur Spieler, sondern auch großer Fan von Dynamo Dresden und freue mich jedes Mal riesig, im Stadion zu sein. Egal ob auf dem Platz, auf der Bank, auf der Tribüne oder im K-Block. Das war und ist für mich wirklich einmalig.

Leo, danke dir für das Gespräch!

Interview: Lennart Westphal
Foto: Karina Heßland (1), Dennis Hetzschold (2/4/5), Steffen Kuttner (3)