KREISEL-Interview mit Linus Wahlqvist

Die Leute fragen eher nach Zlatan als nach ABBA.


Linus Wahlqvist

Vorm Heimspiel gegen Jahn Regensburg trafen wir uns mit Linus Wahlqvist in den Stadionkatakomben zum KREISEL-Interview. Die Fragen stellten wir auf Deutsch, die Antworten kamen in einem Mix aus Deutsch und etwas Englisch. 15 Monate nach seiner Ankunft in Dresden hat der 22-Jährige seine zweite Fremdsprache weitgehend intus.

Es ging um Kaffee und Klischees, Autogrammjäger und Straßenbahnen. Wir sprachen über einen besonderen Tag vor knapp vier Jahren, den Linus als Tattoo auf dem Körper trägt und die Dynamo-Fans als Erinnerung im Herzen. Und auch nach seinen Konkurrenten in der Nationalmannschaft fragten wir den Schweden, der als einziger Feldspieler der SGD in dieser Saison noch keine Pflichtspielminute verpasst hat.

Wo ist dein Zuhause in Schweden?
In Norrköping. Dort bin ich geboren und aufgewachsen. Das Haus meiner Eltern liegt fünf Minuten außerhalb der Stadt. Mit zwölf habe ich beim IFK angefangen. Norrköping ist meine Heimat.

Fünf Minuten außerhalb – ist die Umgebung deiner Kindheit eher ländlich?

Es ist genau die Grenze zwischen Land und Stadt. Es gibt dort schon große Felder, die von Farmern bewirtschaftet werden, aber man ist gerade noch so am Stadtrand. Mit der Bahn und dem Bus kommt man von dort gut ins Zentrum.

Norrköping ist neben Stockholm und Göteborg eine von drei Städten in Schweden, in denen Straßenbahnen fahren. Hast du das hier schon mal versucht?
(lacht) In Schweden bin ich viel Straßenbahn gefahren, jahrelang zur Schule und zurück. Hier in Dresden noch nicht, nur meine Frau ist schon ein paar Mal mit der Bahn gefahren. Ich werde es auf jeden Fall auch noch machen, ich habe ja noch Zeit.

Wie würdest du Norrköping beschreiben?

Ziemlich klein, zumindest nach deutschem Maßstab. Die Stadt hat weniger als 150.000 Einwohner. Es gibt einen Fluss in der Stadt, mit mehreren Wasserfällen. Norrköping liegt nah an der Ostsee, rundherum gibt es viele Seen. Im Sommer sitzen die Leute draußen in den Cafés und Restaurants, es ist eine ziemlich entspannte Stadt.

Schweden trinken sehr viel Kaffee – du auch?
(lacht) Verglichen mit den Menschen hier, wahrscheinlich schon. Auf jeden Fall täglich.

Ist der Kaffee hier gut?

(lacht) Darf ich ehrlich sein? Sagen wir mal so – in Schweden trinkt man eher starken Kaffee, also Espresso, keinen Filterkaffee.

Wie gut kennst du Schweden?
Alles südlich von Stockholm kenne ich ziemlich gut, alles nördlich davon weniger. Ich liebe Stockholm, das ist eine wunderschöne Stadt. Mit dem Auto sind es knapp zwei Stunden von Norrköping. An einem freien Tag ist das ein schöner Ausflug.

Was ist dein Lieblingsgericht?
Ein echtes Lieblingsgericht habe ich nicht. Ich mag asiatisches Essen sehr gern. Aber auch ein gutes Stück Fleisch oder einen Burger, solange es kein Fastfood ist.

Wer kocht bei euch zuhause?
Meine Frau. Ich bin nicht sonderlich talentiert.

Und was kommt auf den Tisch?
Viel Fisch. Aber auch mal Köttbullar, also Frikadellen. (lacht)

Wirst du viel mit Klischees über Schweden konfrontiert? ABBA und so weiter?
Klar, das kommt schon immer wieder vor. Aber die Leute fragen eher nach Zlatan als nach ABBA.

Hast du ihn mal persönlich getroffen?

Bei der U17-Weltmeisterschaft 2013 in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Wir sind Dritter geworden, und zum Abschluss hat der schwedische Verband eine Gala ausgerichtet. Dort hat er uns Hallo gesagt und gratuliert. Aber wir haben nicht wirklich miteinander gesprochen.

Glaubst du, dass du noch das eine oder andere Spiel machen wirst für dein Land?
Ich hoffe. Die Nationalmannschaft ist das größte, was es gibt, egal für welches Land du spielst. Ich weiß, dass ich im Moment auf der Position des Rechtsverteidigers sehr starke Konkurrenten vor mir habe. Aber ich hoffe, dass meine Zeit kommen wird.

Mit welchen Spielern stehst du in Konkurrenz?
Mikael Lustig, der lange bei Celtic Glasgow war und jetzt in Belgien spielt, ist der angestammte Mann. Die Nummer zwei ist Emil Krafth, der jetzt nach Newcastle gegangen ist. Beide machen ihre Sache wirklich gut. Dahinter ist es ein offenes Rennen. Die Verantwortlichen haben mich auf dem Schirm. Über gute Leistungen hier in Dresden kann ich auf mich aufmerksam machen.

Hast du die Spiele bei der WM im letzten Jahr verfolgt?
Ja, klar, jedes Spiel. Wir hatten eine gute Mannschaft. Sicher nicht die besten Fußballer, aber ein Team. Ich glaube, gegen Deutschland waren wir die bessere Mannschaft. Wir haben eine gute WM gespielt.

Wo hast du das Viertelfinale gegen England gesehen?
Zuhause mit meiner Familie. Die anderen Spiele haben wir mit Freunden draußen gesehen. Es ist wie hier in Deutschland. Viele Menschen schauen die Spiele in Bars und Restaurants auf Leinwänden.

Wo wirst du eher auf der Straße angesprochen, hier in Dresden oder in Norrköping?
Zuhause in Schweden sprechen mich die Leute häufiger an, bitten um ein Autogramm oder ein Foto. Aber das ist normal, dort bin ich großgeworden und habe immerhin vier Jahre für Norrköping gespielt. Die Leute hier in Dresden sind oft zurückhaltender. Außerdem wissen sie, dass sie jederzeit zum Training kommen und uns dort ansprechen können. Es ist gut, dass es hier so offen ist. Auch wenn der Trainer sicher gern häufiger taktische Dinge trainieren würde, ohne dass jeder zuschauen kann.

Wann hast du das letzte Mal Mittsommer in Schweden gefeiert?
(überlegt kurz) Das ist zwei, drei Jahre her. Vielleicht klappt es nächstes Jahr. Dann ist die Europameisterschaft und die Sommerpause fällt ein wenig länger aus.

Erinnerst du dich an den 31. Oktober 2015?
Das ist einer der größten Tage, die ich bisher erlebt habe. Wenn du die Meisterschaft mit dem Verein gewinnst, in dem du groß geworden bist, das ist einmalig. 2014 haben wir gegen den Abstieg gespielt und mit fast derselben Mannschaft ein Jahr später den Titel geholt. Ich habe nahezu alle Spiele gemacht [29 von 30 Spielen, einmal Gelb-gesperrt; A. d. Red.]. Dieser Tag war etwas Großes.

Es war anfangs auch ein schwieriger Tag.

Göteborg lag einen Punkt hinter uns, aber mit dem besseren Torverhältnis. Wir mussten nach Malmö zu einem der Verfolger, Göteborg hatte Kalmar zuhause, die im unteren Drittel standen. Wir hatten sechs- oder siebentausend Fans dabei. Gleich am Anfang gab’s eine Rote Karte für Malmö. Am Ende gewinnen wir 2:0, Göteborg spielt glaube ich nur unentschieden.

Wie erklärst du dir diese Saison?
Es war ein verrücktes Jahr. Wir haben viele Spiele hintenraus gewonnen. Egal wie es lief, wir hatten meistens das Gefühl, dass wir es ziehen können. Genauso war es auch am letzten Spieltag in Malmö. Das war noch mal eins der schwersten Spiele in dieser Saison. Aber wir hatten dieses Selbstvertrauen.

Wie habt ihr gefeiert?
Erst mal fünf Stunden im Bus. (lacht) In Norrköping sind wir dann auf einen Platz gefahren, vergleichbar mit dem Altmarkt hier. Dort waren mehr als 25.000 Menschen. Es wurde eine lange Nacht mit den Fans. Ich kann mich gar nicht mehr so gut erinnern. Es waren wahnsinnige Emotionen, mit der Heimatstadt eine Meisterschaft zu gewinnen.

Weißt du, dass dieser Tag auch für Dynamo Dresden etwas Besonderes war?
Nein, noch nicht. Was war los?

Hast du von der großen Fahne gehört, die das ganze Stadion bedeckt hat?
Ja, die Weltrekordfahne, davon habe ich gehört. Ich habe Bilder und Videos gesehen. Das muss krass gewesen sein. Die Fans waren auch ein Grund, weshalb ich mit viel Überzeugung hierhergekommen bin. Es ist ein Privileg, hier in Dresden Fußball spielen zu dürfen.

Im Schwedischen kann die Länge eines Vokals entscheidend für die Bedeutung des Wortes sein. Das klingt kompliziert. Was findest du an der deutschen Sprache am schwersten?
Die Grammatik. Das ist wirklich hart. Aber auch die Aussprache.

Wie sicher fühlst du dich?
Ich verstehe inzwischen sehr viel. Mit dem Sprechen klappt es auch schon ganz gut. Aber wenn du weißt, dass dein Gegenüber auch gut Englisch spricht, dann weichst du oft auf diese Sprache aus. Da müsste ich etwas konsequenter sein. (lacht)

Du hast in dieser Saison als einziger Feldspieler noch keine Minute verpasst – wie lautet dein Fazit nach sechs Spielen in der Liga und einem im Pokal?
Das Fazit für den Pokal ist gut. Wir sind weitergekommen und können uns jetzt auf ein großartiges Spiel in Berlin freuen. In der Liga ist es wichtig, dass wir anfangen, Spiele zu gewinnen. Es ist besser, immer mal ein Spiel zu verlieren, wenn du dafür häufiger die drei Punkte mitnimmst. Die Unentschieden wie zuletzt bringen uns auf Dauer nicht weiter. Wir haben einen guten Spirit in der Mannschaft, das haben wir gegen St. Pauli bewiesen. Und wir glauben an das, was wir tun. Auf lange Sicht wird sich das auszahlen.

Du bist nicht mehr der einzige Schwede im Team. Kanntest du „Alex“ schon aus deiner Heimat?
Wir kannten uns nicht persönlich, haben aber in Schweden oft gegeneinander gespielt. Er war einer der besten Stürmer der Liga. Er macht seine Tore, und legt sie auch auf. Das hat er zuletzt in Bochum gezeigt. Er tut uns gut, auf dem Platz und als Mensch.

Linus, danke dir für das Gespräch!

Interview: Jan Franke
Fotos: Dennis Hetzschold (1), Steffen Kuttner (2,3,4,6), imago images/Bildbyran (5)