KREISEL-Interview mit Markus Kauczinski

Die Null auf der anderen Seite bekämpfen

Markus Kauczinski

Seit dem 10. Dezember 2019 ist Markus Kauczinski Cheftrainer des Zweitliga-Teams der SGD. Und auch wenn der gebürtige Gelsenkirchener am 20. Februar 2020 seinen 50. Geburtstag feierte, ist derzeit ein anderes Datum wichtiger: Am 17. Mai 2020 ist der letzte Spieltag der laufenden Saison.

Wir sprachen mit Markus Kauczinski über das Potenzial der Mannschaft, den laufenden Abstiegskampf und die jüngsten Querelen um den Video-Assistenten. Außerdem verriet er uns, warum die Aussprache mit der Fanszene in der Winterpause ein wichtiger Faktor im Kampf um den Klassenerhalt ist.

Markus, du hast am Donnerstag deinen 50. Geburtstag gefeiert. Was macht die Zahl mit dir?
Eigentlich gar nichts (lacht). Ob man 49, 48 oder 51 ist, macht letztlich keinen Unterschied. Man wird älter und blickt anders auf das Leben – da hat aber die Fünf davor nichts mit zu tun.
Großer Bahnhof oder eher engster Kreis – Wie sieht eine gelungene Geburtstagsfeier für dich aus?
Prinzipiell bin ich eher der Typ für eine große Party, aber mitten in der Woche vor dem Spiel fiel mein Geburtstag dieses Jahr natürlich erst einmal sehr klein aus.

Hattest du jemals Probleme mit dem Älterwerden?
Nein, eigentlich nicht. Wie gesagt, ändern sich die Sichtweisen auf das Leben, aber da steckt auch viel Positives drin. Von daher – noch nicht (lacht).

Wie gehst du grundsätzlich damit um, wenn Dinge in deinem Leben nicht so wie gewünscht laufen?
Widerstände versucht man aus dem Weg zu räumen. Man braucht im Leben und Beruf für alles eine Philosophie und muss für das kämpfen, was man verändern kann. Manche Dinge muss man aber auch so hinnehmen und seinen Frieden damit machen. Ich glaube, dass ich da grundsätzlich eine gute Mischung zwischen Emotion und Rationalität gefunden habe.

Es steht Endspiel fünf von 16 gegen Bochum an. Wie groß brennt die Flamme der Aufholjagd bei dir und deiner Mannschaft?
Die brennt lichterloh. Wir haben schon ein paar Punkte gut gemacht, mussten auf der anderen Seite aber auch feststellen, dass wir uns noch steigern müssen. Es ist noch nicht alles so, wie ich mir das vorstelle. Wir können uns in vielen Bereichen noch verbessern, aber ich glaube, dass wir erst am Anfang des Weges sind und am Ende die nötigen Punkte holen werden, um nicht abzusteigen.

Die Idee zur Kampagne „Wir. Zusammen. Jetzt.“ ist aus der Fanszene heraus entstanden und zusammen mit dem Verein umgesetzt worden. Wie wichtig kann dieser Faktor im Abstiegskampf noch werden?
In der Aufarbeitung hat man gemerkt, wie sehr das angespannte Verhältnis die Mannschaft noch belastet hat. Jetzt können sie viel freier aufspielen und sich voll und ganz auf das Geschehen auf dem Platz konzentrieren. Deswegen ist das meiner Meinung nach ein enorm wichtiger Faktor für uns.

Nach dem Spiel in Hamburg gegen St. Pauli hast du gesagt, dass sich die Mannschaft noch steigern müsse. Welche Punkte hast du dabei konkret im Kopf?
Gegen St. Pauli waren wir vor allem mit dem Ball nicht gut und kamen nie richtig in Angriffssituationen, weil wir tief standen und die Bälle schnell verloren haben. Dadurch ist dieser Dauerdruck in der ersten Halbzeit entstanden. Wir müssen aber auch gegen den Ball besser arbeiten. Ich sehe schon in allen Bereichen Fortschritte und wir haben definitiv das Zeug dazu, noch weiter zuzulegen.

In den bisherigen vier Pflichtspielen im Jahr 2020 stand drei Mal die Null. Macht dich das als Trainer glücklich?

Mich machen Siege, gute Ergebnisse und auch starke Spiele glücklich. Am Ende steht das Ergebnis immer über allem. Es ist schon mal gut, dass wir gelernt haben zusammen zu verteidigen. Aber die Null auf der anderen Seite wollen wir natürlich auch bekämpfen.

Der Trainerjob bedeutet immer auch Entwicklungsarbeit. In welchen Bereichen schlummern die größten Potentiale deines Teams?

Das ist von Spieler zu Spieler unterschiedlich. Erst einmal arbeite ich im Einzelnen und versuche dabei Stärken zu fördern sowie Schwächen anzugehen. In der Gruppe konzentrieren wir uns im Moment auf die Abstimmung der verschiedenen Mannschaftsteile. Für mich als Trainer gibt es dabei keine Ziellinie, die man überschreitet. Man findet immer und überall etwas, das man verbessern kann.

Der Fußball hat sich stetig weiterentwickelt, aber zuletzt gab es immer wieder große Diskussionen. Wie fällt dein Zwischenfazit zur Einführung des VAR in Liga 2 aus?
Ich bin da zwiegespalten. Auf der einen Seite werden verschiedene Situationen besser erkannt, wodurch mehr Gerechtigkeit herrscht. Auf der anderen Seite gibt es lange Unterbrechungen und trotz allem falsche Entscheidungen. Solch eine Fehlentscheidung hat jetzt noch einmal viel mehr Gewicht, weil man sich vom VAR erhofft hat, dass so etwas nicht mehr vorkommt.

Wie gehst du damit um?

Man muss die Erwartungen an den Videobeweis herunterschrauben. Das sehe ich auch an mir selbst. Ich schaue mir eine Szene mittlerweile 20 Mal in Zeitlupe an und weiß am Ende manchmal selbst nicht mehr genau, ob er ihn jetzt berührt hat oder nicht. Eine eindeutige Auslegung ist oft sehr schwierig und am Ende bleibt immer auch der Faktor Mensch bestehen.

Du arbeitest hier seit dem 10. Dezember. Deine beiden Co-Trainer Heiko Scholz und Willi Weiße sind ganz unterschiedliche Typen. Wie viel Freude macht dir die Zusammenarbeit im Trainerteam?

Ich fühle mich in Dresden und im Verein insgesamt sehr gut aufgehoben und dazu trägt natürlich auch das Trainerteam bei. Heiko kann von seiner Erfahrung als Profi und Co-Trainer wahnsinnig viel weitergeben und Willy gibt als junger Trainer, der aus der Nachwuchs Akademie kommt, noch einmal einen ganz anderen Input. Genau diese Vielfältigkeit mit unterschiedlichen Sichtweisen war mir wichtig.

Du bist 1970 im Herzen des Ruhrpotts in Gelsenkirchen zur Welt gekommen. Welche Tugenden hast du als Kind der Arbeiterklasse fürs Leben mitgenommen?
(lacht) Keine Ahnung, ob diese Klischees von Gelsenkirchen immer zu 100 Prozent zutreffen. Ich bin bodenständig erzogen worden und habe kein Profi-Leben gehabt. Ich musste immer für mein Auskommen sowie meine Familie sorgen und dafür hart arbeiten. Das lässt mich auch in Bezug auf den Job demütig sein. Deshalb fühle ich mich ganz normal und weiß den Beruf und das Umfeld zu würdigen.

Du hast angekündigt, dass der Kampf um den Klassenerhalt bis zum Schluss der Saison andauern wird. Wie hältst du die Leidensbereitschaft in deiner Mannschaft hoch?
Indem man immer wieder analysiert, miteinander spricht, Dinge neu einordnet und dementsprechend aufstellt. Es wird ein langer Ritt und Rückschläge gehören dazu. Nur weil Vieles jetzt besser läuft, sind wir noch lange keine Spitzenmannschaft. Wir sind konkurrenzfähig und auch schon näher herangerückt, müssen aber auch einen langen Atem haben.

Du hast einst den KSC zurück in die 2. Liga geführt. Könntest du dir auch einen Verbleib in Dresden vorstellen, sollte die Aufholjagd am Ende der Saison nicht gelingen?
Darüber mache ich mir erst einmal keine Gedanken. Ich bin mit meinem Kopf voll im Kampf um den Klassenerhalt und glaube fest daran, dass wir unser Ziel erreichen werden. Fakt ist: Ich habe auch einen Vertrag für die 3. Liga und mir war von Anfang an klar, dass das dazugehört. Ich denke, das sagt schon alles.

Wir sind mit deinem Alter in dieses Gespräch eingestiegen. Hast du jemals darüber nachgedacht, wie lange du den Job eines Profi-Trainers machen möchtest?

So lange mir das Spaß macht, ich das Gefühl habe, dass ich etwas bewegen kann und ich die Spieler erreiche, werde ich Trainer sein. Das ist mein Beruf, den ich von der Pike auf gelernt habe. Ich liebe den Job und die Herausforderungen, die er mit sich bringt. Natürlich bin ich am Ende auch davon abhängig, dass mich Leute einstellen. Aber solange das alles gegeben ist, mache ich das.

Vielen Dank für das Gespräch, Markus!

Interview: Henry Buschmann und Marcel Devantier
Fotos: Steffen Kuttner (1,2,3,5,6), Dennis Hetzschold (4)