KREISEL-Interview mit Michael Sollbauer

Ich möchte vorangehen.

Michael Sollbauer

Michael Sollbauer hat bereits eine beeindruckende Karriere hingelegt: Nach neuneinhalb Jahren in seiner österreichischen Heimat beim Wolfsberger AC wagte er 2020 den Sprung in die englische zweite Liga zum FC Barnsley, mit dem er innerhalb von eineinhalb Spielzeiten vom Abstiegs- zum Aufstiegskandidaten wurde.

Nun hat für den 31-jährigen Innenverteidiger bei der SGD ein neues Kapitel begonnen, dass der Führungsspieler selbstbewusst angeht. Im Interview spricht der Abwehrspezialist unter anderem über seine ersten Eindrücke von seiner neuen Mannschaft und der Stadt Dresden, seinen bisherigen Karriereweg und seine Ziele mit der Sportgemeinschaft.

Michael, du bist seit Anfang Juli ein Schwarz-Gelber. Erst einmal als Frage vorweg: Hast du dich in Dresden schon gut eingelebt?
Ich bin sehr positiv überrascht und hatte zugegebenermaßen zuvor kein konkretes Bild von der Stadt. Natürlich habe ich mich, je näher der Wechsel kam, intensiver mit Dresden beschäftigt und dabei nur Gutes von Bekannten und ehemaligen Mitspielern gehört. Das haben meine ersten Wochen hier vollauf bestätigt und ich bin mir ziemlich sicher, dass meine Familie und ich uns hier richtig wohlfühlen werden. Für mich ist es sehr wichtig, dass außenherum alles passt, weil man sich nur dann voll auf den Fußball konzentrieren kann. 

Was ist dein erster Eindruck vom Verein und deiner neuen Mannschaft? Kanntest du den ein oder anderen zuvor bereits?
Ich habe früher in Österreich gegen Philipp Hosiner gespielt und in England bei Barnsley war sein Cousin Patrick Schmidt sogar mein Teamkollege. So klein ist dann die Welt. Wir waren davor nicht viel in Kontakt, aber je näher der Transfer kam, desto mehr haben wir uns ausgetauscht. Insgesamt bin ich sehr gut von der Mannschaft aufgenommen worden und finde, dass sie einen super Charakter hat. Die Jungs sind sehr offen und haben es mir leicht gemacht reinzukommen und gut zu starten.

Bevor du nach Elbflorenz kamst, hast du eineinhalb Jahre für den englischen Zweitligisten FC Barnsley gespielt. Inwiefern unterscheidet sich der Fußball in der 2. Bundesliga von dem in der britischen Championship?
Ich kann jetzt nur die kurze Zeit bewerten, die ich hier bin. Es ist schon ein Unterschied und eine ganz andere Philosophie vom Sport. Die englische zweite Liga ist sehr physisch mit einem schnellen und geradlinigen Fußball nach vorne und vielen Duellen. Es geht weniger um Taktik und Abwarten, sondern mehr um den direkten Weg zum Tor. Dieses ‚Kick-and-rush‘ wird dort gelebt und das wollen die Fans auch sehen. Gerade als ich aus Österreich dorthin kam, war das als Spieler eine sehr große Umstellung. Ich glaube allerdings, dass sich die 2. Bundesliga vom Niveau und der Intensität her keinesfalls vor England verstecken muss. Es ist einfach ein anderer Fußball, der dort gespielt wird.

In deiner Zeit in England hast du mit Barnsley zunächst gegen den Abstieg gespielt, die Saison darauf dann sogar eine Zeit lang um den Aufstieg – am Ende habt ihr einen starken 5. Platz in der Tabelle belegt. Wie ist dieser Wandel zu erklären?
Zu Beginn meiner Zeit dort war es wirklich ein extremer Abstiegskampf. Die Mannschaft war sehr jung und unerfahren und steckte bereits richtig tief unten drin. Am Ende war es sehr knapp, aber wir konnten am letzten Spieltag den Abstieg doch noch verhindern. Das hat viel Kraft gekostet, sich aber auch absolut bezahlt gemacht. Der Großteil des Teams ist danach zusammengeblieben und hat von diesen Erfahrungen profitiert. Das kann auch eine Parallele zu Dynamo Dresden sein. Nach einer intensiven Saison, in der man etwas Großes erreicht hat, wächst man zusammen. In meiner zweiten Spielzeit dort hat keiner damit gerechnet, dass wir oben mitspielen. Dann hat das Ganze aber eine gute Eigendynamik genommen und wir haben uns alles sehr hart erarbeitet.

Du hast bis dato schon eine beeindruckende und ziemlich außergewöhnliche Karriere hingelegt … Nach neuneinhalb Jahren beim Wolfsberger AC, mit dem du 2019 in der Vorrunde der Europa League für Furore gesorgt und unter anderem Borussia Mönchengladbach mit 4:0 besiegt hast, hast du dich im Januar 2020 für den Schritt nach Barnsley entschieden. Was waren die Beweggründe für den Wechsel?
Ich war neuneinhalb Jahre bei meinem Verein, wurde dort sogar zum Rekordspieler. In dieser Zeit ergab sich schlicht und einfach keine Möglichkeit, bei der das Gesamtpaket für mich und auch meine Familie gepasst hat, sodass wir nie das Gefühl bekamen, Wolfsberg unbedingt verlassen zu müssen. Dann ist unser Trainer Gerhard Struber nach Barnsley gegangen, was für mich einer der wichtigsten Faktoren war. Als Fußballer schaut man immer wieder auch nach England und so ergab sich in dem Moment die Riesenchance von Österreich nach England zu gehen. So bin ich quasi aus dem ‚gemachten Nest‘ raus, was für meine sportliche und persönliche Entwicklung sehr wichtig und im Nachhinein betrachtet die absolut richtige Entscheidung war.

Nur zwei Monate nach deiner Ankunft wurde in England der Spielbetrieb Corona-bedingt eingestellt. Wie hast du die Pandemie auf der Insel erlebt?
Das war sehr kurios. Ich kann mich noch gut an den Moment erinnern, als wir gerade zu einem Auswärtsspiel aufbrechen wollten und hörten, dass sich Arsenal-Trainer Mikel Arteta angesteckt hatte. Das war so ein bisschen der Startpunkt der Pandemie im englischen Fußball, weil ab diesem Zeitpunkt alles abgesagt wurde. Unser Trainer hat uns in der Kabine gesagt, dass es besser für uns wäre, dass Land so schnell es geht zu verlassen, weil er gehört hat, dass bald keine Heimreise mehr möglich sein könnte. Das haben wir dann auch gemacht.
 
Wie lief die Ausreise ab und wann ging es anschließend weiter?
Meine Familie war bei mir in England und wir haben in wenigen Stunden alles zusammengepackt, was mit einem einjährigen Sohn nicht gerade einfach war. Über Umwege sind wir dann nach Österreich gekommen, wo wir zwei Monate zusammen verbrachten. Vom Verein war es eine tolle und faire Geste, allen auswärtigen Spielern die Möglichkeit zu geben, in ihre Heimat zurückzukehren und dort ein individuelles Programm abzuspulen. Ich bin wegen der strengen Bestimmungen im Anschluss allein nach England zurückgeflogen und war letztlich froh, dass meine Familie in Österreich geblieben ist, weil die Situation dort deutlich besser als in England war. Auch wenn das für uns als Familie und gerade für meinen kleinen Sohn wegen der Entfernung eine unglaublich schwere Phase anschließend war.

Sowohl in Wolfsberg als jahrelanger Kapitän als auch in Barnsley hast du absolute Führungsqualitäten bewiesen. Wie siehst du deine Rolle bei Dynamo?
Vor meinem Wechsel hatte ich ein sehr gutes Gespräch mit den Verantwortlichen hier und vor allem auch mit dem Trainer, den ich noch aus Österreich kenne. Dabei wurde klar, dass sie diese angesprochenen Führungsqualitäten als eine große Fähigkeit von mir ansehen und schätzen. Ich habe hier ein intaktes Mannschaftgefüge mit einer gewissen Hierarchie vorgefunden und einen gesunden Mix aus jungen und erfahrenen Spielern. Trotzdem sehe ich mich in einer Führungsposition und möchte vorangehen, egal, ob es gut oder schlecht läuft.
  
Auf dem Platz bist du ein kompromissloser Zweikämpfer, der seine Gegenspieler gerne hart, aber auch fair zum Verzweifeln bringt. Wie würdest du dich als Privatperson beschreiben?
Ich bin meiner Meinung nach ein ganz umgänglicher Typ und finde mich normalerweise gut in neue Gruppen ein. Dabei bin ich immer für einen Spaß zu haben, weiß aber auch, wann es dann ernster zur Sache gehen muss. Ich bin ein absoluter Familienmensch und verbringe dementsprechend meine Freizeit gerne mit meiner Frau, meinem Sohn oder Freunden. Generell beschäftige ich mich abseits des Fußballs gerne mit anderen Dingen.

Wie man an deinem rechten Arm unschwer erkennen kann, hast du eine große Passion für Tattoos. Wie viele sind es denn mittlerweile und haben sie eine spezielle Bedeutung?
Mittlerweile sind es schon einige geworden. (lacht) Das am Arm ist natürlich das, was man am meisten sieht. Auch am Oberkörper, Fuß und Rücken sind Stellen tätowiert. Momentan bin ich in einer kleinen Tattoo-Pause, weil ich gerade einfach nicht kreativ genug bin ein neues Projekt anzugehen. Es sind sehr viele religiöse Tattoos, wobei ich jetzt keiner bin, der wöchentlich in die Kirche geht. Der Glaube spielt bei mir und meiner Familie schon eine große Rolle, ohne dabei jetzt fanatische Verfechter zu sein. Ein paar Tattoos sind dann mit der Geburt meines Sohnes dazugekommen. Es ist einfach eine Leidenschaft von mir und ich bin mir sicher, dass noch das ein oder andere folgen wird.

Vielleicht ja irgendwann sogar auch eines mit Dynamo-Bezug …
Absolut. (lacht)

Was sind deine persönlichen Ziele mit der SGD in dieser Saison?
Die Situation ist erst einmal, dass man als Aufsteiger ein überaus positives Jahr hinter sich hat und jetzt in einer sehr starken 2. Bundesliga an den Start geht. Ich bin voll und ganz der Meinung, dass wir zu den Mannschaften zählen, die diese Liga so attraktiv machen. Wir müssen uns nicht kleiner reden als wir sind. Ich bin jemand, der sich grundsätzlich erst einmal höhere Ziele steckt und deshalb nicht hergekommen, um gegen den Abstieg zu spielen. Ich weiß aber auch, dass durchaus Phasen dabei sein können, die nicht so lustig sind. Diese gilt es dann möglichst kurz zu halten. Das klingt jetzt etwas pauschal, aber ich als Spieler möchte mit der Mannschaft das bestmögliche Ergebnis erzielen. Ich will ein positives Jahr haben und in der nächsten Spielzeit mit Dynamo immer noch in der zweiten Liga sein.
 
Das wünschen wir dir und uns allen. Vielen Dank für deine Zeit und das Gespräch, Michael. 

Interview: Marcel Devantier
Fotos: Steffen Kuttner (1, 2, 3, 5), Dennis Hetzschold (4, 6)