KREISEL-Interview mit Moussa Koné

„Das Leben findet draußen auf den Straßen statt.”

Moussa Koné

Im Januar kam Moussa Koné aus der Schweiz vom FC Zürich zur SGD. Er erwies sich sofort als Glücksgriff und echte Verstärkung im Dresdner Angriffsspiel. Mit bisher 14 Toren in 29 Spielen stellte der erst 21-jährige Stürmer seine Treffsicherheit auch in der 2. Bundesliga unter Beweis. So konnte der Senegalese innerhalb von nur einem Jahr seinen Marktwert im Dynamo-Trikot einer Branchenplattform zufolge auf 3 Mio. Euro verdoppeln.  

Wir trafen uns mit dem 1,75 Meter großen Hochgeschwindigkeitsspieler am Rande des Industriegeländes in Dresden zum Fotoshooting für das KREISEL-Interview zum letzten Heimspiel des Jahres gegen Holstein Kiel. Wir sprachen mit Moussa über Familie und Religion, über Afrika und Europa. Außerdem verriet er uns, welchen Traum er als Fußballer hat und was er aus seiner Heimat am meisten vermisst. 

Moussa, du bist ein lebensfroher Mensch, der gerne lacht. Was ist dir im Leben am Wichtigsten?
Das Wichtigste in meinem Leben sind für mich meine Familie und meine Religion. 

Was gibt dir der Glaube?
Meine Religion hilft mir in allen Lebenslagen, sie ist immer bei mir und immer für mich da. Der Glaube gibt mir Halt und Orientierung, das Richtige in meinem Leben zu tun. Dankbarkeit, Stolz, Lachen, Weinen, Arbeiten, Nachdenken und Träumen – alles in meinem Leben ist für mich immer auch mit meinem Glauben verbunden.

Wie oft betest du am Tag?
Ich bete fünfmal am Tag. 

Neben der Religion ist dir deine Familie wichtig. Wie ist im Moment der Kontakt nach Hause?
Meine Eltern sind zwar weit weg, aber wir sind jeden Tag in Kontakt und nutzen dafür alle möglichen Medien, die uns zur Verfügung stehen.

Sind deine Eltern stolz auf dich, dass du in Europa Fußball spielst und damit auch dein Geld verdienst?
Ich bin in einer großen Familie aufgewachsen, und natürlich sind alle stolz auf mich. Es gibt sehr viele Talente im afrikanischen Fußball, und ich habe den Sprung nach Europa geschafft. Das macht natürlich auch meine Eltern glücklich, weil jeder Fußballer in Afrika davon träumt, einmal in Europa Fußball zu spielen. 

Du hast einen 16-jährigen Bruder. Spielt der auch Fußball?
Ja, und natürlich träumt mein Bruder Baba wie ich als Jugendlicher auch von Europa. Ich hoffe, dass er mir eines Tages nachfolgen wird, um auch seinen Weg als Fußballer erfolgreich gehen zu können. 

Wann war dir klar, dass du nach Europa gehen musst, um den nächsten Schritt in deiner Karriere zu machen?
Nach meiner Teilnahme an der U20-Weltmeisterschaft mit dem Senegal im Jahr 2015 gab es einige Anfragen aus Europa. Danach war klar, dass der richtige Zeitpunkt für mich gekommen ist, um diese Chance zu ergreifen. Eigentlich hatte ich mich damals schon für Olympique Lyon entschieden, doch dann haben sich die Verhandlungen kurz vor dem Abschluss noch zerschlagen. 

Dann wurde der FC Zürich deine erste Station in Europa.
Ja, die Verantwortlichen vom FCZ hatten als erster europäischer Club schon weit vor der U20-WM Kontakt zu mir aufgenommen und wollten mich unbedingt in die Schweiz holen. Nach den gescheiterten Verhandlungen mit Lyon ging es dann für mich nach Zürich. Im Rückblick war das eine gute Entscheidung, weil ich mich dort wohlgefühlt habe und auf einem hohen Niveau viel über den Fußball in Europa lernen konnte. Ich konnte mich sozusagen an die Gepflogenheiten des Fußballs in Europa in aller Ruhe gewöhnen. 

Was musstest du konkret über den Fußball auf diesem Kontinent lernen?
Ich habe als erstes gelernt, fokussiert und konzentriert auf Ziele hinzuarbeiten. Hier in Europa wird fast alles mit einer hohen Ernsthaftigkeit gemacht. Diese Professionalität im Arbeitsalltag war mir neu, das kannte ich so aus Dakar nicht. Der europäische Fußball ist auch von mehr Physis und insgesamt höheren Intensität geprägt. 

Wie verlief der Anpassungsprozess?
Es fiel mir überhaupt nicht schwer, mich daran zu gewöhnen. Die notwendigen Tugenden hatte ich unter Mithilfe der Trainer schnell verinnerlicht, und der Anpassungsprozess fiel mir auch nicht wirklich schwer, wenn man die klimatischen Bedingungen mal außer Acht lässt. Ich bin Ende 2015 aus dem sonnigen Senegal direkt in den Schweizer Winter gekommen. Schnee hatte ich vorher noch nie mit eigenen Augen gesehen. (lacht)

Wie sehr hat es dich gefreut, als im vergangenen Sommer mit Philippe Hasler plötzlich dein alter Fitnesstrainer vom FC Zürich hier bei Dynamo aufgeschlagen ist?
(lacht) Ich habe mich darüber natürlich gefreut, weil Philippe mit mir in Zürich auch schon sehr viel individuell gearbeitet und mir geholfen hat, mich schnell an die athletischen Anforderungen des Fußballs in der Schweiz anzupassen. Außerdem war er mit seiner Art immer ein guter Motivator für mich.

Deine Frau Fatou ist mit dir nach Dresden gekommen. Was bedeutet dir ihre Unterstützung?
Meine Frau hilft mir enorm, weil sie immer für mich da ist. Sie ist meine große Liebe, meine beste Freundin und auch ein wenig Familienersatz. Wir kennen uns seit unserer Kindheit, weil wir nur eine Minute voneinander entfernt aufgewachsen sind. Durch sie kann ich mich voll und ganz auf den Fußball konzentrieren und jeden Tag befreit meiner Arbeit nachgehen. Ich muss mir um alles andere wirklich keine Gedanken machen, weil Fatou mir sehr viel abnimmt. 

Wie würdest du einem Menschen das Leben in deiner Heimatstadt Dakar beschreiben, der noch nie in Afrika war?
Das Wichtigste zuerst: Wir Senegalesen sind herzliche Menschen, die gerne geben und mit anderen teilen. Wir lieben es, zu lachen, und sind gern draußen im Freien in Gesellschaft mit anderen Menschen. Im Senegal ist man fast nie allein, denn eigentlich verbringt man immer Zeit mit seiner Familie, mit Freunden und Bekannten. Das Leben findet draußen auf den Straßen statt. 

Unterscheidet sich das Leben von unserem hier?
(lacht) Ja, sehr! Meine Heimatstadt liegt an der westafrikanischen Atlantikküste und ist unglaublich dynamisch, alles ist irgendwie immer in Bewegung.

Wie verhält es sich mit dem Straßenverkehr?
Der Straßenverkehr in Dakar ist sehr, sehr chaotisch. Ein Europäer würde damit wohl nicht auf Anhieb zurechtkommen. Ich habe meinen Führerschein in Zürich gemacht. Das war gut, weil ich das Autofahren sonst wahrscheinlich irgendwie gelernt hätte, aber wohl nie richtig. (lacht) Als ich das letzte Mal zuhause in Dakar war, bin ich bei Grün an einer Ampel langsam los gefahren, als plötzlich ein Auto von rechts über die rote Ampel raste und direkt auf mich zukam. Ich hatte wirklich großes Glück, dass ich noch rechtzeitig bremsen konnte. (lacht) Auf so etwas muss man in Dakar immer eingestellt sein, dass jemand mal eine andere Idee im Straßenverkehr hat.

Welche Rolle spielt die Musik in deinem Leben?
Eine wichtige, weil ich sie liebe. Ich höre am liebsten Musik mit Koranversen, auch vor dem Training und den Spielen in der Kabine. In meine Gebete vor den Spielen beziehe ich auch meine Mannschaftskollegen und deren Gesundheit sowie den Erfolg des gesamten Teams mit ein. 

Was aus deiner Heimat vermisst du am meisten?
Natürlich meine Familie und Freunde, aber auch das ganz normale tägliche Leben. Das Gefühl von Heimat eben. Ich bin dort aufgewachsen, und es wird immer mein Zuhause bleiben.

Wenn man als Europäer an Afrika denkt, dann hat man sofort Elefanten, Löwen, Zebras und Nashörner im Kopf ... 
(lacht) Ja, die gibt es ja auch, aber eben nicht mehr in freier Wildbahn. Zumindest nicht im Senegal. Wir haben große und wunderschöne Nationalparks, wo die Tiere heute geschützt leben. Wenn man in meiner Heimatstadt einem freilebenden Tier begegnet, dann sind es zumeist Straßenhunde – und vor denen habe ich wirklich Angst.

Du bist vor fast einem Jahr aus der 1. Liga in der Schweiz in die 2. Bundesliga nach Deutschland gewechselt. War es rückblickend der richtige Schritt?
Ich würde den Schritt noch mal genauso gehen, es war die absolut richtige Entscheidung. Jeder hier im Verein hat mich phantastisch aufgenommen, jeder hat sich sehr um mich gekümmert, sodass ich mich von Anfang an wohlgefühlt habe. Ich habe versucht, dieses Vertrauen vom ersten Moment auf dem Platz zurückzuzahlen. Ich habe mit Dynamo einen Verein gefunden, bei dem ich spielen darf und mein Talent unter Beweis stellen kann. Es war mein Ziel, durch den Wechsel nach Deutschland mein Niveau weiter zu verbessern, um in den nächsten Jahren das nächsthöhere Level in meiner Karriere zu erreichen.

In der 2. Bundesliga gibt es große Vereine, moderne Stadien und stimmungsvolle Anhänger. Hat dich die Begeisterungsfähigkeit der Menschen hier überrascht?
Ehrlich gesagt ja, weil ich solche Fans wie hier in Dresden noch nie zuvor in erlebt hatte. Bevor ich zu Dynamo gewechselt bin, habe ich mir natürlich Videos im Internet angeschaut. Ich habe die Choreografien gesehen und dachte mir: ‚Das ist doch gar nicht möglich!‘ Die Fans in Dresden sind außergewöhnlich.

Was macht unsere Anhänger für dich zu etwas Besonderem?
Auch wenn es schlecht läuft, sind unsere Fans da, machen das Stadion voll und unterstützen uns mit ganzer Kraft. Aus dieser Unterstützung ziehe ich persönlich auch eine Menge Motivation. Denn wenn man für solche Anhänger spielen darf, die ihren Club auf diese Weise lieben, dann ist es für jeden Spieler auf dem Platz eine Pflicht, alles für den Erfolg des Vereins zu geben, um diese Menschen glücklich zu machen. 

Du hast den Menschen hier schon eine Menge zurückgegeben. Saisonübergreifend hast du im Jahr 2018 bisher 14 Tore für die SGD geschossen, drei Spiele stehen noch aus. Damit gehörst du zu den besten Stürmern der Liga. Macht dich das auch ein bisschen stolz?
Nein, Stolz empfinde ich dabei nicht. Das ist nicht das richtige Wort für meine Gefühle. Es motiviert mich eher, noch besser zu werden und noch härter an mir zu arbeiten. Ich weiß, dass ich mit 21 Jahren ein junger Spieler bin, der noch dazulernen muss und nicht am Ende mit seiner Entwicklung ist. Zudem bin ich ein Teil der Mannschaft, und meine Tore sind immer das Ergebnis einer Teamleistung. Ich stehe noch am Anfang meiner Karriere. Stolz kann ich vielleicht empfinden, wenn ich nach meiner Karriere zurückblicke und schaue, welche Erfolge ich erreicht und welche Titel ich gewonnen habe. Jetzt, als 21-jähriger Fußballspieler, ist dafür längst noch nicht der Zeitpunkt gekommen.

Wenn du die Augen schließt und davon träumst, was du unbedingt in deiner Karriere erreichen möchtest, was siehst du dann?
Mein großer Traum ist es, einmal das Trikot der Nationalmannschaft meines Heimatlandes zu tragen und möglichst einen Titel mit dem Senegal zu gewinnen. Und natürlich verfolge ich das Ziel, einmal in einer der fünf europäischen Top-Ligen zu spielen. Vielleicht klappt es ja mit Dynamo.

Ist dein Landsmann Sadio Mané vom FC Liverpool ein Vorbild für dich?
Als ich ein kleiner Junge war, habe ich mit einem anderen Landsmann mitgefiebert. El-Hadji Diouf spielte auch lange in der Premier League, unter anderem für Liverpool. Er hat mich als Stürmer begeistert, zu ihm habe ich als Kind aufgeschaut. Heute habe ich kein richtiges Vorbild mehr als Fußballer. Ich achte eher darauf, was ich mir von den Topspielern in Europa abschauen kann. Von ihrer Mentalität, ihrem Verhalten und ihrer Professionalität versuche ich alles aufzusaugen, um noch besser zu werden. 

Welcher Mega-Star imponiert dir?
Cristiano Ronaldo ist sicher für eine ganze Generation ein Vorbild, was Professionalität, Ehrgeiz, Trainingseifer, die Liebe zu diesem Sport und den unbedingten Glauben an sich selbst anbelangt. Es ist der absolute Wahnsinn, was dieser Mensch in über 15 Jahren als Profi-Fußballer geleistet hat. Und er ist noch nicht am Ende. Vor dieser Leistung habe ich sehr großen Respekt.

In Interviews sprichst du leise und wirkst manchmal auch nachdenklich. Wenn du ein Tor schießt, dann brechen die Emotionen aus dir heraus. Was geht dir in einem solchen Moment durch den Kopf?
(lacht) Nichts. Gar nichts. Es ist wohl die pure Emotion. Und ein sehr schönes Gefühl, von dem man als Fußballer nie genug bekommen kann. Als Stürmer ist es ja auch dein Lebenselixier, Tore zu schießen. Was aber genau in meinem Kopf in einem solchen Moment passiert, kann ich wirklich nicht beschreiben. Vielleicht achte ich beim nächsten Mal darauf. (lacht)

Moussa, danke dir für das Gespräch.

Interview: Henry Buschmann
Übersetzung: Philippe Hasler
Fotos: Steffen Kuttner, Henry Buschmann