KREISEL-Interview mit Patrick Ebert

„Früher war das natürlich ein bisschen peinlich”

Patrick Ebert

Im Sommer kam der langjährige Spieler von Hertha BSC an die Elbe und brachte die Erfahrung aus 109 Bundesliga-Spielen, Einsätzen in der Europa League, aus 33 Spielen für die Nationalelf-Jahrgänge U17 bis U21 des DFB und Karrierestationen in Spanien und Russland mit. Vor dem Heimspiel gegen Darmstadt trafen wir uns mit Patrick Ebert vor dem Training zum KREISEL-Interview.

Wir sprachen mit dem 31-Jährigen darüber, wie es ist, eine Karriere lang von einer Jugendsünde begleitet zu werden – und seinen Umgang damit. „Ebi“ machte auch klar, welche Dinge im Laufe seiner Laufbahn mehr Bedeutung bekommen haben und warum seine Mutter ein wichtiges Vorbild für ihn ist. Außerdem verriet er uns, wie er die Freundschaft mit dem Kindheitskumpel Kevin-Prince Boateng bis heute lebt.

Du gehörtest in jungen Jahren zu den größten Talenten im deutschen Fußball. Wovon hast du als junger Spieler von Hertha BSC geträumt?
Da gab es kleine und große Träume. Mein erstes großes Ziel als kleiner Junge war, eines Tages im Olympiastadion zu spielen. Später haben Kevin [Prince-Boateng, d. Red.] und ich uns gemeinsam den Traum in den Kopf gesetzt, in allen vier großen Ligen Europas während unserer Karriere spielen zu wollen. Er hat es tatsächlich geschafft und in Spanien, Italien, England und Deutschland gespielt. Ich habe es leider nur in Spanien und Deutschland geschafft – aber ich bin trotzdem so zufrieden, wie es gelaufen ist. Und der Weg ist noch nicht vorbei. Wer weiß, was in der Zukunft noch passiert.

Wie viele Fehltritte auf dem Platz und im Privatleben darf man sich in der heutigen Gesellschaft als Fußball-Profi leisten?
Nicht viele. Wenn man als junger Spieler mal einen Fehltritt macht, dann gilt das bestenfalls noch als Jugendsünde. Fußball ist Mannschaftssport und hat viel mit Disziplin zu tun. Das ist auf dem Platz und außerhalb des Platzes wichtig.

Sind junge Fußballer heute vorsichtiger, als du es in deiner Anfangszeit bei Hertha warst?
Die Spieler haben es eher leichter, weil sie besser vorbereitet werden. Die Vereine achten heute mehr auf die Persönlichkeitsentwicklung bei der Ausbildung von Talenten und bereiten sie auch professioneller auf das Leben in der Öffentlichkeit vor. Ich bin selbst auch jemand, der heute versucht, jungen Spielern dabei zu helfen, dass sie nicht die gleichen Fehler machen wie ich am Anfang meiner Karriere.

Ein nächtlicher Ausflug zu deinem 22. Geburtstag mit deinem Freund und ehemaligen Mitspieler Kevin-Prince Boateng hat im Rückblick gereicht, um das Klischee des undisziplinierbaren Fußball-Profis in den Köpfen der Menschen festzusetzen. Hast du dir schon mal die Frage gestellt, was ohne diese eine Nacht in deiner Karriere möglich gewesen wäre?
Das verbuche ich alles unter: „Hätte, Wenn und Aber.“ Ich bin hier, das ist vielleicht auch Gottes Plan. Und dafür bin ich dankbar! Ich bin kein Typ, der in der Vergangenheit lebt. Fakt ist, dass ich in meinem Leben als Profi-Fußballer bisher nicht alles richtig gemacht und in meiner Jugend auch nicht immer professionell gelebt habe. Als 17-Jähriger habe ich bereits allein gewohnt, was im Rückblick vielleicht etwas zu früh war. Ich hatte in dem Alter bereits mehr Geld zur Verfügung als die meisten Altersgenossen, da dreht man teilweise vielleicht auch irgendwie frei. Mir tat der Schritt ins Ausland nach Spanien und Russland richtig gut. Da bin ich richtig erwachsen geworden, habe andere Kulturen kennengelernt.

Als junger Mensch sehr viel Geld zu verdienen – wer bereitet einen auf solche Situationen im Leben als talentierter Bundesliga-Profi vor?
Man muss es ein Stück weit selbst lernen. Und wenn man es nicht lernt, dann bekommt man vielleicht irgendwann ein Problem und landet recht hart im Leben. Diese Fälle gibt es ja immer wieder. Auch ich habe in meinen ersten Profijahren viel zu viel Geld verbrannt, da bin ich ganz ehrlich. Im besten Falle lernt man rechtzeitig, auch Geld beiseite zu legen. Als Fußballer hat man maximal 15 Jahre – das ist rund ein Drittel deines Arbeitslebens. Es ist ein echtes Privileg, viel Geld als Fußballer zu verdienen und man sollte versuchen, sich eine gute Basis während seiner Karriere zu legen, um auch danach noch möglichst lange davon leben zu können. Aber als ganz junger Spieler hast du das leider noch nicht so im Blick.

Worin hast Du am Anfang deiner Karriere dein meistes Geld investiert?
Sicher auch in viele dumme Sachen. Autos, Klamotten, … ich habe sicher einen Kleiderschrank, der für zehn Leben reicht. Irgendwann realisiert man, dass das nicht alles im Leben ist und es viel wichtigere Sachen gibt. Etwa, anderen Menschen zu helfen, die einem am Herzen liegen und denen es nicht so gut geht. In schweren Zeiten, etwa wenn man eine Verletzung hat, mal raus aus dem Zirkus ist, lernt man ganz schnell andere Dinge zu schätzen: Echte Freunde, eine Familie, die einem den Rücken stärkt und die einen bedingungslos liebt – egal, ob man Fußballer ist oder nicht. Da zählt dann nur der Mensch Patrick Ebert. 

Ist es ein erlösendes Gefühl zu merken, dass Geld nicht alles ist?
Auf jeden Fall! Es ist sicher schön, wenn man es hat – aber man kann auch mit wenig Geld ein schönes Leben führen. Ich war eineinhalb Jahre in Moskau, dort hat es fußballerisch nicht so gepasst. Ich habe dort sehr viel Geld verdient und am Ende – bei der Vertragsauflösung – doch auch auf viel Geld verzichtet, weil ich unbedingt wieder in Spanien kicken wollte. Fußball ist mein Leben, mein Hobby. Ich freue mich jeden Tag, wenn ich auf dem Platz stehen darf. Ich will immer gewinnen und werde weiter alles dafür geben. Geld ist nicht die Motivation, warum man als Kind Fußballer werden möchte.

Du warst vor dem Wechsel nach Ingolstadt ein halbes Jahr Zeit vertragslos. War das die härteste Zeit deiner Karriere?
Ja, das war eine schwierige Zeit. Auch weil ich einige falsche Entscheidungen getroffen habe und zu viele Angebote im Sommer 2017 abgelehnt habe. Ich hatte das Glück, dass Ashkan Dejagah in dieser Zeit auch keinen Verein hatte. Da konnten wir zusammen in Berlin trainieren und uns gegenseitig motivieren. 

Wie fällt dein Zwischenfazit nach den ersten drei Monaten in Dresden aus?
Positiv, weil ich mich wohlfühle. Ich habe hohe Ziele, an mich selbst und auch an den Verein. Dafür werde ich in jeder Partie alles geben. Das hat man in den bisherigen Spielen hoffentlich auch gesehen. Ich habe vor dem Wechsel ein Jahr und zwei Monate kein Spiel mehr über 90 Minuten bestritten. Jetzt habe ich in den ersten fünf Pflichtspielen durchgespielt und finde so langsam wieder in meinen Rhythmus. Das ist anstrengend, aber es macht unheimlich Spaß, wieder Woche für Woche in dieser Intensität Fußball spielen zu können. Und jetzt die Englischen Wochen – das ist geil!

Ohne Stefan Kutschke würde Patrick Ebert nicht bei Dynamo spielen …
Ja, so ist es. „Kutsche“ hat einen Riesen-Anteil daran, dass ich hier bin, weil er hier ein gutes Wort für mich eingelegt hat. Er ist ein Top-Typ, ein verrückter Junge – also ähnlich wie ich (lacht), der das Herz an der richtigen Stelle hat. Für seine Unterstützung bin ich ihm unendlich dankbar, vor allem wenn ich sehe, wie gut es mir hier geht. Ich freue mich, hier spielen zu dürfen. Vielleicht spielen wir irgendwann ja noch einmal in einer Mannschaft. Ich würde es mir wünschen. 

Dynamo hat nach drei Spielen den Trainer gewechselt. Wie sehr ist das immer auch eine Niederlage für eine Mannschaft oder auch jeden einzelnen Spieler?
Der Trainer ist immer der, der für alle Situationen den Kopf hinhalten muss. Der Wechsel kam für mich persönlich überraschend, aber das müssen wir uns als Mannschaft selbst ankreiden. In so einer Situation muss sich jeder an die eigene Nase fassen und sich hinterfragen, ob er alles gegeben hat – für den Trainer, für den Verein. Jeder muss jeden Tag alles tun, um sich persönlich und auch die Mannschaft weiterzuentwickeln. Da muss der Erfolg der Mannschaft im Vordergrund stehen und nicht der Erfolg des Einzelnen. Erst, wenn die Mannschaft erfolgreich ist, sieht jeder Einzelne auch gut aus.

Du hast in deiner Karriere schon viele Trainerentlassungen erlebt. Gewöhnt man sich irgendwann daran?
Nein, weil man es mit Menschen zu tun hat. Man sollte immer ehrlich miteinander umgehen und sich in die Augen schauen können, auch wenn sich die Wege irgendwann wieder trennen. Das gehört zum Geschäft. Vor allem darf man nicht vergessen, was andere für einen getan haben. Dankbarkeit kommt in diesem Geschäft manchmal zu kurz. In einer Fußballmannschaft funktioniert es meistens so: Wenn Du spielst, dann magst Du den Trainer. Wenn Du nicht spielst, dann ist der Trainer nicht der richtige. Wenn du älter wirst, dann versteht man besser, dass es sich keiner so leicht machen sollte. Wie gesagt, jeder sollte immer zuerst sich selber hinterfragen, wenn es sportlich nicht so wie gewünscht läuft. 

Hattest du zu Uwe Neuhaus noch mal Kontakt?
Ja, klar. Ich bin Uwe Neuhaus dankbar, dass er mich zusammen mit Kristian Walter im Sommer dazu geholt und mir hier die Chance gegeben hat. Dafür habe ich mich bei ihm und Peter Németh auch nach der Beurlaubung noch mal explizit bedankt.

Du hast von 2012 bis 2017 in Spanien und Russland gespielt. Was hast du aus dieser Zeit mitgenommen?
In Spanien hat es mir super gefallen. Das war vielleicht die bisher schönste Zeit in meiner Karriere. Ich habe in den größten Stadien gegen die besten Spieler der Welt spielen dürfen. Davon träumt jeder Junge – wie ich früher auch. Das ist etwas, das kann man seinen Enkeln erzählen. Und auch sonst in Spanien: Das Wetter ist toll, die Leute sind herzlich, super Essen, … da hat alles gepasst. In Moskau war es ähnlich. Es haben viele Leute Vorurteile gegenüber Russland, aber ich kann da nur Gutes über das Leben in Moskau sagen. Ich wurde dort super aufgenommen und hatte eine schöne Zeit. Nur manchmal war es etwas kalt …

Was bleibt von den Duellen mit den Weltstars in Spanien hängen?
Du darfst dir vor denen erst einmal nicht in die Hosen machen! Du musst sie respektieren, weil es Weltklasse-Fußballer sind. Aber die riechen deine Angst – wenn Du die hast, kannst Du auch schnell mal 0:5 oder 1:6 verlieren. Es war schon etwas Besonderes, wenn man gegen Cristiano Ronaldo, Messi oder Neymar spielen darf. Wir haben auch zwei Mal gegen Real Madrid überragend gespielt und mit nur einem Tor verloren. Gegen Barca haben wir sogar einmal zu Hause gewonnen. Diese Erinnerungen bleiben hängen. 

Man hat den Eindruck, dass Du als Profifußballer durchaus Distanz wahrst. Im persönlichen Kontakt bist Du jemand, der auf andere sehr herzlich zugeht. Ist das eine Lehre aus deiner Karriere?
Ich bin, wie ich bin. Meine Mutter hat mich so erzogen. Viele Leute kennen mich nur aus der Zeitung und denken: „Ey, der Ebert ist der Vollidiot, der damals die Scheiße in Berlin gemacht hat.“ Das ist aber jetzt fast zehn Jahre her. Wer mich als Mensch kennt, der weiß, dass ich mit niemandem ein Problem habe. Man muss aber aufpassen, wie man sich insbesondere Journalisten gegenüber verhält und was man ihnen sagt. Das musste ich bereits sehr früh in meiner Karriere bei Hertha lernen. Man kann im Fußball über alles reden, wenn einem etwas nicht passt, aber man sollte es am besten in einem persönlichen Gespräch machen und nicht in der Öffentlichkeit tun. Daher wahre ich Menschen gegenüber, die ich nicht gut kenne, zunächst immer eine gewisse Distanz.

Deine Mutter gehörte in ihrer Jugend zur Potsdamer Hausbesetzer-Szene. Welche Eigenschaften, die du von deiner Mutter hast, haben dir als Fußball-Profi geholfen?
Meine Mutter hat eine Menge Kraft und Durchsetzungsvermögen. Sie kann kämpfen und hat mir das ganz sicher von Anfang an in ihrer Erziehung auch mitgegeben. Sie hatte schon immer den Mut und die nötige Verrücktheit, für ihre Träume ein gewisses Risiko einzugehen. Sie hat als alleinerziehende Mutter zwei Kinder großgezogen, mich und meine Schwester. Das war eine große Aufgabe und ganz sicher nicht immer leicht für sie. Ich werde niemals vergessen, was sie alles für meine Schwester und mich gemacht hat. Meine Mutter war schon immer ein großes Vorbild für mich.

Was bedeutet dir heute ihre Unterstützung, wenn sie dich im Stadion anfeuert?
Früher, als ich zwanzig war und sie auf der Tribüne rumgebrüllt hat, war das natürlich ein bisschen peinlich. (lacht) Mittlerweile freue ich mich über jedes Spiel, bei dem sie im Stadion ist. Und ich glaube, 90 Prozent der Spiele, bei denen sie war, habe ich mit meinen Mannschaften gewonnen. Als sie in Spanien war, hat sie fünf Spiele gesehen – und ich habe in jedem Spiel getroffen. Ich habe ihr dann gesagt, dass sie ab sofort immer bei meinen Spielen dabei sein muss. 

Wie viel echte Freundschaften gibt es im Profi-Fußball?
Wenige. Mich verbindet wirklich viel mit den Jungs aus der Berliner Zeit, speziell mit Kevin. Wir kennen uns, seit wir neun, zehn Jahre alt sind. Schon damals haben wir jeden Tag Fußball gespielt und uns gegenseitig zum Maximum gepusht – in jedem Training, in jedem Spiel. Wir sind nachwievor befreundet, ich war auf seiner Hochzeit Trauzeuge. Genauso wie Jerome Boateng oder Ashkan Dejagah, mit denen wir in einer Mannschaft gespielt haben. Solche Freundschaften bleiben, auch wenn wir uns natürlich viel weniger als früher sehen können.

Wie macht man das, wenn jeder woanders spielt und in einer anderen Stadt lebt?
Das funktioniert immer irgendwie. Ich war beispielsweise im Sommer mit Kevin und seiner Familie zusammen auf Ibiza – kurz, aber schön. Wir verstehen uns blind, haben denselben Humor und sind wie Brüder. Wenn wir alle in Berlin sind, dann finden wir uns zusammen und verbringen Zeit miteinander. Das wird wohl immer so bleiben.

Du hast bei Real Valladolid, Spartak Moskau und Rayo Vallecano gutes Geld verdient. Woraus ziehst du in der letzten Phase deiner aktiven Karriere die Motivation, um Fußball-Profi zu sein?
Auch wenn es total abgedroschen klingen mag, es ist der pure Spaß am Fußball – und der Ehrgeiz, Ziele zu erreichen. Wer keine Ziele hat, der kann aufhören! Ich habe noch welche und werde mich auch vom Versuch nicht abbringen lassen, noch einmal Bundesliga spielen zu wollen. Ich gebe mich nicht damit zufrieden, in der zweiten oder dritten Liga zu spielen. Wenn es irgendwann nicht mehr reicht, werde ich aufhören. Aber ich bin hungrig und will spielen, solange meine Knochen mitmachen und man mich braucht.

Patrick, danke dir sehr für das Gespräch.


Interview: Henry Buschmann
Fotos: Steffen Kuttner