KREISEL-Interview mit Peter Hauskeller

Disco – das war genau mein Ding.

Peter Hauskeller

Vorm letzten Heimspiel 2019 trafen wir uns mit einer schwarz-gelben Institution zum KREISEL-Interview. Seit fast drei Jahrzehnten ist Peter Hauskeller die Stimme im Rudolf-Harbig-Stadion.

Wir sprachen mit Peter über wilde Zeiten als Schallplattenunterhalter, Stadtderbys auf der Hebbelstraße und Lebensgefahr auf dem Sprecherturm. Außerdem verriet der gebürtige Dresdner uns, wer seinen Wechsel zu Dynamo in den 60er Jahren abmoderierte.

Peter, du bist seit 27 Jahren Stadionsprecher der SGD. Ist dein Fell inzwischen dick genug, um mit sportlich schwierigen Situationen umzugehen?
Das ist eine schwere Frage. Es berührt einen, aber man muss damit umgehen. Wir können ja nicht sagen, wir machen nicht weiter. Wir alle haben auch schon andere schwere Momente erlebt. Ich wünsche mir von Herzen, dass wir uns gemeinsam am Schopf packen und aus dem Schlamassel wieder rausziehen können.

Nimmst du den sprichwörtlichen Rucksack mit nach Hause?

Ja – im Negativen, wie auch im Positiven. Es dauert immer eine Weile, bis man die Erlebnisse am Spieltag verarbeitet und Rückschläge abgeschüttelt hat. Das letzte Wochenende war jedenfalls versaut.

Du bist in Dresden bekannt wie ein bunter Hund…

Ganz so empfinde ich es nicht. Aber klar, ab und an werde ich auf der Straße schon angesprochen.

Wie oft kommt das vor?

Es hält sich in Grenzen. Gestern waren wir auf dem Weihnachtsmarkt in Pirna, da kommt man schon mal auf das Thema Dynamo zu sprechen.

Was sagst du den Menschen, wenn es sportlich schlecht läuft?
Es ist mir in solchen Momenten wichtig, den Leuten drei Dinge mitzugeben. Zuallererst meine Überzeugung, dass kein Spieler absichtlich verliert. Zweitens, dass die Verantwortlichen sich Tag und Nacht damit beschäftigen, die Situation zu verbessern. Und letztlich auch, dass es mir als Stadionsprecher nicht zusteht, diese Dinge zu beurteilen.

Wie bist du 1992 zu Dynamo und ans Stadionmikrofon gekommen?

Mein Vorgänger ist damals zum Rundfunk gewechselt und hat mich gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte. Wir kannten uns, weil wir beide Discjockeys waren…

„DJ“ würde man heute sagen…

Genau gesagt hieß der Beruf zu DDR-Zeiten Schallplattenunterhalter. Es ging jedenfalls ziemlich flott über die Bühne. Drei Tage vor einem Bundesliga-Spiel klingelte mein Telefon, dass es losgehen soll. Der damalige Präsident und auch der Geschäftsführer erfuhren erst drei Stunden vor Anpfiff, dass auf dem Sprecherturm ein neuer Mann zugange sein wird.

Welches Spiel war das?

Ein Flutlichtspiel gegen Nürnberg, an einem Freitagabend im Februar 1992. Ausgerechnet an dem Tag stand RTL mit zwei Kameras und drei Scheinwerfern direkt bei mir auf dem Turm. So wusste ganz Fußballdeutschland am selben Tag noch, dass Dynamo Dresden einen neuen Stadionsprecher hat.

Wurde deine Tätigkeit mit der Vereinsführung im Nachgang noch schriftlich fixiert?
Nein, mit mir hat damals niemand geredet oder sich um mich gekümmert. Später, unter Rolf-Jürgen Otto, gab es kurzzeitig einen Pressesprecher, der meinte, er müsste auch mal ans Stadion-Mikro. Der Mann kam aus den alten Bundesländern, war vorher bei der Bild Zeitung. Aber das war eine kurze Episode. In der Anfangszeit bin ich eine halbe Stunde vorm Spiel auf den Turm geklettert und habe einfach losgelegt.

Nimm uns mal mit hoch auf den Sprecherturm der 90er Jahre.

Da gibt es nicht viel zu erzählen. Das Stadionprogramm passte auf einen Schmierzettel. Titel eins, Titel zwei, Mannschaftsaufstellung, Titel drei. Damit war die Sache gegessen. Und keiner interessierte sich dafür. (lacht) Wir waren drei Mann. Einer bediente die Anzeigetafel, einer das Kassettendeck, und ich saß in der Mitte am Mikro. Daran hat sich bis zum Neubau auch nicht wirklich etwas verändert.

Der Turm blieb dem Verfall überlassen?

Wie das ganze Stadion. In den letzten Jahren war der Turm so durchgerostet, dass ich einmal fast runtergefallen wäre, weil ein Gitter durchbrach. Es war grenzwertig. Zwischendurch wurden die Fenster mal getauscht. Ein schlauer Mensch hat das Ganze schalldicht gebaut. Von da an waren wir dort oben akustisch komplett abgeschnitten, wie in einem Aquarium.

Später hast du das Stadionprogramm dann vom Rasen aus moderiert.

Das war ein Fortschritt, aber es barg auch Probleme. Mit dem Anpfiff musste ich hoch auf den Turm, ein ziemlich weiter Weg. Es kam vor, dass ich unterwegs das erste Tor verpasst habe.

Und dein letztes Spiel auf dem Turm?
Daran habe ich überhaupt keine Erinnerung mehr. Es muss kurz vorm Abriss der Hornbachtribüne gewesen sein, also um 2007 herum. Aber ich habe diesem Arbeitsplatz nicht sonderlich hinterhergetrauert. Die Freude auf das Neue überwog.

Wie viele Spiele hast du in all den Jahren verpasst?

Zwei. Eins in den 90er Jahren, und 2015 das Sachsenpokalspiel gegen Chemnitz.

Du hast selbst gekickt und warst ein talentierter Torwart, obwohl deine Mutter dich ursprünglich für eine andere Sportart begeistern wollte.

Meine Mutter war DDR-Auswahltrainerin im Rollkunstlauf, ich sollte Rollkunstläufer werden, das war ihr ein Herzensanliegen. Am Steinhaus hinterm Stadion gab es in den 50er Jahren eine Rollschuhbahn mit Traversen, dort bin ich gelaufen. Damals ist manche Träne geflossen, für diesen Sport fehlten mir einfach die Gene. Meine Mutter ist leider sehr früh verstorben, ich war sieben Jahre alt. Doch von da an habe ich Fußball gespielt, bei der Post, wo mein Vater BSG-Leiter war.

Auf der Hebbelstraße?

Genau. Dort, wo die Post heute noch zuhause ist. Die 1. Männer hat Bezirksklasse gespielt, das muss fünfte Liga gewesen sein. Aber bei den Derbys gegen Löbtau waren locker 1.000 Zuschauer dabei. Die Anlage war einer der gefürchtetsten Plätze in Dresden, weil in der Mitte schwarze Schlacke lag.

Mit guten Leistungen hast du irgendwann auch Dynamo auf dich aufmerksam gemacht.

Ich habe Bezirksauswahl gehalten, dort mit Udo Schmuck und Klaus Müller zusammengespielt. Als ich 15, 16 Jahre alt war, wollte Dynamo mich holen. Ich weiß das noch wie heute. Ich war bei Dynamo im Stadion und habe gesagt: ich mach es! Dann bin ich nach Cotta gefahren, zu meinem Vater ins Büro, und habe ihm gesagt: ich gehe zu Dynamo! Er hat den Telefonhörer in die Hand genommen, und innerhalb von zehn Minuten war das Kapitel beendet, bevor es angefangen hatte.

Hast du deinem Vater das übelgenommen?
Das ist schwer zu beantworten. Ich mochte meinen Vater so gern, dass ich ihm von Grund auf eigentlich nichts übelnehmen konnte. An meiner Stelle hat Dynamo ein paar Monate später Claus Boden von Empor Tabak geholt (heute SG Dresden Striesen; A. d. Red.). Er stand im 51er Jahrgang der Bezirksauswahl im Tor, war aber drei Zentimeter kleiner als ich. Später hat Claus Boden Europapokal gehalten. Rückblickend ist es schade, aber belastet hat es mich nie. Wer weiß, welche Entwicklung ich genommen hätte.

Du bist stattdessen Schallplattenunterhalter geworden – und hast wahrscheinlich besser verdient als mancher Oberliga-Fußballer.

(lacht) Das weiß ich nicht. Ich habe 1973 meinen ersten Ausweis als Amateur-DJ gemacht, fünf Jahre später den Berufsausweis. Im Bezirk Dresden gab es vielleicht zehn, elf Leute, die diesen Schein hatten, und die haben gutes Geld verdient, das stimmt. Einen beträchtlichen Teil davon hast du aber in die Technik investiert, die du brauchtest, um die Säle ordentlich zu beschallen.

Kannst du uns eine Hausnummer nennen?

Ich hatte um 1980 rum zwei JVC-Kassettendecks. Für eins hast du umgerechnet 2.500 DDR-Mark hingeblättert.

Sowas gab’s aber nur im Westen.

Klar, die Technik hast du hier nicht bekommen. Das lief dann eben über Beziehungen. Die Ostkohle hast du eins zu fünf getauscht.

Wie bist du überhaupt in die Schiene reingerutscht?

1973 waren die Weltfestspiele in Ostberlin. Damals schossen in der DDR die ersten Discotheken aus dem Boden, auch in Dresden. Bis dahin gab’s nur Bands, Livemusik. Ich war Anfang 20. Disco – das war genau mein Ding. Als ich das den Jungs bei Post in der Kabine erzählt habe, meinte einer, dass er sechs Langspielplatten und eine Anlage zuhause hat. So ging es los.

Hemdsärmelig.
Logisch. Die Anfänge waren fürchterlich. Ich habe das bisschen Musik gespielt, das ich eben hatte. Zusammengepasst hat da nichts. (lacht) Aber das hat sich sehr schnell weiterentwickelt. Meinen ersten Kassettenrekorder habe ich mir nach ein paar Monaten gekauft. Ich war als „Peters Disco Boutique“ unterwegs und habe in ganz Dresden gespielt, oft im Jugendcafé „Festival“ in der Zwinger-Gaststätte.

Mit dem Fußball war dann Schluss?

Wir sind früh zum Auswärtsspiel nach Riesa gefahren, ich bin im Bus eingeschlafen, weil ich die Nacht davor Mucke gemacht hatte. Der Trainer kam zu mir und sagte, dass ich mich entscheiden muss. Da habe ich die Töppen an den Nagel gehängt.

Mit der BSG Post ging’s bis nach Riesa, als DJ später deutlich weiter.

1978 habe ich meine damalige Frau kennengelernt. Wir hatten einen B 1000 und waren unterwegs von Rostock bis Oberwiesenthal. Es war eine tolle Zeit. Wir haben viele Menschen kennengelernt, viel erlebt, waren permanent auf Achse. Wir haben auch in Sälen gespielt, da sind die Leute schon besoffen umgefallen, bevor wir angefangen hatten. (lacht)

Was für Musik habt ihr gespielt – Gruppen aus dem kapitalistischen Ausland waren offiziell ja verpönt oder gar verboten?

Wir haben im Prinzip nur Westmusik gespielt. Das war zwar nicht erlaubt, wurde aber geduldet. Wichtig war nur, dass du deine AWA-Liste sorgfältig geschrieben hattest.

AWA-Liste?

Anstalt zur Wahrung der Aufführungsrechte – das, was heute die GEMA ist. Das waren vorgedruckte Formulare, die 60 / 40 ausgefüllt werden mussten – 60 Prozent Ost, 40 Prozent West. Das waren die reinsten Märchenzettel. Die Ostkünstler wurden nicht gespielt, haben aber mitverdient, weil sie auf der Liste standen. Wenn du die AWA-Liste nicht dabeihattest, konnte es sein, dass der Veranstalter dir nichts gezahlt hat. Das war Bürokratie.

Wie lange hast du diesen Beruf ausgeübt?

1993 war Schluss. Das waren 20 Jahre, es hat mir dann einfach gereicht. Ich wollte etwas Neues machen, bin als Unternehmer in die Gastronomie gegangen – und Stadionsprecher bei Dynamo Dresden geworden.

Peter, danke dir für das Gespräch!

Interview: Jan Franke
Fotos: Steffen Kuttner (1/3/6), Frank Dehlis (4/5), Dennis Hetzschold (2)