KREISEL-Interview mit Philipp Hosiner

Wer am lautesten schreit, hat selten Recht.


Philipp Hosiner

Philipp Hosiner hat einiges erlebt – auf und neben dem Fußballplatz. Der Angreifer ging bereits in Österreich, Frankreich, den ersten drei Profiligen in Deutschland und nicht zuletzt in der Champions League auf Torejagd. Seit Sommer trifft der 31-Jährige für Dynamo.

Im KREISEL-Interview spricht der Stürmer unter anderem darüber, weshalb es für das Drittliga-Team der SGD derzeit so gut läuft und warum der geflügelte Ausspruch, es gäbe im Leben wichtigeres als Fußball, für ihn tatsächlich eine besondere Bedeutung hat. Außerdem erklärt Hosiner, warum ihm auch der Blick über den Tellerrand des Sports hinaus wichtig ist.

Philipp, du bist nicht nur auf dem Platz ein echter Vollblutfußballer, auch daneben bleibst du dem Ball digital treu und zockst leidenschaftlich gerne FIFA. Da interessiert natürlich: Konntest du dir schon die neue Playstation 5 sichern?
(lacht) Die ist schon da, darf ich schon mein Eigen nennen.

Da sind aufgrund der Auslieferungsprobleme des Herstellers einige in deinem Umfeld bestimmt etwas neidisch, oder?
In der Tat (lacht). In der Mannschaft bin ich bisher, glaube ich, der einzige mit der neuen Konsole. Ich mache mir da aber nicht so einen Kopf drum. Bisher gibt es sowieso noch nicht so viele neue Spiele für die Konsole. Wichtiger ist das, was in der realen Welt auf dem Feld passiert.

Das sieht mit zuletzt vier überzeugenden Siegen in Folge wirklich gut aus. Ihr habt euch als Mannschaft nach einer etwas holprigen Saisonphase in einen kleinen Rausch gespielt.
Nach einem Umbruch, wie der Verein ihn im Sommer erlebt hat, braucht es immer eine gewisse Zeit, bis sich eine Mannschaft einspielt und findet. Das ist ein Prozess, der nicht von heute auf morgen funktioniert.

Ihr habt in den letzten Spielen immer wieder gezeigt, dass ihr euch auf den Erfolgen der vorherigen Partien nicht ausruht, sondern immer noch eine „Schippe“ drauflegt. Woher kommt dieser Erfolgshunger?
Wir haben im Moment einen Lauf, in dem wir uns Woche für Woche noch mehr Selbstbewusstsein erspielen. Uns ist aber bewusst, dass die kommenden Spiele keine Selbstläufer werden. Wir werden weiter hart arbeiten.

Schon in der 1. Runde des DFB-Pokals beim 4:1-Heimsieg gegen den HSV war zu sehen, wozu ihr imstande seid. In der Liga lief aber nicht immer alles gleich rund. Warum läuft es aktuell so gut?
Das hat viele Gründe. Allen voran das Trainerteam vermittelt uns den richtigen Plan, wir erarbeiten uns gemeinsam eine Spielphilosophie. Aber auch der „Staff“ und die Mitarbeiter im Verein unterstützen uns bestmöglich. Das ist ein großes Plus – vor allem in dieser aktuell für die gesamte Gesellschaft schwierigen Zeit.

Wusstest du, dass ihr aktuell sogar auf Rekordjagt seid?
Ehrlich gesagt nicht. Inwiefern?

Vier Siege in Folge gelangen einer Dresdner Mannschaft zuletzt in der Saison 2015/16 unter dem damaligen Cheftrainer Uwe Neuhaus. Am Ende gewann die damalige Mannschaft sogar neun Mal hintereinander.
Da haben wir ja noch einen ‚kleinen‘ Weg vor uns (lacht). Das würden wir aber natürlich so auch mitnehmen.

Die öffentliche und mediale Wahrnehmung der sportlichen Entwicklung rund um Dynamo hat oft starke Ausschläge. Wurde vor einigen Wochen von außen noch vieles in Frage gestellt, ist jetzt der Aufstieg vermeintlich zum Greifen nahe. Wie nimmst du das wahr?
Das zeigt vor allem, dass sich die Menschen – egal ob Medien oder Fans – für den Verein und das was wir auf dem Platz machen interessieren, es hat eine Relevanz. Das ist schön und etwas wirklich Besonderes. Unsere Fans leben den Verein und fiebern stets mit der Mannschaft mit, auch wenn sie derzeit leider nicht ins Stadion dürfen. Da kann ich die damit verbundene Emotionalität verstehen.

Dennoch ist die Saison noch lang.
In der Tat. Wir wissen die sportliche Entwicklung einzuschätzen: Auch wenn wir jetzt einige Spiele gewonnen haben, können und wollen wir uns weiter verbessern. Und wenn wir irgendwann mal wieder ein Spiel verlieren sollten, ist auch nicht auf einmal alles schlecht.

Du hast die Fans angesprochen. Besonders in Dresden machen diese einen großen Teil der Identität des Vereins aus. Wie sehr fehlen sie aktuell?
Sehr. Wenn man sich vorstellt, was in unserer aktuellen sportlichen Situation – und nicht nur da – bei unseren Spielen, egal ob zuhause oder auswärts, im Stadion los wäre, bekomme ich allein von dem Gedanken daran Gänsehaut. Wir hoffen sehr, dass wir im Laufe der Saison irgendwann wieder mit Zuschauern im Stadion spielen können. Was dann gemeinsam möglich ist, haben wir im Pokal-Spiel gegen Hamburg gesehen.

Apropos: Wie hast du den Busempfang der Fans an der AOK PLUS Walter-Fritzsch-Akademie nach dem Auswärtssieg in Rostock erlebt?

Das war unglaublich, ein ganz besonderes Gefühl. Als wir durch das Spalier gefahren sind, hatte jeder von uns Gänsehaut. In jedem Fall war es eine brutale zusätzliche Motivation, nicht nachzulassen und weiter hart zu arbeiten. Es hat gezeigt, was wir trotz der Pandemie-Situation hier in Dresden gemeinsam entstehen lassen können. Extrem geil.

Dass viele Dinge im Leben nicht selbstverständlich sind, weißt du aus eigener Erfahrung. Du selbst hast in deinem Leben einen Nieren-Tumor sowie einen Lungenkollaps überstanden und unter anderem daraufhin deine Ernährung auf eine vegetarische, teilweise sogar vegane umgestellt.
Ich habe mich durch diese Einschnitte als Mensch nochmal weiterentwickelt, mich selbst ein Stück weit neu kennengelernt und setze seitdem andere Prioritäten in meinem Leben. Diese Erfahrungen gebe ich gerne weiter, auch was die Ernährung angeht.

Wie zum Beispiel?
Vor allem in meinem näheren Umfeld. Dabei ist es mir vor allem wichtig, die jeweiligen Ernährungsrituale der Anderen zu akzeptieren, versuche aber bei Interesse Alternativen aufzuzeigen. Es bringt nichts, lehrerhaft mit erhobenem Zeigefinger zu sagen: ‚Dies und jenes sollte man nicht essen.‘ Der Schritt einer Ernährungsumstellung muss immer von der jeweiligen Person selbst ausgehen.

Trotz gesunder Ernährung: Darf es nach einem Sieg auch mal ein Gewinner-Bier für dich sein?
Na klar, man muss ja auch ein bisschen leben (lacht). Bei allem Gesundheitsgedanken darf man sich auch mal ein kühles Blondes gönnen – vor allem zuletzt nach der erfolgreichen Englischen Woche mit drei Siegen und insgesamt vier Siegen in Folge.

Wie stehst du zu Fast-Food? Die großen Ketten bieten inzwischen ja sogar vegane Varianten an.
Wie heißt es so schön? Die Menge macht das Gift. Wie gesagt: Ich gönne mir ja auch ab und an mal etwas. Aber eben in Maßen. Ich meide aber besagte große Ketten, da ich deren Umgang mit Tieren nicht unterstützen möchte. Es gibt aber – auch hier in Dresden – sehr gute Alternativen, etwa bei kleineren Burger-Läden. Da gibt es einige, die geschmacklich richtig geil sind.

Der geflügelte Ausspruch „Es gibt wichtigeres als Fußball“ hat bei dir eine besondere Bedeutung. Heute sprichst du anderen kranken Menschen Mut zu. Wie konkret?

Ich habe selbst erlebt, dass jeder noch so kleine Zuspruch in schwierigen Lebensphasen unglaublich helfen und zusätzliche Motivation geben kann. Bei mir war das bei den beiden gesundheitlichen Einschnitten der Fall, als ich auf meine Familie und Freunde zählen konnte. Lasst uns alle gemeinsam wieder mehr für unsere Mitmenschen interessieren, miteinander sprechen. Manchmal reicht es schon, wenn man einfach mal zuhört. Schon das kann manchmal Ängste und Sorgen nehmen und zugleich neuen Mut schenken.

Du setzt dich immer wieder auch für schwer kranke Menschen ein und versuchst vom Schicksal Gebeutelten ein kleines Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. Zuletzt hast du etwa einem krebskranken Mädchen ein Trikot von dir übergeben. Warum ist dir dieses Engagement so wichtig?

Wir können manchmal schon mit kleinen Gesten neuen Mut schenken. Das angesprochene Mädchen hat in der vergangenen Woche die hoffentlich letzte Chemotherapie hinter sich gebracht und kämpft sich zurück ins Leben. Wir stehen auch noch immer in Kontakt, tauschen uns aus. Ich fiebere mit und hoffe sehr, dass alles gut geht.

Du selbst wurdest Ende letzter Saison – damals noch in Diensten zum Chemnitzer FC – positiv auf COVID-19 getestet. In einem Interview hast du erzählt, dass sich der erste Einsatz nach deiner Quarantäne und der damit verbundenen Genesung angefühlt habe „wie drei Marathons“. Wie hast du die damalige Situation erlebt?
Ich war damals echt geschockt, als ich positiv getestet wurde, da ich mich in der Zeit wirklich nur zuhause und auf dem Trainingsplatz aufgehalten habe. Damals gab es in der Stadt Chemnitz, die ja immerhin rund 250.000 Einwohner zählt, so wenige Fälle, dass man diese an einer Hand abzählen konnte. Das zeigt aber auch, dass dieser Virus jeden erwischen kann. Als ich dann wieder auf dem Platz stehen durfte, habe ich deutliche konditionelle Einschnitte gespürt. Ob das nur an dem Virus lag, kann ich nicht sagen, da ich ja rund zwei Wochen nicht regulär trainieren konnte. Es hatte aber bestimmt einen Anteil.

Du bist jemand, der sich klar und unmissverständlich in vielen – auch gesellschaftlichen – Dingen positionierst. Warum ist dir das wichtig?

Ich empfinde vor allem den Blick über den Tellerrand des Fußballs hinaus als wichtig. Durch unsere Position als Fußballer, als die wir nun mal in der Öffentlichkeit stehen, haben wir auch ein Stück weit eine Vorbildfunktion und eine gewisse Verantwortung inne. Es gibt heutzutage so viele Menschen, die offensichtlich und nachweisbar falsche Informationen verbreiten. Da ist es mir wichtig, für etwas einzustehen.

Das kann auch mit Gegenwind verbunden sein.
Es kommt dabei aus meiner Sicht immer auf das „Wie“ an. Ich diskutiere gerne auf einer konstruktiven Basis mit Menschen, die in gewissen Punkten auch eine andere Meinung oder Einstellung zu bestimmten Themen haben, als ich sie habe. Dabei sollte man sich nicht gegenseitig verletzen und das Wohl der Allgemeinheit im Hinterkopf haben. Besonders in der aktuellen Situation sollten wir an die Älteren, Schwächeren und die, die es gerade nicht so leicht haben, denken.

Trotzdem bist du kein „Lautsprecher“ ...

Wer am lautesten schreit, hat selten recht.

Auch beim eigenen Auto setzt du zumeist auf das Wesentliche, kommst zum Training oft im kleinen Smart.
(lacht) Da muss man ehrlich sein. Meine Frau und ich haben zwei Autos. Einmal den kleinen Flitzer und ein etwas größeres, das aktuell bei meiner Frau in Berlin ist. Ich bin mit dem Smart sehr zufrieden. Vor allem die Parkplatzsuche nimmt meist nicht so viel Zeit in Anspruch.

Du sprichst es an: Deine Frau lebt in Berlin. Wie macht ihr das logistisch? Täglich pendeln lohnt sich da nicht.
Ich wohne hier in Dresden, fahre aber, wenn es die Zeit erlaubt, auch mal nach Berlin. In dem aktuell eng getakteten Zeitplan ist das manchmal etwas schwierig.

Wie verbringt ihr die Weihnachtszeit und Silvester in dieser Ausnahmesituation in diesem Jahr zusammen?
Normalerweise wären wir auf jeden Fall nach Österreich gefahren, um groß mit der gesamten Familie zu feiern. Wir warten aktuell ab, wie sich die Lage entwickelt, wie zu dem Zeitpunkt dann die Bestimmungen aussehen. Wir wollen nichts riskieren und uns an die Vorgaben halten, um gesund zu bleiben. In jedem Fall wird es in diesem Jahr nicht so werden wie sonst.

Was kommt an Weihnachten bei den Hosiners auf den Tisch? Die Weihnachtsgans fällt zumindest bei dir ja weg.
Meine Mutter lässt sich jedes Jahr etwas Besonderes einfallen und zaubert etwas Vegetarisches oder Veganes. Das ist dann zwar kein klassisches Weihnachtsgericht, schmeckt dennoch jedes Mal wieder vorzüglich. Bis dahin möchte ich aber mit der Mannschaft erstmal noch viele Siege feiern.

Philipp, vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viele Tore und Siege im Dress der Sportgemeinschaft!

Interview: Lennart Westphal
Fotos: Steffen Kuttner (1,2,4,5,6), Dennis Hetzschold (3)