KREISEL-Interview mit Ralf Minge

„Ein Stück Dynamo, das weg ist.”

Ralf Minge


SGD-Sportgeschäftsführer Ralf Minge, 1983 bis 1991 Teamkollege bei Dynamo, erinnert sich im KREISEL-Interview an den am 24.06.2019 im Alter von 53 Jahren viel zu früh verstorbenen Jörg Stübner.

Viele der jüngeren Dynamo-Generation haben Jörg Stübner nicht mehr spielen sehen. Was war er für ein Mensch?

Er war unheimlich ehrgeizig und beharrlich. Er hat sehr jung schon den Sprung bei Dynamo in die 1. Mannschaft und in die Nationalmannschaft geschafft. Neben dem Rasen war er ein eher ruhiger Typ, sehr fokussiert auf seine Karriere.

Er war ein Popstar des DDR-Fußballs…

Jörg war ja ein hübscher Junge, die Frisur auch sein Markenzeichen – und dazu war er noch fußballerisch hochbegabt.

In der Dynamo-Geschichte gab es exakt zwei Spiele gegen eine französische Mannschaft – 1984 gegen Metz. Ihr wart beide dabei, Jörg hat im Hinspiel auch getroffen…


Diese Spiele waren eine richtige Nummer. Die Franzosen hatten eine richtig starke Mannschaft – wir aber auch, wir sind ja weitergekommen (lacht). Das reiht sich ein in die vielen Europacup-Schlachten in dieser Zeit, die für jeden etwas ganz Besonderes waren.

Den Weltklasse-Fußballer Michel Platini legte „Stübs“ einst an die Kette. Welchen Stellenwert hatte das?

Es war ein Länderspiel gegen Frankreich 1985. Die Franzosen waren zu diesem Zeitpunkt Europameister und hatten eine unfassbar gute Mannschaft. Wir haben vor ausverkauftem Haus und toller Atmosphäre im Leipziger Zentralstadion gespielt. Platini hatte natürlich die absolute Schlüsselrolle inne. „Stübs“ hat ihn de facto aus dem Spiel genommen – und sich „mit der anderen Arschbacke“ noch ein bisschen um Giresse gekümmert. Das war ein Wahnsinns-Erlebnis, wir haben verdient 2:0 gewonnen. Daran hatte „Stübs“ einen unfassbaren Anteil – und da war er gerade einmal 20 Jahre alt.

Die politische Wende in der DDR bedeutete für alle eine große Veränderung. Jörg Stübner hatte mehr zu kämpfen als andere. Wie hast Du ihn in dieser Zeit erlebt?

Es gab über viele Jahre leider nur einen sehr sporadischen Kontakt. Er hat sich oft abgeschottet, dann haben sich die Wege wieder einmal gekreuzt. Ende der 1990er habe ich ihn mal im Krankenhaus besucht, dann hat man lange nichts gehört. Zum 50. Geburtstag wollten wir ihn als Verein entsprechend würdigen, da hat er sich leider isoliert.

… und in der jüngeren Vergangenheit?

Das ist das, was so schade ist: Seit Dezember hatte sich der Kontakt wieder intensiviert. Er hatte eine Jahreskarte, er hat mir nach den Spielen SMS geschrieben, wie er das Spiel fand. Das war – im Vergleich zu den Jahren davor – schon sehr rege. Jörg hat bei Ralf Hauptmann in der Fußballschule ein paar Mal mitgemacht und hat seiner Mutter auch stolz den Dynamo-Trainingsanzug gezeigt. Deshalb ist es tragisch, dass es dann zum plötzlichen Tod gekommen ist.

Ihr beide habt, auch mit Ulf Kirsten und anderen, eine Dynamo-Ära geprägt. Was bedeutet es, einen solchen Freund zu verlieren?

Das ist ganz schwer zu beschreiben. Da treten alle anderen Sachen, alle weltlichen Themen, in den Hintergrund. Man reflektiert sich selbst, man denkt nach: Hätte man früher mehr tun können? Da ist einfach eine große Leere. Wenn man mit jemandem jahrelang zusammen gespielt und ab und an auch das Zimmer geteilt hat … das ist ganz einfach ein Stück Dynamo, das weg ist – aber für immer in unseren Herzen bleiben wird!


Interview: Henry Buschmann / Stefan Großmann