KREISEL-Interview mit René Beuchel

„Das Stadion ist auseinandergebrochen.”

René Beuchel

Vor dem Heimspiel gegen den FC St. Pauli sprachen wir mit einem, der in Summe seit 26 Jahren für die SGD unterwegs ist – im Nachwuchs, als Profi und nach der aktiven Karriere hinter den Kulissen.  
René Beuchel nahm uns mit auf eine Reise quer durch sein Fußballerleben: Von seiner Jugendzeit bei Empor Tabak bis zum Zweitliga-Aufstieg 2004. Außerdem verriet „Bauch“ dem KREISEL, warum er sich an eine Niederlage gegen Tanne Thalheim Anfang der 90er Jahre noch ganz genau erinnern kann.

„Bauch“, du hast für Dynamo und Eintracht Frankfurt 56 Bundesliga-Spiele bestritten. Wer war der geilste Kicker, mit dem du in deiner Karriere auf dem Platz standst?

Wenn ich wirklich einen herausheben soll, dann Jay-Jay Okocha. Der hatte nicht nur überragende balltechnische Fertigkeiten, sondern brachte nebenbei auch noch eine Wahnsinnsathletik mit. Die berühmte Szene, als er die halbe Karlsruher Hintermannschaft und „Oli“ Kahn vernascht hat, lief bei den Heimspielen der Eintracht zwei Jahre später immer noch über die Videoleinwand.

Du warst technisch ja auch nicht ganz unbeschlagen – hast du den „Jay-Jay“ mal probiert?

Da sage ich nur, ,Schuster, bleib bei deinen Leisten‘. Ich wollte mir die Füße nicht brechen und möglichst lange mit gesunden Knien durchs Leben gehen. Ich wusste, was er konnte – und ich wusste, was ich konnte. Deshalb habe ich das bleiben lassen. (lacht)

Nimm uns noch mal mit zurück in deine Jugendzeit. Erst Empor Tabak – die heutige SG Dresden Striesen –, dann ging es 1986 zu Dynamo.

Bei Empor Tabak habe ich mit sechs Jahren angefangen. Mit Beginn der siebten Klasse bin ich an die KJS (Kinder- und Jugendsportschule; A. d. Red.) gekommen, in dem Zuge wurde ich dann auch zu Dynamo delegiert.

Du kanntest Dynamo schon aus den Duellen mit Empor Tabak, hattest in der Bezirksauswahl mit den besten Kickern deines Jahrgangs zusammengespielt. War Schwarz-Gelb ein Ziel für dich?

Auf jeden Fall! Und es war nicht zwingend damit zu rechnen, dass es gleich im ersten Anlauf klappt. Die Bandbreite an Qualität im Bezirk Dresden war hoch. Elf, zwölf Jungs aus meinem Jahrgang haben den Sprung zu Dynamo geschafft. Klar war ich stolz wie Bolle, dass ich dabei war.

Mit Jens Jeremies hast du damals einen Freund fürs Leben gewonnen ...

„Jerry“ kam im selben Jahr zu Dynamo, wie ich. Obwohl er in Görlitz gespielt hatte, waren wir schon befreundet. Ob Dynamo Heide (heute SC Borea; A. d. Red.), Görlitz, Neugersdorf und wie sie alle hießen – durch die Spiele gegeneinander, mit der Auswahl oder bei Hallenturnieren kannten sich viele Jungs schon, die dann den Sprung nach Dresden schafften.

Bis 1991 hast du die Jugend bei der SGD durchlaufen. An welche Übungsleiter kannst du dich erinnern?

An alle. Mein erster Trainer war „Hansi“ Kreische, dann folgten Dieter Riedel, Hartmut Schade und Wolfgang Oeser.

Klangvolle Namen, allesamt Ehrenspielführer.


Davon haben wir auch enorm profitiert. Von diesen Trainern hast du ein sehr gutes fußballerisches Rüstzeug mitbekommen. Ich war sicher nicht der Talentierteste, aber sie haben alles aus mir rausgekitzelt. (lacht)

Du bist in den Herrenbereich gewechselt, als Dynamo grad die Qualifikation für die Bundesliga geschafft hatte.

Ich habe dann ein Jahr in der Landesliga für die Reserve gespielt. Mit Leuten wie Jens Jeremies oder Alexander Zickler waren wir nicht ganz so schlecht besetzt.

Habt ihr den Rest der Liga gegen die Wand gespielt?

Nein, das nun auch nicht. Für die anderen Truppen war es ja immer das Highlight, wenn Dynamos Zweite kam, dementsprechend sind sie zu Werke gegangen. Ich kann mich an ein legendäres Spiel gegen Tanne Thalheim erinnern, das wir 0:1 verloren. Für Klaus Sammer, der uns damals trainierte, war es kein guter Tag. Erst bekam er mit uns Deppen in Thalheim auf den Sack, nachmittags flog sein Sohn in der Bundesliga mit Rot vom Platz. In unserem jugendlichen Leichtsinn haben wir kurz gelacht. Wir sind dann aber ruhiggeblieben, bis wir in Dresden wieder aus dem Bus gestiegen waren. (lacht)

Wobei du auch kein Kind von Traurigkeit warst, mit vier Platzverweisen in 179 Pflichtspielen für Dynamo…

Das müssen wir hier ja nicht weiter vertiefen. (lacht)

Unter Klaus Sammer hast du im November 1992 gegen den Karlsruher SC dein Bundesliga-Debüt gegeben. Hatte sich das abgezeichnet?

Es kam zu dem Zeitpunkt absolut überraschend. Einen Tag vor dem Spiel habe das erste Mal überhaupt mit den Profis trainiert. Ich dachte mir: ‚Okay, 18 Leute sind im Kader, ich bin Nummer 19.‘ Mit einem Einsatz hatte ich nicht gerechnet.

Wann hast du es erfahren, und was hat Klaus Sammer dir mit auf den Weg gegeben?

Das Spiel war an einem Freitagabend, wir waren die Nacht vorher in Kreischa im Hotel. Ich habe mir mit Wolfram Wagner ein Zimmer geteilt, der immerhin schon ein paar Bundesliga-Minuten vorzuweisen hatte. Im Hotel kam Klaus Sammer zu mir und sagte, dass ich auf der Sechs spielen werde und es wahrscheinlich mit Manfred Bender zu tun bekomme. Er hat gesagt, ich soll das zeigen, was ich kann, keine verrückten Sachen probieren. Das habe ich umgesetzt, und am Ende waren wir erfolgreich. Ich glaube, wir haben 3:1 gewonnen.

3:0 sogar. Wie hat man sich als Jungspund zwischen Kalibern wie Jens Melzig und Andreas Wagenhaus behauptet?

Das waren Spieler, die mit ihrer Art vorneweg gegangen sind und ihren Anteil daran hatten, dass wir einige Jahre in der Bundesliga dabei waren. Als junger Spieler musstest du mitziehen und mindestens dasselbe abrufen, dann hast du dir auch Akzeptanz erarbeitet. Ich bin mit den erfahreneren Spielern eigentlich immer ganz gut zurechtgekommen.

Bedingt durch den Zwangsabstieg ging es 1995 dann nach Frankfurt.

In die 2. Liga wäre ich sicher mitgegangen. Dann gab es keine Lizenz, und ich hatte trotzdem Vertrag. Frankfurt war bereit, 400.000 Mark zu überweisen. Das ist damals alles auf den letzten Pfiff passiert. Natürlich bin ich nicht gern aus Dresden weggegangen. Andererseits war ich froh, dass ich mich weiter im Profibereich bewegen konnte.

Wie hast du die zwei Jahre in Frankfurt in Erinnerung behalten?

Das war schon eine andere Welt. Vom Verein her, aber auch von der Stadt. Viele Spieler haben außerhalb gewohnt. Ich war in der Freizeit viel mit Jörg Böhme unterwegs, er war ja neben mir der einzige Ossi. Mit Thomas Doll und Andy Köpke bin ich ab und an mal essen gegangen, die haben im Nachbarort gewohnt. Mit Johnny Ekström war ich auch das eine oder andere Mal unterwegs, den hatte Frankfurt vier Wochen vor mir verpflichtet.

Schaust du heute noch zur Eintracht rüber?

Ja, klar beobachte ich die Entwicklung dort. Der Verein ist einen super Weg gegangen, hat sich mit dem einen oder anderen Rückschlag von einer Fahrstuhlmannschaft wieder zu einem Top-Bundesligisten gemausert. Dort gehören sie für mich auch hin.

Warst du zu der Zeit schon verheiratet?


Nein, das kam erst 2003. Ich bin damals alleine rüber gegangen. Ich habe auch jede Gelegenheit genutzt, um von Frankfurt nach Dresden zu fahren.

Spielte das auch eine Rolle, als es dich 1997 wieder Richtung Heimat gezogen hat, zum FSV Zwickau?

Sportlich ist es damals für Frankfurt und für mich persönlich nicht optimal gelaufen. Im ersten Jahr sind wir aus der Bundesliga abgestiegen, ich hatte in der Saison nur wenige Einsätze. Im zweiten Jahr wollten wir wieder hoch, das hat nicht geklappt. Ich hatte dann zwar deutlich mehr Spielzeit, wurde aber im Frühjahr durch eine Verletzung wieder zurückgeworfen und war die letzten Spiele nicht mehr im Kader. Mit Zwickau ergab sich die Möglichkeit, wieder in der Nähe von Dresden zu sein und weiter 2. Bundesliga zu spielen.

In der Winterpause 1999/2000 öffnete sich dann die Tür zurück nach Dresden, aber das Angebot kam vom DSC, nicht von Dynamo.

Es war für mich die Chance, nach knapp fünf Jahren in die Heimat zurückzukehren. Die wollte ich unbedingt nutzen. Dynamo und der DSC waren damals in der Regionalliga Nordost Konkurrenten. Ich stand in der Rückrunde beim Spiel gegen Dynamo auf dem Platz. Als Profi hast du deine Leistung abgerufen, aber ein seltsames Gefühl war es schon. Ich habe Dynamo die Daumen gedrückt, dass der Verein die Qualifikation für die zweigleisige Regionalliga schafft, leider sollte es nicht sein.

2002 bist du mit Sven Ratke zurück zu deinem Ausbildungsverein gegangen. Gab es von Seiten der Dynamo-Fans Vorbehalte?

Nein, jedenfalls nichts, woran ich mich erinnern könnte. Nach dem Aufstieg aus der Oberliga unter Christoph Franke herrschte eine sehr positive Grundstimmung. Die Mannschaft wurde gut verstärkt, mit Nico Däbritz kam noch einer, der Bundesliga gespielt hatte, wir hatten eine schlagkräftige Truppe beisammen. Der Glaube war da, dass der Weg weiter nach oben führen kann. Das war ja immer schon typisch für Dynamo.

Der Weg führte nach oben, du hast die Geschichte mitgeschrieben. Im Aufstiegsjahr 2003/04 hast du nur zwei Spiele aufgrund von Gelb-Sperren verpasst, acht Tore beigesteuert. Nimm uns noch mal mit ins RHS, an diesen 30. Mai 2004 ...

An dem Tag war einfach alles angerichtet. Ich denke, es waren mehr als 36.000 Leute im Stadion, sie standen wie die Heringe. Die Sonne schien den ganzen Tag, und wir brauchten nur dieses eine Tor mehr. Neumünster war schon abgestiegen, die haben sich gefreut, noch mal vor so einer Kulisse zu spielen. Wir haben uns an dem Tag sehr schwergetan, weil es im Kopf natürlich ratterte. Ich vergebe glaube ich auch einmal am langen Pfosten. Zum Glück hatte „Rani“ dann die glänzende Idee, den Ball von seinem starken Bein auf seinen Holzfuß zu legen und ihn reinzuschlenzen. (lacht) Wie der Tag dann weiter verlaufen ist, kann ich nicht mehr sagen. Das Stadion ist auseinandergebrochen, wir mussten die Flucht ergreifen. Erinnern kann ich mich erst wieder an die Aufstiegsfeier auf dem Altmarkt am nächsten Tag.

Im Winter 2007/08 endete deine Profilaufbahn mit 34 Jahren, seitdem bist du Dynamo in verschiedenen Funktionen treu geblieben. Hast du jemals überlegt, eine Trainerlizenz zu machen?

Nein, das wäre nichts für mich. Man sollte ehrlich mit sich selbst sein und gut überlegen, wo die eigenen Stärken liegen. Außerdem hatte ich irgendwann auch die Nase voll, jedes Wochenende unterwegs zu sein.

Du hast deine Heimat in der Nachwuchs Akademie gefunden, bist dort seit 2015 als Projektmanager mitverantwortlich für die von der EU geförderten Kooperationsprojekte mit dem FK Ústí nad Labem, seit 2018 auch mit SC Borea Dresden und FK Roudnice nad Labem. Wie sieht deine typische Arbeitswoche aus?

Ich kümmere mich um die Dokumentation und die Abstimmung mit der Finanzabteilung, stehe aber auch in Kontakt mit Presse- und Mitgliederabteilung, wenn es um Öffentlichkeitsarbeit und Newsletter-Inhalte geht. Die gemeinsamen Trainingseinheiten mit den Partnervereinen, die jede Woche stattfinden, begleite ich. Außerdem kommen die Verantwortlichen der vier Vereine regelmäßig in Dresden und in Tschechien zusammen, um die nächsten gemeinsamen Aktionen und Projekte zu planen. Es macht Spaß, weil es abwechslungsreich ist und man viel mit Menschen zu tun hat.

Wie viel Fußball wird in der Familie Beuchel heute noch gespielt?

Mein Großer ist 16 und spielt bei der SG Striesen, der Kleine hält es mehr mit Motocross. Ich selbst schnüre die Schuhe noch drei-, viermal im Jahr für unsere Traditionsmannschaft. Dort bin ich gern dabei, aber mehr muss es nicht mehr sein. (lacht)

„Bauch“, danke dir für das Gespräch!


Interview: Jan Franke