KREISEL-Interview mit Ronald Beć

Ich würde aktive Fußballfans nicht nur als Subkultur bezeichnen.

Ronald Beć

Vor der Abreise nach Stuttgart, mit den noch frischen Eindrücken der Pokalnacht in Berlin, trafen wir uns im Fanhaus auf der Löbtauer Straße mit Ronald Beć zum Interview. Seit 2013 ist der 34-Jährige im Fanprojekt Dresden als Sozialarbeiter tätig, Anfang 2019 hat er die Leitung der Einrichtung übernommen.

Vertrauen und Verschwiegenheit, rote Linien und Moral, Empathie und Polizeitaktiken – das Gespräch berührte viele Facetten aus dem Leben junger Fußballfans. Dabei wurde uns klar, was das Fanprojekt eigentlich ist: Ein verlässlicher Ansprechpartner für junge Menschen in allen Lebenslagen – auch weit jenseits des Fußballs und der SGD.

Wie lautet dein Fazit zum Pokalspiel?
Auch wenn wir ausgeschieden sind, gehen wir sehr positiv aus dem Tag raus. Es wurde insbesondere vonseiten Dynamos viel in die Vorbereitung investiert, und das hat sich voll ausgezahlt. Natürlich gab es auch ein paar Probleme, beispielsweise war die Taktung der S-Bahnen zwischenzeitlich aufgrund einer Signalstörung nicht optimal und es gab teilweise Probleme bei der Abreise. Aber das waren vor allem Dinge, auf die die Dresdner Seite letztlich kaum noch Einfluss nehmen konnte. Mir wird auf jeden Fall der Auftritt der Dynamo-Fans viele Jahre positiv in Erinnerung bleiben, auch wenn der teilweise überbordende Alkoholkonsum insbesondere bei einigen älteren Fans und das Zünden von Böllern und Leuchtspuren einen faden Beigeschmack hinterlassen.

Welche Altersspanne erreicht ihr als Fanprojekt?
Rein formal gesehen ergibt sich die Zielgruppe aus dem Sozialgesetzbuch 8 und liegt in unserem Fall in der Spanne zwischen 14 und 27 Jahren. In der Praxis gibt es natürlich immer Ausnahmen, wenn wir beispielsweise mit Leuten in engem Kontakt stehen, die zwar altermäßig rausgewachsen sind, aber wichtige Multiplikatoren innerhalb der Fanszene bleiben. Umgekehrt gibt’s auch immer mal ganz junge Fans, die zum Beispiel nach der Schule vorbeischauen und reinschnuppern wollen. Die Mehrheit der Fans, mit denen wir arbeiten, ist zwischen 18 und 25 Jahre alt. Im Lernzentrum wiederum arbeiten wir bereits mit Kindern im Grundschulalter. Unser neues Projekt „mittendrin“ hat ausschließlich Erwachsene im Fokus, unsere Sportangebote im Jugendarrest richten sich an Jugendliche und junge Erwachsene.

Wie viele Fans erreicht ihr?
Übers Jahr gesehen kommen wir im Bereich Fansozialarbeit mit einigen hundert Menschen zusammen, präzise nachvollziehen lässt sich das aber nicht. Genauer beziffern können wir die Gesamtkontakte. Im Kalenderjahr 2018 waren es über 8.500 im Bereich Fansozialarbeit. In dieser Zahl steckt alles drin, von der individuellen Beratung im Vieraugengespräch bis zum Leseabend mit 50 Leuten. In der außerschulischen Bildungsarbeit im Lernzentrum haben wir im vergangenen Schuljahr mit 590 Schülerinnen und Schülern in Workshops, Projekten und im Leseclub gearbeitet.

An wen genau wendet ihr euch mit eurer Arbeit?
In erster Linie sind wir ein Anlaufpunkt für all jene jungen Dynamo-Fans, die sich auch außerhalb der Spieltage mit der SGD beschäftigen. Der Fußball stellt dabei vor allem einen Zugang dar, er ist der gemeinsame Nenner. Wenn Vertrauen entstanden ist, geht es in unserer Arbeit mit den Fans dann auch mal um ganz private Dinge, die nichts mit dem Fußball zu tun haben. Das können Probleme in der Familie, in der Schule, in der Ausbildung oder im Beruf sein. Wenn es an irgendwelchen Stellen im Leben kriselt, sind wir ansprechbar. Wir begleiten junge Menschen auf dem Weg ins Erwachsenwerden.

Was sind die Säulen eurer Arbeit?
Das ist zweigeteilt. Es gibt die Bildungsarbeit, worunter aktuell das Lernzentrum mit dem Leseclub fällt, und seit diesem Jahr auch das Projekt „mittendrin“, das sich an Menschen mit Lese- und Schreibschwäche wendet. Im Bereich der Bildungsarbeit sind wir auf projektbezogene Finanzierungen angewiesen. Die zweite Säule ist die Fansozialarbeit, in der wir personell etwas breiter aufgestellt sind, weil die finanzielle Ausstattung hier durch die Deutsche Fußball Liga (bei Vereinen ab der 3. Liga der DFB; A. d. Red.), den Freistaat Sachsen und die Landeshauptstadt Dresden dauerhaft gegeben ist.

Was bedeutet Fansozialarbeit?
Wir machen klassische Soziale Arbeit mit Fußballfans. Dazu zählt auch aufsuchende Arbeit, also Streetwork. Wir begleiten Fans in allen möglichen Lebenssituationen, sind Ansprechpartner und agieren an Schnittstellen, zum Beispiel beim Kontakt mit Behörden. Das wird ergänzt durch die offenen Angebote wie Ferienprojekte, Themen- und Leseabende, Sportangebote, Fahnenmalen, Basteln, den offenen Mittwoch im Fanprojekt etc. pp. Das greift letztlich alles ineinander.

Wieso sind junge und jugendliche Fans bei euch gut aufgehoben?
Wir können in vielen Situationen helfen, weil wir selbst in vielen Netzwerken aktiv sind. Wir arbeiten mit anderen Jugendtreffs und dem Jugendamt zusammen, können viele nützliche Kontakte herstellen und haben durch unsere Arbeit über die Jahre hinweg natürlich auch einiges an Erfahrung gesammelt. Wir sind allerdings keine Umerziehungsanstalt, auch wenn uns diese Befürchtung in der Vergangenheit immer wieder begegnet ist. Wie gesagt, die wichtigste Grundlage für alles ist Vertrauen, ohne das geht gar nichts. Außerdem basieren alle unsere Angebote auf Freiwilligkeit. Junge Dynamo-Fans werden ganz aktiv beteiligt und können mitbestimmen, egal ob bei der Auswertung eines Auswärtsspiels oder der Gestaltung der Angebote im Mittwochstreff.

Wie baut man Vertrauen auf?
Das funktioniert bei jungen Fußballfans wie bei allen anderen Menschen auch: Es braucht Zeit, Vertrauen muss wachsen. Ganz wichtig ist ein ehrlicher und offener, das heißt auch kritischer Umgang miteinander. Glaubwürdig sind wir als Sozialarbeiter nur dann, wenn wir mit den Menschen respektvoll umgehen, aber Fehler und Verfehlungen auch offen ansprechen. Das hat auch etwas mit Wertschätzung von jungen Menschen zu tun. Ich glaube, das Fanprojekt Dresden als Institution hat sich durch diesen Umgang ein gewisses Grundvertrauen erarbeitet. Aber natürlich läuft es in letzter Instanz immer über die individuelle Ebene. Es gibt Leute, die wir jede Woche sehen, die aber mit größeren Problemen womöglich nie auf uns zukommen würden, was völlig okay ist. Andere öffnen sich nach einer gewissen Zeit. Oder auch mal ganz plötzlich, wenn sie Hilfe brauchen.

Wodurch wird Vertrauen gefährdet?

Beispielsweise dann, wenn wir als Sozialarbeiter von der Polizei vorgeladen werden, was in der Vergangenheit leider vorgekommen ist. Dann wird es für unsere Arbeit problematisch, weil Fans uns unter Umständen nichts mehr anvertrauen, wenn sie befürchten müssen, dass wir Dinge preisgeben könnten, die wir nicht preisgeben sollten. Hier gibt es aus unserer Sicht eine rechtliche Grauzone, denn als Sozialarbeiter sind wir auch zu Vertraulichkeit und Verschwiegenheit gesetzlich verpflichtet.

Was kann man dagegen tun?
Ein wichtiges Thema für uns ist die Lobbyarbeit für das sogenannte Zeugnisverweigerungsrecht.

Das Recht auf Verschwiegenheit?
Ja, so kann man es übersetzen. Inzwischen gibt es ein bundesweites „Bündnis Zeugnisverweigerungsrecht“. Darin engagieren sich die verschiedensten Akteure der Sozialen Arbeit, viele Fanprojekte und auch Wissenschaftler. Als im Dezember 2017 im Zuge der Ermittlungen zum Fanmarsch in Karlsruhe auch bei uns eine Hausdurchsuchung durchgeführt werden sollte, stellte das einen Tiefpunkt dar, der zugleich Ansporn war, uns bei dem Thema noch stärker einzubringen als wir es in den Vorjahren ohnehin schon gemacht haben.

Das Schlimmste konntet ihr damals abwenden.
Glücklicherweise ja. Die Absicht der Polizei und der ermittelnden Staatsanwaltschaft war es, Rechner und Unterlagen mitzunehmen, um zu prüfen, ob darin irgendetwas zur Vorbereitung des Fanmarschs in Karlsruhe zu finden ist. Dafür genügte es schon, dass auf unserer Website nachzulesen war, dass sich Fans in unseren Räumlichkeiten treffen und zum Spieltag austauschen können. Diese recht fadenscheinige Begründung konnten wir im Durchsuchungsbeschluss nachlesen. Gefunden hätte man nichts, weil wir in die Organisation des Fanmarsches zu keiner Zeit involviert waren.

Wie lief es letztlich ab?

Die Räume, in denen sich die Fans treffen, wurden durchsucht, die Büros jedoch nicht. Das konnte Torsten Rudolph, der damalige Fanprojekt-Leiter, durch seine leidenschaftliche Intervention bei der Staatsanwaltschaft verhindern. In die Büros haben die Ermittler nur reingeschaut und von außen hinein fotografiert. Aber sie haben keine Computer, Akten oder sonstige Aufzeichnungen mitgenommen. Das wäre fatal gewesen. Ein Beispiel: Wenn wir Beratungsgespräche führen, legen wir dazu zwar keine Akten an, aber natürlich kommt es vor, dass wir uns – bei Einverständnis der Ratsuchenden – kurze Notizen machen. Beim nächsten Gespräch wissen wir dann, wie wir beim letzten Mal verblieben sind. Solche Dinge gehören nicht in die Hände von Ermittlungsbehörden, da sie oftmals hochpersönliche, vertrauliche Informationen beinhalten.

Was hat sich für euch durch die Erfahrung im Dezember 2017 geändert?
Wir sind dazu übergegangen, kaum noch handschriftliche Notizen zu machen, und wir gehen noch sensibler mit digitalen Aufzeichnungen und Korrespondenzen um. Außerdem haben wir erkannt, dass oftmals nicht bekannt ist, was Soziale Arbeit eigentlich bedeutet und warum Vertraulichkeit im Umgang mit den jungen Menschen eine absolute notwendige Grundlage ist, damit diese Arbeit funktionieren kann. Deshalb versuchen wir seit den Durchsuchungen verstärkt, unsere Arbeit noch transparenter zu machen – sowohl in unseren Netzwerken als auch in der Öffentlichkeit. Auch aus diesem Grund haben wir uns unter anderem der Initiative „Transparente Zivilgesellschaft“ von Transparency International angeschlossen.

Tendiert der Staat zunehmend dazu, Fußballfans mit Repressionen zu begegnen?
Unserem Eindruck nach haben viele aktive Fans durchaus das Gefühl, dass es eine zunehmend repressive Vorgehensweise gibt, aber ganz so pauschal kann man das nicht sagen. Letztlich muss das auch im gesellschaftlichen Kontext gesehen werden. Der Wunsch nach schärferer Sanktionierung von Normabweichungen, die sogenannte Straflust, lässt sich an vielen Stellen beobachten. Daraus resultiert natürlich auch ein erhöhter Druck auf die Innenpolitik und die Polizei. Entscheidend ist, dass es hierzulande für jeden Menschen auch rechtliche Möglichkeiten gibt, staatliches Handeln juristisch zu überprüfen, auch wenn die Instrumente dazu ausbaufähig sind. Hier sind die Fanhilfen bundesweit sehr aktiv. Aber ganz praktisch gesprochen: Es kommt sehr auf den jeweiligen Standort an. Das wissen alle Fans, die regelmäßig auswärts fahren. Es gibt Bundesländer und Standorte, bei denen die Kommunikation zwischen uns und der Polizei funktioniert. Und es gibt Standorte, wo das überhaupt nicht so ist.

Womit hängt das zusammen?
In erster Linie mit den handelnden Personen. Im Zweifelsfall kann es schon davon abhängen, wie gut der jeweilige Einsatzleiter oder die Einsatzleiterin sich in Fußballfans hineinversetzen kann oder möchte. Es gibt dafür sehr positive Beispiele, wenn die Einsatzleitung Empathie aufbringt und ein Gespür dafür hat, wie Fußballfans ticken. Aber man erlebt auch oftmals das genaue Gegenteil. Wobei man sagen muss, dass die Strafbefehle gegen die Dynamo-Fans im Zuge der Ermittlungen zum Fanmarsch in Karlsruhe ernste Fragen aufwerfen.

Stichwort „SoKo Dynamo“.
Genau. Wir als Fanprojekt haben die Gründung des „SoKo“ von Anfang an eng begleitet, weshalb wir einen ganz guten Einblick in die komplexe Sachlage haben. Die rechtliche Auslegung, die aus den Strafbefehlen spricht, würde es außerhalb des Fußballs wohl nicht geben. Das ist auch die Einschätzung von verschiedenen Anwältinnen und Anwälten.

Gibt es dafür einen Erklärungsansatz?
Die bundesweit aktive AG Fananwälte kam in der Vergangenheit zu der Einschätzung, dass man beim Fußball aus polizeilicher und juristischer Sicht einiges ausprobieren kann. Vielleicht ist das ein möglicher Erklärungsansatz, dass sich der Fußball mit seinen Woche für Woche stattfindenden Großveranstaltungen ein Stück weit als Experimentierfeld anbietet.

Siehst du neben dem „SoKo Dynamo“ weitere Beispiele?
Es gibt ein ziemlich aktuelles Beispiel, das vielen Dynamo-Fans bekannt sein wird. Die Fahne von „Red Kaos“ (aktive Fanszene des FSV Zwickau; A. d. Red.) war in den vergangenen Monaten Gegenstand von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft München, sodass die Gruppe sich dazu entschied, vorläufig nicht mehr auf die Fahne zurückzugreifen, um deren Beschlagnahme als Beweismittel zu vermeiden. Die Schwarz-Gelbe Hilfe hat dieses Verfahren eng begleitet.

Bitte erläutere den Hintergrund der Ermittlungen noch einmal.

Hintergrund war der Verdacht, dass das "S" der Sigrune ähneln würde, die auch von der Waffen-SS verwendet wurde. Dies ist natürlich völlig abwegig und mittlerweile wurden die Ermittlungen auch eingestellt. Ein weiteres Beispiel haben Dynamo-Fans selbst erlebt: Ich erinnere an das letzte Auswärtsspiel in Köln, als seitens der örtlichen Polizei ohne jegliche Grundlage im Vorfeld mit hoher öffentlicher Aufmerksamkeit ein Bedrohungsszenario aufgebaut wurde, das völlig absurd war.

Fassen wir die Perspektive etwas weiter – wie schätzt du die Situation junger Menschen in unserem Land ein?
Der Umgang mit Jugendlichen ist für jede Gesellschaft ein zentrales Thema. Wir sollten junge Menschen grundsätzlich mehr an gesellschaftlichen Prozessen beteiligen, mehr Empathie für ihre Bedürfnisse aufbringen und mit ihnen diskutieren. Junge Leute sind in vielen Bereichen unterrepräsentiert. Die Lobby der Jugendlichen in unserem Land ist nicht so groß, wie sie sein könnte und sollte.

Kann man sagen, dass aktive Fußballfans die größte jugendliche Subkultur hierzulande bilden?
Ich würde aktive Fußballfans nicht nur als Subkultur bezeichnen. Wir reden hier nicht mehr über eine überschaubare Szene, die im Untergrund Partys in Kellerräumen organisiert, sondern über eine gewachsene und gestandene Bewegung, in der zahlreiche subkulturelle Ansätze aber nach wie vor vorhanden sind.

Was sind aus deiner Sicht wichtige Merkmale der Bewegung, in Abgrenzung zum Begriff „Subkultur“?
Aktive Fußballfans haben sich mit eigenen Medien eine große Öffentlichkeit geschaffen, um ihre Interessen zu formulieren. Fanhilfen wie die Schwarz-Gelbe Hilfe in Dresden agieren sehr professionell, um berechtigte Interessen von Fußballfans zu vertreten. Viele Fanszenen haben es geschafft, Instrumente zu kreieren, um ihre spezifischen Interessen zu vertreten. Das finde ich großartig.

Jenseits von Exekutive und Rechtsprechung – wie lautet die Sicht eines Sozialarbeiters auf restriktive und repressive Maßnahmen?
Wenn man versucht, Verhaltensweisen zu unterdrücken, erreicht man häufig das Gegenteil von dem, was man eigentlich möchte oder zumindest zu wollen vorgibt. Das heißt natürlich nicht, dass es nicht auch formelle und informelle Regeln geben muss. Man kann das an einem einfachen Mechanismus plastisch darstellen. Es ist gar nicht ungewöhnlich, dass Teile von Fußballfanszenen gegenüber öffentlichen Institutionen kritisch eingestellt sind…

Also auch gegenüber Fanprojekten?
Zum Teil auch gegenüber Fanprojekten, weil diese durch öffentliche Mittel mitfinanziert werden. Durch als ungerechtfertigt wahrgenommene repressive Maßnahmen können sich diese institutionskritischen Einstellungen weiter verfestigen, bis die Kommunikation, die Dialogbereitschaft irgendwann ganz abbricht. Wenn man nicht mehr miteinander redet, ist das Kind in den Brunnen gefallen. Unser Ziel ist es, junge Menschen darin zu bestärken, die ihnen zustehenden Möglichkeiten und Rechte einzufordern und zu nutzen.

Drehen wir den Spieß mal um – wo ziehst du die rote Linie in puncto Fehlverhalten von Fans?
Für diese Frage bin ich der falsche Adressat. Als Sozialarbeiter verhandeln wir nicht über Fehlverhalten, sondern arbeiten damit. Rote Linien haben an der Stelle keinen Sinn. Bei einer polizeilichen Einsatztaktik sind solche Grenzziehungen sicher angebracht. Im Vorfeld eines Einsatzes kann man beispielsweise festlegen, dass nicht bei jeder Beleidigung sofort eingeschritten wird. So lassen sich Eskalationen vermeiden. In der Sozialen Arbeit setzt man sich mit Menschen aber auseinander, unabhängig davon, was sie sich möglicherweise zu Schulden kommen lassen haben. Bei uns steht der gesamte Mensch im Mittelpunkt, nicht eine einzelne Verfehlung, auch wenn das nicht immer auf Verständnis stößt.

Es gibt keine „No gos“?

Natürlich habe ich moralische Grundsätze, rote Linien, die ich für mich persönlich ziehe. Aber für meine Arbeit ist das nicht relevant. Wenn ich sage, dass ich mit einem Menschen nicht mehr arbeite, weil er dieses oder jenes gemacht hat, dann würde das bedeuten, diesen Menschen fallen zu lassen. Das kommt für mich nicht in Frage. Allerdings thematisieren wir Fehlverhalten natürlich aktiv, auch wenn dies nicht in aller Öffentlichkeit geschieht.

Wie handhabt ihr im Fanprojekt das Thema Politik?
Die Fans, die zu uns kommen, vertreten alle möglichen politischen Positionen. Das einzige, was wir in der Hinsicht einfordern, ist gegenseitige Akzeptanz untereinander. Letztlich orientieren wir uns als Einrichtung an den universellen Menschenrechten, die zum Selbstverständnis unseres Arbeitsfeldes gehören. Das bedeutet, dass wir jede Form von Diskriminierung ablehnen. Aber das heißt zugleich, dass wir auch mit Menschen sprechen, die diese Haltung nicht teilen. Über solche Fragen haben wir mit Fans zum Teil schon nächtelang diskutiert. Das ist unheimlich spannend, wenn man sehen kann, wie junge Menschen im Ringen um unterschiedliche Positionen wachsen.

Wie bewertest du den letzten LDHR-Aktionsspieltag, an dem sich erstmals alle Topsponsoren beteiligt haben?
Es freut mich, dass sich so viele Partner beteiligt haben und gemeinsam Flagge gezeigt haben. Auch dass die Aktion mit den Plakaten erstmals sehr breit über die Stadtgrenzen hinausgetragen wurde. Der Verein und seine Partner sollten jedoch immer im Blick behalten, dass es nicht allein bei plakativen Aktionen bleibt, sondern das Engagement durch inhaltliche Arbeit unterfüttert ist. Angebote wie das gemeinsam mit „1953international“ organisierte Sichtungsturnier für Geflüchtete sind da vorbildhaft.

Was hat sich für dich persönlich geändert, seit du die Leitung des Dresdner Fanprojekts übernommen hast?
Ich sitze mehr am Schreibtisch, was uncool ist. (lacht) Früher habe ich deutlich mehr praktisch gearbeitet, das hat sich jetzt etwas verändert und es fehlt mir auch ein bisschen. Aber mir war bewusst, worauf ich mich einlasse, und ich gehe sehr gern auf Arbeit. Für mich ist es mein absoluter Traumberuf.

Ronald, vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Jan Franke
Fotos: Steffen Kuttner (1/4/9/11), ULTRAS DYNAMO (2/3/5/6/7/8/10)

Die Fotos von ULTRAS DYNAMO zeigen einen Schwenker und Choreografien, die von jungen Dynamo-Fans angefertigt wurden.