KREISEL-Interview mit Sebastian Mai

Dynamo ist für mich Heimat.


Sebastian Mai

Mit seiner Rückkehr zur Sportgemeinschaft ging für Sebastian Mai im Sommer ein Traum in Erfüllung, der kurz darauf von der Ernennung zum Mannschaftkapitän der SGD sogar noch getoppt wurde.

Ende des Jahres steht für den 26-Jährigen im DFB-Pokal nun ein weiteres ganz großes Highlight an, wenn es kurz vor Weihnachten gegen den SV Darmstadt 98 und damit zum Aufeinandertreffen mit seinem sechs Jahre jüngeren Bruder Lukas kommt, der ebenfalls in Dynamos Nachwuchs Akademie ausgebildet wurde.

Wir haben uns mit dem Abwehrchef der SGD zusammengesetzt, um mit ihm im KREISEL-Interview über dieses besondere Bruderduell und die Auswirkungen auf die fest in Dresden verwurzelte Familie Mai zu reden. Zudem erzählt der Dynamo-Kapitän, welche Erinnerungen er an seine Zeit im schwarz-gelben Nachwuchs hat, wer seine Jugendidole waren und was ihm der Verein bedeutet.

Basti, die SGD empfängt kurz vor Weihnachten den SV Darmstadt 98 im DFB-Pokal. Von wem hast du die erste Nachricht auf deinem Handy gehabt?

Tatsächlich von meinem Vater. Ich hatte die Auslosung zuhause verfolgt und als ich kurz nach der Ziehung unseres Gegners aufs Handy schaute, stand in der kurzen Nachricht von ihm nur ‚Coole Sache‘.

Was war dein erster Gedanke als das Los gezogen wurde?
Ich hatte im Vorfeld mit meiner Familie und ganz vielen anderen Leuten schon oft darüber gesprochen, dass dieses Aufeinandertreffen natürlich durchaus möglich wäre. Sogar auf der Pressekonferenz nach dem Hamburg-Spiel wurde das bereits thematisiert. Deshalb fühlt es sich jetzt schon so ein bisschen wie eine Art Fügung an. Kaum zu glauben, dass das mit rechten Dingen zugegangen ist. (lacht)

Wie hat deine Mutter reagiert, als das Los des SV Darmstadt 98 in die Kamera gehalten wurde?
Die war auf der einen Seite natürlich auch begeistert, auf der anderen Seite haben unsere Eltern es aber früher schon eigentlich nicht so gerne gesehen, wenn wir Brüder gegeneinander spielten.

Ein besonderes Spiel für die gesamte Familie Mai …

Auf jeden Fall! Das war es damals schon, als Lukas mit München II gegen mich in Halle gespielt hat. Und so wird es auch jetzt wieder sein.

Wem wird deine 14-jährige Schwester Sonja mehr die Daumen drücken?
Das weiß ich nicht. (lacht) Ich glaube, dass sie da sehr unparteiisch und eher neutral ist.

Lukas und du habt sowohl bei Social Media als auch bei WhatsApp dasselbe Familienfoto als Profi-Bild. Ein Ausdruck eures extrem engen Verhältnisses?
Absolut! Zwischen meine Familie und mich passt kein Blatt dazwischen. Wir haben eine sehr enge Verbindung zueinander.

Woher kommt dieser große Zusammenhalt in eurer Familie?
Ich glaube, verantwortlich dafür sind Mama und Papa, die uns das zusammen bereits früh mitgegeben haben. Dieser große Zusammenhalt ist von Anfang an gewachsen. Es gibt auch Brüder-Pärchen, die sich bei so einem großen Altersunterschied nicht verstehen. Aber Lukas war direkt Feuer und Flamme – gerade auch für Fußball – und ist immer mitgekommen, wenn ich auf den Fußballplatz zum Kicken ging. Dadurch hatten wir sofort eine enge Bindung und das machte es wiederum für uns auch relativ leicht, das Gleiche mit unserer Schwester herzustellen.

Du hast also in der Kindheit immer gern auf den kleinen Bruder aufgepasst?
(schmunzelt) Ja, und selbstverständlich auch immer gerne auf meine kleine Schwester.

Was unterscheidet Lukas und dich am meisten?
Puh, schwierige Frage. Ich würde sagen nur das Alter. Ansonsten ticken wir schon ziemlich gleich.

Was bewunderst du an deinen Geschwistern?
An meinem Bruder, dass er sehr gefestigt ist, dazu eine gewisse Gelassenheit ausstrahlt und trotz seines in meinen Augen großen Erfolges, den er in so jungen Jahren schon erreicht hat, weiterhin komplett geerdet ist. An meiner Schwester bewundere ich ihre Leichtigkeit und ihr Selbstverständnis im Umgang mit uns. Egal, was wir machen – wir sind halt einfach ihre Brüder und damit fertig.

Schaut die ganze Familie das Spiel eigentlich zusammen, wenn ihr aufeinandertrefft?
Meine Hoffnung ist selbstverständlich, dass dann wieder Zuschauer ins Stadion kommen können. Sollte das leider nicht der Fall sein, werden es alle auf jeden Fall im Fernsehen gucken. Inwieweit das dann zusammen, vielleicht auch mit Freunden, möglich sein wird, bleibt abzuwarten.

Was bedeutet es deiner Meinung nach für Lukas in diesem Stadion gegen dich zu spielen?
Ich glaube, das bedeutet ihm, genauso wie mir, sehr viel. Gegen seinen Bruder und seinen Jugendverein zu spielen, ist eine ganz besondere Situation. Er wird natürlich alles geben, um zu gewinnen. Aber das werde ich auch tun.

Wäre es ein Traum, wenn du eines Tages mit Lukas in einer Mannschaft spielen könntest?

Auf jeden Fall. Der Gedanke daran kommt einem zwangsläufig. Es wäre bestimmt schön, mit ihm zusammen zu spielen. Ich würde mich jedenfalls sehr freuen, wenn es in Zukunft irgendwann mal dazu kommt.

Ist der Trikottausch mit deinem Bruder fest eingeplant?
Ja, definitiv. Als ich meiner Familie damals erzählt habe, dass ich zurück nach Dresden wechsle, hat er schon direkt gesagt: ‚Einmal alle Trikots in jeglicher Farbe bitte zu mir.‘ (lacht) Die hat er zwar schon bekommen, aber ein ‚matchworn‘ Trikot, oder wie das heutzutage heißt, ist noch nicht dabei.

Gibt es einen Ort, wo Familie Mai die wichtigsten Fußball-Erinnerungen aufhebt?
Meine Mutter hat einen Ordner mit allen Zeitungsartikeln, Bildern und so weiter von meinem Bruder und mir gemacht. Zusätzlich habe ich im Keller in einer Kiste meine ganzen Erinnerungen wie alte Trikots, Wimpel oder dergleichen aufbewahrt und ähnlich hält es auch Lukas.   

Du bist Dynamos komplette Nachwuchsschule durchlaufen. Welche Erinnerungen verbindest du mit dieser Zeit?
Daran habe ich ganz viele schöne Erinnerungen: Gleisschleife, Asche, hinten die Baracken … Ich fand’s auch geil, bei den Profis Ballholer zu sein. Da gibt es zahlreiche tolle Momente, die ich erlebt habe.

Hattest du während deiner Zeit im Nachwuchs einen Dynamo-Spieler als Vorbild?
Maik Wagefeld und Karsten Oswald waren die beiden Idole meiner Jugend. Mein erstes Trikot war von Oswald und ich habe mir sogar auch seine Irokesen-Frisur nachschneiden lassen. Und Maik Wagefeld war fußballerisch damals mein großes Vorbild. Er ist auch einer der Hauptgründe dafür, warum ich mich irgendwann in die Rückennummer 26 verliebt habe.

Wann hast du mit dem Fußballspielen bei der SGD begonnen?
Wenn ich mich richtig erinnere, war ich damals acht Jahre alt.

Für viele Nachwuchsspieler bist du heute Vorbild. Welches Rüstzeug braucht es deiner Meinung nach, um Fußballprofi zu werden?
Der Kopf spielt dabei eine ganz große Rolle. Du musst mit dem Druck umgehen können – sowohl mit dem von außen, vor allem aber auch mit dem, den du dir selbst machst. Dazu braucht man einen starken Willen, muss immer alles aufsaugen und sich weiterentwickeln wollen. Im Prinzip darf man nie zufrieden sein. So ist das bei mir jetzt auch noch. Man ist nie perfekt und kann immer etwas dazulernen. Das habe ich zwar erst relativ spät, zum Glück aber noch rechtzeitig verinnerlicht.

Wie wichtig ist es zu lernen mit Rückschlägen umzugehen?
Unglaublich wichtig. Früher war ich noch viel impulsiver als heute und habe Rückschläge überhaupt nicht gut verarbeiten können. Das ist mittlerweile glücklicherweise anders, weil mir klar geworden ist, dass es im Fußball immer Rückschläge geben wird. Das ist ein enorm großer Bestandteil dieses Sports und je früher man damit lernt umzugehen, desto besser.

Mit dem Weg zum Fußball-Profi gehen auch einige Entbehrungen einher. Während deine Freunde ins Schwimmbad oder abends irgendwo feiern und tanzen gehen, musst du zum Training oder bleibst zuhause, weil am nächsten Tag ein Spiel ansteht. Wie wichtig ist die Bereitschaft dazu, auf einige Dinge in der Jugend zu verzichten?
Das ist das A und O. Wenn du zu diesen Entbehrungen nicht bereit bist, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass es am Ende nichts wird. Mein Bruder hatte das vielleicht sogar noch mal etwas krasser im Internat in München als ich bei Dynamo. In dem Moment ist das sicherlich sehr bitter, aber wenn du es am Ende geschafft hast, deinen Traum zu verwirklichen, lohnt sich das rückblickend auf jeden Fall.

Nicht viele haben dir bei Dynamo den Sprung zu den Profis zugetraut, als du 2013 den Verein verlassen hast. Ist jetzt nach deiner Rückkehr und der Ernennung zum Kapitän auch eine gewisse Genugtuung dabei oder überwiegt die Dankbarkeit?
Also Genugtuung empfinde ich definitiv nicht, aber auch Dankbarkeit ist in diesem Zusammenhang das falsche Wort. Ich habe mir den Weg selbst erarbeitet. Es ist nicht so, dass ich damals der Riesenüberflieger war. Ich bin von unten nach oben gegangen und habe mich über die Jahre nach und nach verbessert und weiterentwickelt. Für mich ist es einfach schön, dass das auf diese Weise alles genauso geklappt hat.

Welcher Trainer hat dich rückblickend am meisten gefördert?

Das war wohl Tino Kreller (heutiger Co-Trainer von Dynamos U12, Anm. d. Red.), mein erster Trainer im Dynamo-Nachwuchs.

Du hast in deiner bisherigen Karriere 117 Drittliga-Spiele absolviert. Was macht diese Spielklasse aus?
Die 3. Liga ist nicht so sehr von Taktik geprägt, wie das in der 2. Bundesliga oder der Bundesliga der Fall ist. Es kommt mehr auf Kampf und Willen an und am Ende entscheidet nicht unbedingt die Qualität der Einzelspieler, sondern welche Mannschaft an dem Tag den größten Zusammenhalt aufs Feld bekommt. Das macht die Liga für mich auch irgendwo einzigartig. Hier spielen nicht die besten Fußballer Deutschlands, dafür hast du aber viele Spieler, die wissen, wie man sich in ein Mannschaftsgefüge einordnet. Das ist meiner Meinung nach etwas Gutes.

Ihr habt als Mannschaft viel Qualität, Charakter und Zusammenhalt in euren Reihen. Bist du überrascht, dass ihr euch im bisherigen Saisonverlauf schwertut, die richtige Balance zu finden?
Eher nicht. Ich hätte es mir natürlich anders gewünscht, aber ich bin nicht davon ausgegangen, dass wir durch die Liga durchmarschieren. Wir haben viel Qualität in der Mannschaft – keine Frage. Wie ich aber eben schon angedeutet habe, ist in der 3. Liga das eingespielte Verständnis auf dem Platz von großer Bedeutung. Und das erarbeitet man sich nicht innerhalb von wenigen Wochen, egal wie gut man sich privat versteht. Das ist ein längerer Prozess, den wir gerade durchschreiten. Ich bin guter Dinge, dass wir uns diese Balance nach und nach erarbeiten und mit jedem gemeinsamen Training und Spiel verbessern werden.

Du hast zwölf Jahre bisher im Verein verbracht. Was bedeutet dir Dynamo Dresden?
Dynamo ist für mich Heimat. Das ist zwar ein unglaublich großer Begriff, aber ich bin noch nie in meinem Leben so gerne zum Training gegangen, wie jetzt. Ich bin genau dort, wo ich immer sein wollte und woraufhin ich in den vergangenen Jahren hingearbeitet habe. Ich spiele für meinen Herzensverein, bin dort sogar Kapitän und kann bei meiner Familie in Dresden leben. Von daher kann man Dynamo Dresden als meinen ultimativen Lebensmittelpunkt bezeichnen.

Herzlichen Dank für das Gespräch und deine Zeit, Basti.

Interview: Henry Buschmann & Marcel Devantier
Fotos: Dennis Hetzschold (1,4,7), Steffen Kuttner (3,5,6), imago images / Christian Schroedter (2)