KREISEL-Interview mit Stefan Großmann

Eine lebendige Vereinschronik

Stefan Großmann

Stefan Großmann ist der Mann hinter den KREISEL-Kulissen. Der, der den abgebildeten Protagonisten im wahrsten Sinne des Wortes eine Bühne baut – nicht auf den Brettern, aber den Seiten, die für Dynamo die Welt bedeuten.
 
Aufgewachsen nahe Dresden, Abitur in Berlin, Zivildienst und Studium in Dresden und schließlich der familiäre Umzug ins norddeutsche Lüneburg – eines zog sich dabei stets wie ein roter Faden durch Großmanns Leben: Die Sportgemeinschaft. Allein am KREISEL arbeitet der gebürtige Sebnitzer und Dynamo-Fan inzwischen seit 2004.
 
Im Interview spricht Stefan Großmann unter anderem über den Entstehungsprozess des Stadionheftes, verrät einige kuriose Anekdoten aus den letzten Jahrzehnten und erzählt, was er mit der ersten offiziellen Internetseite der SGD zu tun hat.  

Stefan, ist deine Familie eigentlich wegen dir und Dynamo schon mal in den Streik getreten?
Erfreulicherweise noch nie (lacht). Meine Frau und meine Kinder kennen mich ja seit jeher als Dynamo-Verrückten. Meine Familie ist da wirklich eine tolle Unterstützung, ohne die es auch gar nicht gehen würde.

Du richtest Familienurlaub und Wochenenden schließlich streng am Spielplan der SGD aus …
Durch die Produktionsfristen des KREISELs ist man ja zwangsläufig an die Heimspieltage von Dynamo gebunden. In der Woche vor einem Heimspiel kann ich schlichtweg nicht weg – das gilt übrigens auch für einen kleinen Wochenendtrip über zwei oder drei Tage.

Das bedarf eines großen Verständnisses von deiner Frau und den Kindern. Wie stehen die eigentlich zu Dynamo? Ihr lebt in Lüneburg …
Die sind ebenfalls vom schwarz-gelben Virus infiziert. Meine Frau und ich kommen ja ursprünglich aus Dresden bzw. der Region. Da freut sich jeder, wenn Dynamo gewinnt und die Stimmung ist mindestens getrübt, wenn Dynamo verliert.

Der aktuelle KREISEL zum Sachsenderby ist dein 277. – was löst das in dir aus?
Ehrlich gesagt nichts Besonderes (lacht). Das ist aber gar nicht unbedingt negativ zu sehen. Mein Anspruch ist es schließlich, jedes Heft zu etwas Besonderem zu machen. Da sind mir solche Zahlen nicht so wichtig.  

Hast du eigentlich jede einzelne Ausgabe bei dir zuhause archiviert?
Na klar! Ich habe alle KREISEL jahrgangsweise in fünf Kisten sortiert. So kann ich jede Ausgabe relativ schnell greifen.

Kann man bei so vielen Ausgaben eine ganz spezielle herausstellen?
Da gibt es einige. Ich würde das aber gar nicht so sehr auf meine eigene Leistung beziehen, sondern eher auf die Gesamtsituation und die entsprechende Stimmung drumherum bei solchen Spielen münzen.

Zum Beispiel?
Exemplarisch würde ich den KREISEL zum DFB-Pokal-Achtelfinale 2015 gegen Borussia Dortmund nennen, wo der gesamte Rahmen sehr gelungen war. Wir haben es damals etwa geschafft, ein kurzes Interview mit Jürgen Klopp und eine kleine Tipprunde mit Dynamo-Originalen einzubauen. Es waren insgesamt einige tolle, spielbezogene Extras dabei, die diese spezielle Partie auf eine besondere Art und Weise begleitet haben.

Nimm uns doch mal mit in die Planung einer Ausgabe. Wie geht das vonstatten?
Sobald der Saisonspielplan veröffentlicht wird, plane ich bereits grob das komplette Jahr. Vor dem jeweiligen Spieltag selbst ist der Ablauf, wenn die Partie am Wochenende stattfindet, wie folgt: Da der KREISEL am Freitag zum Stadion geliefert werden muss, bedeutet das, dass die Druckerei die Druckvorlage bis Mittwoch-Nachmittag braucht, um die Ausgabe rechtzeitig drucken und liefern zu können.

Und wie ist der Ablauf bis zum Druck, also die Entstehung des Heftes?
Es beginnt am Freitag, über eine Woche vor dem Spiel. Ich bereite erste ‚Basics‘, wie das Mannschaftsfoto und die ersten statistischen Daten des Gegners vor, kümmere mich also um die Dinge, die nicht vom Tagesgeschäft oder dem Spieltag abhängig sind. Das zieht sich mit der genauen Ausarbeitung bis in den Samstag. Sonntags beginne ich dann in der Regel mit der Einpflege der aktuellen Daten, wie den Aufstellungen oder den statistischen, vom Spieltag abhängigen Daten. Am Sonntagabend, wenn in der Regel die Spieltage der Jugendmannschaften beendet sind, beginne ich dann die Nachwuchs-tabellen und -seiten zu bauen.

Ein straffes Programm. Doch damit nicht genug …
So siehts aus (lacht). Am Sonntag und Montag finden dann die Spielberichte ihren Weg ins Heft – ebenso wie die vom Spieltag abhängigen Statistiken, die Tabelle, die Zuschauerstatistik, Formkurven et cetera. Dienstags kümmere ich mich um den redaktionellen Teil: Das Interview und die Magazin-Inhalte kommen von unserer Dynamo-Presseabteilung, ich baue das dann entsprechend ein. Mittwoch geht es schließlich auf die Zielgerade: Korrekturlesen, Bildbearbeitung für den Druck und der letzte gestalterische Feinschliff. Insgesamt ist der gesamte KREISEL-Entstehungsprozess jedes Mal wieder ein großes Feld aus Redaktion, Mediengestaltung und der Druckvorlage.

Wie viele Arbeitsstunden fließen in diesen Prozess insgesamt ein?
Im Schnitt rund 30 Stunden pro Heft. Mal geht es auch schneller, manchmal dauert es auch länger. Es sind eben nicht die klassischen „nine-to-five“-Arbeitszeiten. Wenn etwas anfällt, bin ich bereit. Das kann dann auch schon mal bis 23 Uhr oder gar bis Mitternacht gehen.

Was ist das Schönste bei Entstehung des KREISELs?
Definitiv der Moment, wenn ich die fertige Vorlage an die Druckerei liefere und auch nach mehrfachem Korrekturlesen keine Fehler gefunden wurden.

Und das Kniffligste?

Es ist wie so oft im Leben die Zeit. Denn der Drucktermin ist ja immer fix. Ich bin das letzte Glied in der Produktionskette. Bei und von mir aus muss alles glattgehen. Hinzu kommt, dass Print ein statisches Produkt ist, wo man nachträglich nichts mehr ändern kann, wie etwa bei einer Website. Besonders in den Transferphasen kann es so knifflig werden. Wenn sich beispielsweise ein Spielertransfer andeutet, aber noch nicht fix ist und das Heft bereits drei Tage vor dem Spiel in den Druck geht ...

Gab es schonmal eine besondere Panne, an die du dich erinnerst?
Ich habe aus Versehen mal statt dem gewohnten DIN A5 ein falsches Format in Auftrag gegeben. In der Druckerei hat den Fehler auch keiner bemerkt. Und so ist der KREISEL 2013 das erste und einzige Mal im DIN A4-Format erschienen. Ausgerechnet im Rahmen des alternativen FDGB-Pokals im Zuge der DFB-Pokal-Sperre 2013 zum Spiel gegen Borussia Mönchengladbach. In dem Moment ärgerlich, im Nachhinein aber fast schon eine kleine Anekdote.

Und ein Unikat.
Definitiv. (schmunzelt)

Es gab außerdem mal ein ganz besonderes Interview, das du für den KREISEL geführt hast …
Ich ahne, worauf du anspielst (lacht). Ich hatte mich 2006 vor dem Heimspiel gegen Hansa Rostock mit Frank Pagelsdorf zu einem telefonischen Interview verabredet und dafür rund eine Seite eingeplant – das hatte bei allen anderen Trainern davor gut gepasst. In diesem Fall habe ich dann eines für mein Leben gelernt: Stelle in einem Interview keine geschlossenen Fragen, also welche, auf die man mit „Ja“ oder „Nein“ antworten kann. Das ist mir bei Pagelsdorf nämlich fast zum Verhängnis geworden: Er antwortete anfangs bloß mit „Ja“ oder „Nein“. Das hatte ich so auch noch nicht erlebt – und kam in echte Nöte, die Seite passend zu füllen. (lacht)

Du bist selbst als Kind das erste Mal bei Dynamo gewesen. Kannst du dich noch an den ersten Besuch im Rudolf-Harbig-Stadion erinnern?
Im November 1987 war ich beim Heimspiel gegen den FC Vorwärts Frankfurt/Oder das erste Mal im Stadion. An viel kann ich mich ehrlich gesagt zwar nicht mehr erinnern, ich weiß aber noch, wie ich als kleiner Junge ganz vorn am Zaun gestanden habe. (lacht)

Und seitdem bist du Dynamo-Fan?
Das richtige Fandasein hat sich erst später entwickelt. Rund um die Wendezeit. Damals habe ich mit meiner Familie in Berlin gewohnt – quasi in der Höhle des ‚BFC-Löwen‘. Während in der Schule alle mit den verschiedensten Bundesliga-Trikots rumliefen, war ich natürlich im Dynamo-Nicki unterwegs.

Du hast nicht nur eine besondere Affinität und Verbindung zum KREISEL, sondern auch zu anderen Stadionheften. Wie ist diese Leidenschaft entstanden?

Im weiteren Sinne ist das wohl eine gewisse Medienbegeisterung, die sich bei mir schon als Kind und Jugendlicher entwickelt hat; und im engeren eine Leidenschaft für dieses ganz spezielle Handwerk im Fußballumfeld.

Eine besondere Verbindung hast du zu Stadionheften aus England. Was hat es mit den sogenannten Matchday-Programmen von der Insel auf sich?
Insgesamt kann man da schon von einer ganz anderen Kultur als hier in Deutschland sprechen. Die Gründe für meine Faszination liegen aber noch viel weiter zurück.

Nimm uns gerne mit auf die Reise!
Ganz früher – beginnend im 19. Jahrhundert – waren Stadionhefte, -flyer oder die Zettel, die damals entsprechend verteilt wurden, oft die einzige Information für die Fans und Zuschauer im Stadion. In England hatte das aber bereits zu der Zeit einen höheren Stellenwert als etwa in Deutschland.

Und wie ist es heute?

Ähnlich. Die Hefte sind dicker, meist noch hochwertiger, zugleich aber auch hochpreisiger. Vor allem in den 1990er und rund um die 2000er Jahre war es teilweise so, dass die Auflage der Hefte höher als die der tatsächlichen Stadionbesucher war – eine riesengroße Community. Etwas, was dort ganz klar zum Fußball- und Stadionerlebnis dazu gehörte. Auch heute stehen bei den Premier-League-Spielen rund ums Stadion kleine „Matchday-Programm“-Verkaufswagen.

Was gefällt dir an den englischen Heften besonders?

Vor allem die Machart. Ich finde es cool, wenn man zu einem Fußballspiel ein richtiges kleines Buch bekommt, das redaktionell aufbereitet ist. Es gab eine Zeit lang eine richtige, eigene Industrie dazu – spezialisierte Verlage, die, teilweise mit eigenen Druckereien, nur Stadionhefte produziert haben.

Wie kommst du an diese Hefte?

Da gibt es verschiedene Wege. Am einfachsten ist es natürlich, diese im Internet zu bestellen. Es geht aber auch puristischer: Wir waren zum Beispiel mit der Familie vor drei Jahren in der Sommerpause in England im Urlaub und sind die britische Südküste langgefahren. Ich habe im Vorweg geschaut, wo dort überall Profifußball gespielt wird, und bin die entsprechenden Fanshops zwischen 1. und 4. Liga dann nach und nach angefahren und habe mir so die jeweiligen Programmhefte besorgen können.

Zurück zu Dynamo: Du bist ein echter schwarz-gelber Tausendsassa, hast einst gar die erste Dynamo-Website entstehen lassen. Wie kam es dazu?

Da kamen zwei Sachen zusammen: Wir hatten in der Schule einen wirklich pfiffigen Lehrer, der uns 1995 frühzeitig mit dem Internet ‚bekannt gemacht‘ hat. Zudem wohnte ich in Berlin und nicht mehr in Dresden. Da schaut man dann natürlich, dass man möglichst viel von seinem Club mitbekommt. Und alles, was ich greifen konnte, habe ich dann versucht, auf einer Website zusammen zu tragen.

Und irgendwann hat sich Dynamo dann bei dir persönlich gemeldet …
Und mich gefragt, ob ich das nicht sogar ganz offiziell machen möchte. Das war eine große Nummer für mich. Ich habe zwar nur eine kleine Aufwandspauschale bekommen, die direkt wieder für die Telefon- und Internetkosten draufging, aber das war mir egal. Ich konnte schließlich direkt bei meinem Verein mitarbeiten.

Und wie kam es, dass du dich 2004 dem KREISEL angenommen hast?
Ich kannte die damaligen Kollegen aus der Geschäftsstelle durch die Zusammenarbeit im Rahmen der Website bereits. Außerdem hatte ich rund um das Jahr 2002 zwei Jahre das Heimspielheft der Dresdner Eislöwen redaktionell mit betreut. Nach Dynamos Zweitliga-Aufstieg 2004 kam es innerhalb des Vereins zu organisatorischen Umstellungen und ich wurde gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, das Stadionheft zu betreuen.

Musstest du lange überlegen?

Da passte natürlich alles zusammen: Medien-, Stadionheft-, Fußball- und nicht zuletzt die Dynamo-Begeisterung. Da hatte ich total Bock drauf. Erst gab es als Student auf Honorarbasis eine kleine Aufwandspauschale, später dann – ebenfalls noch auf Honorarbasis – konnte ich das quasi hauptberuflich machen.

Heutzutage sieht die Print-Welt hingegen anders aus als noch vor über 15 Jahren: Print stirbt aus. Dennoch ist nicht nur dir die gedruckte Version des KREISELs besonders wichtig. Warum?
Man hat physisch einfach etwas in der Hand, was man direkt mit einer konkreten Partie verbinden kann. Online-Inhalte sind zwar aktueller und umfangreicher, aber eben nach zehn, zwanzig Jahren nicht mehr so „greifbar“ oder authentisch wie ein gedrucktes Heft. Eine bleibende Erinnerung ans Spiel. Eine Art lebendige Vereinschronik.

Vielen Dank für das Interview, Stefan!

Interview: Lennart Westphal
Fotos: Pärja Großmann

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