KREISEL-Interview mit „Supp“ und „Lehmi“

Vor dem letzten Heimspiel im Kalenderjahr 2017 sprach die KREISEL-Redaktion mit Stefan Lehmann und David, beide in der Fanszene der SGD besser bekannt als „Capo Lehmi“ und „Supp“. Zentrales Thema des Interviews war die anstehende Wachablösung auf dem Capo-Turm in K-Block. Im Stadionmagazin KREISEL, der zum Spiel gegen den FC Erzgebirge am 3. Dezember 2017 in einer Auflage von 4.500 Stück erschien, wurde das Interview abgedruckt.

Durch die Durchsuchungsmaßnahmen vom 5. Dezember 2017, die Dynamos Fanszene betrafen, wurde das Gespräch von der Realität überholt. Dennoch haben wir uns entschlossen,  die redaktionelle Routine beizubehalten und den Text nunmehr auch online zu veröffentlichen. Trotz darin enthaltener Aussagen, die streitbar und kritikwürdig sind – nicht erst vor dem Hintergrund der jüngsten Entwicklungen, aber dadurch zweifelsohne verstärkt.

Denn das Interview mit Stefan Lehmann und David ist ein wichtiges Dokument des Dialogs, der in Dresden zwischen Fanszene und Verein seit vielen Jahren intensiv gepflegt wird. Intensiver vielleicht als an jedem anderen Fußballstandort in Deutschland. Ein Dialog, der selbstredend nicht „verhindern“ konnte, dass Menschen bei Fußballspielen der SGD Fehlverhalten an den Tag legen oder Straftaten begehen. Aber in jedem Fall ein Dialog, der, weil er mit Respekt, Vertrauen und Offenheit geführt wurde, dazu beigetragen hat, dass die regelmäßig vorgetragenen negativen Prognosen über die Entwicklung der vielschichtigen und vielfältigen Fanszene der SG Dynamo Dresden nicht eingetroffen sind. Die Probleme, die in Dresden existieren, unterscheiden sich nicht von denen an vielen anderen Fußballstandorten in Deutschland. Es handelt sich um Probleme gesellschaftlicher Natur, die in Fußballstadien oder davor ihren Widerhall finden.

Jegliche Straftaten, die im Zusammenhang mit Fußballspielen der SGD begangen werden, verurteilt die SG Dynamo Dresden entschieden und wird gegen ermittelte Täter im Rahmen ihrer Möglichkeiten vorgehen. Zugleich wird der Verein den beschriebenen Weg des Dialogs mit seinen Anhängern – und insbesondere der aktiven Fanszene – aus Überzeugung konsequent fortsetzen.

Das Interview wurde am 29.11.2017 im DDV-Stadion in Dresden geführt.

„Es kommt auf die ganze Kurve an.“

Supp

„Supp“ – woher kommt der Spitzname?
Auf einer Auswärtsfahrt sind wir mit Fans von einem anderen Verein ins Gespräch gekommen. Wir wollten wissen, was sie dazu treibt, Woche für Woche zum Fußball zu gehen. Sie sagten, dass sie „Supporter“ sind. Wir haben uns dann ein bisschen über den Dialekt lustig gemacht, mit dem sie das Wort ausgesprochen haben, vor allem ich. Damit hatte ich den Spitznamen „Supporter“ weg, daraus wurde irgendwann nur noch „Supp“. Ich heiße David, aber die meisten im Block kennen mich unter dem Namen gar nicht.

Wie lange gehörst du zu ULTRAS DYNAMO?
Ich bin so um 2007 herum dazugekommen. Dann hat das Ganze seinen normalen Werdegang genommen – man hängt erstmal mit den Jüngeren rum und lernt die Leute kennen. Seit 2010 bin ich festes Mitglied bei UD.

Lehmi, wie lange kennst du den „Supp“?
Ich kann nicht mehr genau einordnen, wann ich ihn das erste Mal wahrgenommen habe. Man kennt von den Jüngeren ja auch nicht gleich jeden, das kommt erst mit der Zeit, wenn Leute länger dabei sind.

Supp, als du zu UD gestoßen bist, war Dynamo graues Mittelmaß in der dritten Liga. Was hat dich motiviert?
Zum Fußball gegangen bin ich natürlich schon ein bisschen länger. Es war der Klassiker – mein Vater hat mich mitgenommen, 1997 zum ersten Mal, glaube ich. Mein damaliger Fußballtrainer war auch dabei. So richtig los ging es ab 2000. Immer Sitzplatz, aber ich war damals schon andauernd mit einem Auge auf dem Platz, mit dem anderen beim K-Block. ULTRAS DYNAMO hatten sich zu der Zeit gerade gegründet, und mich hat das ganze Drum und Dran ziemlich interessiert und begeistert. Die Stimmung, die Choreos, ein bisschen Pyro. Als ich etwas älter war, bin ich dann selbst in die Kurve mit reingerutscht.

Wie offen ist die Gruppe für Nachwuchs?

LEHMI: Früher hat jeder jeden gekannt, alles war viel kleiner. Zu der Zeit hat man sich über Nachwuchs noch keine Platte gemacht. Inzwischen ist teilweise schon Scouting angesagt. Manchmal gehen wir schon gezielt auf Leute zu, die immer dabei sind, und sprechen sie an.

SUPP: Erst vor ein paar Wochen haben wir Zettel an einige Leute verteilt, die immer bei uns in der Nähe rumstehen, die aber keiner wirklich kennt. Manchmal scheint es ein bisschen so, als ob sich viele erstmal nicht an uns herantrauen. Es gab dann ein Treffen, bei dem man geschaut hat, wie man miteinander klarkommt. Das Wichtigste ist, dass einer wirklich Interesse für die Sache mitbringt, und dass man freundschaftlich miteinander klarkommt.

Wollen die Jüngeren nicht eher ihr eigenes Ding machen?
LEHMI: Schwer zu sagen. Grundsätzlich ist Respekt da. Aber klar gibt es Leute, die vielleicht bessere Ideen haben oder ein paar Sachen anders machen würden. Die zum Beispiel unsere Zusammenarbeit mit dem Verein kritisch sehen. Das ist immer eine Wellenbewegung, nicht nur bei uns, auch in anderen Szenen, deutschlandweit. Ich würde sagen, am Ende fahren alle besser, wenn Fans und Verein respektvoll miteinander umgehen. Was soll es bringen, gegeneinander zu arbeiten?

Lehmi, wie sehr kann man mit Anfang 30 noch das Aushängeschild der größten Jugendkultur hierzulande sein?
Naja, es ist ja nicht so, dass ich in den letzten Jahren erwachsen geworden wäre. (lacht)

Vereint die Leute im Block auch der Wunsch, nicht erwachsen zu werden?
LEHMI: Wenn ich auf Arbeit komme und die Kollegen höre, was sie am Wochenende gemacht haben – im Garten gewesen, Einkaufen, solche Sachen –, dann denke ich mir immer, Wahnsinn! Du kommst gerade von einem Spiel, bei dem 90 Minuten pervers Stimmung war, Stress mit den Cops, Pyro, den Gegner an die Wand gesungen, auf dem Rückweg zwölf Bier getrunken, mit den Jungs Spaß gehabt. Dann frage ich mich schon, wer das geilere Wochenende hatte.

Lehmi, manche sagen, du hast einen „Vollschaden“. Hat den der „Supp“ auch?
SUPP hakt ein: Nicht so sehr wie Lehmi.

LEHMI: Der „Supp“ ist schon ein bisschen weiter und reifer als ich in seinem Alter. Damals konnte ich noch nicht solche Ansprachen halten wie er. Deshalb ist es aus meiner Sicht auch besser, wenn er jetzt den nächsten Schritt geht. Und ich einen Schritt zurück mache.

Wie weit wirst du den Schritt zurück machen?

Beruflich hat sich mir noch mal eine Tür geöffnet, durch die ich gehen will. Die Chance will ich mir nicht entgehen lassen, aber dafür werde ich viel Zeit investieren müssen. Im Umkehrschluss muss ich mich beim Fußball mehr rausnehmen. Außerdem habe ich zwei Kinder und eine Frau zuhause, die mich auch gern öfter sehen wollen. Wenn ich das jetzt verpasse, dann beiße ich mir in zehn Jahren in den Arsch, das weiß ich ganz genau.

Wie wichtig war der Faktor Familie?
Enorm wichtig. Wenn du Vater von zwei Kindern bist und für eine Familie Verantwortung trägst, dann muss du dir irgendwann Gedanken machen, wie du die Prioritäten im Leben richtig setzt. Wenn dich dein Kind fragt, warum du am Wochenende wieder nicht da bist, dann wirst du irgendwann nachdenklich.

„Supp“, was wird sich für dich verändern?
Von der Sache her gar nicht so viel, ich habe Lehmi ja schon oft vertreten. Klar habe ich Respekt davor, künftig die Nummer eins auf dem Turm zu sein. Vor einer der größten und stimmungsvollsten Kurven Deutschlands. Bisher hatte ich jemanden neben mir, von dem ich wusste, dass er das schon ein paar Jährchen länger macht als ich. Da fiel es leichter, sich mal kurz zurückzulehnen, zu sammeln und sich ein paar Ideen durch den Kopf gehen zu lassen.

Du wirst auch mehr als Kommunikator gefordert sein, wie in Freiburg, wo Lehmi nicht dabei war.
Von solchen Spielen, wenn es Nebenschauplätze gibt, in die du als Capo dann auch eingespannt bist, kann Lehmi glaube ich ein Liedchen singen. Aber das gehört dazu.

Du bist 27, stehst im Berufsleben – welche Rolle spielt bei dir der Zeitfaktor?
Ich arbeite in einem Familienunternehmen und kann mir die Zeiten relativ flexibel einteilen. So bekomme ich Fußball und Beruf ganz gut miteinander vereinbart.

Lehmi, wie schwer wird es dir fallen, Verantwortung abzugeben?
Das wird ganz sicher nicht so einfach sein, vor allem am Anfang. Aber vom Turm runter zu gehen, die Entscheidung ist für mich gereift. Es geht auch nicht an, dass du ein „Rosinen-Capo“ bist, der nur die besten Spiele macht. Wenn du nicht zu 100 Prozent durchziehst, bist du irgendwann nur noch das Maskottchen. Das ist nicht mein Anspruch.

Dein „Abschiedsvideo“ auf YouTube wurde fast 250.000 Mal geklickt, Tendenz weiter steigend. Wie geht man mit einer derart großen Popularität um?
Dieser Personenkult geht mir ehrlich gesagt auf die Ketten. Davon habe ich nichts, außer dass ich permanent von irgendwelchen Leuten auf der Straße angequatscht werde. Es geht um die Gruppe und um alle Fans, die für diesen Verein brennen. Außerdem würde ich in Zukunft auch gern entspannt ins Stadion kommen, in Ruhe mein Bier trinken, mit ein paar Leuten quatschen und 90 Minuten Fußball gucken.

Wie sehr wirst du das Gefühl vermissen, voller Adrenalin vor über 9.000 Leuten zu stehen?

Klar wird die Sehnsucht hochkommen, da brauche ich mir nichts vormachen, dafür kenne ich mich selbst zu gut. Aber genau deshalb habe ich ja auch das Video gemacht, um den Schritt öffentlich zu dokumentieren, quasi als Selbstschutz.

Rücktritt vom Rücktritt ausgeschlossen?
Das Wichtigste ist, erst einmal Abstand zu bekommen und die Prioritäten wirklich zu verschieben. Aber in die Zukunft gucken kann keiner. Wenn mich die Gruppe oder der Verein in irgendeiner Weise brauchen, werde ich der letzte sein, der den Schwanz einzieht. Dann ist mir auch völlig egal, was andere Leute darüber denken. Um es kurz zu machen: Das ist eine Scheiß-Frage.

„Supp“, du wirst die Nummer eins, bist aber nicht allein.
Lehmi war nicht der einzige Capo, und das werde ich genauso wenig sein. Die ganze Sache ist breiter aufgestellt als man das von außen vielleicht mitbekommt. Das steht und fällt nicht mit einer Person. Die Aufgaben sind auf mehreren Schultern verteilt. Und das Wichtigste ist, dass ich weiß, die Gruppe steht voll hinter mir.

Wie gehst du mit dem Gerede um, dass du Lehmi kopieren könntest?
Ich werde weder versuchen, ihn zu kopieren, noch werde ich das Rad neu erfinden. Klar, jeder hat seinen eigenen Stil. Wie er die Leute im Block anspricht, wie er versucht, sie mitzureißen. Wichtig ist, dass man authentisch bleibt. Ich werde nicht mit Wanderschuhen auf den Turm klettern. (beide lachen) Aber am Ende bleibt es eine Art Handwerk, das überall ähnlich funktioniert.

Wer wird künftig neben dir stehen?
Frieder, der auch schon oft oben stand, entweder neben mir oder neben Lehmi, wenn ich mal eine Halbzeit runtergegangen bin. Frieder gehört genauso lange zur Gruppe wie ich. Trotzdem wird die Umstellung für ihn fast noch ein bisschen größer. Bisher war er sporadisch oben, jetzt steht er 90 Minuten neben mir. Er muss also auch den nächsten Schritt machen. Dann gibt es noch jüngere Leute, die auf den Zwischenpositionen im Block stehen und dort anheizen.

Wann standst du das erste Mal auf dem Turm?
Keiner steht gleich direkt da oben, das gibt es schon eine ganze Weile nicht mehr. Du fängst auf den Zwischenpositionen an. So ging es bei mir auch los, 2010 in der 3. Liga gegen Bayern München II. Daran kann ich mich noch genau erinnern. Lehmi hatte damals glaube ich sogar Stadionverbot.

LEHMI: Hatte ich nie.

SUPP: Sicher unberechtigt. (beide lachen) Jedenfalls wurden Leute gesucht. Ich war 19 oder 20 und bin dann mit aufs Zwischengeländer. Mir haben die Beine gezittert. Das erste Mal auf dem Turm war ich 2014. An das Spiel kann ich mich nicht mehr erinnern. Die Beine haben nicht mehr gezittert, aber es war nochmal eine ganz schöne Umstellung.

Wie wird man Capo bei ULTRAS DYNAMO?
LEHMI: Akzeptanz ist auf jeden Fall wichtig. Du musst die Leute auch mal schwer beleidigen, wenn es nicht läuft, um sie zu kitzeln. Zumindest habe ich es immer so gemacht.

SUPP: Da spielen viele Dinge rein. Wie sehr du hinter der ganzen Sache stehst, wie viele Spiele du mitmachst, was du für ein Typ bist. Entscheidend ist aber was ganz anderes. Der Capo ist am Ende nur einer von vielen, nur so eine Art Motor. Letztlich ist es scheißegal, wer da oben steht. Es kommt auf die ganze Kurve an. Dass jeder motiviert ist und jeder alles für Dynamo geben will.

LEHMI: Das kann ich nur dick und fett unterstreichen.

Trotzdem – erinnerst du dich an deine Anfänge, Lehmi?
Der DSC hat zuhause gegen Halle 96 gespielt. Das war 1999. Dynamo hat an dem Tag beim BFC gespielt, dort durften wir von unseren Eltern aus nicht hinfahren. Wir sind also zum DSC, Halle unterstützen. Die waren mit 25 Mann da, wir waren 15. Dann kam noch eine Busladung von „Commando Elbhorde“ dazu, die es aus irgendwelchen Gründen auch nicht zum BFC geschafft hatte. Ich habe damals eine Uffta für Halle gemacht, irgendwie hat sich die ganze Sache dann gefestigt.

In deinem Abschiedsvideo hast du tief blicken lassen und gesagt, dass du mit deiner eigenen Leistung auch nicht mehr zufrieden warst.
Letzte Saison hat es zuhause nicht ein einziges Mal so funktioniert, dass ich sagen konnte, genau das ist es, wo du hinwillst. Im Gegenteil, es ist eher weniger geworden. Es gab hier schon Zeiten, in denen das ganze Stadion deutlich mehr mitgegangen ist. Und auch auswärts hatten wir Spiele, bei denen die Leute rechts und links im Block lieber fünf Bier getrunken haben, anstatt die Mannschaft zu unterstützen. Lieber fahre ich mit 1.000 Mann als mit 3.000, wenn dafür alle voll durchziehen.

Woran liegt es, dass die Stimmung hier in Dresden regelmäßig fast nur noch aus dem K-Block kommt?
SUPP: In den ersten Zweitliga-Jahren, 2004, 2005, waren noch viel weniger Leute im Stadion. Damals hatten wir im Schnitt vielleicht 15- bis 16.000. Mit dem neuen Stadion sind die Zahlen deutlich gestiegen, inzwischen liegen wir gefühlt jedes Spiel bei knapp 30.000. Irgendwo müssen die ganzen Menschen ja herkommen. Ich glaube, es sind viele dabei, die kein richtiges Bild von Dynamo haben. Die nicht wissen, was für Zeiten dieser Verein in den letzten 20 Jahren erlebt hat.

LEHMI: Man muss einfach sagen, dass sich inzwischen zu viele Leute nur noch den Arsch platt sitzen. Die kommen ins Stadion und sagen sich, hier in Dresden ist immer geile Stimmung, das ziehen wir uns mal rein. Aber sie begreifen nicht, dass sie selbst ihren Teil dazu beitragen müssen.

Könnt ihr das als Gruppe beeinflussen?
SUPP: Wir probieren es zum Beispiel immer mal wieder mit neuen Wechselgesängen. Es wäre schon geil, wenn die Leute darauf mehr einsteigen würden. Auch bei den Liedern. Die Texte müssten die meisten inzwischen ja kennen, daran kann es nicht liegen. Eher an der Eigenmotivation.

LEHMI: Es wird auch künftig so sein, dass wir unseren Stil durchziehen. Das heißt, spielbezogener Support. Wenn Dynamo drückt und die Jungs sich Großchancen erspielen, wenn es Ecke, Elfmeter oder Freistoß gibt. Aber eben auch dann, wenn es umgekehrt läuft. Auf jeden Fall wollen wir keine Schallplatte auflegen, die 90 Minuten durchläuft.

Welche Rolle spielt die Leistung der Mannschaft?
LEHMI: Die Frage ist doch, in welche Richtung sich die ganze Sache hier entwickeln soll. Ob wir das verlieren, was Dynamo eigentlich ausmacht. Die Leute müssen sich hinterfragen, warum sie ins Stadion kommen, welchen Beitrag sie leisten wollen. Wenn die ganze Hütte brennt und alle Vollgas geben, dann kann auch die Mannschaft noch mal zehn Prozent mehr rausholen. Klar muss der Funke von beiden Seiten überspringen. Aber wie es sich zurzeit entwickelt, ist es fast nur noch eine Einbahnstraße. Wenn die Mannschaft nicht in Vorleistung geht, kommt von den Tribünen sehr wenig. Im Gegenteil – wenn es nicht läuft, wird gepfiffen.

SUPP: Erfolge und Siege feiern kann jeder. Aber dann da zu sein, wenn es nicht läuft, das würde uns auszeichnen. Wenn wir das dauerhaft hinbekommen, dann würde sich Dresden stimmungstechnisch noch mehr abheben.

LEHMI: Es ist nicht alles schlecht, aber es war schon mal besser. Wir dürfen den Blick fürs Wesentliche nicht verlieren. Das heißt, wo wir herkommen und wo wir im Moment realistisch stehen.

Wie ordnet ihr die aktuelle sportliche Situation ein?
LEHMI: Noch ist genügend Zeit, die Sache gerade zu biegen. Aber man muss der Mannschaft vielleicht noch mal klar machen, was hier alles dran hängt, welche Verantwortung sie trägt. Nicht nur für die Fans und Mitglieder. Auch für die Mitarbeiter, die Überstunden abreißen und viel Herzblut in die ganze Sache stecken. Dann verlange ich auch, dass diejenigen, die das Trikot überstreifen, genauso mit ganzem Herzen dabei sind. Das muss in die Köpfe rein.

SUPP: Dem ist nichts hinzuzufügen.

Wenn es darum ging, den Führungsspielern und Verantwortlichen einen Einblick in die Fanseele zu geben, hat Lehmi in der Vergangenheit auch mal direkt zum Hörer gegriffen. Wird das künftig auch der „Supp“ übernehmen?
LEHMI: Er bekommt auf jeden Fall eine Liste mit Namen und Nummern von mir. Aber der Capo ist bei uns nicht automatisch der Meinungsführer. Es gab bei UD immer schon mehrere Leute, die auch mal den direkten Weg suchen, wenn es sein muss.

SUPP: Was das Thema angeht, werde ich mich künftig sicher noch mehr einbringen. Ansonsten kann ich nur unterstreichen, was Stefan gesagt hat. Als Capo bist du zwangsläufig ein Stück weit das Gesicht der Gruppe, Lehmi ist da über viele Jahre auch reingewachsen. Aber ULTRAS DYNAMO besteht aus vielen Leuten, die sich einbringen, ihre Meinung vertreten und Verantwortung übernehmen. Sonst würde die ganze Sache nicht funktionieren.

Was ist das Verdienst von „Capo Lehmi“, was lässt er zurück?

SUPP: Lehmi hat die Sache hier voran gebracht und entscheidenden Anteil daran, dass sich der Block zuhause und auswärts auf ein extrem hohes Niveau entwickelt hat. Er ist deutschlandweit zu einer Legende geworden. Wir als Gruppe, zu der Lehmi weiterhin gehören wird, wollen dieses Level halten und bestenfalls noch weiter ausbauen.

Zum Schluss zu einem anderen Thema. Was hat das letzte Treffen zwischen Fans, Vereinen und Verbänden am 9. November ergeben?
LEHMI: Das Treffen werden wir erstmal nicht kommentieren. Es wurde ein Prozess angestoßen, es wird mal wieder miteinander gesprochen. Das ist ein Fortschritt, aber mehr ist meiner Meinung nach noch gar nicht passiert. Es gibt öffentliche Absichtserklärungen, aber wir werden die Verbandschefs und Fußballpolitiker im Endeffekt an ihren Taten messen. Dass Gespräche von jetzt auf gleich ohne Begründung und ohne Ergebnis abgebrochen werden, haben wir vor ein paar Jahren ja schon mal erlebt.

Die Kollektivstrafen wurden de facto vorübergehend ausgesetzt.
LEHMI: Das begrüßen wir. Aber wie lange gilt das, und unter welchen Bedingungen? Ein gesundes Misstrauen ist nach wie vor sinnvoll, denke ich.

SUPP: Unsere Gedanken und Befürchtungen zur Entwicklung des Fußballs haben wir den Verbänden mitgeteilt. Wichtig ist, dass der Druck in den Kurven weiter hoch bleibt.

Wie eng stehen die Kurven zusammen?
LEHMI: In der Sache sehr eng, und das ist extrem wichtig. Auch wenn es ein echter Kraftakt ist, alle Fanszenen unter einen Hut zu bekommen, schließlich tickt jede Gruppe anders. Aber nur wenn wir zusammen auftreten, werden wir wirklich wahrgenommen und auch ernst genommen.

SUPP: Der Eindruck bleibt haften, dass wir uns nur dann Gehör verschaffen können, wenn wir über bestimmte Grenzen hinausgehen und krasse Mittel der Provokation wählen, auch wenn wir darauf gar keinen Bock haben. Die Tendenz geht dahin, die Fankultur in den deutschen Stadien immer mehr zurückzudrängen. Choreos und tolle Stimmung nimmt man gern mit. Aber Dinge, die nicht ins Bild passen, werden sanktioniert. Das kann nicht der Weg sein, das werden wir uns nicht gefallen lassen.

Lehmi, Supp, danke für das Gespräch!

Interview: Henry Buschmann/Jan Franke
Fotos: Steffen Kuttner