KREISEL-Interview mit Susanne Springer

„Zwei Dresdner Kulturen, die das Bild der Stadt deutlich prägen.“

Susanne Springer

ULTRAS DYNAMO in der Semperoper. Die ganze Gruppe. Und einige Hundert Dynamo-Fans mehr. Vom Parkett über die Loge bis in den vierten Rang. Mit Zaunfahne, Trikot und Sturmhaube. Mit Megaphon statt Taktstock. Capo statt Dirigent. Sprechchor statt Tenor. Und Schal statt Fliege.

Entstanden ist ein einzigartiges Foto. Aufgenommen am 18. Dezember 2017, veröffentlicht am 22. Februar 2018 im Jahresheft 2018/19 der Semperoper. Wir sprachen mit der Frau, die seit 2014 für die Öffentlichkeitsarbeit an einem der renommiertesten Opernhäuser der Welt verantwortlich ist, Susanne Springer.

Frau Springer, über 1.000 maskierte Dynamo-Fans und Ultras in ihrem Haus – Hand aufs Herz, waren Sie am frühen Morgen des 19. Dezember froh, als der Spuk vorbei war?
Ganz im Gegenteil: Ich war wirklich sehr eupho-risch, dass alles so gut geklappt hat! Es war toll, wie unheimlich motiviert und kooperativ die Dynamo-Fans bei uns im Hause waren. Sie haben auf die Kommandos des Fotografen gehört und seine Wünsche perfekt umgesetzt. Anders wäre das Fotoshooting in diesem eng gesteckten Zeitrahmen gar nicht möglich gewesen. Unser einziges Bedenken war, ob Andreas Mühe seine Bildidee mit über 1.000 Menschen so spät am Abend und in so kurzer Zeit umsetzen könnte. Der Einlass für das Shooting begann ja erst um 23 Uhr, dann hatten wir nur rund eine Stunde Zeit.  
 
Woraus resultierte dieser Zeitdruck?
Das Fotoshooting war für unser Haus eine logistische Herausforderung. Wir spielen fast jeden Abend, tagsüber wird geprobt. Das heißt, wir haben kaum Zeitfenster, um einem solchen Projekt den nötigen Raum zu geben. Deshalb die späte Abendstunde. Es war sicherlich auch für Andreas Mühe eine Herausforderung. Er konnte für diese Aufnahme vorher nicht probieren; er hatte nur vergleichsweise wenig Zeit, um das Licht und die Kamera einzurichten. Und mit über 1.000 Menschen konnten wir das Shooting mitten in der Nacht natürlich nicht über zwei, drei Stunden ausdehnen. Umso mehr freuen wir uns über das tolle Ergebnis.
 
Das Foto gefällt Ihnen?
Es ist eine phantastische Aufnahme entstanden. Andreas Mühe hat uns drei Motive zur Auswahl gestellt, gemeinsam haben wir uns dann für das Foto entschieden, das wir alle für das stärkste halten.
 
Wie sind die Rückmeldungen bisher ausgefallen?
Das Foto wurde heute im Rahmen der Präsentation des Jahresheftes und der Plakate für die neue Spielzeit erstmals veröffentlicht, die Reaktionen werden jetzt erst kommen. Ich finde es bemerkenswert, dass bei über 1.000 Menschen, die beim Shooting dabei waren, kein einziges Foto, kein Schnappschuss schon vorher im Internet erschienen ist. Das war uns natürlich ein wichtiges Anliegen, und die Ultras  Dynamo haben das voll unterstützt und mit aufgepasst, dass nicht doch heimlich fotografiert wurde.
 
Wie sind Sie auf Andreas Mühe als Fotografen gekommen?
Im Zuge der Intendanz von Peter Theiler, die mit der kommenden Spielzeit beginnt, wollten wir eine neue visuelle Konzeption für das Jahresheft und die anderen Publikationen entstehen lassen. Wir haben einen Grafiker fest in unser Haus geholt, der aus vielen Gesprächen die Idee entwickelt hat, jede Spielzeit einen Künstler zu wählen, dessen ästhetisch-optische Handschrift unsere Publikationen prägt. Das kann ein Fotograf sein, aber auch ein Maler oder Objektkünstler. Unser Grafiker hat Andreas Mühe ins Spiel gebracht, dessen Arbeit wir natürlich kannten, und der uns für den Auftakt dieses neuen künstlerischen Konzepts als besonders geeignet erschien.
 
Ein gefragter Fotograf und Künstler, der nicht so leicht zu engagieren ist.
Aber er war von der Idee sofort angetan und hat, wenn ich mich recht erinnere, schon in unserem ersten Telefonat gesagt: „Sie können davon ausgehen – Andreas Mühe ist mit im Boot.“

Die Bildidee, Dynamos Ultras in die Oper zu holen, kam von Andreas Mühe.
Wir fanden seinen Gedanken einleuchtend: Zwei Dresdner Kulturen zusammenzubringen, die verschieden sind, aber beide – auf ihre jeweils eigene Art – das Bild der Stadt deutlich prägen. Dabei den Zuschauerraum als Bühne zu inszenieren. Das hat sich uns sehr schnell vermittelt. Auch von unseren Mitarbeitern ist uns Begeisterung entgegengeschlagen, es gibt viele Dynamo-Fans hier im Haus. Das Fotomotiv mag für den einen oder anderen eine Provokation sein. Ich sehe es eher als ein Überraschungsmoment. Die Oper voll mit maskierten Dynamo-Fans, das ist sehr ungewöhnlich. Gleichzeitig ist es eine unglaubliche Chance, diese zwei verschiedenen Kulturen, die vielleicht gar nicht so verschieden sind, auf einem Bild zu vereinen.
 
Man sagt gemeinhin, dass sich im Fußballstadion alle Schichten und Kulturen treffen. Ist das Opernpublikum geschlossener?
In der Vergangenheit war das so, und es gilt sicher auch heute noch. Aber wir arbeiten hier in Dresden seit Jahren und Jahrzehnten daran, unser Haus mehr zu öffnen, die Oper auch für jüngere Menschen zugänglich und interessant zu machen. Ich halte grundsätzlich wenig davon, sich abzugrenzen. Jeder sollte die Möglichkeit haben, eine Oper zu besuchen oder sich ein Fußballspiel im Stadion anzuschauen. Entscheidend ist, dass man Spaß daran hat.
 
Hatten Sie persönlich vorher schon Berührungspunkte mit Fußballfans?

Ich war einige Jahre am Staatstheater Braunschweig tätig. Dort haben wir ein Stück in Zusammenarbeit mit Eintracht Braunschweig entwickelt und dabei natürlich auch Spiele besucht und Fans des Vereins kennengelernt.
 
Ist eine Fortsetzung des Projekts mit Ultras Dynamo für die Semperoper denkbar?
Dieses konkrete Projekt ist natürlich abgeschlossen. Grundsätzlich können wir uns aber gut vorstellen, andere Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln. Wie genau das aussehen könnte, darüber sind wir mit den Ultras und dem Verein in Gesprächen. Ich hoffe sehr, dass daraus etwas erwächst, das uns enger zusammenbringt.
 
Wann dürfen wir Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen zu einem Fußballspiel begrüßen, vielleicht sogar im K-Block?
Ich hoffe, schon bald. Das nächste Treffen soll im März stattfinden, bei der Gelegenheit wollen wir auch einen Stadionbesuch verabreden.
 
Frau Springer, vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Jan Franke
Fotos: Steffen Kuttner