KREISEL-Interview mit Torsten Gütschow

Als wir Meister geworden sind, standen 60.000 Fans am Flughafen.


Torsten Gütschow

Als die letzten Ausläufer von Sturmtief „Mortimer“ Anfang Oktober in Dresden das welke Laub von den Bäumen schüttelten, hatten wir Torsten Gütschow in Zeven im Norden der Republik am Telefon. Seit 2006 lebt der frühere Weltklasse-Stürmer mit seiner Familie in der 14.000-Seelen-Gemeinde zwischen Hamburg und Bremen.

Wir sprachen mit dem gebürtigen Görlitzer über Instinkte vorm Tor und knallharte Verteidiger. Wir wollen wissen, warum der dreimalige Torschützenkönig der DDR-Oberliga nach der Wende nicht in die Bundesliga gewechselt ist. Außerdem verriet „Horschtl“ uns, welchen Fehlschuss er nie vergessen wird.

Herr Gütschow, geht bei Ihnen auch gerade die Welt unter?

(lacht) Im Moment regnet es nicht, aber es geht bestimmt gleich wieder los. Ich habe den Vormittag genutzt und war draußen in den Pilzen.

Haben Sie ein gutes Auge für Pilze?
Ich war schon als Kind viel in den Pilzen und kenne meine zwei, drei Sorten. Steinpilze und Braunkappen finden sich hier reichlich. Was ich nicht kenne, lasse ich stehen.

Genießen Sie es, im Moment mehr Zeit für sich und Ihre Familie zu haben?
Ich koste diese Zeit aus, so gut es geht. Wir als Familie haben unseren Lebensmittelpunkt in Zeven, aber natürlich bin ich beruflich bedingt viel unterwegs und konnte oft nicht hier sein. Das wird auch wieder so kommen, das ist einfach mein Job, für den ich brenne. Meine Frau und meine Kinder geben mir dabei sehr viel Rückhalt. Dafür bin ich unheimlich dankbar.

Ihre Zeit als Nachwuchsspieler eingeschlossen, waren Sie 19 Jahre für die SGD aktiv – wie weh tut es Ihnen heute noch, wenn Dynamo mit 1:4 im Erzgebirge verliert?
Was heißt, weh tun. Als Dynamo 2014 in die 3. Liga abgestiegen ist, hat es gehörig geschmerzt. Aber eine Derbyniederlage muss man wegstecken. Ich habe mit Dynamo selbst oft in Aue gespielt…

Gegen Wismut haben Sie Ihr Oberliga-Debüt gefeiert. Ein 3:0-Heimsieg am 23. August 1980.
Aber es war immer schon schwer, in Aue zu bestehen, auch zu meiner Zeit. Heute ist die Rivalität ja noch viel ausgeprägter. Aue war am Sonntag giftiger als wir. Sie haben die entscheidenden Zweikämpfe gewonnen und weniger Fehler gemacht. Das war spielentscheidend.

Wo haben Sie das Sachsenderby gesehen?
Zuhause am Fernseher. Ich verfolge alle Dynamo-Spiele, wenn ich es mir irgendwie einrichten kann. Gegen Hannover bin ich wieder mal in Dresden, darauf freue ich mich schon.

Wie oft sind Sie im Rudolf-Harbig-Stadion zu Gast?
Das hing natürlich auch immer davon ab, wo ich als Trainer tätig war. Während meiner Zeit bei Budissa Bautzen hat es häufig geklappt. Letzte Saison war ich bei fast jedem Heimspiel. Im Moment ist das nicht der Fall, aber ich versuche, es mir so oft wie möglich einzurichten. Für mich ist das Rudolf-Harbig-Stadion immer noch wie ein zweites Wohnzimmer. Dynamo ist und bleibt mein Herzensverein.

1976 sind Sie als 14-Jähriger von Görlitz nach Dresden gekommen, am Ende standen 414 Pflichtspiele. Nur „Dixie“ Dörner und Reinhard Häfner haben mehr Einsätze auf dem Konto.
In der Kinder- und Jugendsportschule ging es los, das ist jetzt 43 Jahre her. Wahnsinn, wie die Zeit dahinrast. (lacht) Ich bin sehr dankbar für alles, was mir Dresden gegeben hat. Ich habe dort viele Freunde fürs Leben gewonnen. Mit Ulf, „Mingus“, „Haupe“ (Ulf Kirsten, Ralf Minge, Ralf Hauptmann; A. d. Red.) und anderen Weggefährten telefoniere ich regelmäßig. Wenn wir uns in Dresden sehen, ist es immer etwas Besonderes. Das ist mein zweites Zuhause.

Mit Hannover trifft die SGD in dieser Saison wieder auf einen Club, bei dem Sie 1994/95 ein erfolgreiches Zweitliga-Jahr hatten – 17 Tore in 35 Pflichtspielen können sich sehen lassen. Schauen Sie noch häufiger zu den 96ern?
Es ist eine tolle Geschichte, dass ich für diesen Traditionsclub spielen durfte. Auch aus sportlicher Sicht war es eine Herausforderung für mich. Natürlich verfolge ich, wie sich der Verein entwickelt. Gelegentlich schaue ich mir ein Heimspiel im Stadion an und treffe den einen oder anderen Freund. So weit ist es ja nicht von hier.

In welcher Tabellenregion sehen Sie den Bundesliga-Absteiger in dieser Saison?
Von der Qualität her können sie aus meiner Sicht um Platz drei mitspielen, auch wenn der Start alles andere als gut war. Ganz vorne sehe ich Stuttgart und den HSV. Dahinter gibt es sechs, sieben Mannschaften, die sich um den Relegationsplatz streiten werden. In puncto Tradition und vom Umfeld ist Hannover ein Bundesligist. Dass daraus auch Druck entsteht, weiß man in Dresden ja ganz genau.

Häufig rücken Spieler im Laufe ihrer Karriere von vorne immer weiter nach hinten. Ihnen ist das nicht passiert.
Meine Stärke war immer das Toreschießen, von klein auf. Das hat sich dann auch im Seniorenbereich fortgesetzt.
 
Wo Sie mit Ulf Kirsten einen kongenialen Partner an Ihrer Seite hatten.
Ulf und ich haben sieben Jahre zusammengespielt und uns fast blind verstanden. Aber wir haben ganz vorne auch davon profitiert, dass wir phantastische Mitspieler hatten. Matthias Sammer, Ralf Minge, „Champi“ Pilz, Jörg Stübner – ich müsste hier noch viele Namen nennen. Das war eine Riesenmannschaft.

Was ist das Geheimnis eines Goalgetters?
Es gehört ein gewisser Instinkt dazu, im richtigen Moment an der richtigen Stelle zu stehen. Auch die fußballerischen Voraussetzungen spielen eine Rolle. Ich war beidfüßig, das hilft dir als Torjäger in vielen Situationen.

Ihr Kopfballspiel war auch nicht ganz schlecht.
Das stimmt, wobei ich mir das bis heute nicht wirklich erklären kann. Besonders groß gewachsen bin ich ja nicht. (lacht) Mein Timing war nicht so schlecht, und sicher ist auch das Kopfballspiel eine Frage des Instinkts.

Welche Rolle spielt das Nervenkostüm?
Viele bekommen im Strafraum das Flattern. Ich bin eigentlich immer ruhiger geworden, je näher das Tor kam. Als Stürmer wusste ich, dass es der Verteidiger schwer hat, wenn du erstmal im 16er bist.

191 Pflichtspieltreffer sind Vereinsrekord. Wurde das Toreschießen für Sie irgendwann zur Gewohnheit?
Nein, auf keinen Fall, ich habe mich über jeden Treffer gefreut! Es war eher so, dass die Leute unruhig wurden, wenn du mal drei, vier Spiele nicht getroffen hast. In so einer Phase musst du dir als Torjäger im Training das Selbstvertrauen holen. Du musst in jeder Einheit die Bälle ins Tor schießen und darfst den Glauben nicht verlieren. Eine andere Medizin gibt es nicht. So macht es auch ein Robert Lewandowski.

Den Topstürmer der Bundesliga konnten Sie vor zwei Monaten beobachten, als Sie beim FC Bayern hospitiert haben.
Ich habe zuletzt auch bei Werder Bremen und beim SC Paderborn reingeschaut. Als Fußballlehrer ist es unabdingbar, sich regelmäßig Eindrücke bei Kollegen zu verschaffen und für sich mitzunehmen, wie andere Trainer arbeiten. Solche Stippvisiten sind lehrreich und enorm wertvoll. Auch wenn es am Ende immer auf eine Sache hinausläuft – das Runde muss in das Eckige.

Gibt es ein Tor, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Das 2:1 bei Lok Leipzig, als wir die Qualifikation für die Bundesliga geschafft haben. Dieses Tor hat für mich bis heute einen sehr hohen Stellenwert.

Haben Sie das mit Ralf Minge abschließend geklärt?

(lacht) Wir waren beide zur Stelle, der Ball war drin, nur das zählt.

An welche Tore denken Sie noch zurück?
Stolz bin ich darauf, dass ich die ersten Bundesliga-Tore für Dynamo geschossen habe (Doppelpack beim ersten Bundesliga-Sieg der SGD am 3. Spieltag 1991/92 zuhause gegen Eintracht Frankfurt; A. d. Red.) Und natürlich war es auch immer etwas Besonderes, im Europapokal zu treffen. Es ist schwierig, ein einzelnes Tor herauszuheben.

Schauen Sie sich manchmal alte Spiele an?

Ich habe einige Spiele und Tore zuhause auf Band. Es kommt vor, dass wir uns mit den Kindern hinsetzen und ein paar alte Aufnahmen anschauen. Dann habe ich die Situationen sofort wieder genau vor mir. Es ist erstaunlich, wie gut die Erinnerung funktioniert. (lacht)

Hat sich eine vergebene Chance nachhaltig ins Gedächtnis gebrannt?

Eine Szene fällt mir sofort ein. Es war beim Heimspiel gegen Bochum in der ersten Bundesliga-Saison. Heiko Scholz ist rechts durchgegangen, hat eine Eingabe vors Tor gebracht, der Bochumer Keeper Ralf Zumdick ist vorbeigehechtet. Ich hätte den Ball nur annehmen und aus sechs Metern ins Tor schieben müssen. Aber das Ding ist mir ans Knie gesprungen und sensationell über die Latte gegangen. Das Spiel endete torlos und ich hätte mich am liebsten eingebuddelt. (lacht)

Gegen welchen Verteidiger haben Sie ungern gespielt?
Es gab zwei, die besonders unangenehm waren – Jens Melzig aus Cottbus und Detlef Schößler aus Magdeburg. Mit beiden habe ich dann ja auch in Dresden noch zusammengespielt. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob ich darüber wirklich froh sein sollte. Statt zweimal im Jahr, hatte ich es dann im Training jede Woche mit ihnen zu tun. (lacht) Beide waren exzellente Verteidiger, die jedem Stürmer das Leben schwer gemacht haben. Wir sind bis heute dicke Kumpels. In der Bundesliga ist mir Michael Schulz im Gedächtnis geblieben. Der war gefühlt zwei Meter groß und hatte ein Wahnsinnstackling.

Zu Ihrer aktiven Zeit hatten Publikum und Schiedsrichter noch eine andere Wahrnehmung von vermeintlich gesunder Härte.
Das lässt sich mit heute nicht vergleichen. Damals war auch noch nicht alles von 25 Kameras ausgeleuchtet. Abwehrspieler haben es dadurch heutzutage bedeutend schwerer. Natürlich ist es richtig, die Stürmer zu schützen. Aber viele Zweikämpfe werden aus meiner Sicht zu schnell abgepfiffen. Da sollten wir eher nach England schauen. Dort wird mit mehr Leidenschaft gespielt, dieser Fußball gefällt mir.

Wie haben Sie sich als Stürmer gegen die harten Hunde geschützt?
Das Beste ist es, selbst den Körperkontakt zu suchen, sich in den Abwehrspieler reinzustellen. So kann der Gegenspieler nicht ins Tackling gehen, man kann den Ball sichern und auch mal einen Freistoß rausholen.

Warum sind Sie nach der Wende nicht den Schritt in die Bundesliga gegangen?
Ich hatte ein Angebot von Borussia Dortmund, habe mich aber dagegen entschieden und bin erstmal in Dresden geblieben. Ich war fast 15 Jahre bei Dynamo und fest im Verein und der Stadt verwurzelt. Es war für unsereins damals kein Klacks, mal eben den Club zu wechseln. Aus heutiger Sicht lacht man darüber vielleicht.

Umso größer erscheint der Schritt im Dezember 1992 in die Türkei zu Galatasaray.
Ich durfte als Fußballer in Istanbul eine unvergessliche Zeit erleben. Das habe ich auch Reinhard Häfner zu verdanken. Er war damals als Manager für Dynamo tätig und hat den Wechsel mit eingefädelt. Der Transfer ging sehr schnell vonstatten, quasi über Nacht. Reinhard Häfner und ich waren in Köln am Flughafen und haben dort alles klargemacht. Ich habe mir dann noch am Flughafen ein paar Klamotten gekauft und bin mit der nächsten Maschine nach Istanbul geflogen. Fünf Tage später habe ich dort das erste Spiel gemacht.

Was hat Sie dazu bewogen, an den Bosporus zu gehen?
Mit Falko Götz, Reinhard Stumpf und Trainer „Kalli“ Feldkamp waren drei Deutsche dort. So wusste ich schon mal, dass ich in der Kabine Anschluss finden würde. Falko Götz kannte ich aus der DDR-Juniorennationalmannschaft, wir hatten einen sehr guten Draht. Er hatte eine große Aktie an diesem Wechsel.

Mit Galatasaray sind Sie Meister und Pokalsieger geworden. Sie haben 19 Pflichtspiele gemacht, am laufenden Band getroffen und vorgelegt – war es im Rückblick die aufregendste Zeit Ihrer Karriere?

Das Kapitel Istanbul war überragend und bleibt für mich unvergesslich. Im Sturm spielte ich neben Hakan Şükür. Der war Anfang 20, aber schon absolute Extraklasse. Wir hatten jede Menge hervorragende Kicker in unseren Reihen. Als wir Meister geworden sind, standen 60.000 Fans am Flughafen. Das war unbeschreiblich.

Die Entscheidung fiel erst am letzten Spieltag.
Wir waren punktgleich mit Besiktas und hatten die leicht bessere Tordifferenz. Besiktas hat seine Hausaufgaben gemacht und gewonnen, aber wir haben einen Sahnetag erwischt und uns auswärts mit 8:0 durchgesetzt…

Sie haben drei Tore geschossen.
Es hat einfach alles gepasst an diesem Tag.

Nach einem reichlichen halben Jahr sind Sie zurück nach Deutschland gegangen.
Das hing auch mit dem Trainerwechsel zusammen. „Kalli“ Feldkamp musste aus gesundheitlichen Gründen als Trainer zurücktreten, sein Nachfolger Reiner Hollmann hat nicht mehr voll auf mich gesetzt. Mit Jena wollte ich in der 2. Liga angreifen. Leider wurde es ein Seuchenjahr, weil ich viel verletzt war.

Warum stehen nur drei Länderspiele auf Ihrer Visitenkarte?

Mit Ulf Kirsten, Thomas Doll und Andreas Thom hatte ich drei große Kaliber vor mir. Ich saß häufig auf der Bank, bin nicht reingekommen. Sonst hätte ich vielleicht auch an die 20 Länderspiele gemacht. Aber das war okay, die hohe Qualität meiner Konkurrenten habe ich anerkannt. Für mich war es eine Ehre, wenn ich bei der Nationalmannschaft dabei sein durfte.

Sie haben 57 Lenze Lebenserfahrung gesammelt. Was sind die wesentlichen Dinge, die sie einem jungen Menschen mitgeben würden?
Egal, was passiert – du musst immer versuchen, das Beste aus einer Situation zu machen. Dann kannst du mit dir im Reinen sein. Und du solltest für die Menschen da sein, die dir am nächsten sind – die Familie. Wenn man als Familie zusammenhält, kann man auch Dinge schaffen, die schwierig sind.

Wann sehen wir Torsten Gütschow wieder als Trainer an der Seitenlinie?
Es kribbelt wieder. Ich bin jetzt vier, fünf Monate zuhause, habe Haus und Garten auf Vordermann gebracht. Ich hoffe, dass es bald wieder losgeht. Das ist mein Ziel, dafür arbeite ich.

Herr Gütschow, vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Jan Franke
Fotos: imago-images/Camera 4 (1), imago-images/Rust (2), imago-images/Werek (3), imago-images/Kruczinski (4), imago-images/foto2press (5), Frank Dehlis (6)