KREISEL-Interview mit Ulf Kirsten

„Wenn du keine Träume hast, kannst du den Laden dichtmachen.“

Ulf Kirsten

Das vorliegende KREISEL-Interview ist etwas Besonderes. Einerseits, weil man einen Ulf Kirsten nicht alle Tage im Heft hat. Früherer Weltklassestürmer. 100-facher Nationalspieler. Dreifacher Bundesliga-Torschützenkönig. Fußballer des Jahres der DDR und Doublesieger 1990. Kurzum: Ein Dynamo-Idol. Vor dem Heimspiel gegen Kiel hat sich der „Schwatte“ für einen ausführlichen Fragenkatalog viel Zeit genommen.

Zum anderen konnte sich die KREISEL-Redaktion dieses Mal entspannt zurücklehnen – das Interview mit Ulf Kirsten ist ein Heftbeitrag von ULTRAS DYNAMO. Anlässlich des „2. Dresdner Traditionstages“ erscheint das beste Stadionheft der 2. Liga auch dieses Jahr in einer umfangreichen Sonderausgabe mit „ZO“ im Mittelteil und diesem äußerst lesenswerten Gespräch mit einer schwarz-gelben Legende als Filetstück. Wir bedanken uns bei ULTRAS DYAMO und wünschen viel Spaß beim Lesen! 

Ulf, du bist 1965 in Riesa geboren und 1979 von Stahl Riesa zu Dynamo gegangen. Wie kam es zum Wechsel nach Dresden?
Mit dem Fußballspielen angefangen habe bei Chemie Riesa, heute heißt der Verein SV Röderau-Bobersen. Bei einer Spartakiade in Dresden gewannen wir mit einer Riesaer Kreisauswahl im Endspiel 2:1 gegen Dynamo. Ich habe als Mittelfeldspieler beide Tore geschossen, bin dabei wohl Walter Fritzsch und den Jugendtrainern von Dynamo aufgefallen. Ich habe dann noch ein Jahr Zwischenstation bei Stahl Riesa gemacht, bevor ich zu Dynamo gewechselt bin.

War für dich schon immer klar, dass du als Fußballer in die Offensive willst?
Ich habe sogar ein-, zweimal im Tor gespielt. Das war wahrscheinlich nicht so erfolgreich. (lacht) Da bin ich dann doch lieber in den Sturm gegangen, was unfallfreier war. Da konnte man sich auch etwas mehr austoben als zwischen den Pfosten.

Die Zeit in Dresden war sicher das prägendste Kapitel deiner Karriere – du warst Meister, Pokalsieger und hast im Europacup gespielt ...
Definitiv. Prägend war die Zeit sicher auch, weil ich bei Dynamo groß geworden bin. Gemeinsam mit Jörg Stübner bin ich mit 17 Jahren in die 1. Mannschaft gekommen. Dort mittrainieren zu dürfen, war ein echtes Highlight. Damals haben wir zu Dörner, Häfner, Schade, Minge und wie sie alle hießen aufgeschaut. Wenn die erste Mannschaft trainiert hat, standen wir als Nachwuchsspieler mit leuchtenden Augen am Zaun. Als wir dann hochgerückt sind, waren wir zwar erstmal die Prügelknaben, die Bälle und Fahnenstangen schleppen oder die Kreidemaschine rüber in den Großen Garten fahren durften. Aber wir haben das gerne gemacht, alleine schon aus Respekt.

Bist du direkt aus dem Nachwuchs in die Oberliga-Mannschaft gerückt?

Anfangs habe ich oben trainiert und unten gespielt. Das heißt, ich spielte am Wochenende 75 Minuten in der 2. Mannschaft und wechselte danach schnell auf die Bank der Ersten, welche direkt im Anschluss spielte. Ich bekam dann auch dort meine Einsätze. Es war für uns als junge Spieler bereits ein Höhepunkt, mit der zweiten Mannschaft im Stadion vor 6.000 Zuschauern aufzulaufen. Das kann heutzutage glaube ich kaum noch einer nachempfinden.

Nach dem Fall der Mauer und dank Reiner Calmund bist du dann zu Bayer Leverkusen in die Bundesliga gewechselt. Wie kam es dazu?
„Calli“ war schon seit 1989 im Osten allgegenwärtig und pflegte auch regen Kontakt zu mir. Die Verträge mit Thom, Sammer und mir waren schnell unter Dach und Fach. Es war jedoch politisch nicht gewollt, dass drei Spieler direkt nach Leverkusen wechseln. Also ging Sammer nach Stuttgart, ich sollte eigentlich nach Dortmund gehen, der Wechsel stand Anfang 1990 schon so gut wie fest. Aufgrund des Länderspiels der DDR gegen die USA im März 1990 [3 Tore Kirsten] machte „Calli“ allerdings nochmal ordentlich Druck und erhöhte die Ablösesumme. Somit wechselte ich dann doch zu Bayer Leverkusen.

Gab es damals auch schon Anfragen aus dem Ausland, so wie es heute aus England üblich ist?
England konnte damals, Anfang der 90er Jahre, finanziell nicht mithalten. Deren Aufschwung kam erst durch die Europameisterschaft 1996. Ich hatte allerdings ein Angebot aus Italien von Inter Mailand vorliegen. Die wollten mich damals aber gleich weiter nach Cagliari verleihen. Das hatte ich dann abgelehnt, zumal der Deal zwischen Leverkusen und Dynamo schon so gut wie ausgehandelt war.

Mit welchen Gefühlen bist du damals mit deiner Familie in den Westen gegangen?
Wir sind da schon mit gemischten Gefühlen hingegangen. Einerseits war man nun in der Bundesliga, die man bislang jede Woche verfolgt hatte und wo man als Spieler irgendwann auch hinwollte. Andererseits wusste ich nicht, in welche Mannschaft ich dort reinkomme. Privat war es genau dasselbe. Es gab einfach eine Ungewissheit, ob wir uns dort wohlfühlen würden. Dresden war für uns als Familie schließlich Heimat.

Wie war die Anfangszeit bei Bayer?
Als ich am ersten Tag die Kabine betrat, hat keiner ein Wort gesagt. In Dresden wurde immer geflachst, da war Stimmung. Das Miteinander war wirklich ein Unterschied wie Tag und Nacht. In Dresden gab es wirklich Freundschaften. Das Gefühl hatte ich in Leverkusen am Anfang nicht. Später hat sich das dann auch entwickelt, aber am Anfang kochte jeder sein eigenes Süppchen. Bis man sich nach dem Spiel mal getroffen und ein Bierchen zusammen getrunken hat, dauerte es. In Dresden war das Usus, gerade nach dem Spiel, wenn man mit den Kindern und der Familie noch im Casino saß.

Wie sehr hat sich „Calli“ um euch gekümmert?
Sehr, vor allem in der Anfangszeit. Er hat sich immer darum bemüht, dass wir uns wohlfühlten. Und das war auch wichtig. Man ist da schon im wahrsten Sinne des Wortes in eine Ellbogengesellschaft hereingekommen. Zudem standen wir als „Ossis“ natürlich auch unter argwöhnischer Beobachtung, ob wir überhaupt die Qualität für die Bundesliga besitzen. Das hat man deutlich gespürt.

Du hast mit Dynamo den Traum vom Europapokal erleben dürfen. Welches Erlebnis aus dieser Zeit fällt dir spontan ein?

Die Europacupspiele in Dresden waren allesamt Highlights. Es herrschte immer eine Mega-Atmosphäre. Schon ein bis zwei Stunden vor Anpfiff war die Bude voll und die Stimmung überragend. Ich bekomme jetzt direkt Gänsehaut, wenn ich daran denke. Auswärts waren wir ja nicht ganz so erfolgreich, aber die Heimspiele waren immer besonders. Hängengeblieben sind viele Spiele. Die beiden Siege gegen AS Rom oder meine drei Tore gegen Waregem. Auch Aberdeen zuhause war ein geiles Spiel. Da gab es schon richtig gute Europacup-Momente, die ich nicht missen möchte. Es war wirklich ein Traum.

Welcher Auswärtsspielort hat dich am meisten beeindruckt?

Wir haben ja meistens nicht allzu viel gesehen, da der übliche Ablauf aus Anreise, Training, Hotel, Spiel und Abreise bestand. Beeindruckend war auf jeden Fall die Fahrt nach Rom, weil wir da auch einen Abstecher in den Vatikan gemacht haben. Das war schon was Besonderes.

Waren die Reisen zu den Europacupspielen damals auch schon so professionell organisiert wie später mit Leverkusen?
Für die damalige Zeit war das schon sehr gut organisiert. International sind wir immer geflogen. Dynamo hat auch ab und zu gechartert, wenn mich nicht alles täuscht. Allerdings waren die Maschinen nicht ganz so gut. (lacht)

Man munkelt, dass du kein großer Freund vom Fliegen bist?
Der Mutigste bin ich sicherlich nicht. (lacht)

Was muss deiner Meinung nach passieren, damit Dynamo das 100. Europacupspiel bestreitet?
Man müsste wohl den Pokal gewinnen, anders wird es relativ schwierig, nochmal im Europacup zu spielen. Der Weg über den Aufstieg in die 1. Liga, wo man erstmal Fuß fassen und dann unter die ersten sechs kommen müsste, scheint schon relativ utopisch bei der Qualität der einzelnen finanziell starken Bundesligisten. Eine Wildcard gibt es ja glaube ich nicht. (lacht)

Kannst du trotzdem nachempfinden, dass die Fans in Dresden „einen Traum“ haben?
Wenn du keine Träume mehr hast, kannst du den Laden auch gleich dicht machen. Die Fans müssen sich ja an irgendwas festhalten. Der Traum soll weitergelebt werden, weil ja auch die Faszination Dynamo mit darauf aufgebaut ist, ganz klar. Man träumt von der Bundesliga und vom internationalen Fußball. Es kommen ja nicht umsonst so viele Leute ins Stadion. Gerade das zeichnet Dresden doch aus – nicht nur ins Stadion gehen, Spiel gucken und wieder nach Hause fahren. Hier lebt alles, nicht nur der K-Block. Auch im gesamten Rund herrscht eine gute Stimmung, so wie ich das bei meinem letzten Besuch erlebt habe.

Im Jahr 2003 hattest du dein Abschiedsspiel hier in Dresden. Damals gab es eine relativ große Pyro-Show in der Fankurve. Welche Erinnerungen hast du daran?
Das war mit Abstand eines meiner eindrucksvollsten Spiele. Als ich auf den Platz gelaufen bin, habe ich nur nach unten geguckt und musste mit dem Kopf schütteln, das war echt mega. Wenn man heute Abschiedsspiele mit 60.000 Zuschauern sieht, kommen die da nicht ran. Die Atmosphäre damals war einfach gigantisch, dafür bin ich den Fans in Dresden ewig dankbar.

Wie nimmt man Pyrotechnik als Spieler auf dem Platz wahr?
Für die Spieler ist es eine geile Atmosphäre, gerade bei Flutlichtspielen. In Italien jubeln alle, in Deutschland wird es sehr kritisch gesehen. Hier ist es nun mal verboten. Aber ich persönlich finde, es gehört zur Fankultur.

Hast du eigentlich schon mal ein Spiel von Dynamo im neuen K-Block verfolgt?

Ich wollte ursprünglich zu Lehmis Abschied in den K-Block gehen, aber an dem Tag konnte ich leider nicht. Klar würde ich gerne mal ein Spiel im K-Block verfolgen, mit Basecap und Sonnenbrille vielleicht. Ich denke, es klappt irgendwann mal.

Dynamo verzeichnet seit 2011 einen stetigen Zuwachs an Mitgliedern und versteht sich als demokratischer Traditionsverein. In Leipzig wird eine andere Philosophie verfolgt. Was ziehst du vor?
Wenn ich so viel Geld hätte wie Herr Mateschitz, dann hätte ich bei Dynamo auch 100 Millionen reingepumpt. Ich glaube nicht, dass dann jemand was dagegen gesagt hätte. (lacht) Im Ernst: Ich finde es wichtig, dass die Fans die Möglichkeit haben, ihren Verein mitzugestalten. Ohne die Menschen auf den Tribünen, die Stimmung machen, sich jedes Jahr ein neues Trikot kaufen oder wie hier in Dresden immer wieder ihr Erspartes in den Verein stecken, wäre der Fußball  hier nicht so groß geworden. Andererseits kann man das Rad nicht mehr zurückdrehen. Die einen werden immer mehr Geld haben, dafür aber vielleicht weniger Sympathien. Damit muss man sich, denke ich, arrangieren.

Oder den Sprung in die Bundesliga schaffen …
Dynamo wird in den kommenden Jahren weiterhin ein Ausbildungsverein bleiben, der mit Transfers von jungen, talentierten Spielern wichtige Einnahmen generieren kann. Auch die Entwicklung des Kaders in den letzten Jahren finde ich stimmig. Das aktuelle Beispiel dafür ist ein Moussa Koné, der durch ein gutes Scoutingsystem entdeckt wurde. Solche Jungs bringen zum einen neue Qualität in die Mannschaft, zum anderen kann man sie vielleicht irgendwann für mehr Geld verkaufen.

Seit letztem Sommer haben Fußballfans bundesweit gegen die Entwicklung beim DFB und der DFL mobil gemacht. Mit dem Erhalt der „50+1“-Regel, für die sich die Mehrheit der Vereine ausgesprochen hat, wurde ein wichtiger Zwischenerfolg erreicht. Wie ist deine Einschätzung der Entwicklung?
Letzten Endes ist die „50+1“-Regel ja geblieben, was ich im Grunde genommen richtig finde. Momentan herrscht ohnehin keine Chancengleichheit in den Ligen, was absehbar auch so bleiben wird. Aber ich glaube nicht, dass der Status quo in Stein gemeißelt ist. Dafür sind die großen Vereine einfach zu mächtig. Trotzdem – wenn man nach Spanien oder England schaut, wo viele Vereine hoch verschuldet sind und nur dank ihrer reichen Besitzer überleben können, dann finde ich das System hierzulande schon so in Ordnung.

Bleiben wir beim Blick in die Zukunft. Welche Effekte kann das geplante moderne Trainingszentrum für den Verein erzielen?
Sehr, sehr positive. Wenn die Infrastruktur stimmt, hat man vielleicht auch mal die Möglichkeit, einen Spieler mit Qualität nach Dresden zu holen, der nicht unbedingt nur aufs Geld schaut. Die drei Faktoren – Fans, Stadion und ein Trainingszentrum mit Topbedingungen – das sind definitiv Argumente, die für Dynamo sprechen können. Natürlich profitiert auch der Nachwuchs von hervorragenden Trainingsbedingungen, obwohl die Voraussetzungen in der Nachwuchs Akademie schon sehr gut sind. Wenn man aber mit dem neuen Zentrum junge Spieler nach Dresden locken kann, ist das natürlich umso besser. Dynamo wird immer ein Verein bleiben, der seine eigenen Spieler entwickeln muss. Das hatte man lange Zeit eher vernachlässigt. Durch Ralf Minge ist da aber wieder Struktur reingekommen.

Man sieht dich auch immer mal wieder in der Nachwuchs Akademie bei einem Spiel der Talente ...

Dynamo ist mittlerweile wieder auf einem ganz guten Weg, aber da geht immer noch mehr. Man hat mit Stefaniak, Hauptmann und Schubert Spieler, die sich über den Nachwuchs für die erste Mannschaft angeboten haben. Sicherlich waren die Zeiten früher anders. Da brachte man jedes Jahr zwei Talente nach oben. Das ist jetzt nicht mehr so. Aber man muss zumindest wieder dahin kommen, dass junge Spieler sich so entwickeln, dass sie sich im erweiterten Kreis der Profimannschaft bewegen.

Dynamo wird den Großen Garten absehbar verlassen. Hast du eine Trainingsanekdote aus früheren Tagen?
Eine Anekdote fällt mir auf die Schnelle nicht ein. Auf jeden Fall war der Rasen im Großen Garten früher ein Top-Teppich, wie in Wembley. Da durften wir nur einmal die Woche drauf. Meistens hat am Mittwochnachmittag die erste gegen die zweite Mannschaft gespielt. Ansonsten wurde auf dem Nebenplatz trainiert. In der Jugend trainierten wir ausschließlich auf Asche, da durften wir nur rüber, um die Grashalme mit der Nagelschere zu schneiden.

Mal abgesehen von Uerdingen – was war dein persönlicher Tiefpunkt als Spieler der SGD?
Definitiv das Ausscheiden im Europapokal der Pokalsieger gegen Rapid Wien 1985, also ein Jahr vor Uerdingen. Das Ganze war ziemlich ähnlich. Zu Hause hatten wir 3:0 gewonnen, waren ganz nah dran am ersten Halbfinaleinzug im Europacup. Dann haben wir dort eine herbe 0:5-Niederlage kassiert. Auf der Negativskala kann man das schon analog mit Uerdingen ansiedeln. Ansonsten bleiben eher die positiven Dinge in Erinnerung. Pokalsiege, Meisterschaften und legendäre Europapokalnächte.

Mit Leverkusen war es dir nicht vergönnt, Deutscher Meister zu werden. Haben die zwei Meisterschaften mit Dynamo Dresden dadurch einen besonderen Stellenwert?
Klar haben die einen hohen Stellenwert! Das waren ja auch Meisterschaften, die man erstmal gewinnen musste. Ich habe meinen Mitspielern in Leverkusen im Flachs immer gesagt, ich bin Meister, ihr Pfeifen, was wollt ihr denn eigentlich? Als Antwort kam dann meist, naja, DDR, das ist nicht Deutschland. Das war auf jeden Fall immer sehr lustig.

Du lebst in Bergisch-Gladbach, in der Nähe von Leverkusen, und damit relativ weit weg von Dresden. Was bedeuten Dresden und Dynamo für dich heute?

Immer noch Heimat. Ich bin gerne da und versuche so oft wie möglich nach Dresden zu kommen. Auch wenn ich mir mittlerweile auswärts mehr Spiele anschaue als zu Hause. Ich glaube das letzte Heimspiel, was ich im Stadion gesehen habe, war das 2:1 gegen Rostock in der 3. Liga, als Benny verabschiedet wurde. Ansonsten verfolge ich die Spiele vorm Fernseher. Natürlich ist Dynamo mein Verein und Dresden meine Stadt, auch wenn ich in Riesa geboren bin. Ich kann das gar nicht anders fühlen als Heimat pur.

Ulf, vielen herzlichen Dank für das ausführliche Interview!

Interview: Stefan Görke (ULTRAS DYNAMO)
Fotos: Steffen Kuttner (1; 2; 5), Frank Dehlis (3; 4; 6; 7)