Er hat sich nur seinem Tagebuch anvertraut.


Uwe Karte

Anlässlich des 100. Geburtstages der 1997 verstorbenen Trainerlegende Walter Fritzsch haben wir uns im Interview mit Autor Uwe Karte auf Spurensuche begeben und dabei allerlei Interessantes über den Menschen zutage gefördert, der Anfang der 1970er Jahre den berühmten „Dresdner Kreisel“ entwickelte.

Der 53-jährige Karte, der in seiner Tätigkeit als Journalist immer wieder mit dem „kleinen General“ in Berührung kam und unter anderem Autor des gleichnamigen Films im Jahr 2008 war, verfügt durch den Besitz der Tagebücher von Dynamos erfolgreichstem Cheftrainer über einen unfassbaren Wissensschatz, den er gegenwärtig in einer Biografie über Walter Fritzsch zusammenfasst.

Uwe, wie würdest du Walter Fritzsch einem Menschen beschreiben, der ihm nie begegnet ist?
Gute Frage. (lacht) Als kleinen und sehr stolzen Mann. Vielleicht ist die bessere Beschreibung ‚ein Mann, der wusste was er wollte‘. Ich habe ihn immer als sehr korrekten Menschen kennengelernt – sowohl was die Kleidung als auch das Auftreten betraf.

Bescheidenheit, Fleiß und Ehrgeiz sind Attribute, die Walter Fritzsch geprägt hat. Wie hätte er seinen 100. Geburtstag gefeiert?
Ich glaube, zuhause in der Grunaer Straße im 14. Stock und vermutlich genauso, wie er auch seinen 50. und 75. Geburtstag gefeiert hat. (lacht) Ich kann das ganz gut einsortieren, weil meine Großeltern nicht weit (von Zwickau-Planitz, Anm. d. R.) entfernt gewohnt haben. Er zählte meiner Einschätzung nach eher zu den Traditionalisten.

Seine Generation wurde von vielen Umbrüchen und Einschnitten geprägt. Was weißt du über seine Kindheit?
Er wurde 1920 in Planitz geboren, das drei Jahre später durch den Zusammenschluss zweier Dörfer zur Stadt Planitz wurde. Die wurde 1944 wiederum ein Stadtteil von Zwickau. Walter Fritzsch wuchs in dieser damals eher tristen Bergarbeiterregion in Westsachsen, die von vielen Industrie- und Zweckbauten durchzogen war, in sehr bescheidenen Verhältnissen auf. Dort gab es viel Arbeit und wenig Geld.

Walter Fritzsch hat die erfolgreichste Zeit des Vereins geprägt. Warum war dieser Mann so verdammt erfolgreich?
Ich denke, das hatte mehrere Gründe. Ein Hauptgrund war sicherlich, dass er zuvor schon 19 Jahre als Cheftrainer gearbeitet hatte und dementsprechend viel Erfahrung mitbrachte. Vor Dynamo war er von 1959 bis 1965 in Rostock tätig, was man vielleicht als eine Art sechsjähriges ‚Trainingslager‘ beschreiben könnte. Dort war zu diesem Zeitpunkt zwar alles ein wenig kleiner als in Dresden, hatte aber doch auch ganz viele Parallelen und Ähnlichkeiten, sodass er die Erfahrungen aus seinen Fehlern auf seine Arbeit für die SGD übertragen konnte. Außerdem kam ihm zugute, dass ihn hier eine fußballverrückte Stadt erwartete, was Rostock zu diesem Zeitpunkt nicht war. Ein wesentlicher Faktor für seinen Erfolg mit Dynamo war aber natürlich auch, dass es einen unglaublichen Fundus an jungen, hochtalentierten Fußballern gab.

Er hat den „Dresdner Kreisel“ geprägt. Wo hat er sich inspirieren lassen, was das Spielsystem anbelangt?
Das stammt schon aus seiner Jugendzeit bei seinem Heimatverein Planitzer SC, dessen Spieler passenderweise ebenfalls in Schwarz-Gelb aufliefen und ‚die Wespen‘ genannt wurden. Das lag zum einen natürlich an den Vereinsfarben, zum anderen aber auch an der Spielweise. Um 1940 spielte der Verein im sächsischen und auch deutschen Fußball eine durchaus ordentliche Rolle. Tempospiel, Kurzpassspiel, alle Spieler in Bewegung – das hat Walter Fritzsch Zeit seines Lebens als Fußballer und Trainer geprägt und gefallen und das hat er dann nach dem Krieg in seinen ersten Jahren als Spielertrainer sowie später als Cheftrainer immer weiter ausgebaut.

Bei Dynamo dann nahezu zur Perfektion …

Was er in Dresden praktizieren ließ, war zu jener Zeit hochmoderner Fußball in Anlehnung an ‚Fußball total‘ in Holland. 1971 hat die SGD ja gegen Ajax Amsterdam gespielt, die diesbezüglich noch ein bisschen besser waren. Aber diese Art, Fußball zu spielen, konnte man damals auch schon in Dresden bewundern und ist aus meiner Sicht bis heute beispielgebend.

Bei YouTube gibt es Videos, in denen man sieht, wie Walter Fritzsch mit seiner Kamera auf dem Trainingsplatz steht, gleichzeitig coacht und filmt. War dieser Mann ein Visionär?
Kann man schon so sagen. Er hat sich 1961 zum ersten Mal eine solche Kamera gekauft – für damals durchaus beachtliche und stolze 780 Mark – und demnach bereits in Rostock damit begonnen, Trainingseinheiten und Spiele zu filmen. Ich denke schon, dass er das Potenzial dahinter sehr früh erkannt hat, aber der Stand der Technik und die Möglichkeiten der Kommunikation natürlich längst nicht den heutigen Gegebenheiten entsprachen. Was heute drei bis fünf Personen in einem Trainerstab abdecken, hat Walter Fritzsch versucht, in Personalunion abzuwickeln. So gesehen war er in dem, was er damit erreichen wollte, auf jeden Fall ein Visionär – die Umsetzung war aber, ähnlich wie bei den ersten Flugpionieren, wohl eher etwas schwierig.

Du erwähntest den stattlichen Preis der Kamera. Was hat man als Cheftrainer zu jener Zeit verdient?
Nach dem Krieg hat man sich erst einmal über eine Mahlzeit gefreut. Bei seiner ersten Cheftrainerstelle ab 1950 in Aue hat er in seinem Tagebuch vermerkt, dass er noch nie soviel Geld in seinem Leben bekommen hat. Da reden wir über 750 Mark. In Rostock ab 1959 stieg sein Gehalt auf etwas mehr als 1.000 Mark und in Dresden waren es dann 1.700 Mark, was für damalige Verhältnisse ein sehr ordentliches Gehalt war.

Er konnte gnadenlos sein. Hat er später im Rückblick mal eine Personalentscheidung bedauert?

Das weiß ich nicht. Ich habe ihn kurz nach der Wende persönlich kennengelernt und neben einigen Treffen rund um die Berichterstattung über Dynamo dann 1994 bei einem längeren Interview unter anderem zu seiner Zeit als Dynamo-Trainer und den Umgang mit Stars befragt. Er hatte eine gewisse Portion Sturheit und ich glaube nicht, dass ihn große Selbstzweifel plagten. Dazu war er ein Autodidakt, der mit zunehmendem Lebensalter immer mehr zu der Überzeugung kam, dass sein Weg schon der richtige ist.

Vielen ist im Stadion damals die Kinnlade heruntergefallen, als vor einem Spiel bekanntgegeben wurde, dass Hans-Jürgen Kreische zum letzten Mal für Dynamo Dresden aufläuft. Ist das eine Entscheidung, die rückblickend als Fehler bezeichnet werden könnte?
Na klar war das ein Fehler. Aber dazu muss man verstehen, dass die beiden eine Art Hassliebe verband. Wie mir beispielsweise Wolfgang Hänel oder Manfred Scheler aus der damaligen Clubführung bestätigt haben, hatte Fritzsch sehr wohl von Anfang an das große Potenzial von „Hansi“ Kreische erkannt und wollte aus ihm sogar einen europäischen Topspieler machen. Er wollte aber nicht zulassen, dass aus diesem Topspieler dann auch ein Star wird, weil er was gegen Stars hatte. Genau das war allerdings sein Denkfehler, da ein europäischer Topspieler automatisch auch ein Star ist.

Das führte zu Konflikten …
Wenn man ehrlich ist, und das weiß auch der Hans, prallten da zwei Sturköpfe aufeinander. (lacht) Dieses Verhältnis hätte davon gelebt, wenn es Fritzsch verstanden hätte, Kreische auf seine Seite zu ziehen. Ich denke, ab 1973, spätestens ab 1975 war das Verhältnis jedoch so gestört, dass es nicht mehr zu kitten war. Das hat rückblickend auf jeden Fall eine gewisse Tragik, weil ich glaube, dass Dynamo, falls es Walter Fritzsch gelungen wäre, mal für zwei, drei Jahre diesen permanenten Verjüngungsprozess auszusetzen, berechtigte Chancen gehabt hätte, den Europapokal zu holen. Die Qualität dazu war da.

Hatte er einen Lieblingsspieler?
Nein, das hat er vermieden. Das Kollektiv stand im Vordergrund und sobald ein Spieler ab 25 eine eigene Meinung hatte, wurde das wie gesagt mitunter relativ schwierig. Ich glaube, – und das ist jetzt eine schöne Illusion – dass Hansi Kreische sein Lieblingsspieler geworden wäre, wenn die beiden menschlich zueinander gefunden hätten. Kreische brachte alles mit, um perfekt in Walters Vision vom Fußball zu passen. Aber vielleicht ist es am Ende auch gerade deshalb nicht gelungen.

Du bist im Besitz seiner Tagesbücher. Wie bist du an diese einmalige Sammlung gekommen?
Das hat sich eher zufällig ergeben. Ich hatte wie gesagt einen Bezug zu ihm aufgebaut und das Thema hat mich spätestens seit dem erwähnten Interview gefesselt. Dann wurden irgendwann seine Besuche im Stadion seltener und ich hörte, dass es ihm gesundheitlich nicht so gut geht. 1997 ist er dann leider verstorben. Als wir rund zehn Jahre später in Zusammenarbeit mit dem Verein den Film „Der kleine General“ produzierten, habe ich irgendwann beim Nachlassverwalter angefragt, ob ich denn mal in die Tagebücher schauen dürfe und bekam prompt den ganzen Koffer mit. Später bekam ich den Auftrag, gut auf die Bücher aufzupassen und sie vor allem zusammenzuhalten.

Wie war der Moment, als du diesen dann zum ersten Mal geöffnet hast?
Das weiß ich noch sehr genau. Ich habe ihn zuhause zum ersten Mal geöffnet und sofort kam mir gewissermaßen ein Lebenshauch Fritzsch entgegen. Anschließend saß ich tage- und wochenlang daran, um für den Film zu recherchieren. Zugegebenermaßen war ich damals etwas überfordert von der Fülle dieser ganzen Informationen und konnte erst in den Jahren danach so richtig tief in die Materie eintauchen. Vermutlich habe ich den Umfang erst bei der Recherche für das Buch so ganz erfasst.

Was verraten die Tagebücher über den Autor?
Also erst einmal frage ich mich seit langer Zeit, ob es überhaupt einen zweiten vergleichbaren Fall gibt, der wirklich über 55 bis 57 Jahre täglich Tagebuch geführt hat. Das ist keine Literatur, die man da in der Hand hält. Walter war eher Chronist in eigener Sache in einer unfassbar spannenden Zeit. Wir reden über die Jahre 1938 bis 1995. Die Bücher verraten, wie euphorisch eine Generation in den Krieg geschickt worden ist und anschließend das unfassbare Grauen erlebt hat. Dann ist es genauso spannend zu lesen, wie er den Umbruch und den Neuaufbau im Osten festhält, bis hin zu der Zeit, in der er als Cheftrainer Fuß fassen konnte. In Summe bekommt man einen überwältigenden Einblick in sein Leben und eine besondere deutsche Biografie. Ich glaube nicht, dass er das für Dritte geschrieben hat, sondern das Schreiben ihm als ein Stück Lebenshilfe diente. Dem einzigen, dem er sich anvertraut hat, war sein Tagebuch.

Welcher Teil seiner persönlichen Notizen hat dich am meisten berührt?
Mir ist unter anderem der Satz ‚Ich komme endlich an die Ostfront‘ unter die Haut gegangen. Dabei muss man natürlich sehen, wie er und auch sein Schulkumpel Heinz Krügel (Gewann als Trainer mit dem 1. FC Magdeburg 1974 den Europapokal der Pokalsieger, Anm. d. R.), den er seit der 1. Klasse kannte, durch die Propaganda in den 1930er Jahren geprägt wurden. Anschließend haben sie an der Front jahrelang Dreck gefressen und wenn man liest, wie Fritzsch dieses Grauen im Stakkato-Stil schildert – angefangen bei Nahkampftagen über die immer kleiner werdenden Essensrationen bis hin zum Leben in den Schützengräben in der Nähe von Moskau – wird einem einmal mehr bewusst, welches Glück wir als nachfolgende Generation haben, so etwas nicht erlebt haben zu müssen.

Wenn man so lange Tagebuch führt, hat das auch viel mit Disziplin zu tun. Wie hat Walter Fritzsch gelebt?
Man kann sich jetzt streiten, ob der Fleiß, die Disziplin oder der Antrieb überwogen. Ich glaube, wenn man es geschafft hat, Dinge an der Ostfront täglich festzuhalten, kann man das im Prinzip auch in jeder anderen Lebenslage schaffen. Wenn man das Zeugnis des Volksschülers Walter Kurt Fritzsch sieht, hatte er von der 1. bis zur 8. Klasse sowohl im Fleiß als auch im Betragen eine Eins. Seine hervorstechendste Eigenschaft ist in meinen Augen die Selbstdisziplin.

Stimmt es, dass er verarmt verstorben ist?
Nein, das würde ich nicht sagen. Mit der Selbstdisziplin ging bei ihm auch eine große Bescheidenheit einher, was wohl allein schon von seiner Herkunft rührt. Er hat immer in bescheidenen Verhältnissen gelebt und eigentlich auch nicht viel gebraucht. Weil er gut verdiente, gab es da natürlich dann auch einige Sparguthaben. Ich will jetzt nicht sagen, dass er geizig war, aber er lebte sehr sparsam.

Hat er im Herbst seines Lebens die nötige Anerkennung für sein Schaffen und Wirken erhalten?
Nein, aber das ging vielen nach der Wende so. Für ihn war es einer der bittersten Momente, als ihm Dynamo 1991 die Dauerkarte entzog, mit der Begründung: ‚Es sei kein Geld mehr da!‘ Das hat ihn schwer getroffen. Er hat den Umbruch in dieser Zeit sogar mit dem von 1945 verglichen und man merkte, dass ihm viele Dinge auf einmal ziemlich fremd waren. Zu seiner Beerdigung kamen dann nur wenige Spieler und Verantwortliche. Aber auch das muss man in den zeitlichen Kontext einordnen. Generell hatte DDR-Geschichte zu diesem Zeitpunkt keine große Rolle zu spielen. Die Menschen waren mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt und auch im Fußball hatte man das Gefühl, dass Dynamo jahrelang durch einen endlosen Tunnel fährt, ohne auch nur ein Flackern am Ende zu sehen.

„AOK PLUS Walter-Fritzsch-Akademie“ – Das neue Trainingszentrum am Messering 18 trägt seinen Namen. Ist das ein würdiges Andenken an den erfolgreichsten Trainer der Vereinsgeschichte?

Ich kann mich noch gut an den jahrelangen Kampf um den Walter-Fritzsch-Gedenkstein erinnern und fand es zum einen unwürdig, dass es damals so lange dauerte und zum anderen, dass anschließend lange Zeit kein passender Platz gefunden wurde. Ich persönlich finde es gut, dass er heute in Stadionnähe steht, empfinde die Namensgebung zum Trainingszentrum aber als das wichtigere Denkmal für Walter Fritzsch.

Welches Erbe hat er Dynamos Talenten von morgen überlassen?
Natürlich wissen die heutigen Spieler sehr wenig über ihn und den Fußball, den Dynamo unter ihm gespielt hat. Das Erbe seiner erfolgreichen Amtszeit ist für den gesamten Verein riesig. Ich bin überzeugt, wenn es Walter Fritzsch und diese Mannschaft damals nicht gegeben hätte, würden wir heute nicht in dieser Form über Dynamo Dresden sprechen und auch dieses schöne Stadion würde es in dieser Form kaum geben. Natürlich wäre aber auch der Schatten der Vergangenheit nicht so lang, was man positiv und negativ sehen kann. Eigentlich sind alle Menschen zu beneiden, die ab 1971 diesen Wandel in der Stadt Dresden verbunden mit diesem unglaublichen Fußball-Boom erleben durften. Insgesamt ist Dresden schon immer eine fußballverrückte Stadt gewesenen. Das sollte sich heute der eine oder andere vielleicht mal öfter vor Augen führen. Was ich damit sagen will: Erfolgreiche und gute Fußballer wurden hier schon immer auf Händen getragen.

Du schreibst gegenwärtig an einer Biografie über Walter Fritzsch. Hast du schon einen Titel?
Der Titel ist ‚Tagebuch für Walter Fritzsch‘. Walter hat das selbst immer so kokett gemacht und nie drübergeschrieben ‚Mein Tagebuch‘, sondern immer ‚Tagebuch für Walter Fritzsch‘ und dazu die Jahreszahl. Und wir haben uns dazu entschieden, das von ihm zu übernehmen und uns auch optisch an dem Packpapier orientiert, mit dem er jedes Tagebuch eingeschlagen hat. Ich glaube, das sind wir ihm schuldig und der Leser soll ja beim Lesen auch ein möglichst authentisches Gefühl vermittelt bekommen.

Wir freuen uns schon sehr auf dieses Buch! Vielen Dank für das interessante Gespräch, Uwe, und danke, dass du dir so lange Zeit für uns genommen hast.

Interview: Henry Buschmann und Marcel Devantier
Fotos: Steffen Kuttner (1), Archiv (2,3,4,5,7), Uwe Karte (6,8)

Hier kann das Buch, das im April 2021 erscheinen wird, vorbestellt werden