Marco Hartmann im KREISEL-Interview

Es gab keinen äußeren Druck, nur den inneren.


Marco Hartmann

Vor dem Heimspiel gegen Hannover 96 verabredeten wir uns mit Mannschaftskapitän Marco Hartmann. Der 28-jährige wechselte 2013 als No-Name und Ergänzungsspieler zur Sportgemeinschaft – inzwischen ist er aus der Mannschaft nicht mehr wegzudenken. Vor zwei Wochen verlängerte er seinen Vertrag bis 2020.

Wir wollten von „Harti“ wissen, wie er den SemperOpernball als Neuling erlebt hat. Der defensive Mittelfeldspieler gab uns zudem Einblicke, wie ihn sein Ehrgeiz seit Kindesbeinen antreibt. Wir fragten den studierten Lehrer, wie hoch inzwischen die Wahrscheinlichkeit für ein Dynamo-Tor nach Standards ist. Und außerdem verriet uns der 28-Jährige, dass er kurz vor seiner Vertragsverlängerung ein Angebot aus dem Mittleren Osten erhielt.

Harti, bisher dachten wir, dass du nicht der Typ für den großen öffentlichen Auftritt bist. Wie fühlt es sich denn an, wenn man plötzlich auf dem roten Teppich im Blitzlichtgewitter steht?

Das war schon eine sehr spezielle Situation für mich und meine Freundin Jule. Ich wusste erst gar nicht, wie ich mich verhalten soll und ob an meiner Freundin und mir überhaupt ein besonderes Interesse besteht, als wir über den roten Teppich gegangen sind.

Wolltest du es schnell hinter dich bringen?

(lacht) Ja, irgendwie schon. Es ist nicht gerade meine Bühne, über einen roten Teppich zu laufen und vor Fotografen zu posieren. Das machen in meiner Vorstellung berühmte Schauspieler, Sänger und andere wichtige Menschen, aber doch nicht ich. Daher wollten wir erst auch gar nicht bei den Fotografen stehen bleiben und direkt durchlaufen, aber dann haben wir einen Fotografen gesehen, der auch immer bei unseren Heimspielen ist. Das hat uns etwas Sicherheit in diesem aufregenden Moment gegeben. So sind wir kurz für ein Foto stehengeblieben und dann schnell weitergegangen.

Wie hat es dir beim SemperOpernball gefallen?
Mir hat es bei meinem ersten Besuch einer solchen Veranstaltung sehr gut gefallen. Es hat sich auch zu Persönlichkeiten, mit denen man im Alltag kein Verhältnis pflegt, über den Abend ein ganz entspannter Umgang entwickelt. So sind ein paar lockere Gespräche mit spannenden Menschen zustande gekommen, die man sonst nur aus dem Fernsehen oder der Zeitung kennt. Das war schon interessant, das Programm recht unterhaltsam. Ich habe mich über die Einladung gefreut, aber ob ich nächstes Jahr privat noch mal hingehen würde, weiß ich ehrlich gesagt nicht.

2.500 Gäste in der Oper und 15.000 Besucher auf dem Theaterplatz. Was bleibt hängen?
Beim Essen saß ich dem saudi-arabischen Prinzen Salman al Saud direkt auf einem Meter gegenüber. Wir haben uns die ganze Zeit angeschaut und ich habe krampfhaft überlegt, wie man eine königliche Hoheit anspricht. Irgendwann hat er es dann ganz locker und zugänglich gemacht. Das Eis war gebrochen und wir haben uns in Englisch sehr angeregt unterhalten.

Habt ihr euch über den Fußball in Deutschland und Saudi-Arabien ausgetauscht?
Mit Fußball kannte er sich nicht so gut aus, denn er war sehr überrascht, als ich ihm erklärte, wie populär der Sport bei uns in Deutschland ist. Am Ende des Gespräches hat er mich dann noch gefragt, ob ich gern im Mittleren Osten meine Karriere fortsetzen möchte. Ich habe dann kurz meine Freundin angeschaut und danach dankend abgelehnt. Unsere gemeinsame Zukunftsplanung sieht dann doch etwas anders aus.

Hast du eine Tanzschule in deiner Jugend besucht?
Nein, hab‘ ich nicht.

Also habt ihr euch vor einem Wiener Walzer gedrückt?

Wir wollten eigentlich vorher noch mal üben, aber am Ende hatte ich immer die perfekte Ausrede, dass Jule hochschwanger und ein Wiener Walzer da viel zu gefährlich ist. (lacht) So habe ich mich letztlich erfolgreich um diesen Auftritt gedrückt.

Du hast dich mit deiner Freundin Jule öffentlich auf dem Opernball gezeigt. Seitdem ist klar, dass ihr Nachwuchs bekommt. Habt ihr schon Vorbereitungen für den Nachwuchs getroffen?
Ich habe nach meiner Rückkehr am späten Abend vom Auswärtsspiel beim FC St. Pauli noch den Kinderwagen zusammengebaut, um den Frust abzubauen und auf andere Gedanken zu kommen. Am Anfang sind es lange neun Monate, da scheint alles noch so weit weg. Die Vorbereitungen werden jetzt immer intensiver, die Anspannung und die Vorfreude wachsen von Tag zu Tag, da der Geburtstermin immer näher rückt.

Wann soll euer Kind zur Welt kommen?
Der errechnete Geburtstermin ist im April.

Du bist ein sehr akribischer Mensch. Wie bereitest du dich auf deine Rolle als Vater vor?
Ich lese schon gern, bin auch wissbegierig, aber ich kann auch ein sehr fauler Mensch sein. Also wenn ich auf meiner Couch liege und meinen Mittagsschlaf machen kann, bin ich auch sehr glücklich. Abends bevor wir einschlafen, lese ich immer laut für Jule und mich ein Buch vor, welches uns mit Witz und Humor auf die Zeit als Eltern vorbereitet. Das ist gut investierte Zeit, weil ich eigentlich bisher keinen Plan davon habe, wie meine neue Rolle genau aussehen wird. So gehe ich nicht völlig naiv in die Zeit, wenn unser Kind dann zur Welt gekommen ist.

Bist du ein Mensch, der seinen Instinkten vertraut?
Ja, die Entdeckung meines Urvertrauens hat bei mir etwas mit meiner Faulheit zu tun. Ich habe irgendwann die Überzeugung bekommen, dass ich auch spontan und entspannt viele Dinge gut geregelt bekomme. Deshalb muss ich mich nicht immer auf alles in Perfektion vorbereiten, weil es auch mit Gelassenheit funktioniert.

Aber wie schafft man es in Gottes Namen als fauler Mensch parallel zu einer Fußball-Karriere ein Hochschulstudium als Lehrer abzuschließen?
Das ist nicht ganz leicht zu erklären. Ich habe einen extremen inneren Antrieb. Woher der kommt, weiß ich bis heute nicht genau. Dieser Antrieb hat in meiner Kindheit dazu geführt, dass es mir sehr schwer gefallen ist, Enttäuschungen zu verarbeiten. Ich habe unter Niederlagen gelitten. Ich weiß nicht wieso, denn es gab für mich keinen äußeren Druck, nur den inneren. Ich wollte mich selbst nicht enttäuschen, das ist meiner Meinung nach auch ein wichtiger Grund, warum ich dieses Studium neben dem Fußball geschafft habe.

Dieser Antrieb scheint dich richtiggehend getrieben zu haben …
Ja, es hat mir auch sehr viel Positives in meinem Leben gebracht, auch wenn es rückblickend belastend war, dass mir in der Schule die Tränen in die Augen geschossen sind, aber ich gar nicht weinen wollte. Dieser Antrieb war der Grund dafür, dass ich in der Schule gut sein wollte und nur die besten Noten gut genug für mich waren. Ich wollte und konnte kein Spiel verlieren, ob auf dem Fußballplatz oder beim Gesellschaftsspiel. Es gab für mich nur das Ziel zu gewinnen. Das hat in meinem Leben schon Freundschaften an ihre Grenzen geführt. (lacht) Wenn man immer nur gewinnen will, dann kann das auch schwierig und sehr anstrengend für einen selbst sein. Ich habe daran gearbeitet und es in den Griff bekommen.

Wie pusht dich dieser Ehrgeiz als Profi?
Der große Vorteil ist, dass ich durch den Fußball gelernt habe, diesen Antrieb in den Leistungssport zu kanalisieren. Das hat auch dazu geführt, dass ich heute bei einem Gesellschaftsspiel gelassener bin, mich besser kontrollieren und auch mal verlieren kann. (lacht)

Wie sehr hat eure Familienplanung deine Entscheidung beeinflusst, deinen Vertrag bis 2020 bei Dynamo zu verlängern?
Es war kein Kernpunkt bei der Entscheidungsfindung, aber auch meine Freundin fühlt sich hier in Dresden unglaublich wohl und hat nach ihrer Elternzeit eine gute berufliche Perspektive. Es wäre für uns beide anstrengend gewesen, diese gemeinsame Zufriedenheit irgendwo anders neu aufzubauen. Das hatte letztlich schon einen kleinen Einfluss auf die Entscheidung, meinen Vertrag bei Dynamo zu verlängern.

Michael Hefele, dein Vorgänger als Kapitän, hat sich im Sommer für einen Wechsel entschieden, um sich einen Traum zu erfüllen. Wie verlockend war das Angebot aus England für dich?
Ich habe mich natürlich mit allen Optionen beschäftigt, aber mir irgendwann die Frage gestellt, ob man immer nach mehr und mehr streben muss. Natürlich ist auch die finanzielle Seite als Fußballer wichtig, aber ist es allein das, was einen am Ende glücklich macht? Diese Frage habe ich mir irgendwann gestellt und beantwortet. Es ist für mich eben keine Lebenserfüllung, jetzt irgendwohin zu wechseln und noch mal von vorn anzufangen.

Ist es auch der Traum, sich bei Dynamo etwas als Identifikationsfigur zu erarbeiten, was über das Karriereende Bestand haben wird?
Ja, absolut. Ich habe mir hier in der Stadt und im Verein einen gewissen Stellenwert und Anerkennung bei den Menschen erarbeitet, dafür bin ich dankbar und das liegt mir einfach am Herzen. Ich wollte das in diesem Moment nicht aufgeben, denn ich bin stolz, Spieler und Kapitän von Dynamo Dresden zu sein. Was bleibt denn am Ende einer Karriere übrig? Du kannst entweder auf ein kleines Vermögen zurückgucken, welches du dir während deiner Karriere als Profi angehäuft hast, oder du bleibst vielleicht auch über die Zeit als aktiver Fußballer ein paar Menschen in Erinnerung. Das würde ich für mich im Moment persönlich höher einschätzen, weil man es sich mit Geld nicht kaufen kann.

Welche Menschen beziehst du in so eine wichtige Entscheidung mit ein?
Das waren diesmal genau drei Menschen. Meine Freundin, mein Bruder und mein Berater. Meine engsten Freunde wussten immer grob, wie der aktuelle Stand war. Aber in diesem Fall wurde die Entscheidung zu 99 Prozent von mir allein getroffen und die anderen waren davon überzeugt, dass es die richtige ist.

Du bist ein meinungsstarker Mensch, wie entscheidungsfreudig bist du?
Ich treffe schon sehr gern Entscheidungen und mag es nicht, wenn man erst groß herumeiert. Ich wäge meist erst rational ab, was Sinn macht und was nicht, dann kann ich auch gut Entscheidungen treffen.

Du bist als absoluter No-Name und Ergänzungsspieler vor vier Jahren im Sommer 2013 vom Halleschen FC nach Dresden gekommen. Wie hast du deine eigene Entwicklung als Fußball-Profi erlebt?
Es ist schon krass, wenn ich darüber nachdenke, was in den vergangenen Jahren passiert ist. Meine ganze Fußball-Karriere kam irgendwie aus dem Nichts und so ist es auch mit meiner Entwicklung in den vergangenen Jahren bei Dynamo. Es ging stetig bergauf, auch wenn ich eine ganze Zeitlang immer wieder von Verletzungen zurückgeworfen wurde und es so schwer für mich war, einen richtigen Rhythmus in mein Spiel zu bekommen. Ich habe in meinem ersten Jahr bei Dynamo nur vier Spiele in der 2. Liga von Anfang an machen können, trotzdem hatte ich immer das Gefühl, dass ich der Mannschaft helfen kann, wenn ich gesund bin. Auch die Trainer haben was von mir gehalten und mir das Gefühl gegeben, dass ich mit meiner Art Fußball zu spielen wichtig für das Team bin, wenn ich gesund bin. Irgendwann habe ich mich dadurch zum Leistungsträger entwickeln können.

In den zurückliegenden eineinhalb Jahren standest du fast immer auf dem Platz. Worin liegt das Geheimnis deiner neuen körperlichen Stabilität?
Zum einen hat Uwe Neuhaus zusammen mit der medizinischen Abteilung einen sehr guten Umgang mit den Spielern und entscheidet individuell, wie und wann jeder belastet wird. Und zum anderen steuert der Trainer auch die Zweikampfintensität klug im Training, dadurch verringert sich das Verletzungsrisiko von jedem einzelnen Spieler. Außerdem habe ich nun auch ein besseres Gespür, wann es mal sinnvoll ist, besser einen individuellen Lauf zu machen, als mich in jeden Zweikampf im Training reinzuknallen, weil ich körperlich einfach kaputt bin.

Wie sieht dein Weg nach deiner Karriere aus. Wirst du Lehrer oder kannst du dir auch vorstellen, im Fußball-Geschäft zu bleiben?
Also erstmal kann ich verkünden, dass ich es endlich geschafft habe, mich nach vier Jahren zu informieren, ob ich mein Referendariat so lange nach hinten schieben kann, wie ich möchte – und das darf ich! (lacht) Wenn ich mich jetzt entscheiden müsste, dann würde ich auf jeden Fall das „Ref“ machen, weil ich das Studium abschließen möchte. Ich könnte mir außerdem eine Stelle als Trainer im Nachwuchs vorstellen. Trotzdem muss ich gar nicht unbedingt im Fußballgeschäft bleiben. Klar, der Fußball bringt viel Cooles mit sich, am Ende ist es aber doch eine Unterhaltungsbranche und es gibt irgendwie noch sinnvollere Sachen im Leben.

Wie gut bist du in Wahrscheinlichkeitsrechnung?
In der Schule war ich schlecht, im Studium war es nicht mein bestes Modul. Wieso?

Ihr habt euch in dieser Saison bereits viele Standardsituationen erarbeitet, nur der Ertrag ist bisher gering. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass jetzt gegen Hannover ein Treffer nach einem ruhenden Ball fällt?
Ich beziehe die Frage jetzt mal auf mich – alles andere will ich nicht beurteilen – und da muss ich ehrlich sagen, dass mich das langsam nervt. Ich habe eigentlich immer relativ viele Tore auch nach Standards geschossen und wenn nicht, dann hatte ich wenigstens eine gute Chance pro Spiel. Das kuriose ist: Wenn du erstmal wieder ein Tor gemacht hast, dann kommt gleich wieder dieses Gefühl, dass dir jeder Ball auf den Kopf fällt. Aber, und das ist auch wichtig, die Gegenspieler sind in der 2. Liga einfach stärker, auch körperlich.

Du warst schon als Kind vom Ehrgeiz getrieben, wenn es um sportliche Wettkämpfe ging. Wie gehst du heute als Fußball-Profi mit Niederlagen wie der in Hamburg um?
Das fällt mir schon echt schwer. Auch deshalb ist es das schönste, am Wochenende zu gewinnen, damit du einfach unter der Woche Ruhe hast. Und ich meine nicht nur Ruhe von außen, sondern auch den inneren Frieden.

Harti, danke dir für das Gespräch und viel Erfolg weiterhin als Kapitän der SGD!

Interview: Henry Buschmann
Fotos: Steffen Kuttner