KREISEL-Interview mit Pascal Testroet

„Gemeinsam über die Ziellinie gehen.“

Pascal Testroet

Vor dem Heimspiel gegen Union Berlin trafen wir uns mit Pascal Testroet zum KREISEL-Interview. Am 34. und letzten Spieltag der Zweitliga-Saison 2017/18 schloss sich für den Stürmer ein Kapitel, das schmerzhaft war, aber auch reich an Erfahrungen und kleinen, aber feinen Erfolgserlebnissen.

Es war am 1. Spieltag, ebenfalls ein Heimspiel, als Paco sich bei einem unglücklichen Zusammenprall mit Duisburgs Torhüter Mark Flekken eine Verletzung zuzog, die ihn für acht Monate aus dem Geschäft nahm. Wir sprachen mit unserer Nummer 37 über den langen Weg zurück. Es ging um Dankbarkeit, Demut und Druck. Abstiegskampf, Zusammenhalt und Romantik. Außerdem wollten wir von Paco wissen, warum die SGD einen Traum hat.

Paco, die schwere Verletzung am 1. Spieltag und die lange Rekonvaleszenz – hat dich das als Mensch, Charakter, Persönlichkeit verändert?
Ich glaube schon. Es ist immer schwierig, sich selbst einzuschätzen und über sich selbst zu sprechen. Aber ich würde sagen, dass ich ein wenig demütiger geworden bin. Vielleicht ist Demut auch ein zu großes Wort. Aber ich glaube und ich wünsche mir, dass ich in meinem Beruf als Fußballer bereit bin, mehr zu geben und weniger zu fordern. Beides sind wichtige Eigenschaften, ohne die man nicht erfolgreich sein kann. Aber ich habe das Gefühl, dass ich durch die Erfahrungen der letzten Monate eine kleine Akzentverschiebung erlebt habe. Als ich auf dem OP-Tisch lag, kurz vorm Einschlafen, habe ich an zwei Dinge gedacht: An meine Familie, und daran, mit der Mannschaft wieder einen Sieg zu feiern. Egal, wer das Tor geschossen hat. Hauptsache, ich gehöre wieder zum Team und habe meinen Anteil am Erfolg.

Worin hast du Rückhalt gefunden, wer hat dir geholfen?
Den größten Rückhalt hat mir natürlich meine Familie gegeben. Meine Tochter Emilia und meine Frau Michelle hier in Dresden; meine Eltern, meine Schwester und meine Nichte Nala in der Heimat. In der Reha hat  mir Tobi Lange [Physiotherapeut und Reha-Trainer, seit 2011 bei Dynamo; Anm. d. Red.] extrem geholfen. Er war vom ersten Tag an bei mir und hat mich auf jedem Zentimeter meines Weges begleitet. Das war aus sportlicher Sicht die beste Betreuung, die ich bekommen konnte, aber auch menschlich war er ein großer Rückhalt. Sehr entlastet hat mich unser Teammanager Martin Börner. Er hat mir viele Dinge abgenommen und mir dadurch den Rücken freigehalten. Bei allen, die mir in diesen Monaten zur Seite gestanden haben, kann ich mich nur von Herzen bedanken.

Vermisst du die Übungen mit Tobi? Er kann einen ja ganz schön quälen ...
(lacht) Ich würde nicht sagen, dass ich sie vermisse, einfach weil ich sehr froh bin, wieder mit der Mannschaft zu trainieren. Aber die Arbeit mit Tobi hat trotz aller Strapazen sehr viel Spaß gemacht. Es war immer eine große Herausforderung, seine Einheiten zu bewältigen. Und wenn man es geschafft hatte, war man unheimlich stolz. Das war jedes Mal ein enorm gutes Gefühl.

Auf dem Betzenberg bist du reingekommen und hast eine Viertelstunde später den Siegtreffer aufgelegt. Eine Sekunde, die die Mühen von acht Monaten aufwiegt?
Ja, absolut! Ich hatte mir von Anfang an vorgenommen, wie ein Verrückter zu arbeiten, um in dieser Saison noch für diesen einen Moment da zu sein, in dem die Jungs mich brauchen. In Kaiserslautern war dieser Moment dann da, dafür hat sich jeder Schweißtropfen gelohnt. In diesem wichtigen Spiel gemeinsam den Sieg zu feiern, war ein extrem emotionales Erlebnis. Dass ich in den letzten Spielen wieder auf dem Platz stehen durfte, waren pure Glücksgefühle für mich.

Neben Absteiger Kaiserslautern sind sechs Mannschaften vorm 34. Spieltag noch abstiegsbedroht, drei Teams haben den Klassenerhalt erst am vorletzten Spieltag klargemacht. Was ist los mit dieser Liga?

Die Liga hat dieses Jahr wirklich verrückt gespielt. Es haben sich keine klaren Favoriten herauskristallisiert, auch die Mannschaften oben waren nicht so dominant, wie man es normalerweise erwartet. Der Satz „Jeder kann jeden schlagen“ ist in dieser Saison keine Floskel.  Dass zu einem so späten Zeitpunkt noch so viele Mannschaften zittern müssen, ist Wahnsinn. Es beweist aber auch die hohe Ausgeglichenheit, die die Liga in diesem Jahr hat.

Hat diese Saison mehr denn je gezeigt, dass Fußball gnadenloser Ergebnissport ist?
Fußball ist immer ein Ergebnissport. Klar ist es unser Ziel, offensiven, attraktiven Fußball zu spielen und den Fans damit Freude zu bereiten. Aber am Ende des Tages ersetzt nichts die drei Punkte. Dieses eine Tor mehr zu schießen als der Gegner. Ich denke, das war letzten Sonntag ganz gut zu sehen. Dort war die Maxime, erst einmal gut zu stehen und zu Null zu spielen. Unser Ziel war, aus dieser Grundhaltung erfolgreich zu sein. Am Ende ist uns vorne zwar kein Tor gelungen, aber durch den Punktgewinn stehen vor dem letzten Spieltag vier von fünf Konkurrenten um den Klassenerhalt hinter uns.

Nimmt der Ergebnisfußball dem Spiel nicht ein bisschen von seiner Romantik?

Das würde ich so nicht sagen. Es mag eine romantische Vorstellung sein, Hurra-Fußball zu spielen und damit Titel zu gewinnen. Man darf aber nicht vergessen, dass harte Arbeit die Grundlage allen Erfolges ist. Das ist beim FC Barcelona und Manchester City so, aber es gilt umso mehr in der 2. Bundesliga, wo das Leistungsgefälle zwischen den Vereinen deutlich geringer ist. Fußballromantiker sehnen sich glaube ich auch nicht so sehr nach dem torreichen Offensivspektakel. Es geht eher um die Idee, durch Fleiß und Ehrgeiz gemeinsam zum Erfolg zu kommen.

Nächste Saison winken Duelle mit Köln, Magdeburg und eventuell auch dem HSV. Nicht nur Fanherzen schlagen da höher. Ist das zusätzliche Motivation?
Ja, total! Wie wichtig es für den Verein ist, dass wir in dieser Liga drinbleiben, brauche ich glaube ich keinem zu erzählen. Aber ich muss auch ganz ehrlich sagen, dass ich immer vor Augen habe, was für geile Duelle nächstes Jahr möglich sind. Die Spiele letzte Saison in Hannover und Stuttgart waren für uns alle absolute Highlights. Beim 1. FC Köln habe ich noch nie gespielt, darauf würde ich mich extrem freuen. Ich glaube, das geht nicht nur uns als Mannschaft so, sondern auch allen Fans.

Auf die gelbe Wand hinter euch war in der schwierigen Situation immer Verlass. Sind das entscheidende Prozentpunkte?
Ganz entscheidende. Unsere Fans haben uns immer gezeigt, dass wir alle eins sind. Sie haben uns immer gesagt: Wir sind für euch da, und ihr gebt für uns alles! Wenn wir Gas gegeben haben, dann haben sie das auch nach Misserfolgen honoriert. Die Reaktion nach der Niederlage gegen Düsseldorf zuletzt war schon grandios. Wir waren nach dem Schlusspfiff am Boden zerstört, aber wie unsere Fans uns direkt wieder nach vorne gepeitscht haben, das hat uns unheimlich aufgebaut. Dafür sind wir als Mannschaft extrem dankbar.

Die Mannschaft ist seit Wochen und Monaten einer enormen Drucksituation ausgesetzt. Hat euch das im Endeffekt auch mehr zusammengeschweißt?
Mit unseren Fans im Rücken haben wir es immer wieder geschafft, als Einheit aufzutreten, dem Druck standzuhalten und nach Rückschlägen wieder aufzustehen. Ich glaube, wir können uns alle noch erinnern, wie die Jungs im Herbst als Tabellensechzehnter nach Düsseldorf gefahren sind und dort eine Trendwende geschafft haben. Das zeichnet eine echte Truppe letztlich aus. Wenn der Erfolg da ist, fällt es leicht, den Teamgeist zu beschwören. Wie groß der Zusammenhalt wirklich ist, zeigt sich erst, wenn man unter Druck gerät. Das haben wir im ersten Zweitliga-Jahr in der einen oder anderen Situation auch schon gemeistert. Aber in dieser Saison war es noch viel intensiver. Deshalb bin ich überzeugt davon, dass wir gestärkt aus diesem Jahr hervorgehen können.

Du gehst im Sommer in dein viertes Jahr in Dresden, 2019 läuft dein Vertrag aus. Ist das ein Thema, mit dem du dich jetzt schon beschäftigst?
Ich bin stolz und glücklich, dass ich für Dynamo spielen darf. Deswegen mache ich mir darüber hin und wieder schon meine Gedanken. Im Vordergrund stehen jetzt aber erst einmal andere Dinge. Wir wollen gemeinsam den letzten Schritt über die Ziellinie gehen und nächstes Jahr wieder in der 2. Liga durchstarten! Dafür will ich alles beitragen, was in meiner Macht steht. Ich bin mir ganz sicher, dass die Verantwortlichen rechtzeitig auf mich zukommen werden, um mit mir über die Zeit nach dem 30. Juni 2019 zu sprechen.

Was sind deine Ziele für die kommenden Jahre? Du kommst ja gerade erst ins beste Fußballalter.
Punkt eins ist ganz klar, gesund zu bleiben. Punkt zwei ist, noch viele tolle Spiele, Tore und Siege mit Dynamo zu feiern. Es macht einfach unheimlich Spaß hier in Dresden. In diesem Stadion fühlt es sich alle zwei Wochen so an, als ob man Bundesliga spielen würde. Dort mit diesem Verein wirklich mal anzukommen, ist ein Traum. Aber jetzt haben wir erst mal ein anderes Brot zu kauen.

„Wir haben einen Traum“ – warum passt dieser Satz zu Dynamo?
Ich glaube, weil er hier wirklich gelebt wird. Es ist nicht nur eine Floskel. Auch wenn alle genau wissen, dass die Bundesliga noch ein ganzes Stück weit weg ist, geschweige denn der Europapokal. Aber gefühlt ist jeder Schritt, den der Verein nach vorne macht, ein Schritt in Richtung dieses Traums. Dieses Lied hat uns durch die komplette Aufstiegssaison begleitet. In der 3. Liga ging es nicht gegen Ajax Amsterdam oder Liverpool, sondern gegen Würzburg und Cottbus. Aber es ist eine Aufbruchsstimmung entstanden. Der Verein hat sich entschuldet, ist neu durchgestartet. Dynamo hat eine große Vergangenheit, von der der Klub im Moment realistisch betrachtet noch sehr weit entfernt ist. Aber wenn der Weg in die richtige Richtung geht und alle an einem Strang ziehen, dann ist auch der Glaube da, dass man diese große Strecke irgendwann bewältigen kann.

Stichwort ,weiter Weg‘: Im Sommer geht es für dich nach einem Jahr endlich mal wieder richtig in den Urlaub ...
Das stimmt. Durch die Reha hatte ich seit dem vergangenen Sommer keinen Urlaub mehr, auch Weihnachten habe ich komplett durchgearbeitet. Als ich wieder voll im Mannschaftstraining stand und wir mal zwei Tage freibekommen haben, war das schon ein Hochgefühl. Meine Frau, Emilia und ich wollen in der Sommerpause nach Los Angeles fliegen und uns diese Wahnsinnsstadt gemeinsam anschauen. Anschließend reise ich mit meinem Vater noch nach Singapur. Darauf freue ich mich sehr!

Abschließend noch eine Bitte an „Dr. Ball“, es geht um zwei Prognosen: Wer gewinnt die Finalspiele in Kiew und Moskau?
Im Champions-League-Finale glaube ich an einen Sieg von Real Madrid. Ich gebe zu, ich bin ein großer Fan von Cristiano Ronaldo. Er ist ein Weltklassespieler und Vorzeigeprofi. Real hat mit ihm, Sergio Ramos und einigen anderen Spielern die Qualität, sich durchzusetzen. Ich fand schon, dass man zwischen den beiden Halbfinal-Duel-len – Real gegen Bayern und Liverpool gegen AS Rom – einen Klassenunterschied gesehen hat. Was die WM angeht, drücke ich unserer Mannschaft ganz fest die Daumen. Deutschland gehört für mich wieder zu den Topfavoriten und ich wünsche mir, dass wir den Titel in Russland verteidigen.

Paco, danke dir für das Gespräch!

Interview: Jan Franke
Fotos: Steffen Kuttner