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19. Spieltag FC Hansa Rostock - SG Dynamo Dresden

Sportsgeist statt Geisterspiel

Dynamo Dresden hat in seiner Historie schon viele Spiele erlebt, die das Prädikat „verrückt“ oder „außergewöhnlich“ verdienen. Schöne Erlebnisse haben sich mit tragischen Momenten in aller Regelmäßigkeit abgewechselt. Als treuer Anhänger der Sportgemeinschaft meint man überzeugend, alles schon erlebt zu haben, was der Fußball so zu bieten hat. Mit dem Auswärtsspiel in Rostock erweitert sich das Spektrum besonderer Ereignisse in der unverwechselbaren Fan-Karriere der Schwarz-Gelben. Und das, was hoch im Norden auf den Verein aus der sächsischen Landeshauptstadt zukommt, hat garantiert noch kein Schwarz-Gelber erlebt. Maximal nur dann, wenn er der Alemannia aus Aachen die Daumen drückt, die im Januar 2004 das erste Geisterspiel der bundesdeutschen Fußballgeschichte gegen den 1. FC Nürnberg bestreiten musste. In der zweiten Auflage dieser sonderbaren Konstellation treffen nun die beiden Vereine aufeinander, die gemeinsam im Sommer aus der dritten Liga kamen und deren sportlicher Saisonverlauf kaum unterschiedlicher ausfallen könnte.

Die Hanseaten haben bisher erst ein Spiel gewonnen und halten mit elf Punkten die Rote Laterne in den Händen. Dynamo darf sich dagegen über fast doppelt so viele Punkte und einen komfortablen Aufenthalt im Mittelfeld der Tabelle freuen. Die Vorzeichen scheinen deshalb vor der Partie am Sonntag deutlich zu sein, doch Dynamo-Trainer Ralf Loose sieht seine Mannschaft keinesfalls in der Favoritenrolle. „Wir wissen, dass auf uns ein Gegner wartet, der unbedingt gewinnen will und deshalb beherzt zur Sache gehen wird. Wenn man genau hinschaut, hat Hansa in Spielen genauso oft wie wir gepunktet. Auf Marek Mintal müssen wir besonders aufpassen, weil er sich zuletzt in guter Form präsentiert hat“, warnt der Coach davor, die Rostocker zu unterschätzen. Für ihn gibt es keinen Grund, mit einer anderen Einstellung als sonst in dieses wichtige Spiel zu gehen. „Man muss sich vielleicht nur überlegen, wie man sich verbal äußert und miteinander kommuniziert, weil die Worte sonst zu schnell auf der Pressetribüne landen“, meint Ralf Loose und will sich deshalb auch gar nicht intensiver mit den äußeren Rahmenbedingungen beschäftigen. Neben Cristian Fiel wird zudem auch Muhamed Subasic fehlen, während die angeschlagenen Giannis Papadopoulos und Florian Jungwirth mit an die Ostsee fahren. Der Trainer gibt sich aber kämpferisch und will das Jahr erfolgreich beenden, bevor alle in den wohlverdienten Weihnachtsurlaub fahren können. „Wir haben ein Meisterschaftsspiel vor uns, in dem es um Punkte geht und deshalb werden wir alles daran setzen, ein gutes Spiel zu machen. Wir gehen hochmotiviert an die Sache heran.“

Romain Brégerie, der im letzten Spiel gegen Cottbus zum ersten Mal als Dynamo-Kapitän auflief, lässt ebenso keine Zweifel aufkommen, das anstehende Spiel auf die leichte Kappe zu nehmen oder sich von leeren Tribünen beeinflussen zu lassen. „Wir sind Profis und dürfen während der 90 Minuten nicht daran denken. Unsere Konzentration gehört dem Gegner. Wir müssen unsere Aufgaben erfüllen“, sagt der Franzose. Trotzdem hat er ein Gefühl dafür, welche bittere Pille die Anhänger beider Mannschaften schlucken müssen: „Natürlich ist es schlecht für die Fans, bei diesem Ostduell nicht dabei sein zu dürfen. Wir spielen ja Fußball in erster Linie für die Zuschauer und das Spektakel ist mit ihnen wesentlich größer.“ Die Marschrichtung der Mannschaft ist deshalb für Romain Brégerie klar – das Team will für die schwarz-gelben Fans gewinnen, die zahlreich vor dem TV-Bildschirm oder anderweitig mitfiebern werden. „Und bei einem Tor für uns vielleicht so laut schreien, dass wir den Jubel bis ins Stadion hören können“, schmunzelt der 25-Jährige und verspricht vollen Einsatz.

Mit einem Unentschieden trennten sich beide Vereine im Juli bei ihrer ersten Saisonbegegnung in Dresden. Die Führung der Gäste durch Björn Ziegenbein konnte Pavel Fort erst in der Schlussphase ausgleichen. Mittlerweile hat Dynamo die Rostocker überholt und kann als Aufsteiger die wesentlich bessere Zwischenbilanz ziehen. Die Gastgeber dürfen jedoch auf den Besen-Effekt hoffen, der bekanntlich besser kehren soll. Mit Wolfgang Wolf haben die Ostsee-Kicker seit zwei Wochen einen neuen Trainer, der die Kogge wieder ins ruhige Fahrwasser steuern soll. Ob das gelingt, ist eine der spannende Fragen, die am Sonntag beantwortet werden. Das Spiel wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgetragen. Weil der Ossi aber erfinderisch ist, haben sich die Mecklenburger etwas einfallen lassen. Virtuelle Eintrittskarten sollen den finanziellen Schaden genauso mindern wie extra angefertige T-Shirts mit dem Motto „Sportsgeist statt Geisterspiel“. Wer seine bereits gekaufte Eintrittskarte nicht zurückgibt, erhält als kleines Dankeschön außerdem einen Aufkleber mit dem gleichen Slogan. Weil beide Klubs zudem den gleichen Hauptsponsor haben, gab es schon im Hinspiel an der Elbe eine Sonderaktion. Dynamo Dresden lief mit dem Spruch „Love Dynamo! Hate Racism!“ auf. Diesmal sind es die Hanseaten, die sich mit einer symbolischen Botschaft an die Fußballwelt wenden: „Nur unsere Herzen sollen brennen“.

Mit diesen Aktionen wird deutlich, dass Fußball verbinden kann. Bei Hansa Rostock wie auch bei Dynamo Dresden. Solidarität gewinnt in solchen Fällen eine neue Bedeutung, vor allem deshalb, weil beide Vereine momentan mehr Gemeinsamkeiten haben, als es die Trikotfarben vermuten lassen. „Getrennt in den Farben, gemeinsam in der Sache“ gilt als moderne Leitlinie innerhalb der Fanszenen, die sich bundesweit mit Herzblut, Loyalität, Respekt und Fairness dafür einsetzen, dass Geisterspiele der Vergangenheit angehören und jegliches Fanverhalten in Zukunft das Wohl des Vereins immer in den Mittelpunkt rückt. Vor allem bei Hansa Rostock und Dynamo Dresden. Dann sind beide Vereine auf der Siegerseite. Am Sonntag kann jedoch nur ein Team gewinnen. Möge es die sportlich bessere Mannschaft sein.

Schiedsrichter der Partie wird Deniz Aytekin aus Oberasbach sein. Anstoß ist um 13:30 Uhr.

Mickael Poté rettet Punkt in der Nachspielzeit

Da war sie wieder, die alles entscheidende Nachspielzeit und die Fußballweisheit, dass ein Spiel erst dann zu Ende ist, wenn der Schiedsrichter pfeift. Mickael Poté sichert den Schwarz-Gelben im Auswärtsspiel bei Hansa Rostock mit seinem Treffer nach Ablauf der 90 Minuten einen Punkt und sorgte damit für einen versöhnlichen Jahresabschluss der SG Dynamo Dresden. 2:2 endet die Partie im Ostseestadion, die eigentlich keinen Sieger verdient hatte.

Die Gastgeber legten los wie die Feuerwehr. Es waren gerade einmal 31 Sekunden vorbei, als zum ersten Mal die Tormusik im Stadion ertönte. Nach einem langen Ball war Tino Semmer im Strafraum der Dresdner aufgetaucht und kam im Zweikampf zu Fall. Schiedsrichter Deniz Aytekin ließ den Vorteil laufen. Die Kugel landete bei Marcel Schied, der aus halblinker Position für die schnelle Führung von Hansa sorgte. Ein denkbar schlechter Start ins Spiel für die Dynamo-Elf, die scheinbar noch auf der Suche nach den Zuschauern war. Die Schwarz-Gelben rappelten sich aber schnell wieder auf und verstärkten ihre Offensivbemühungen.

Die erste gute Gelegenheit hatte Sebastian Schuppan per Kopf, doch bevor der Ball im Tor landen konnte, köpfte ein Rostocker Abwehrspieler auf der Linie die Kugel aus der Gefahrenzone. Die wohl hochkarätigste Chance hatte nach mehr als einer halben Stunde Zlatko Dedic, der nach einem schönen Querpass von Mickael Poté quer durch den Strafraum plötzlich frei vor dem Tor stand. Doch statt den Ball einfach nur über die Linie zu drücken, legte der Slowene die Kugel aus drei Metern links neben das Tor. Der Stürmer konnte es selbst nicht glauben, dass er diese Chance zum Ausgleich so kläglich vergab. Kurz vor der Halbzeit hatte er dann die Gelegenheit zur Wiedergutmachung. Sebastian Schuppan wurde im Strafraum von den Beinen geholt und für Dynamo bot sich die unverhoffte Möglichkeit zum Ausgleich. Zlatko Dedic zeigte Entschlossenheit und konnte den Strafstoß mit etwas Glück erfolgreich verwandeln. Rostocks Keeper Kevin Müller wäre an den Schuss in die Mitte des Tores fast noch ran gekommen. Mit einem Unentschieden ging es dann in die Halbzeitpause.

Nachdem beide Mannschaften unverändert aus der Kabine kamen, blieb auch das Spiel auf dem gleichen Niveau der ersten Halbzeit. Chancen konnten sich beide Teams zunächst nicht herausarbeiten. Als zehn Minuten gespielt waren, knallte der Rostocker Robert Müller den Ball in aussichtsreicher Position nur an den rechten Pfosten. In dieser Situation stand Dynamo das Glück einmal mehr zur Seite. Kurz darauf war es um die Schwarz-Gelben geschehen. Michael Wiemann legte im Dynamo-Strafraum quer auf den freistehenden Marek Mintal. Der ließ sich diese Gelegenheit nicht entgehen. Eiskalt verwandelte der Stürmer der Hanseaten und sorgte zum zweiten Mal für Jubel auf Heimseite. Mickael Poté hatte ein paar Minuten danach erneut die Riesenchance auf den wiederholten Ausgleich. Er kam wenige Meter vor dem Tor an den Ball, doch seine Direktabnahme nach einer Flanke von der linken Seite landete direkt am Fuß des Rostocker Keepers. Ralf Loose brachte mit Pavel Fort und Maik Kegel zwei frische Offensivkräfte, um nicht punktlos nach Hause fahren zu müssen.

Zehn Minuten vor dem Ende mussten die Gastgeber dann einen Rückschlag einstecken. Michael Wiemann hatte zweimal in ähnlicher Situation den durchlaufenden Filip Trojan von den Beinen geholt und kassierte dafür zweimal eine Verwarnung und damit den folgerichtigen Platzverweis. Die Gastgeber hatten jetzt nur noch die Absicherung der drei Punkte im Sinn und richteten sich auf konsequentes Abwehrverhalten ein. Dynamo fand deshalb kaum noch eine Lücke in der dicht gestaffelten Verteidigung, die durch den eingewechselten Ex-Dresdner Dexter Langen zusätzlich verstärkt wurde. Als die 90 Minuten bereits abgelaufen waren und die wenigen Rostocker Sympathisanten bereits vehement vom Schiedsrichter den Abpfiff forderten, kam der große Moment von Mickael Poté. Der Stürmer, der vorher scheinbar schon den Glauben verloren hatte und sich in vielen Zweikämpfen aufgerieben hatte, stand nach einem klugen Lupfer von Filip Trojan goldrichtig und versenkte den Ball hinter der Linie zum umjubelten Ausgleich in der zweiten Minute der Nachspielzeit.

Direkt danach beendete Schiedsrichter Deniz Aytekin die Partie mit dem Schlusspfiff. Durch eine engagierte Leistung sichert sich Dynamo im letzten Spiel des Jahres einen verdienten Punkt, brachte sich jedoch zuvor durch Unaufmerksamkeiten selbst unter Zugzwang. Ralf Loose zog auf der Pressekonferenz trotzdem ein positives Fazit und geht nun mit seinen Spielern in den wohlverdienten Weihnachtsurlaub.