Verein
04. April 2026 // 11.05 Uhr

„Inklusion ist größer, als es manchmal scheint“

Maria Einhorn und Katja Krannich vor dem Dynamo-Wappen.
Maria Einhorn (l.) und Katja Krannich (r.) kümmern sich bei Dynamo um Fans mit Behinderung.

Unsere Ansprechpartnerinnen für Menschen mit Behinderung im Gespräch


Maria Einhorn und Katja Krannich kümmern sich bei der Sportgemeinschaft ehrenamtlich um die Belange von Fans mit Behinderung. Vor dem Inklusionsspieltag gegen Hertha BSC am Samstagabend sprechen sie im Interview über das Miteinander in unserer Gesellschaft, konkrete Inklusionsangebote der SGD und darüber, wie jeder einzelne von uns seinen Teil dazu beitragen kann, dass bei Dynamo niemand ausgeschlossen wird.

Was waren Eure ersten Berührungspunkte mit Menschen mit Behinderung, die Euch veranlasst haben, Euch bei Dynamo ehrenamtlich für diese Gruppe zu engagieren?

Maria: Ich habe während meines Studiums ein Praktikum bei Dynamo gemacht und den Fanbeauftragen Korinna und Marek über die Schultern geschaut. Damals habe ich die Aufgabe bekommen, mich mit den Interessen von Menschen mit Behinderungen im Stadion auseinanderzusetzen. Ich habe mich dann mit dem Gehörlosen-Fanclub zusammengesetzt und mit Menschen im Rollstuhl. Im Nachgang ist daraus diese Tätigkeit entstanden.

Katja: Für mich war es einfacher, weil Maria zusammen mit meinem Vorgänger Benny schon gute Vorarbeit geleistet hatte und ich mich sozusagen ins gemachte Netz setzen konnte. Ich arbeite hauptberuflich als Familien- und Jugendhelferin und hatte schon im Vorfeld viele Berührungspunkte mit dem Thema Inklusion.

Was heißt denn Inklusion für Euch?

Maria: Für mich ist Inklusion ein sehr abstrakter Begriff, der gar nicht vollumfänglich erreichbar ist. Das würde schließlich bedeuten, dass jeder die gleiche Chance auf etwas besitzt. Dabei geht es nicht nur um Menschen mit Behinderung, die beispielsweise aufgrund baulicher Gegebenheiten im Stadion benachteiligt sind. Der junge Mensch, der in einer Wohngruppe lebt und sich ein Ticket nicht leisten kann, wird genauso von einem Fußballspiel ausgeschlossen wie ein Analphabet, der nicht verstehen kann, wie man sich ein Ticket kauft. Auch für Menschen, die ihren Alltag weitgehend allein bewältigen können, gibt es immer wieder Hürden dieser Art. Inklusion würde für mich bedeuten, diese möglichst alle abzubauen.

Katja: Das sehe ich ähnlich. Chancengleichheit braucht es nicht nur für Menschen mit sichtbarer Behinderung, sondern auch für ältere Personen oder Menschen mit Migrationshintergrund, die unserer Sprache nicht mächtig sind. Genauso betrifft das Thema Menschen mit seelischer Beeinträchtigung, die beispielsweise nicht so gut in großen Menschenmassen klarkommen. Inklusion ist viel größer, als es von außen vielleicht manchmal scheint.

Auch für Menschen, die ihren Alltag weitgehend allein bewältigen können, gibt es immer wieder Hürden dieser Art. Inklusion würde für mich bedeuten, diese möglichst alle abzubauen.
Maria Einhorn, Ansprechpartnerin für Menschen mit Behinderung

Was tut die SGD konkret, um Menschen mit verschiedenen Beeinträchtigungen am Vereinsleben teilhaben zu lassen?

Maria: Ein positives Beispiel ist das Blindenradio, weil wir der erste Verein in Deutschland waren, der das über UKW in Echtzeit ausgespielt hat, so dass Fans mit Sehbehinderung das Spiel im Stadion besser verfolgen können. Mittlerweile ist es als Fanradio für alle zugänglich, wird aber natürlich immer noch viel von Blinden genutzt. Andere Vereine waren sehr interessiert und haben sich das bei uns abgeschaut. Ich finde es auch großartig, dass Aufstellung und Vereinshymne auf der Stadionleinwand seit dieser Saison in Gebärdensprache übersetzt werden. Das ist etwas, was nicht jeder Verein macht.

Katja: Das Thema Gehörlosigkeit wird sichtbarer, wenn man Gebärdensprache einbezieht, denn wenige Menschen befassen sich wirklich intensiv mit dem Thema. Der Gehörlosen-Fanclub DEAF-Supporters sitzt auf der Hornbachtribüne wie in einer Traube zusammen und unterhält sich in Gebärdensprache. Das mag für andere Fans erst einmal befremdlich wirken. Wenn wir es aber auf der Leinwand einblenden und damit präsenter machen, wird es auch mehr zur Normalität.

Maria: Außerdem sind wir in einem guten Austausch mit der Stadionprojektgesellschaft, was bauliche Veränderungen am Stadion betrifft. Als unser neues Wohnzimmer errichtet wurde, sind gewisse Dinge einfach nicht mitgedacht worden.

Zum Beispiel?

Maria: Die Trittstufenmarkierungen. Alle Treppenaufgänge im Stadion sind komplett gelb. Für Menschen mit Sehbehinderung verschwimmen die einzelnen Stufen ineinander, was es schwer macht, die Treppe sicher hinaufzukommen. Wir wollen dort Markierungen anbringen, die gleichzeitig eine rutschhemmende Wirkung haben, denn die Stufen sind am Spieltag auch immer mal etwas feucht. Auch Handläufe gibt es im Stadion noch nicht an jeder Treppe. Ein weiteres Thema sind Behindertentoiletten für Rollstuhlfahrer. Aktuell ist es nicht möglich, sie wirklich sicher zu verschließen. Mit dem Euroschlüssel, einem Einheitsschlüssel für Menschen mit Behinderung, mit dem sie Toiletten im öffentlichen Raum selbstständig und kostenlos nutzen können, kann man zwar von innen abschließen. Allerdings kann dann trotzdem jeder Andere mit einem weiteren Euroschlüssel von draußen wieder aufschließen, weil es keine Sperre gibt. Eine verlässliche Privatsphäre ist also nicht gegeben. Außerdem gibt es nirgendwo im Stadion eine Liege, wo etwa Menschen im Rollstuhl ihr Inkontinenzmaterial wechseln können.   

Katja: Um nochmal auf das Thema Handläufe zu sprechen zu kommen: Im Stadion gibt es Handläufe in den oberen Reihen, unten ist hingegen gar nichts. Viele Menschen spiegeln uns, dass ihnen das Probleme bereitet. Da geht es nicht nur um Menschen mit Behinderungen, sondern auch um ältere Leute. Wir sind in guten Gesprächen mit der Stadionprojektgesellschaft und hoffen, dort bald weitere Fortschritte zu erzielen.

Ich würde mir wünschen, dass wir uns noch mehr an unserem Gemeinschaftsgedanken aus dem Leitbild orientieren und Rücksicht aufeinander nehmen. Braucht gerade jemand meine Hilfe? Stehe ich im Sichtbereich eines Rollstuhl-Fahrers?
Katja Krannich, Ansprechpartnerin für Menschen mit Behinderung

Wie wichtig ist ein jährlicher Inklusionsspieltag, um auf genau diese Themen hinweisen zu können?

Maria: Der Tag ist zu einem wichtigen Anker für uns geworden, der nicht mehr wegzudenken ist, weil wir auf konkrete Themen hinweisen und Sichtbarkeit schaffen können. Mit den Gebärden auf der Leinwand ist das zum Beispiel super gelungen. Die Fans ohne Behinderung nehmen es wahr und stellen Rückfragen. So kommt man darüber ins Gespräch. Vor allem die Gebärden, mit denen die Spieler sich selbst vorstellen, sind ja auch für alle Menschen ohne Hörbehinderung interessant. Wir haben dafür mit Lars Bünning und Claudio Kammerknecht zusammengesessen und sind Spieler für Spieler durchgegangen nach optischen Merkmalen, dem Namen an sich und typischen Charakterzügen, die sie beschreiben. Christoph Daferner zum Beispiel stellt mit der Hand seinen Schnauzer dar und auch wenn er sich mal rasiert, bleibt diese Gebärde erhalten. Bei Stefan Kutschke ist es der charakteristische Torjubel, bei dem er die Muskeln spielen lässt. Jeder Spieler hat zwei Gebärden vorgeschlagen bekommen und konnte sich dann eine aussuchen. Trotzdem wäre es für mich noch wesentlich wichtiger, Inklusion im Alltag einen höheren Stellenwert zu geben.

Wie weit ist unsere Gesellschaft diesbezüglich?

Katja: Auf einer Skala von 1 bis 10 würde ich uns eine 3 geben. Es gibt Menschen, die wirklich etwas verändern wollen, aber das große Ganze stimmt noch nicht. Wir werden immer mehr zur Ellenbogengesellschaft und sind oft nicht besonders sensibel für andere Menschen. Miteinander kann aber nicht funktionieren, wenn man nur auf sich selbst schaut. Es gibt Behindertenbeauftragte bei Stadt und Land, die gute Ideen haben, welche um des Geldes willen am Ende aber selten umgesetzt werden.

Wie kann man bei Dynamo ehrenamtlich mithelfen, Inklusion zu fördern?

Maria: Insgesamt ist das Ehrenamt leider etwas zurückgegangen, zum Beispiel bei den ehrenamtlichen Fanbetreuern. Wer Interesse hat, mitzuhelfen, kann sich gern bei uns melden, auch wenn er noch keine konkrete Vorstellung hat, was er tun kann. Man kann sich das dann gern einmal angucken und mit uns ins Gespräch kommen. Manchmal haben Rolli-Fahrer auch keine Begleitperson, mit der sie ins Stadion gehen können. Dort kann man gelegentlich einspringen. Für unsere gehörlosen Fans haben wir eine Gebärdensprachdolmetscherin im Stadion, doch wenn sie mal ausfällt, gibt es keine Alternative. Wenn also jemand Gebärdensprache beherrscht und den Fußball liebt, soll er uns unbedingt eine Nachricht schreiben. Es wäre großartig, noch jemanden in der Hinterhand zu haben, mit dem sich unsere Dolmetscherin abwechseln könnte. Und nebenbei hat man einen guten Platz fast an der Mittellinie.  

Katja: Seinen Beitrag zu einem guten Miteinander kann man aber nicht nur im Ehrenamt leisten, sondern auch als „normaler“ Fan im Stadion. Ich würde mir wünschen, dass wir uns noch mehr an unserem Gemeinschaftsgedanken aus dem Leitbild orientieren und Rücksicht aufeinander nehmen. Braucht gerade jemand meine Hilfe? Stehe ich im Sichtbereich eines Rollstuhl-Fahrers? Das beginnt schon auf dem Weg ins Stadion oder auf dem Heimweg nach dem Spiel. Rollstuhlfahrer müssen manchmal sechs, sieben Bahnen abwarten, bevor sie reinkommen, weil jede einzelne natürlich sehr voll ist. Alle wollen zur gleichen Zeit fahren und dann sind es ganz oft die Rollis, die zurückstecken müssen. Zum Glück sind sie da sehr geduldig. Manchmal gibt es Einzelpersonen, die den Mund aufmachen und sagen: „Stopp, hier kommt ein Rollstuhlfahrer, mach mal Platz.“ Aber das ist leider viel zu selten, dafür muss man schon Glück haben. Jeder kann dazu beitragen, das Miteinander in unserer Gesellschaft zu stärken, im Stadion und außerhalb.

Vielen Dank für das Gespräch.


 

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